Gemeinsames Gedenken auf dem Hartmannswillerkopf

Das deutsch-französische »Historial«

Luftaufnahme des Hartmannswillerkof. Aufnahme: AAA-III Prod – Jérémie Reuiller
Luftaufnahme des Hartmannswillerkof. Aufnahme: AAA-III Prod – Jérémie Reuiller. Zum Vergrößern bitte klicken.

Als Menschenfresserberg (la montagne mangeuse d’hommes) bezeichneten während des Ersten Weltkriegs die deutschen und französischen Soldaten den Hartmannswillerkopf auf fast 1.000 Höhenmetern; beide Seiten wähnten sich im Elsass auf heimischem Territorium, das es zu verteidigen bzw. zurückzuerobern galt.

Acht Mal wechselte der symbolische Gipfel des Berges seinen Besitzer. Die Zahl der Toten, Verwundeten und Kriegsgefangenen stieg auf mehrere zehntausend Mann. Hatte der Hartmannswillerkopf zu Beginn des Krieges noch eine strategische Bedeutung, so verlor er diese im Kriegsverlauf.

Das Gedenken nach Kriegsende war mit der Errichtung eines Kreuzes (1919), der Anlage eines Soldatenfriedhofs, der Einweihung einer Krypta und des Altars des Vaterlandes sowie mit der Ernennung zu einer der vier großen nationalen Gedenkstätten Frankreichs (1932) national und militärisch geprägt.

Mit der deutsch-französischen Versöhnung und Freundschaftspolitik, eingeleitet durch Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, rückte auch der Hartmannswillerkopf wieder in ein breiteres deutsch-französisches Besucherinteresse.

Mithilfe von binational finanzierten Interreg-Programmen konnten ab 2009 die Außenanlagen historisch authentisch restauriert werden. Zum ersten Mal wurden dabei auch in der Krypta die an den Kämpfen beteiligten deutschen Regimenter genannt. Die wissenschaftliche Aufbereitung des Schlachtfeldes umfasste neben umfangreichen Restaurierungsarbeiten 45 dreisprachig gehaltene Informationstafeln entlang historischer Entdeckungswege (90 Kilometer). Führungen werden auch in deutscher Sprache angeboten – eine App erschließt das Schlachtfeld mit seinen 150 unterschiedlichen Orten.

Präsident Emmanuel Macron und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor dem Nationaldenkmal am Hartmannswillerkopf. Aufnahme: Présidence de la République – G. Mariette / L. Blevennec
Präsident Emmanuel Macron und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor dem Nationaldenkmal am Hartmannswillerkopf. Aufnahme: Présidence de la République – G. Mariette/L. Blevennec. Zum Vergrößern bitte klicken.

Der Bau einer Gedenkstätte im Elsass, die bewusst als Historial bezeichnet wird, konnte nur in einem deutsch-französischen Kontext entstehen und ist damit die erste und einzige deutsch-französische Gedenkstätte. Ab 2008 wurden auf französischer wie auf deutscher Seite Initiativen gestartet, die die avisierte Bausumme von 4,7 Millionen Euro sicherstellen sollten. Die Planungsphase für das Historial wurde von einem deutsch-französischen Expertenteam mit den Historikern Professor Nicolas Offenstadt und Professor Gerd Krumeich sowie dem Landesarchiv Baden-Württemberg begleitet. Die in engem Kontakt mit dem Comité du Monument National du Hartmannswillerkopf erarbeitete deutsch-französische Wanderausstellung Menschen im Krieg 1914–1918 am Oberrhein / Vivre en temps de guerre des deux côtés du Rhin 1914–1918 hatte bereits 2014 erstmals – grenzüberschreitend und zweisprachig – das Schicksal von 32 Männer, Frauen und Kindern, die während des Ersten Weltkriegs beiderseits des Rheins lebten, in den Mittelpunkt gestellt und damit die alten nationalen Sichtweisen überwunden.

Am 3. August 2014, auf den Tag genau 100 Jahre nach Kriegsausbruch, legten der französische Staatspräsident François Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck den Grundstein zum Bau des Historials, flankiert u. a. von Jugendlichen des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Staatspräsident Emmanuel Macron weihten das Historial am 10. November 2017 ein.

Die Konzeption des Historials, beginnend mit einem einführenden Film und einer beeindruckenden Szenografie in deutscher und französischer Sprache, zeigt das Leben und Leiden der einfachen Soldaten auf beiden Seiten der Front, das in einer Darstellung der deutsch-französischen Beziehungen gipfelt. Der stetige Besucherandrang beweist, dass das binationale Konzept Früchte trägt – mit einer deutsch-französischen Freundschaft in einem friedlichen und geeinten Europa.

Jean Klinkert

Jean Klinkert ist Präsident des Comité du Monument National du Hartmannswillerkopf und war Tourismusdirektor des Elsass. 

Joseph Rey (1899–1990), der Großvater von Jean Klinkert, war 30 Jahre lang Oberbürgermeister von Colmar und wurde nach Verfolgung und Inhaftierung in der NS-Zeit ein überzeugter Europäer, der sofort nach Kriegsende mit gleichgesinnten Deutschen Kontakt aufnahm und u. a. die erste deutsch-französische Touristikroute Grüne Straße / Route Verte mitinitiierte. Für Jean Klinkert war und ist er stets ein Vorbild.

Quelle: Archivnachrichten 61 (2020), S. 38-39.

Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)
Zum Kommentieren bitte anmelden