Die letzten Tage der Klosterbibliothek von St. Peter in den Tagebuchaufzeichnungen des letzten Abtes Ignaz Speckle*

Abt Ignaz Speckle (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg)

Abt Ignaz Speckle (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg)

1806

1806 Mai
In meiner Abwesenheit kam abermal eine erniedrigende Kommissionsanordnung nach St. Peter. Der Beamte wird ermächtiget, auf Verlangen die Bibliothek und Archiv zu öffnen und die nötigen Stücke gegen Quittung abfolgen zu lassen!! Also auch hier unter den Beamten gesetzt. Diese Erlaubnis werde ich nie brauchen und die Bibliothek nie aufschließen lassen. Ist dieser Befehl vom Hof, so scheint wenig zu hoffen. Ist er nur von der Kommission, wird diese keine Ehre davon haben. Dermal läßt sich nichts machen.
21. Mai. Man gab die Nachricht, daß künftige Woche schon neue Kommissare in alle Klöster kommen werden, um alles genau zu inventieren... Der erste Kommissar dabei soll Geheimer Referendar Maler sein.

1806 Juli
Die Behandlung von Seiten Badens ist immerfort erniedrigend und habsüchtig. Seit der Besitznahme immer Untersuchung, Inventieren, Schätzungen, so daß, wenn wir Gantierer, Betrüger gewesen wären, fremdes Gut verwaltet hätten, man nicht anders mit uns umgehen könnte.
17. Juli. In alle Klöster reiseten Besitznahmekommissare... Diesen folgten Inventurkommissare, dann Organisationskommissare, endlich Forstkommissare, und durch alle diese Kommissionen ist noch wenig geschehen.

1806 Oktober
1. Okt. Noch verzögert sich immer von Woche zu Woche die endliche Bestimmung unseres Schicksals. Nun kommt die Nachricht, daß es wohl noch 14 Tage anstehen kann, ehe die Kommission hieher kommt; und so hieß es schon oft.

1806 November
2. Nov. Auf heute hatten S. Exz. Herr Hofkommissar in Breisgau, von Drais, hier auf Besuch ansagen lassen. Derselbe kam auch mit 2 Töchtern und Herrn Hofgerichtsassessor Oelenheinz mittags um ½ 12 Uhr, besah die Kirche und speisete zu Mittag. ... Wie es schien, war man mit der Aufnahme und Bewirtung sehr vergnügt. ... Nur das hielt ich nicht zurück, daß mir die Sperre der Bibliothek und das Bedingnis, die Bücher durch den Beamten zu begehren, zu empfindlich gewesen sei, als daß ich je ein Buch daraus verlangen würde.
25. Nov. Gestern Nachmittag ward die Bibliothek eröffnet. Herr Maler fand dieselbe so wohlversehen, daß er sie der st. blasischen vorzog. Er sah besonders nach Manuskripten und alten Ausgaben. Einige wenige Manuskripte, die ich itzt nicht benennen kann, und eine schöne Ausgabe von Teuerdank nahm er mit. ... Herr Maler eröffnete und sah noch das Archiv, woraus er nur die geschnittenen Kaiserköpfe zu sich nahm, um selbe nach Karlsruhe zu schicken. ... Über das ganze traurige, entsetzliche Ereignis muß ich vor allem der gütigen Vorsehung danken, daß die Sache noch besser, als ich und andere erwarten konnten, abgelaufen. Herr Kommissar Maler zeichnete sich aus durch Humanität, Billigkeit; Bescheidenheit und Mitgefühl. ... Meine Empfindungen bei der ganzen Katastrophe kann ich nicht ausdrücken. Halb betäubt, war mir Herz und Kopf voll und leer. ... Aber nach alledem ist nun doch nach 713 Jahren die Stiftung der Bertholde von Zähringen aufgelöset; aufgelöset bei Wiederherstellung des Titels der H[erzo]ge von Zähringen durch den noch einzigen übrigen Sprossen der Zähringer; Karl Friedrich, Markgraf von Baden, durch den Begründer des neuen zähringischen Hauses. Aufgelöset nach ausgestandenen Drangsalen eines mehr als zehnjährigen Krieges; nach dem harten Kampf mit den Maltesern, nach endlich erkämpfter guter Aussicht unter Ferdinand von Österreich ... Aufgelöset ohne Aussicht, ohne Hoffnung einer künftigen gänzlichen Wiederherstellung; wird nur noch etwas zum Andenken gerettet.

