Die Pliensaubrücken

Die Reste der äußeren Pliensaubrücke in Esslingen. Copyright: LABW
Die Reste der äußeren Pliensaubrücke in Esslingen. Copyright: LABW
Die Pliensaubrücken, die sogenannte Innere Brücke, welche die mittelalterliche Kernstadt mit der Vorstadt verbindet, und die Pliensaubrücke über den Neckar müssen als Teile der Fernstraße von Italien ins Rheinland und des Verbindungsweges zwischen Schurwald und den Fildern im Zusammenhang betrachtet werden. Ihre Entstehung ist aus der schriftlichen Überlieferung nur annähernd bestimmbar. 1259 bürgt ein Ludwig von Liebenzell für seinen Neffen, der bei der Pliensaubrücke wohnt (apud pontem Blinshove), ohne dass erkennbar ist, welche der beiden Brücken gemeint ist. Im Jahr 1286 wird ein zweiwöchiger Ablass für notwendige Wiederherstellungsarbeiten an der Brücke gewährt, ohne dass sich erschließen lässt, welche der Brücken gemeint ist, und ob sich dies auf die noch bestehenden Brücken bezieht oder auf möglicherweise hölzerne Vorgängerkonstruktionen.

Beide Brücken sind in unmittelbarem Zusammenhang mit der Stadtbefestigung zu sehen, beide besaßen an ihren Auffahrten Türme, der Neckarbrücke wurde später noch ein Mittelturm zugefügt und beide besaßen Brückenkapellen.

Die aus der Überlieferung erschließbare, aber nicht nachweisbare Datierung der Pliensaubrücke in die Mitte des 13. Jh. wird durch Indizien gestützt, die bei der baulichen Sanierung der Inneren Brücke 2006 archäologisch ermittelt wurden. Die Brücke zwischen der Kernstadt und der südlich vorgelagerten Vorstadt Pliensau überspannte zwei unbefestigte Nebenarme des Neckars. Die in Teilen nachgewiesene, aus Buckelquadern errichtete Stadtmauer der Kernstadt besaß an dieser Stelle ein Stadttor, das dem Torturm der Brücke vorausging. Da es das einzige Tor im südlichen Bereich der Stadt ist, muss es sich um die Verbindung zu einer Furt oder einem Übergang zur bereits in vorstädtischer Zeit besiedelten Pliensauinsel handeln. Dieses Tor wurde nachträglich zu einem Torturm umgebaut, an den eine Rampe angeschlossen wurde, die auf die Steinbrücke hinaufführte, eine Maßname, die archäologisch in das zweite oder dritte Viertel des 13. Jh. deutet. Da beide Brücken erst gemeinsam ein verkehrstechnisches Gesamtkonzept ergeben, wird man annehmen können, dass die Brücken 1268 bereits bestanden, als für die Finanzierung der Reparaturarbeiten ein Ablass erteilt wurde.

Für Jahrhunderte dienten die Pliensaubrücken der Ost-West-Verbindung des Handelswegs von Italien zu den Niederlanden, zahlreiche Nachrichten über Reparaturarbeiten nach Hochwassern und Eisgängen sind überliefert.

Die Zeit der Industrialisierung und des wachsenden Verkehrsaufkommens wurde für die Pliensaubrücke zum Problem, das die Stadtpolitik über ein Jahrhundert immer wieder intensiv beschäftigte. Um die bestehenden Belastungen zu mildern, wurden die Kapelle und der äußere Turm der Pliensaubrücke abgerissen, der Pliensauturm blieb nach langer, leidenschaftlicher Diskussion als ein markantes Wahrzeichen der mittelalterlichen Stadt bestehen. Auch die beiden Türme der Inneren Brücke wurden entfernt.

Einschneidend für die Existenz und Verkehrstüchtigkeit der Pliensaubrücke aber war der Bau der Eisenbahn am rechten Neckarufer, der die Brücke gleichsam von der Stadt trennte und zu einem Kreuzungsproblem zwischen Bahn und Straße führte, das zufriedenstellend und zukunftsfähig nicht zu lösen war. Hinzu kam der Ausbau des Neckars bis Plochingen als Wasserstraße, was eine Kanalisierung notwendig machte und sowohl einen Abschied von der noch in den ältesten Fotos der Brücke überlieferten Flussaue bedeutete, als es auch notwendig machte, für die passierenden Lastschiffe die Brücke unmittelbar im Anschluss an den Pliensauturm abzubrechen und mit einem zweckbestimmten Ersatzbau wieder zu schließen. Die Aufgabe des fließenden Verkehrs wurde einem neuen Brückenbauwerk zugewiesen, die historische Pliensaubrücke endgültig zur Fußgängerbrücke.

Hartmut Schäfer

Veröffentlicht in: Der Landkreis Esslingen. Hg. v. der Landesarchivdirektion Baden-Württemberg in Verbindung mit dem Landkreis Esslingen (Kreisbeschreibungen des Landes Baden-Württemberg). Ostfildern 2009, Bd. 1, S. 448.