Verkannte Heldin: Dr. Elisabeth  Kranz (1887– 1972)

Gesuch der Landesverwaltung für Kultus, Erziehung und Kunst in Württemberg vom 4. September 1945 an die amerikanische Militärregierung um Wiedereinstellung von Elisabeth Kranz, unterschrieben von Carlo Schmid.Quelle: Landesarchiv BW StAL E 203 I Bü 2954

Gesuch der Landesverwaltung für Kultus, Erziehung und Kunst in Württemberg vom 4. September 1945 an die amerikanische Militärregierung um Wiedereinstellung von Elisabeth Kranz, unterschrieben von Carlo Schmid. Quelle: Landesarchiv BW, StAL E 203 I Bü 2954

 

Von den meisten, die zeitlebens mit ihr zu tun hatten, war sie mehr gefürchtet als geliebt. She was a dragon, soll eine englische Austauschschülerin über sie gesagt haben. Elisabeth, das war eine Heldin, sagte dagegen ihre aus einer jüdischen Familie stammende Schwägerin. Diese und einige andere jüdische Verwandte überlebten die nationalsozialistische Verfolgung mithilfe eines Unterstützernetzwerks, zu dem mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Elisabeth Kranz gehörte.

Elisabeth Kranz kann in mehrfacher Hinsicht als Heldin gesehen werden. Zum einen war sie eine Pionierin der Frauenbewegung, auch wenn sie selbst sich vermutlich nie so bezeichnet hätte. Bereits 1906 legte sie in Berlin die Reifeprüfung ab, was zu diesem Zeitpunkt für ein Mädchen in Preußen nur über Hindernisse und Umwege möglich war. Danach studierte sie Neuere Philologie und Geschichte und beendete ihr Studium 1910 in Tübingen mit der Promotion und der Lehramtsprüfung. Die fähige und ehrgeizige Lehrerin wurde 1928 als erste Frau in Württemberg zur Leiterin einer höheren Schule ernannt; sie stand als Studiendirektorin der Mädchenrealschule in Ludwigsburg vor.

Die Vorzeigekarriere brach allerdings im November 1936 ab. Fräulein Dr. Kranz wurde mit 48 Jahren in den Ruhestand versetzt, angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Der eigentliche Grund war, dass sie und der Nationalsozialismus nicht zueinanderpassten. Bereits im September 1933 war ihre enge Freundin Jenny Heymann, die aus einer jüdischen Familie stammte und als Lehrerin ebenfalls in Ludwigsburg tätig war, aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen worden. Die Schulleiterin Elisabeth Kranz hielt dennoch unbeirrt an ihrer liberalen Weltanschauung und an ihren jüdischen Freunden fest. Mehrfach wurde sie von nationalsozialistischen Lehrern ihrer Schule denunziert, weil sie sich zum Beispiel weigerte, politische Reden zu halten und offensichtlich auch kein Heil Hitler über ihre Lippen kam.

Nach ihrer Entlassung zog sich Elisabeth Kranz ins Privatleben zurück, übernahm nach der Emigration von Jenny Heymann, die nach England fliehen konnte, deren Wohnung in Stuttgart und kümmerte sich offensichtlich weiterhin – so gut es ging – um ihre jüdischen Freunde. Im Sommer 1942 wurde sie von der Gestapo streng verwarnt. Sie hatte eine nach Haigerloch umgesiedelte jüdische Bekannte dort nochmals besucht und war von einem emsigen NSDAP-Genossen gemeldet worden, weil sie auf offener Straße mit einer Jüdin in herzlicher Begrüßung gesehen worden sei!

Ende 1945 wurde Elisabeth Kranz als Schulleiterin an die Goethe-Oberschule für Mädchen zurückgeholt und blieb bis 1950 im Amt: Immer noch liberal und humanistisch in der Weltanschauung, aber vor allem aufrecht, hohe Leistungen fordernd und sehr streng – mit Schülerinnen wie mit deren Eltern oder auch mit vorgesetzten Dienststellen und Kommunalpolitikern. Als Heldin blieb sie so kaum jemandem in Erinnerung. Erst vor wenigen Jahren wurde in Ludwigsburg eine Straße nach ihr benannt. Sie hat es wahrhaftig verdient.

 

 Elke Koch

Quelle: Archivnachrichten  50 (2015), S.20-21.