Soziale Situation

Florian Brückner, Universität Stuttgart

Monatsbericht des Königlich Württembergischen Kriegsministeriums zur Verschlechterung der Gesamtsituation im September 1918, 1.10.1918, (Quelle: Landesarchiv BW, HStAS E 130 b Bü 3803, Bild 18)

Monatsbericht des Königlich Württembergischen Kriegsministeriums zur Verschlechterung der Gesamtsituation im September 1918, 1.10.1918, (Quelle: Landesarchiv BW, HStAS E 130 b Bü 3803, Bild 18)

Soziale Situation und Lebensmittelversorgung

Die Lebensmittelversorgung der Länder war bis November 1918 wesentlich von folgenden Faktoren gekennzeichnet: 1. Von der alliierten Hungerblockade gegen die Mittelmächte, 2. von der staatlichen Zwangs- und Verteilungswirtschaft, die mithilfe eines Bezugsscheinsystems die Ausgabe der wichtigsten Lebensmittel sowie deren Preise regulierte, 3. vom seit 1916 anhaltenden Hunger, der mit einer miserablen Kartoffelernte 1916 eingesetzt und zum sogenannten Steckrübenwinter von 1916/17 geführt hatte, und 4. von Wuchergeschäften und Schleichhandel, die dazu führten, dass Bauern ihre Produkte zurückhielten, um sie auf dem Schwarzmarkt zu teureren Preisen zu verkaufen. Diese Faktoren wirkten sich auf alle deutschen Länder, so auch auf Württemberg, aus. Die Gesamtzahl der Hungertoten während des Ersten Weltkrieges in Deutschland wird auf 424.000 bis 800.000 Menschen geschätzt.

Daher zählte die Verbesserung der Lebensmittelversorgung nach Kriegsende zu den wichtigsten Aufgaben der provisorischen Volksregierung in Württemberg. Die bereits während des Krieges entstandenen Engpässe konnten jedoch nach Kriegsende zunächst nur durch Spenden von Weizenmehl oder Speck aus dem Ausland gemildert werden.

Dass es der provisorischen Volksregierung dennoch gelang, die Lebensmittelversorgung schnell zu verbessern, lag vor allem an der zügigen Demobilmachung des Heeres. Diese war eine entscheidende Voraussetzung, um die Kriegs- auf eine Friedenswirtschaft umzustellen und um der für die Lebensmittelproduktion entscheidenden Landwirtschaft jene Arbeitskräfte zurückzugeben, die sie mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges verloren hatte. So konnte knapp zwei Jahre nach Ende des Krieges die Lebensmittelversorgung ab August 1920 entscheidend verbessert werden. Im Sommer 1920 konnte das Bezugsscheinsystem für Fleisch, im Mai 1921 jenes für Butter und Käse und 1924 schließlich jenes für Milch und Brot abgeschafft werden.

Quelle

Die vorliegende Akte enthält die Monatsberichte des württembergischen Kriegsministeriums über die Stimmung der Bevölkerung von Februar bis Oktober 1918. Diesen internen Berichten muss dabei in quellenkritischer Hinsicht mit großer Vorsicht begegnet werden. Ihr Status und Erkenntnisgewinn ist grundsätzlich durch vier Probleme gekennzeichnet: 1. Legen sie den Fokus auf die Erfassung von Negativsituationen, Missstimmungen und Verelendungsprozessen. In diesem Kontext urteilen sie, wie auch die vorliegenden Monatsberichte, 2. überaus subjektiv und meist ohne Rekurs auf statistisches Material, sondern auf der Grundlage bloßen Hörensagens, von Vermutungen, Spekulationen und Gerüchten, die in der Bevölkerung kursierten. 3. Sie treffen in dieser Urteilsfindung kaum milieuspezifische Unterscheidungen nach sozialen, konfessionellen und geschlechterspezifischen Kriterien. 4. Stellt sich bezüglich dieser vermeintlich ungefilterten Quellengattung die Frage nach dem Wahrheitswert der hier formulierten Aussagen: Erhellen sie tatsächlich existierende Missstände oder tragen sie nicht vielmehr zu ihrer Verschleierung bei?

