Wer Geld verdient, gehört dazu!             
Wie Erwerbslosigkeit den Wert von Arbeit spiegelt

Von Helena Körner

 Meldekarte Erwerbslose
Meldekarte für Arbeitslose [Quelle: Landesmuseum Württemberg. Foto: Dirk Kittelberger]

Arbeit ist elementarer Bestandteil kapitalistischer Gesellschaften und indivi­dueller Lebensläufe. Was aber meinen wir, wenn wir von Arbeit sprechen? In erster Linie ist es die Erwerbs- oder Lohnarbeit, die wir im Alltag schlicht als „Arbeit“ bezeichnen. Welchen Wert Arbeit für die Einzelnen hat, wird besonders dann deutlich, wenn sie keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Sie gibt nicht nur zeitliche und räumliche Struktur vor, sondern wirkt sich auch auf die indi­viduelle Selbst- und Fremdwahrnehmung aus. Menschen, die ihre Arbeitsstelle verloren haben, schildern häufig Erfahrungen vom Verlust der Tagesstruktur, fehlender sozialer Zugehörigkeit und mangelnder gesellschaftlicher Anerken­nung.

Arbeit als Lohnarbeit?

Die Sozialpsychologin Marie Jahoda bezeichnet Arbeit als übergeordnete Einheit, als „innerste[s] Wesen des Lebendigseins“. Arbeit ist demnach all das, was der Mensch im Alltag tut, um seinem Leben einen Sinn zu geben. So kann laut dem Sozialwissenschaftler Jörg Flecker ganz allgemein von Arbeit gesprochen werden, „wenn das Handeln des Men­schen zielgerichtet ist, bewusst und planmäßig erfolgt und erkennbar nützlich ist“. Dieser Arbeitsbegriff schließt dann beispielsweise auch Sorgearbeit mit ein, also etwa das Kümmern um Kinder oder die Pflege von Älteren. Auch jene Aktivitäten und Tätigkeiten, die wir eingehen, um unsere Arbeitskraft täglich wiederherzustellen, die sogenannte Reproduktionsarbeit, sind in diesem Ar­beitsbegriff eingeschlossen. Nach diesem Verständnis ist Arbeitslosigkeit bei­nahe unmöglich. Denn unser Alltag ist gefüllt mit nützlichen Aufgaben, die wir mit konkreter Absicht ausführen. Wenn wir also von Arbeitslosigkeit sprechen, meinen wir dann nicht eher Erwerbslosigkeit?

Erwerbstätigkeit und Arbeit sind keine Begriffe, die gegenübergestellt werden können. Vielmehr ist Erwerbstätigkeit – also bezahlte Lohnarbeit – laut Jahoda eine spezifische Form der Arbeit, die in unserer Gesellschaft stärker als alle anderen Formen präsent ist: „Wir sprechen über Selbstverwirklichung oder Entfremdung durch Arbeit, meinen aber Reaktionen auf die Erwerbstätigkeit.“ Erwerbstätigkeit folgt in erster Linie dem Zweck, den Lebensunterhalt zu finanzieren und den jeweiligen Lebensstandard zu erhalten oder zu steigern. Eine klare Trennung zwischen bezahlter Lohnarbeit und anderen Formen von Arbeit, die nicht unter diese Kategorie fallen, ist kaum möglich: Ob das Spielen mit Kindern als Sorgearbeit oder als Erwerbstätigkeit bezeichnet wird, hängt davon ab, ob die arbeitende Person sich als Erzieherin oder Erzieher im Kindergarten oder als Elternteil im Privaten versteht. Trotzdem hat Erwerbsarbeit ein höheres Ansehen als andere Formen von Arbeit und ist über den finanziellen Mehrwert hinaus mit besonderer Wertschätzung verbunden.

