Herr über die Natur – Die Begradigung des Oberrheins im 19. Jahrhundert

Rheinbegradigung zwischen Neuburg und Sondernheim, 1825. Vorlage: Landesarchiv BW, GLAK H Rheinstrom Nr. 72
Rheinbegradigung zwischen Neuburg und Sondernheim, 1825. Vorlage: Landesarchiv BW, GLAK H Rheinstrom Nr. 72

Im Jahr 1812 legte der badische Ingenieur Johann Gottfried Tulla (1770– 1828) der Regierung des Großherzogtums eine Denkschrift vor, deren Umsetzung in den nächsten Jahrzehnten die Kulturlandschaft des Oberrheingebiets grundlegend verändern sollte. Auf wenigen Seiten skizzierte der Autor, wie man den Lauf des Oberrheins begradigen und den Fluss dauerhaft in ein festes Bett leiten könne. Die Vorschläge Tullas waren im Detail nicht neu, revolutionär waren aber ihre Dimension und ihr Anspruch. Für den badischen Ingenieur ging es nicht mehr um einzelne Maßnahmen, mit denen örtliche Problemfelder behoben werden konnten. Für Tulla ging es ums Ganze: Kein Strom oder Fluß, also auch nicht der Rhein hat mehr als ein Flußbett nötig, so lautete seine Grundüberzeugung. Zwar seien die Gesetze der Natur … wohlthätig, dennoch habe der Mensch das Recht der Natur [nicht] ganz freyes Spiel zu laßen. Naturkatastrophen und Seuchengefahr, Überschwemmungen und Nahrungsmangel waren Phänomene, die der Mensch zu bekämpfen habe. Der Mensch hatte sich nicht mehr mit den Gegebenheiten und Gesetzen der Natur zu arrangieren. Jetzt war es der Mensch selbst, der der Natur seinen Plan aufdrückte. Deshalb sprach Tulla auch nicht von einer Rheinbegradigung, sondern von einer Rektifikation: Die Natur wurde nach der Deutung des Ingenieurs zurechtgerückt, ins Lot gebracht. Tulla skizzierte auf wenigen Seiten das Konzept für ein technisches Großprojekt, dem der britische Historiker David Blackbourn 2006 die Überschrift The Conquest of Nature, die Eroberung der Natur gegeben hat.

Der Plan war denkbar einfach: Zur Begradigung und damit Verkürzung des Flusslaufes sollten die Schlingen des langsam mäandrierenden Rheins durchstochen werden. Dabei hatten die Arbeiter nur die Grundlinie des künftigen Flussbetts als Rinne vorzuzeichnen. Durch die Verkürzung des Flusslaufs gewann der Rhein an Schnelligkeit. Durch die steigende Erosionskraft würde sich der Strom selbst sein neues Bett in der vorgezeichneten Rinne eingraben. Die abgeschnittenen Seitenarme sollten langsam verlanden. Dämme waren nur noch in einer bestimmten Höhe nötig. Tulla kämpfte zäh – bisweilen äußerst ungeduldig – für die Umsetzung seiner Pläne. Nur zögerlich konnte das Großherzogtum Baden bei seinen Nachbarn am Oberrhein – Frankreich und Bayern (Pfalz) – die Zustimmung für die erforderlichen Maßnahmen erreichen. Schließlich ging es nicht nur um eine Infrastrukturmaßnahme von bedeutendem Ausmaß: Mit der Begradigung des Flussbetts änderten sich auch die politischen Grenzen im Flussbereich. Erst 1840 wurde verbindlich festgelegt, dass künftig der Talweg des Rheins die Staatsgrenze bilden solle.

Es dauerte rund acht Jahrzehnte, bis 1880 die Rheinbegradigung abgeschlossen war. Die technischen Daten des Projekts waren beeindruckend: Die Länge des Talwegs war um rund 80 km von 353 auf 272 km verkürzt worden. Von Uferkante zu Uferkante hatte das Flussbett nun eine feste Breite von 200 bis 300 Meter. Die Überschwemmungsgefahr war gebannt, neues Wirtschaftsland gewonnen. Der spätere badische Finanzminister Max Honsell (1843–1910), zu dieser Zeit Leiter der Wasserbaudirektion, legte eine lupenreine Kosten-Nutzen-Rechnung vor: Den Gesamtausgaben von 41.500.000 Reichsmark standen Gewinne von rund 46.000.000 Reichsmark gegenüber. Es war eine Erfolgsbilanz, die allerdings auf selbst gewählten Parametern basierte und mit dem eigenen Zahlenmaterial argumentierte. Doch der Erfolg war auch sichtbar: Flussbett und Fließgeschwindigkeit des Rheins waren normiert. Schifffahrt und Industrie nutzten die neue Trasse für ihren Warenverkehr. Die Gesetze der Natur waren – ganz nach den Plänen Tullas – menschlichen Vorgaben unterworfen worden.

Ob wir heute nach Oder-Hochwasser und den bekannten ökologischen Problemen im Oberrheingebiet auch noch den Anspruch erheben können, genau zu definieren, wie viel Raum ein Fluss braucht, ist eine Frage, die der Historiker nicht zu beantworten wagt.

 Wolfgang Zimmermann

Quelle: Archivnachrichten 51 (2015), S. 27.

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