Warenbegleitbriefe

Von Senta Herkle

Warenbegleitbrief, Speditionshaus Massner, 1759, (Quelle: Stadtarchiv Ulm, G2 Maßner, Gebrüder)
Warenbegleitbrief, Speditionshaus Massner, 1759, (Quelle: Stadtarchiv Ulm, G2 Maßner, Gebrüder)

Definition der Quellengattung

Warenbegleitbriefe werden im Kontext von Warensendungen durch den Händler/Spediteur angefertigt und der Fracht beigelegt. Sie dienen dem Ausweis und der Kontrolle der versandten Ware.

Aufbau und Inhalt

Warenbegleitbriefe können beispielsweise in Form von Frachtbriefen oder Sanitätspässen auftreten. Die Briefe enthalten detaillierte Informationen zu Sender und Empfänger der Ware sowie Stückzahl, Maß und Gewicht der Fracht und können jederzeit geöffnet werden. Immer wieder wird innerhalb der Briefe Bezug zur aktuellen politischen oder wirtschaftlichen Situation genommen, die für den Warentransfer ausschlaggebend war. Aus den Briefen wird zudem die Route der Ware ersichtlich. Sanitätspässe wurden im Rahmen der Gesundheitsgesetzgebung besonders für die über die Alpen Richtung Süden gehandelten Waren angefertigt, die zunächst unter Quarantäne gestellt wurden. Sie geben neben den Inhalten, die auch etwa in den Frachtbriefen angegeben sind, zusätzlich Auskunft darüber, ob der Ort, an dem sie ausgestellt wurden, seuchenfrei war. Warenbegleitbriefe wurden mit Handels- oder Kaufmannsmarken sowie mit symbolischen Kennzeichnungen der Waren versehen, über deren Gebrauch allerdings wenig bekannt ist.[1] Die seriellen Massenakten liegen in ungedruckter Form oder (verstärkt ab dem 18. Jahrhundert) als von Hand ergänztes Formular vor und stellen so eine Mischform aus Brief und Formular dar.

Überlieferungslage

Warenbegleitbriefe sind sporadisch in kommunalen und staatlichen Archiven sowie in Wirtschaftsarchiven vor allem in Nachlässen von Privatpersonen oder Wirtschaftsunternehmen überliefert. Das Archiv der vormaligen Reichsstadt Ulm verwahrt beispielsweise im Bestand G (Chroniken, Personendokumentationen) Warenbegleitbriefe Ulmer Händler besonders mit dem Speditionshaus Massner in Chur.[2] Im Wirtschaftsarchiv Salis-Massner, das im Staatsarchiv Graubünden unter der Überlieferung der Nichtstaatlichen Archive eingereiht ist, liegen ebenfalls Warenbegleitbriefe/Frachtbriefe südwestdeutscher Provenienz.[3] Sanitätspässe süddeutscher Herkunft sind vor allem im Archivio di Stato in Verona überliefert.[4]

Quellenkritik und Auswertungsmöglichkeiten

Anhand der Warenbegleitbriefe können in erster Linie Rückschlüsse auf Handelsrouten, den transalpinen Verkehr, Warenströme und Handelsnetzwerke in Europa und darüber hinaus gezogen werden. Sie sind daher eine gute Grundlage für die Erforschung von Warenkontingenten, des Warentransfers und des Transport- und Speditionswesens und somit auch für die Analyse der (Handels-)beziehungen zwischen einzelnen europäischen Ländern. Auch für die Postgeschichte (etwa auch zum Lindauer Boten) wie für kommunikations- und medienhistorische Zugänge liefern Warenbegleitbriefe Anhaltspunkte. Die Zollvermerke auf den Briefen sind nicht nur für Philatelisten, die sich mit Postgeschichte auseinandersetzen, sondern auch für die Erforschung des Zoll- und Warenverkehrs eine aufschlussreiche Quelle.

Forschungs- und Editionsgeschichte

Für den deutschen Südwesten liegen keine umfassenden Studien zu Warenbegleitbriefen vor. Im philatelistischen Zusammenhang wird insbesondere auf die Warenkennzeichnung und die Handels- respektive Kaufmannsmarken verwiesen.[5] Susanna Gramulla wertete die Sanitätspässe im Bestand des Archivio di Stato di Verona aus, darunter auch etliche süddeutscher Provenienz.[6] Vor allem hinsichtlich der Handelswege von Textilien zog Senta Herkle Warenbegleitbriefe Ulmer Händler als Quellen heran. Neuere Forschungen betonen die Relevanz der Spediteure für die Kulturgeschichte des Wirtschaftens, denn ihre Überlieferung gibt Hinweise auf „soziale und mediale Verbindungen in modernen Gesellschaften“[7] und die Etablierung von Routen, die über einen bloßen Waren- und Informationstransfer hinausgehen.

