Die Anfänge – Erinnerungsspuren an Eremiten und Märtyrer (bis 700)

von Jürgen Dendorfer

Büstenreliquiar des Hl. Landelin aus der Benediktinerabtei Ettenheimmünster, Silber- und Goldschmiedearbeit, 1506. [Quelle: Wallfahrtskirche St. Landelin, Pfarrbüro Ettenheim]
Büstenreliquiar des Hl. Landelin aus der Benediktinerabtei Ettenheimmünster, Silber- und Goldschmiedearbeit, 1506. [Quelle: Wallfahrtskirche St. Landelin, Pfarrbüro Ettenheim]

Wann die Anfänge von Klöstern im Untersuchungsraum auszumachen sind, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Eine Handvoll Gemeinschaften führte sich später auf Gründergestalten des 6. oder 7. Jahrhunderts zurück wie das Stift Säckingen auf Fridolin, St. Gallen auf Gallus, St. Trudpert auf Trudpert oder Ettenheimmünster auf Landolin. Gemeinsam ist diesen legendären, zu Patronen ihrer Klöster werdenden Figuren, dass ihr Wirken in Heiligenviten erinnert wurde. Mit Ausnahme derjenigen für Gallus entstanden sie alle im Abstand von mehreren hundert, bei Landolin von Ettenheimmünster sogar von etwa fünfhundert Jahren nach seinem Tod. Die kritische Forschung ist deshalb bemüht, die Zeit des tatsächlichen Wirkens von Fridolin, Trudpert und Landolin einzugrenzen, wenn sie nicht ihre Historizität gänzlich in Frage stellt. Mit Ausnahme der ersten Gallusvita wurden zudem alle Viten in einer Zeit geschrieben, in der sich Vorstellungen eines idealen, an der Benediktsregel ausgerichteten Mönchtums ausgebildet hatten, die im Karolingerreich nach 816 normative Geltung beanspruchte. Diese veränderte Sicht auf das monastische Leben beeinflusste auch die Darstellung der Anfänge der jeweiligen Klöster. Gründer der späteren Klöster aber sind auch Gallus, Trudpert und Landolin in ihren Viten nicht, sondern singuläre Einsiedler- oder Mönchsgestalten, an deren Ort des Martyriums bzw. Todes sich monastisches Leben entwickelte. Die derzeitige Forschung betont die Vielfalt und Regellosigkeit dieses frühen Mönchtums und sieht das verbindende Element allein in der weltabgewandten Askese von Männern und Frauen, bei dem die Grenzen zwischen eremitischen und zönobitischen Lebensformen weniger streng gezogen waren, wie es in den klassischen Erzählungen von den Anfängen des Mönchtums den Anschein hat.[1] Überliefert sei zudem nur ein Bruchteil der asketischen Lebensentwürfe, nämlich diejenigen, an die später in Klöstern und Stiften als Anfänge erinnert wurde. Für den Untersuchungsraum heißt dies, dass auch hier von einem Vielfachen an frühen Eremiten- und Mönchsgestalten auszugehen ist. Eine Diskussion, um welche Form monastischen Lebens es sich jeweils handelte, ist aufgrund der Quellenlage müßig.

Versucht man dennoch das Alter einzelner Gemeinschaften zu bestimmen, dann könnte das von Fridolin gegründete Säckingen das älteste Kloster Alemanniens sein. Nach Balther von Säckingen, der um 970 eine Vita Fridolins schrieb, habe dieser unter einem König Chlodwig in Säckingen eine Kirche und ein Kloster des Hl. Hilarius errichtet.[2] Verbirgt sich hinter diesem Namen »Chlodwig« mehr als das Beschwören sehr alter Anfänge unter einem Frankenkönig, dann wäre an Chlodwig I. (482–511) oder Chlodwig II. (639–657) zu denken. In beiden Fällen wäre Säckingen das älteste Kloster, im ersteren sogar spektakulär alt. Auf ein sehr hohes Alter dürfte zumindest das Hilarius-Patrozinium der von Fridolin gestifteten Kirche hinweisen, mit der aber noch keine Klostergründung verbunden gewesen sein muss. Dieses Kloster entwickelte sich erst im Lauf der nachfolgenden Jahrhunderte, vielleicht ab der Mitte des 8. Jahrhunderts, am Grab Fridolins.[3] Von den frühesten Quellen an aber wird Säckingen als Frauengemeinschaft bezeichnet, urkundlich gesichert zuerst im Jahr 878.[4] Am Anfang der Vita religiosa in Alemannien stand deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Frauenkloster.