1806 Dezember
Am 9. Dez. erhielt ich von der Klosterkommission eine vorläufige Resolution über das Auflösungsgeschäft des hiesigen Stiftes ...
31. Dez. P Karlmann kommt aus Freiburg allein zurück, bringt ein weiteres Reskript, vermöge deßen auf geheimen Ratsbefehl aus der hiesigen Bibliothek alle in dem wieder zurückgekommenen Katalog rot bezeichneten Bücher nach Karlsruhe abgeliefert werden. Nach P Karlmanns Urteil soll diese wohl den dritten Teil aller Bücher ausmachen.

I. Speckle: Tagebücher. Beilagen. 1795-1807, 283r (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg)

I. Speckle: Tagebücher. Beilagen. 1795-1807, 283r (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg)

I. Speckle: Tagebücher. 1795-1807, 002r (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg)

I. Speckle: Tagebücher. 1795-1807, 002r (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg)

1807

Es ist also nun auch vorüber das mörderische, zerstörende Jahr 1806. Schrecklich fieng es an, zerstörend fuhr es fort, zerstörte bis am letzten Tage in ganz Deutschland und auch bei uns. Am letzten Tage noch kam der Befehl von der Klosterkommission, das Beste und meiste aus unserer Bibliothek nach Karlsruhe abzugeben.

1807 Januar
8. Jan. Bei der Kommission in Freiburg erfuhr ich, daß das Organisierungsprotokoll über unser Kloster vom Geheimratskollegium bestätigt worden, itzt an die Finanzstellen stehe und in Bälde das Endliche zu erwarten sei, ... Herr Maler versicherte wiederholt, daß Abtei und Klostergebäude den Geistlichen vorbehalten bleiben werden. Über die Bibliothek riet er mir, ein Verzeichnis derjenigen Bücher einzureichen, welche wir für eine Pfarrbibliothek zu erhalten wünschten.
12. Jan. erhielt ich verschiedene Resolutionen von der Klosterkommission: ... 2. Sollen alle Archivalien nach Absonderung derer, welche zum laufenden Geschäftsgang und Gefällverwaltung nötig sind, nach Karlsruhe abgegeben werden.

1807 Februar
2. Febr. ... Dem Herrn Maler schrieb ich besonders wegen der Bibliothek, daß nun die nach Karlsruhe verlangten Bücher gepackt waren und man auf den Befehl warte, wohin dieselben nach Freiburg abzugeben seien. Ich bat, daß man den Überrest hier lasen, der Universität nicht freie Hand lasse, sonst werde gar nichts Gutes bleiben. Für mich selbst bat ich folgende wenige Bücher aus ...
Am 14. Febr. erhielt ich von Karlsruhe Antwort von Herrn Maler auf mein Ansuchen wegen der Bibliothek. Es werde keinen Anstand haben, daß mir diejenigen Bücher verwilliget werden, welche ich verlangte ... Aber es sei schwerlich zu erwarten, daß der ganze Bücherrest derjenigen, welche nicht nach Karlsruhe gefordert werden, zu St. Petr belassen werden, weil die Universität schon ein Versprechen hätte, und doch viele Bücher vorhanden sein werden, welche mehr für eine öffentliche Bibliothek als für eine Pfarrbibliothek geeigenschaftet wären. Ich möchte doch also einen Katalog derjenigen, welche hier zugelassen wären, fertigen lassen.