„Beteiligen statt nur versorgen“

 Verkaufsumhang
Verkaufsumhang Trott-war [Quelle: Landesmuseum Württemberg, Stuttgart. Foto: Dirk Kittelberger]

Erwerbstätigkeit wird oftmals auf den einen Zweck der Bezahlung und damit auf einen rein ökonomischen Wert reduziert. Diese Annahme greift zu kurz, denn es sind Werte wie soziale Zugehörigkeit, kulturelles Lernen und gesell­schaftlicher Status, die ebenfalls durch ein geregeltes Einkommen ermöglicht werden: Freizeitbeschäftigungen wie Sportvereine, Kinobesuche oder Fahr­karten des öffentlichen Nahverkehrs kosten ebenso Geld wie etwa Autos oder Kleidung, die ein Marker dafür sind, wer dazugehört und wer nicht. Darüber hinaus ermöglicht Erwerbstätigkeit Erfahrungen von zeitlicher Struktur und re­gelmäßiger Aktivität im Alltag, von sozialem Austausch, von Eingebundenheit in gesamtgesellschaftliche Anstrengungen und Ziele und von persönlicher Wert­schätzung. Die Bezahlung der Arbeit ist also Anreiz und Handlungsvorgabe zu­gleich: Sie erfordert beispielsweise regelmäßiges Erscheinen am Arbeitsplatz und das Bearbeiten der gestellten Aufgaben. Sie schafft außerdem den Zugang zu gesellschaftlichen Aktivitäten, die wiederum soziale Kontakte fördern.

Ein passendes Beispiel für die Bedeutung von bezahlter Lohnarbeit ist die Philosophie der Straßenzeitung „Trott-war“, die 1994 in Stuttgart entstand: Als Verkäuferinnen oder Verkäufer von Straßenzeitungen werden Langzeiterwerbslose in ein sozialver­sicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis und ein geregeltes Einkommen gebracht. Das Motto „Beteiligen statt nur versorgen“ macht deutlich, wie wich­tig die Bezahlung für die gesellschaftliche Integration der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist. Der Verkaufsumhang, der 1997 in die Sammlung des Museums der Alltagskultur übernommen wurde, stellte für eine obdachlos gewordene Mutter von drei Kindern durch seinen großen Wie­dererkennungswert ein Zeichen für die bezahlte Tätigkeit dar: das Verkaufen von Zeitungen. Sie sah sich deshalb nicht als Empfängerin einer Ar­menstütze, sondern ausschließlich in der Rolle ei­ner Erwerbstätigen. Der rote Umhang weist seine Träger als Menschen aus, die eine (Wie­der-)Eingliederung in das System der Erwerbstä­tigkeit erfahren und steht so symbolisch für die Zugehörigkeit zur erwerbstätigen Gesellschaft.

Unumstritten kann auch die Verrichtung von Sorge- oder Reproduktionsarbeit den Alltag strukturieren und soziale Anerkennung ermöglichen. Laut der Soziologin Uta Meier-Gräwe schließt unser Wirtschaftsverständnis unbezahlte, in der Privatsphäre verrichtete Arbeit aus, da es solche Care-Arbeit „nach wie vor nicht als Arbeit fasst und in der Folge auch ihren wertschöpfenden Charakter nicht anerkennt“. Nur wer erwerbstätig ist, zahlt zumeist in die Sozial- und Rentenkassen ein und leistet so einen finanziellen Beitrag zum Gemeinwohl. Das System Erwerbstätigkeit scheint noch immer so bestimmend zu sein, dass sich andere Formen des gesellschaftlichen Engagements daran messen lassen müssen. Zentrale Anlaufstelle und damit gewissermaßen Sinnbild der Trennung zwischen Erwerbstätigen und Erwerbslosen sind die Arbeitsagenturen.

