Das Unwetter vom 29. Mai 1911 an Grünbach und Tauber

Die Paimarer Opfer wurden am Abend des 31. Mai 1911 bestattet. Leichenzug vom Schulhaus über provisorische Stege zum Friedhof. Vorlage LABW (StAWt A6-0 Nr. 1007), Foto: Ludwig Holl, Mergentheim.
Die Paimarer Opfer wurden am Abend des 31. Mai 1911 bestattet. Vom Schulhaus, in dem die Leichen aufgebahrt worden waren, zog der Leichenzug über provisorische Stege zum auf der anderen Seite des Grünbachs gelegenen Friedhof. Vorlage LABW (StAWt A6-0 Nr. 1007), Foto: Ludwig Holl, Mergentheim. Zum Vergrößern bitte klicken.

Die Grundaussage, die Gegner eines von Menschen verursachten Klimawandels immer wieder anführen, Unwetter gab es auch schon früher, lässt sich in der Tat aus den Archiven belegen. Doch im Gegensatz zur aktuellen Entwicklung waren es früher eher seltene und lokal begrenzte Wetterphänomene. Ein Beispiel dafür datiert vom 29. Mai 1911. An diesem Tag ging auf einer Fläche von ca. 120 Quadratkilometern mit Schwerpunkt bei Grünsfeld ein Frühsommergewitter mit Hagelschlag und Starkregen nieder. Der Grünbach, ein kleiner Zufluss der Tauber, schwoll innerhalb kürzester Zeit so stark an, dass das Wasser dem Rheinstrom bei Mannheim mit 5–10 Meter Höhe glich. In dem am meisten von der Flutwelle betroffenen Ort Paimar verloren dadurch elf Menschen ihr Leben; die Verluste an Pferden, Großvieh und Schweinen gingen in die Hunderte. Weitere vier Menschen fanden im bachabwärts gelegenen Grünsfeld den Tod in den Wassermassen. In rund 20 Gemeinden im Einzugsbereich des Unwetters beklagte man Schäden an der Feldflur, am Wegenetz und v. a. den Verlust der Acker­ und Wiesenerträge. Eine vorläufige Bilanz bezifferte den Schaden auf rund acht Millionen Mark.

Unmittelbar nach dem Unglück setzten Aufräumungsarbeiten und Hilfsmaßnahmen ein. Bayrisches Militär aus dem nur rund 30 km entfernten Würzburg war dem Hilferuf der betroffenen Gemeinden gefolgt, um bei der Leichenbergung zu helfen und die durch Schlamm und Geröll verwüsteten Verkehrswege wieder­ herzustellen. Der badische Großherzog, der zwei Tage nach dem Unglück nach Paimar und Grünsfeld gereist war, um sich ein Bild von den Verwüstungen zu machen, hätte hingegen badisches Militär bevorzugt. Dieses kam kurz­ zeitig ebenfalls noch zum Einsatz.

Ein Hilfsausschuss unter dem Vorsitz der Oberamtmänner der Bezirksämter Tauberbischofsheim und Wertheim sowie zweier Reichs­ und Landtagsabgeordneter konstituierte sich, um die erforderlichen Hilfsmaßnahmen zu koordinieren und sich um rasche und ausgiebige Unterstützung […] an alle edlen Menschenfreunde zu wenden. Neben diesem Hilfsausschuss publizierten auch der Verband badischer Land­ und kleiner Stadtgemeinden und die Badische Landwirtschaftskammer unter ihrem Vorsitzenden Prinz Löwenstein Hilfsaufrufe. Berichte in der örtlichen und überregionalen Presse hatten neben der Information der Leser dasselbe Ziel. Spenden gingen beim Hilfsausschuss in Form von Geld und Naturalien ein. Aus der Gemeinde Mondfeld am Main zeigt eine Auflistung beispielsweise, dass Privatleute im Schnitt 30-50 Pfennige spendeten. Mit zehn Mark erwies sich dabei der aus Mondfeld gebürtige und in München wirkende Zeichner August Futterer sehr großzügig.

Auch aus Gemeindekassen wurden Unterstützungsbeiträge geleistet, deren Zuteilung nicht allein nach Bedürftigkeit, sondern auch nach Regionalproporz erwünscht war. So zumindest beim Beitrag der Stadt Wertheim über 200 Mark, wovon 100 M. der Bezirksgemeinde Gamburg [Bezirksamt Wertheim] zu- zuweisen sind. Der Ankauf von Saatgut und Futtermitteln zu verbilligten Preisen, reduzierte Transportkosten für Eisenbahnfracht sowie der Ersatz von Gebäudeschäden nach den Maßstäben der Gebäudebrandversicherung durch den badischen Staat waren weitere Unter­ stützungsmaßnahmen. Modern klingt die Empfehlung, dabei die Verlegung der Baustelle an einen weniger dem Hochwasser ausgesetzten Platz zu erwägen.

Das Interesse bzw. die Sensationsgier der Öffentlichkeit wurde u. a. durch Postkarten eines Berufsfotografen befriedigt, der Aufräumarbeiten und Leichenbergung bildlich dokumentierte. Auch vor Profiteuren des Unglücks wurde sogleich gewarnt, Händler würden den Notleidenden ihre Waren zu übertriebenen Preisen aufzudrängen suchen. Die Verteilung der Hilfsgelder und Spenden, insbesondere der staatlichen Unterstützungsbeiträge, zog sich dann bis 1914 hin.

Claudia Wieland

Quelle: Archivnachrichten 60 (2020) S. 26-27.