April 1807
7. April erschien Herr Bagatti, Unterbibliothekar zu Freiburg bei der Universität. Derselbe wies mir seine Vollmacht von der Hohen Schule vor, als an welche die Klosterbibliotheken im Breisgau von dem GHg großmütig verschenkt worden; nämlich die noch übrigen Bücher der hiesigen Bibliothek, welche nicht nach Karlsruhe befördert worden waren, in Empfang zu nehmen. Ich erklärte demselben zwar, daß wir noch keine Anweisung hätten, die Bücher abzugeben. Vielmehr hätten wir die Zusicherung, daß eine Bibliothek für die hier bleibenden Geistlichen dahier würde gelassen werden. ... Ich sehe keine Mittel, etwas zu retten, und muß nun rauben lassen, was wir und unsere Vorfahren gesammelt hatten. ...
Am 9. April mittags reisete ich mit P Basil ab und fuhr durch die Steig nach Neustadt. ... Während meiner Reise vollendete Herr Bagatti seine Ausplünderung der hiesigen Bibliothek. Nahm das Beste daraus und füllte damit 17 große Kisten, welche sogleich nach Freiburg abgeführt wurden, nur wenige sehr gute Werke blieben zurück. ... Gleich nach meiner Rückkehr erhielt ich von Herrn Kommissar Maler Antwort, daß mein nach Karlsruhe gemachter Vorschlag zu einer Pfarrbibliothek vom Geheimen Rat eine willfährige Erschließung erhalten, jedoch hätte man dienlich gefunden, das Verzeichnis der Universitätskuratel in Freiburg zuzustellen und ihre Erinnerungen zu vernehmen. Von daher ist nicht viel Gutes zu erwarten, und die Universität hat unterdessen ausgelesen, was dem Herrn Bagatti gefiel, und wird wohl nichts mehr zurückgeben. Ich verwandte mich, so gut ich konnte, am Ende dürften auch die übrigen Bücher dahin zerstreutet werden.
21. April. Damit kein Tag ohne Klage sei, kam heute auf Befehl der Kommission zu Freiburg an den Herrn Dr. Schaar ein Fuhrmann von Freiburg hier an, um die nach Karlsruhe geforderten Bücher abzuholen. Es waren 30 Kisten gepackt, wovon sogleich 20 auf zween Wagen geladen und abgeführt wurden. Die noch übrigen 10 Kisten werden nächster Tage ebenfalls abgeholet. Nun siehet die Bibliothek einem ausgeraubten Hause ähnlich. Der Saal ist schön, aber an guten Büchern leer. Nicht eine einzige gute Ausgabe eines Kirchenvaters ist übriggelassen. Das Fach der Literatur ganz weggenommen. Von der Geschichte sind noch belassen: Fleury, französische Übersetzung. Natalis Alexandro nur bedingungsweise, auch Baronius. Das wichtigste noch übrige Werk ist die Collectio Conciliorum Mansii. Weiter konnte ich nicht nachschauen, der Anblick ist zu traurig. Die Bücher sollen nun in der Großherzoglichen Bibliothek stehen. Dort wird sie selten jemand ansehen und lesen gar niemand. Aber sie werden wie jene, die zu Freiburg stehen, ein ewiges Denkmal der ungerechten Räubereien sein. ... In ganz Breisgau ist nun nur noch eine einzige Bibliothek zu finden, und von Freiburg keine mehr bis Karlsruhe.
23. April. Abermals eine Kommission auf Plünderung. Herr Professor Hug zu Freiburg kam mit einer Vollmacht von der Hohen Schule, im Namen derselben die Berichtigung jener Gegenstände vorzunehmen, welche die Universität wegen der ihr in dem aufgelösten Stifte St. Peter von höchster Behörde zugestandenen Bücher erwarten kann und soll. ... Mein Vorschlag zu einer Pastoralbibliothek war von Karlsruhe genehmiget, aber der Universität zugestellt. Herr Professor Hug forderte also noch einige Bücher und meinte besonders Gracian und Graciani Thesaurus, welche nicht im Katalog eingetragen sind, und noch etwelche andere.

1807 September
29. Sept. machte ich eine Beobachtung, welche doch auch muß angemerkt werden. Ich sah die Mägde des Pfarrers P Placidus, zuvor Professor und Bibliothekar, Äpfel in die Bibliothek tragen, und vernahm nachher, daß sie nicht nur Obst, sondern auch Hanf und andere Sachen in der Bibliothek aufheben. Es waren immer noch Plätze im Konvent ... nebst noch wenigstens 10 Zimmer leer. Der Pfarrer hat beede großen Kuchelkeller und den Konventskeller ganz für sich zu benützen. Und nun soll er keine andere Vorratskammer als die schöne Bibliothek finden, wo noch eine ziemliche Anzahl guter Bücher vorhanden sind. So zeigen sich nun Gesinnungen.