Anmerkungen

[1] „Schrift-, Bild- und Zahlenzeichen ergänzen sich dabei gegenseitig.“ Dommann, Verbandelt im Welthandel, S. 38.
[2] StadtA Ulm, G2 Maßner, Gebrüder, Warenbegleitbriefe 1739–1796.
[3] StAGR A Sp III/9a, 1727–1797.
[4] Archivio di Stato di Verona, Ufficio di Sanità, Busta CCXXV, 1708–1726. Vgl. dazu Gramulla, Veroneser Quellen. Ein Brief ist in Kopie im StadtA Ulm überliefert: Sanitätspass aus dem Jahr 1722.
[5] Vgl. z.B. Helbig, Postvermerke; Schmollinger, Lindauer Bote.
[6] Aus Süddeutschland sind in Verona beispielsweise Gesundheitszeugnisse aus Augsburg, Ulm, Günzburg, Calw und Urach überliefert. Vgl. Gramulla, Veroneser Quellen, S. 349.
[7] Vgl. Dommann, Verbandelt im Welthandel, S. 48.

Literatur

  • Dobras, Werner, Der Mailänder oder Lindauer Bote – eine zuverlässige Transporteinrichtung zwischen Lindau und der Lombardei, in: Bündner Monatsblatt 5 (1989), S. 339–356.
  • Dommann, Monika, Verbandelt im Welthandel: Spediteure und ihre Papiere seit dem 18. Jahrhundert, in: WerkstattGeschichte 58 (2011), S. 29–48.
  • Gramulla, Susanna, Veroneser Quellen zu den Handelsbeziehungen oberdeutscher Städte mit Italien zwischen 1720 und 1740, in: Wirtschaftskräfte und Wirtschaftswege. II: Wirtschaftskräfte in der europäischen Expansion. Festschrift für Hermann Kellenbenz, hg. von Jürgen Schneider et. al. (Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte 5), Bamberg 1978, S. 374–381.
  • Helbig, Joachim, Postvermerke auf Briefen 15.–18. Jahrhundert. Neue Ansichten zur Postgeschichte der frühen Neuzeit und der Stadt Nürnberg, München 2010.
  • Herkle, Senta, Reichsstädtisches Zunfthandwerk. Sozioökonomische Strukturen und kulturelle Praxis der Ulmer Weberzunft (1650–1800) (Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm 34), Stuttgart 2014.
  • Kirchgässner, Bernhard, Strukturfragen von Handel und Verkehr des Bodenseeraumes im Mittelalter, in: Wirtschaft, Finanzen, Gesellschaft, hg. von Dems., Sigmaringen 1988, S. 235–259.
  • Sigg, Roman, Messen und Märkte: Handel nah und fern, in: Vom Bodensee nach Bischofszell. Alltag und Wirtschaft im 15. Jahrhundert, hg. von Silvia Volkart, Zürich 2015, S. 124–133.
  • Schmollinger, Horst, Der Lindauer Bote. Motiv zum Tag der Briefmarke in Deutschland 2014 (II), in: berlin-brandenburg philatelie 1 (2014), S. 42–51.
  • Vangerow, Hans-Heinrich, Handel und Wandel auf der Donau von Ulm bis Wien in den Jahren 1583 bis 1651, in: UO 57 (2011), S. 115–168.
  • Vangerow, Hans-Heinrich, Handel und Wandel auf der Donau von Ulm bis Wien in den Jahren 1583 bis 1651: neugewonnene Erkenntnisse, in UO 58 (2013), S. 173–185.
  • Wirtschaft, Handel und Verkehr im Mittelalter: 1000 Jahre Markt- und Münzrecht in Marbach am Neckar, hg. von Sönke Lorenz (Tübinger Bausteine zur Landesgeschichte 19), Ostfildern 2012.

Zitierhinweis: Senta Herkle, Warenbegleitbriefe, URL: [...], Stand: 11.10.2017.

 

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