Agentur für Arbeit: Ein Haus für die Erwerbslosigkeit

 Zeichnung eines Schalters im Arbeitsamt

Die Tusche-Zeichnung „Am Schalter eines Arbeitsamtes“ (1931) des Stuttgarters Ernst Kunkel zeigt den täglichen Kampf von Erwerbslosen mit Bürokratie und System in den 1930er Jahren [Quelle: Landesmuseum Württemberg. Foto: Dirk Kittelberger]

Die Bundesagentur für Arbeit, vormals Arbeitsamt, steht für jenes System, in dem das Einzahlen in die Sozialkassen als Standard, der Bezug von Sozialleistun­gen hingegen als Abweichung festgelegt ist. Hervorgegangen aus Initiativen von Vereinen, Interessensvertretungen und Verbänden bildete sich Ende des 19. Jahrhunderts die sogenannte Arbeitsnachweis-Bewegung, die den Grundstein für die institutionalisierte, zentral gesteuerte Arbeitsvermittlung von heute leg­te. Diese Institution war von Beginn an stark vom Wohlfahrtsgedanken gelei­tet und verschrieb sich folglich, so die Soziologin Christiane Mattiesson, „einer den großstädtischen Lebensbedingungen angepassten Hilfe zur Selbsthilfe“. Neben diesem sozialen Verantwortungsgefühl war aber auch die Sorge um die gesamtgesellschaftliche Ordnung wichtig für die Existenz der frühen Arbeitsvermittlungsbehörden. Der Verlust von Arbeit war mit der „Angst des Bürgertums vor der politischen Radikalisierung arbeitsloser und verelendeter Massen“ verbunden und der Gang zum Arbeitsamt deshalb mit Stigmata und Scham behaftet. Von Beginn an markieren Arbeitsagenturen eine Grenze zwischen erwerbstätiger und erwerbsloser Bevölkerung.

Solchen Szenen des Alltags, in denen der tägliche Kampf ums Überleben und der Gegensatz zwischen Arm und Reich sichtbar werden, widmete sich der Stuttgarter Künstler Ernst Kunkel in seinen Zeichnungen. Das 1931 entstandene Bild „Am Schalter eines Arbeitsamtes“ zeigt Menschen, die in langen Schlangen auf eine Zuwendung des Staates warten müssen. Wut, Enttäuschung, und bisweilen auch Scham und Verzweiflung spiegeln sich in den gezeichneten Gesichtern der Menschen.

Kunkel stellt zeichnerisch dar, wie das System Erwerbsarbeit auch dann noch unser Leben strukturiert und bestimmt, wenn wir selbst nicht mehr Teil davon sind. Erwerbslose haben einerseits Anspruch auf staatliche Unterstützung, andererseits werden sie gezwungen, für alle sichtbar in der Schlange zu warten und diese Unterstützung anzunehmen.

Darüber hinaus stehen arbeitsvermittelnde Behörden auch für die Abhängigkeit Einzelner vom Staat. Eine Meldekarte für Arbeitslose aus dem Jahr 1957 führt die Pflichten der erwerbslosen Person auf:

„Der Arbeitslose hat sich persönlich beim Arbeitsamt oder bei den von diesem bezeichneten Stellen unter Vorlage der Meldekarte zu den festgesetzten Zeiten zu melden (siehe Anschläge). Meldeversäumnis hat den Entzug der Unterstützung für den Meldetag und die unmittelbar vorangegangenen meldefreien Tage zur Folge.“

Die Institution Arbeits­agentur stellt einen Ort dar, der Erwerbslose ei­ner bestimmten sozialen Gruppe zuordnet und da­mit eine räumliche Grenze zwischen Erwerbstätigkeit und Erwerbslosigkeit her­stellt. Arbeitsvermittelnde Behörden übernehmen also einerseits sozialfür­sorgliche Aufgaben, die unmittelbare Hilfestellung für Einzelne bedeuten, andererseits fungieren sie als Sammelbecken für all jene, die die Ordnung der Gesellschaft aus Sicht der erwerbstätigen Mehr­heit gefährden könnten. So stehen Arbeitsagenturen auch symbolisch für die Grenze zwischen Erwerbstätigkeit als Norm und Erwerbslosigkeit als Anomalie.