Abgabemarkierung (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg)

Abgabemarkierung (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg)

1812

1812 September
Am 14. kam die nämliche Kommission wieder. Es waren Herr Kreisrat Gräfle und Herr Baudirektor und Professor Arnold von Freiburg. Da es schien, man hätte gerne, wenn ich anwesend wäre, so führ ich am 13. nach St. Peter, nachdem ich schon zuvor etwas von den Vorschlägen vernommen hatte, was sich sofort in St. Peter bestätigte. Um nämlich mehr Wohnungen im Kloster anzubringen, kam man auf den unsinnigen Einfall, die schöne Bibliothek und den schönen großen Speisesaal zu verbauen und zu Wohnungen umzugestalten. Von den Kosten nichts zu sagen, so ist dieser Gedanke schon etwas vom Verwunderlichen und trägt das Gepräge des Zeitgeistes, der seine Freude an Zerstörungen alles Schönen und Guten findet. Für die Bibliothek verwandte sich wie billig der Pfarrer noch. Die Beamten hingegen gaben gern die Bibliothek preis, bedauerten nur den schönen Saal, welcher aber dermal keinen Gebrauch mehr hat, als man die Absicht haben könnte, einen Tanz- und Rekreationssaal daraus zu machen. ...
Von dem unseligen Gedanken, die Bibliothek zu verbauen, ward abgegangen und dabei geblieben, daß man am Klostergebäude so wenig wie möglich verändern wollte. ...
Der Pfarrer selbst hatte den widersinnigen Einfall, eine Straße mitten durch das ganze Gebäude unter der Bibliothek hin durch den Kreuzgarten zu machen, den unteren Stock im Konvent in Stallungen, den oberen teils in Heuremisen, teils auch noch zu Wohnungen zu vermieten. Die Beamten hätten die Bibliothek niederreißen, einen Tanzsaal erhalten lassen. ... Soviel von Baulichkeiten.

1813

1813 Dezember
Am 18. Dez. erhielt ich die Nachricht, daß mein Quartier zu Freiburg ... bestimmt sei. ... Indem ich nun in Freiburg mich einzurichten suchen wollte, ... nahm in St. Peter die Verwirrung zu. Kaum war ich weg, so ward darauf gedrungen, daß auch das Abteigebäude geräumt und zum Spital überlassen werde. Die Bibliothek sollte ausgeleert, der Pfarrer mit den Geistlichen in das Gesindhaus gebracht werden. Die Verwirrung stieg aufs höchste. ... Die Bibliothek war für jedermann offen. Die Bücher wurden von Kindern und Bauern verschleppt. Doch wurden die besten in das Gewölbe oder auf die Kirchengalerie gebracht.

1816

1816 Juni
Zu St. Peter sah ich den Greuel der Verwüstung durch das Militärspital. ... Durch das letzte Militärspital ward viel mehr verwüstet und verloren als durch die vorigen. Besonders wurde viel gestohlen, nicht allein durch die Soldaten, sondern auch durch die Nachbarn selbst. Besonders an Büchern, welche aus der Bibliothek auf die Galerie in die Kirche gebracht wurden. Auch das hölzerne Mobiliar ward zerbrochen und gestohlen. Es läßt sich ohne Wehmut gar nicht ansehen.

Kruzifix-Sockel (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg)

Kruzifix-Sockel (Quelle: Universitätsbibliothek Freiburg)

1818

1818 Juni
... Seit Erweckung neuer Hoffnungen ward die Bibliothek zu St. Peter doch endlich gesäubert von dem Überrest des Spitals. Die Bettsäcke wurden weggeschafft und der Saal ausgestäubt. P Basil fieng an, die noch übrigen, verstreuten Reste von Büchern wieder in die Bibliothek zu bringen, damit man doch, wenn Gott rettete, noch wüßte, was von mancherlei Stürmen übrig geblieben.

*Zitiert nach: Das Tagebuch von Ignaz Speckle, Abt von St. Peter im Schwarzwald / Speckle, Ignaz; bearb. von Ursmar Engelmann. - Stuttgart : Kohlhammer. (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Reihe A, Quellen ; 12-14). - Teil 1: 1795-1802. - 1965. - Teil 2: 1803-1819. - 1966. - Teil 3: Register. - 1968.
Online-Ausgabe des handschriftlichen Originals: Diarium a mense Nov. 1795 - 1809 [Elektronische Ressource] / Speckle, Ignaz. - Online-Ausg.. - [St. Peter], 1795 [Handschrift]. - Beilagen zum Tagebuche des Abt Ignaz von St. Peter 1795-1807 / Speckle, Ignaz. - Online-Ausg.. - [St. Peter], [1795-1807].