Genauer wissen wir über die Anfänge des südlich des Bodensees im Thurgau gelegenen St. Gallen Bescheid. Gallus sei 612 im Gefolge des irischen Wandermönchs und Klostergründers Columban an den Bodensee gekommen und dort zurückgeblieben, als dieser weiterzog. Er habe die Alemannen und ihre Herzöge von der Wirkmächtigkeit des Christusglaubens überzeugt, so erfahren wir aus der ältesten seiner drei frühmittelalterlichen Viten, die bereits 40 Jahre nach seinem Tod um 640 verfasst worden ist.[5] An seinem Grab im Steinachtal hielten Gefährten die Erinnerung an sein Wirken wach. Zum Kloster im späteren Sinne wurde diese Zelle der Gallusverehrer erst im 8. Jahrhundert unter dem ersten Abt Otmar (719–759). Auch wenn St. Gallen nicht im Bearbeitungsgebiet des Klosterbuchs liegt, war es im frühen und hohen Mittelalter Bestandteil des politischen und sakralen Zentralraums Alemanniens um den Bodensee mit dem Bistum Konstanz, dem Kloster auf der Reichenau und der karolingischen Königspfalz Bodman. Wichtig ist, St. Gallen steht am Beginn. Mit dem in nahezu zeitgenössischen Quellen dokumentierten Wirken des Hl. Gallus ist eine große europäische Entwicklung der Zeit angesprochen: die irischen Mönchsperegrinatio, die ihre spezifischen Vorstellungen vom Klosterleben um 600 verbreitete. Für Alemannien, Bayern und das Langobardenreich waren die von Columban, dem Abt des Hl. Gallus, gegründeten Klöster am östlichen Vogesenrand, vor allem Luxueil, der Ausgangspunkt dieser neuen Form des Mönchtums. Es verband rigide Askese und Bußübungen des Einzelnen mit der Vorstellung von Klöstern als eigenständigen, nicht nur religiösen, sondern herrschaftlichen Einheiten unter der Leitung eines Abtbischofs. Klöster irischer Art waren ausgedehnte religiös-politische Komplexe, die im Zusammenwirken mit den politischen Eliten des Frankenreichs etabliert wurden. Gallus selbst, der vielleicht Ire war, gründete kein Kloster, sondern wollte als Einsiedler leben, so seine Vita; weshalb er die Wahl zum Abt des Klosters Luxueil ebenso abgelehnt habe wie jene zum Bischof von Konstanz.[6]

Wir fassen also mit Gallus das Wirken eines irofränkischen »Wandermönchs« des 7. Jahrhunderts. Zur selben Zeitschicht dürfte auch Trudpert zu rechnen sein, für den ebenfalls die nun schon bekannte Überlieferungskonstellation zu beobachten ist.[7] Eine Heiligenvita (Passio) aus dem 9. Jahrhundert berichtet davon, dass sich der aus Irland stammende Trudpert im Münstertal einen Ort von einem Adeligen zuweisen ließ, den er zu kultivieren begann. Im dritten Jahr seines Lebens in der Einsamkeit (in eremo) wurde er dort von Knechten, denen die Rodungsarbeit zu hart schien, erschlagen und starb den Märtyrertod. Über seinem Grab entstand ein oratorium, für die Pilger zu diesem Ort wurde im frühen 8. Jahrhundert eine neue Kirche, wohl für ein Kloster, erbaut.[8] Eine ähnliche Geschichte wird für Landolin von Ettenheimmünster, nun allerdings erst in einer Vita des 12. Jahrhunderts erzählt,[9] auch er habe das Martyrium im Ettenheimer Münstertal erlitten, am Ort der Verehrung des Märtyrers sei später das Kloster ins Leben getreten.[10]

Diese Erinnerungspuren an Gallus, Trudpert und Landolin entsprechen durchaus der zu erwartenden Überlieferung zur irofränkischen Mission. Heiligenviten berichten von einzelnen Eremiten, die im 7. Jahrhundert gewirkt und das Martyrium erlitten haben sollen, von denen sie aber kaum mehr als Legendenhaftes wissen. Dass diese »Mönche« aber Klöster im späteren Sinne gründeten, behaupten auch ihre Viten nicht. Bis um 700, so ist deshalb zu Recht festgehalten worden, war Alemannien ein klosterfernes Land.11[11] Das unterscheidet den Untersuchungsraum deutlich von angrenzenden Landschaften wie dem Elsass, Bayern oder dem nahen Jura mit seinen berühmten frühen Klöstern.

Anmerkungen

[1] Vanderputten 2020, S. 31–39.
[2] Vita Sancti Fridolini, c. 1 S. 218 f.
[3] Zettler 2000, S. 44 f.
[4] MGH D Ka III., Nr. 7 S. 11.
[5] Vita Sancti Galli Vetustissima 2012; zur Datierung: Berschin 2005, S. 39–56.
[6] Tremp 2024, S. 267–273.
[8] Passio Thrudperti Martyris Brisgoviensis, S. 362.
[9] Schwarzmaier 1971, S. 3 f.
[10] van der Straeten 1955.
[11] Zettler 2000, S. 42.

Die vollständigen Literaturangaben sowie die Auflösung der Abkürzungen finden Sie hier.

Zitierhinweis: Jürgen Dendorfer, Die Anfänge – Erinnerungsspuren an Eremiten und Märtyrer (bis 700), URL: […], Stand: 10.06.2025.

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