Resümee und Ausblick

Es ist kein Zufall, dass wir im alltäglichen Sprachgebrauch über Erwerbstätig­keit sprechen, wenn wir den Begriff Arbeit verwenden. Doch Betreuung und Erziehung der Kinder, Hausarbeit, Freizeitbeschäftigungen und ehrenamtliche Tätigkeiten können den Alltag ebenso strukturieren wie bezahlte Lohnarbeit. Trotzdem ist es die Bezahlung unserer Arbeit, die festlegt, welchen Platz wir in der Gesellschaft einnehmen und ob wir durch das Einzahlen in Sozial- und Rentenkassen einen Beitrag für das Gemeinwohl leisten. Ob wir einer Erwerbs­arbeit nachgehen oder nicht, hat also direkten Einfluss auf unsere Selbstwahr­nehmung und unser Selbstwertgefühl. Symbole in Form von Ausweisen oder Arbeitskleidung bestimmen, ob wir uns als Zugehörige der erwerbstätigen Ge­sellschaft fühlen dürfen oder nicht.

Der Graben zwischen Erwerbslosen und Erwerbstätigen ließe sich nur dann ebnen, wenn gesellschaftliche Teilhabe nicht länger vom Verdienst abhängig wäre. Dazu würde gehören, dass Haus-, Pflege-, Sorge- oder Reproduktions­arbeit größere Wertschätzung erfahren und unentgeltliche Arbeitsformen der Erwerbstätigkeit gleichgestellt werden würden. Ein möglicher Schritt hin zur Gleichstellung verschiedener Arbeitsformen könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen sein, das derzeit in vielen Ländern Europas kontrovers dis­kutiert wird. Gegner der Idee bezweifeln die Finanzierbarkeit des Modells und befürchten einen Anstieg der Erwerbslosigkeit. Die Diskussion zeigt vor al­lem: Solange sich die Definition von Arbeit auf bezahlte Lohnarbeit beschränkt, wird auch ein Konsens über ein bedingungsloses Grundeinkommen schwer zu erreichen sein. Denn wenn wir jede Art von Arbeit meinen, wenn wir von Arbeit sprechen, dann wäre Arbeitslosigkeit eigentlich unmöglich.

Literatur

  • Berger, Alois, Bedingungsloses Grundeinkommen. Balsam für den sozialen Frieden, in: Deutschlandfunk, 17.04.2017. URL: https://www.deutschlandfunk.de/bedingungsloses-grundeinkommen-balsam-fuer-den-sozialen.724.de.html?dram:article_id=383978 (aufgerufen am 31.07.2020).
  • Flecker, Jörg, Arbeit und Beschäftigung. Eine soziologische Einführung, Wien 2017.
  • Jahoda, Marie u.a., Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit, Frankfurt am Main 1978.
  • Jahoda, Marie, Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Arbeit und Arbeitslosigkeit im 20. Jahrhundert, Weinheim/Basel 1983.
  • Mattiesson, Christiane, Die Rationalisierung der Menschen. Architektur und Kultur der deutschen Arbeitsämter 1890 bis 1945, Berlin 2007.
  • Meier-Gräwe, Uta, Die Arbeit des Alltags – Warum wir sie gesellschaftlich neu organisieren und geschlechtergerecht verteilen müssen, in: Dies. (Hg.), Die Arbeit des Alltags. Gesellschaftliche Organisation und Umverteilung, Wiesbaden 2015, S. 1-31.
  • Trott-war e.V., Trott-war – mehr als eine Zeitung, 2014. URL: https://www.trott-war.de/zeitung/redaktionelles-konzept/strassenzeitung-trott-war.html (aufgerufen am 30.06.2018).

 

Zitierhinweis: Helena Körner, Wer Geld verdient, gehört dazu! Wie Erwerbslosigkeit den Wert von Arbeit spiegelt, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020

 

Hinweis: Dieser Beitrag von Helena Körner erschien unter dem Titel „Wer Geld verdient, gehört dazu! Wie Erwerbslosigkeit den Wert von Arbeit spiegelt“ in der Publikation: Karin Bürkert und Matthias Möller (Hg.): Arbeit ist Arbeit ist Arbeit ist … gesammelt, bewahrt und neu betrachtet. Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde 2019, S. 76-85.