Bei den hier vorliegenden Monatsberichten muss der Zensurdruck, den das Militär seit 1915 beispielsweise über das Kriegspresseamt ausübte, mitgelesen werden. So unterdrückte das Generalheereskommando beispielsweise bereits 1915/16, als sich vor allem bei Großstadtkindern die ersten Hungerschäden zeigten, jegliche diesbezügliche Debatte in der deutschen Presse.

Den vorliegenden Monatsberichten ist daher mit Vorbehalt zu begegnen, da die hierin getroffenen Aussagen nur mithilfe weiteren Quellenmaterials abgesichert werden können. Der Fokus der rund 20 Seiten starken Berichte lag auf der Analyse fester Teilaspekte wie Stimmung in der Bevölkerung, Ernährungslage und Lebensmittelversorgung, insbesondere der Arbeiter. Er konzentrierte sich ferner auf die sozialen und wirtschaftlichen Krisenlagen sowie auf die Negativauswirkungen auf die Kriegsmoral der nicht in weitere Untergruppen spezifizierten Arbeiter, Soldaten, Landwirte sowie der Stadtbevölkerung im Allgemeinen.

Aus Sicht des Königlichen Kriegsministeriums in Stuttgart stürzten die negativen sozialen und wirtschaftlichen Folgen des Krieges die Einwohner Württembergs vor allem in soziale Grabenkämpfe, Neiddebatten und Abgrenzungsmechanismen. Diese erfassten alle Gruppen und Schichten, nicht zuletzt auch Regierungsbehörden: Immer wieder konstatierten die Berichte die Verstimmung zwischen Stadt und Land, zwischen württembergischem Süden und preußischem Norden, zwischen württembergischer Lebensmittelverteilungsstelle und Berliner Ernährungsamt und zwischen württembergischen Groß- und Kleinstädten. So handeln die Monatsberichte davon, dass die ‚Arbeiterklasse‘ glaube, dass in Norddeutschland höhere Löhne und Verpflegungsrationen ausgezahlt bzw. verteilt würden. Gerade staatlich angeordnete fleischlose Wochen führten immer wieder zu Missverständnissen und Neiddebatten. So entstand beispielsweise zwischen württembergischen Groß- und Kleinstädten Verteilungsneid, da die Bevölkerung der Hauptstadt Stuttgart mit 200g Fleisch pro Person gegenüber der Bevölkerung von Kleinstädten mit nur 150g pro Person angeblich höhere Rationen erhalte. Die fleischlose Woche kannte zudem zahlreiche Ausnahmen, beispielsweise für Kranke. Die zuständigen Behörden konnten diese Ausnahmen jedoch oft genug nicht ausreichend an alle Bevölkerungsgruppen kommunizieren, sodass sich einige von der Fleischzuteilung ausgeschlossen fühlten. Daher empfahl der württembergische Monatsbericht im September 1918 sogar die Abschaffung der fleischlosen Woche, die nur für Unruhe sorge und hohes soziales Konfliktpotenzial berge.

Oft erwähnt wurde zudem die Gruppe der Urlauber, der Sommerfrischler und der Kurgäste. Diese seien aus Sicht der Bevölkerung entweder in Württemberg, um die dortigen Jagdgründe zu plündern, Hamsterkäufe zu tätigen oder die wenigen guten Lebensmittel außer Landes zu schaffen. Oder aber diese Gruppe brachte Gerüchte aus dem preußischen Norden nach Württemberg, dort gäbe es bessere Erdbeerernten, deren Erträge jedoch nicht in den deutschen Südwesten gelangten. Wiederum andere Berichte hielten fest, angereiste Urlauber behaupteten, Württemberg sei ein Lebensmittelparadies, das nicht auf die Unterstützung Preußens angewiesen sei, was erneut zu Unruhe führte.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich die Berichte eines floskelhaften Stils bedienten, in der die Lage trotz des zahlreich beschriebenen Neids im Allgemeinen als ruhig eingeschätzt wurde. Als wichtigstes Ergebnis zeichnen die Monatsberichte in den Bereichen der Lebensmittelversorgung und insbesondere -verteilung zahlreiche Neiddebatten nach, die im Wesentlichen den bisherigen Forschungsstand bestätigen. Demnach hatte der Erste Weltkrieg in Form von Augusterlebnis und Burgfrieden nicht etwa zum Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft, sondern zu ihrer Zersplitterung beigetragen.

GND-Verknüpfung: Soziale Situation [4077575-6]