Lexik – eine kleine Wortgeographie

 Übersicht Dialekte in Baden-Württemberg, Lexik
Verbreitungsgebiet des Begriffs „Gsälz“ (=Marmelade) [Quelle: Sprachatlas Baden-Württemberg, Universität Tübingen]

Der Sprachatlas Baden-Württemberg, der auf den Tonaufnahmen des Arno-Ruoff-Archivs basiert, dokumentiert, in welchen Regionen welche Begrifflichkeiten verbreitet sind. Daher kann anhand einiger beispielhaft ausgesuchter Begriffe gut nachvollzogen werden, welche Worte in welchen Dialektregionen charakteristisch sind. Im Groben mag die Verbreitung spezifischer Begriffe zwar mit den Verbreitungsgebieten der Dialekte übereinstimmen, im Detail zeigt sich aber ein differenzierteres Bild. Für das standarddeutsche und etablierte Wort „Marmelade“ gibt es eine beachtliche Anzahl regionaler Varianten.

In denjenigen Regionen, in denen schwäbisch gesprochen wird, ist anstelle des Wortes „Marmelade“ das Wort „Gsälz“ verbreitet, findet also in Zentral-, Südwest- oder Ostschwäbisch gleichermaßen Verwendung und reicht bis in die fränkischen Sprachregionen im Norden Baden-Württembergs hinein. Lediglich in einem kleinen nordöstlich gelegenen, in der Karte dunkelrot eingefärbten Landstrich, der sich über die nördliche Hälfte des Landkreises Schwäbisch-Hall und die südliche Hälfte des Main-Tauber-Kreises erstreckt, ist das Wort „Salze“ verbreitet. Die Verbreitung von Begrifflichkeiten verdeutlicht noch etwas Anderes: Auch wenn der Begriff „Gsälz“ vor allem in den schwäbischen Regionen begegnet, ist sein Ausbreitungsgebiet nicht hundertprozentig deckungsgleich mit den Sprachräumen bzw. –grenzen. So reicht, wie der Vergleich der beiden Karten zeigt, das Verbreitungsgebiet von „Gsälz“ weit in solche Gebiete hinein, in denen süd- und ostfränkisch (also Hohenlohisch und Kurpfälzisch) gesprochen wird – also ein deutliches Beispiel für die Fluidität der Sprachgrenzen. Umgekehrt gibt es auch innerhalb derjenigen Regionen, in denen Südschwäbisch oder Zentralschwäbisch gesprochen wird, einen nach Norden reichenden Streifen, in dem das Wort „Eingemachtes“ Verbreitung findet – ein Begriff, der sonst eher in den südlichen Varianten des Alemannischen Verbreitung findet.

 Verabschiedungsgrüße in Baden-Württemberg
Verabschiedungsgrüße in Baden-Württemberg [Quelle: Sprachatlas Baden-Württemberg, Universität Tübingen]

Neben dem weit verbreiteten Wort „Gsälz“ lassen sich in Baden-Württemberg weitere Entsprechungen für das Wort „Marmelade“ ausfindig machen. Neben dem Wort „Eingemachtes“, das im Bodensee-Alemannischen und im Hochrhein-Alemannischen Verbreitung findet, wäre das Wort „Muus“ zu nennen, das in den alemannischen und fränkischen Dialekten gebraucht wird. Verbreitung findet der Begriff in großen Teilen des Schwarzwald-Baar-Kreises, des Breisgau-Hochschwarzwaldes, aber auch weiter nordwestlich im Odenwald-Neckar- und Rhein-Neckar-Kreis, wo das Kurpfälzische vorherrschend ist.

Die Verwendung von Grußformeln variiert ebenfalls von Region zu Region. In einigen der nordwestlichen Regionen, in denen die ost- und südfränkischen Dialekte vorherrschend sind, dominiert die auch im Standarddeutschen etablierte Formel „Auf Wiedersehen“. Offenbar hat sich hier also keine dialektale Verabschiedungsformel erhalten. Im Kurpfälzischen, insbesondere in der Gegend um Mannheim und Heidelberg findet hingegen die Formel „Ala“ oder „Alla“ als Verabschiedungsgruß Verwendung. In denjenigen Regionen, in denen Schwäbisch und seine verschiedenen Varianten gesprochen werden, verabschieden sich die Menschen mit „Adée“, das sich von dem französischen Wort „Adieu“ ableitet. Im relativ zentral, südlich von Stuttgart gelegenen Landkreis Reutlingen sowie in großen Teilen des Alb-Donau-Kreises, der Landkreise Sigmaringen, Tübingen und dem Zollern-Alb-Kreis sind hingegen zwei Abschiedsformeln gebräuchlich; neben Adée ist dies „Behüte dich Gott“. Die Formel „Behüte dich Gott“ ist darüber hinaus vor allem in den südschwäbischen Sprachregionen üblich; d.h. im Bodenseekreis, in den Landkreisen Ravensburg, Biberach und Sigmaringen. In den Regionen, in denen das Bodensee-, Hochrhein- und Oberrhein-Alemannische gesprochen wird, ist ebenfalls „Adée“ verbreitet, allerdings wird es etwas anders ausgesprochen; nämlich mit einem [j] an der Silbengrenze: „Ádje“ oder „Ádjo“. Zudem wird das [a] betont. In einigen wenigen Regionen, die in der folgenden Karte dunkelgrün markiert sind, wird das „Adé“ ohne [j], aber dafür mit der Betonung auf dem [a] ausgesprochen. In den westlichen Landkreisen Badens, dem Ortenaukreis und dem Landkreis Rastatt, haben sich ebenfalls Mischformen herausgebildet. Dass die Verbreitung der Abschiedsformeln nur bedingt mit den (fluiden) Sprachgrenzen korrespondiert, zeigt auch diese Karte. So finden sich beispielsweise innerhalb der südwestlichen, d.h. den südbadischen Regionen einzelne „Inseln“, wo die schwäbischen Verabschiedungsformeln „Adée“ oder „Adjée“ verbreitet sind, so beispielsweise im südwestlich gelegenen Landkreis Lörrach und Freiburg, aber auch in einem kleinen Streifen, der zum Schwarzwald-Baar-Kreis gehört.

Felix Teuchert