Körperbilder im Wandel der Zeit

Von Carmen Anton

"Blonde Schönheit", 1913 [Quelle: Landesarchiv BW, Abt. Staatsarchiv Sigmaringen]

"Blonde Schönheit", 1913 [Quelle: Landesarchiv BW, Abt. Staatsarchiv Sigmaringen, SIgnatur: N 1/78 T 1 Nr. 1014]

Das Körperbild steht in engem Verhältnis zu den Kleidermoden einer Zeit. Dabei ist der Begriff nicht gänzlich eindeutig und kann sich sowohl auf das ganz individuelle Bild, das ein Mensch von seinem eigenen Körper hat, beziehen, als auch auf die zeitgenössische Vorstellung eines idealen Körpers und dessen Inszenierung. Beide Konzepte sind einer Vielzahl an Einflüssen unterworfen. Dazu gehören kulturelle Wertvorstellungen, gesellschaftlicher Druck durch die in Gemälden oder Fotographien überlieferten Ideale und die Rückmeldung des Umfelds. Aber auch das eigene Wohlbefinden und die eigene Stimmung, welche wiederum Einfluss auf die Wahrnehmung einer Person nehmen, sowie das persönliche Körpererleben als Maßstab der Beurteilung für die Qualität eines Körpers.

Nachvollziehbar wird sowohl ein persönliches als auch ein öffentlich kultiviertes Körperbild vor allem in zwischenmenschlicher Interaktion sowie in der Biographie eines Menschen, aber auch in den Darstellungen von Menschen einer Zeit.

Gerade in den repräsentativen Herrschergemälden einer Epoche wird häufig weniger die tatsächliche Erscheinung eines Monarchen, als viel mehr ein nach dem Geschmack der Zeit idealisiertes und dem Wunschbild des Auftraggebers entsprechendes Bild festgehalten, ergänzt um die zeitgenössische Kleidungs- und Frisurenmode. Körperliche Makel werden oftmals durch Haltung oder schlichte Aussparung kaschiert, der Körper in seiner Form dem vorherrschenden Ideal angeglichen. Selbst die frühe Fotographie ist nicht frei von der Anpassung des Motivs an eine Vision des perfekten Körpers. So hat man schon zu Pionierzeiten des Mediums Retuschen vorgenommen, wie das künstliche Schmälern der begehrten Wespentaille, die Korrektur der Konturen sowie des Hautbildes oder gar das Zusammensetzen eines idealen Modells aus verschiedenen Bildern.

Bilderbogen: "Agathe", nach 1835 [Quelle: Badisches Landesmuseum Karlsruhe]
Bilderbogen: "Agathe". Darunter steht: "Tu semble de plaire avec moi / M’aimerais tu de bonne foi" bzw. "Ich mag mich noch so sehr auch plagen, / Mein Spiegel will nicht schönes sagen", nach 1835.
[Quelle: Badisches Landesmuseum Karlsruhe]
 

Das Konzept eines Körperbildes ist eng mit vorherrschenden Vorstellungen von Schönheit verwoben, denn ersteres wird gewöhnlich in Relation zu letzterem gesetzt, also ein Körper von seinem Betrachter nicht zuletzt auch auf eine Schnittmenge zwischen seinen eigenen Merkmalen und dem vom gesellschaftlichen Konsens der Zeit und Region als Schönheitsideal propagierten Bild eines perfekten Körpers abgeglichen.

Schönheit ist dabei ebenso wandelbar in Zeit, Kultur und Raum, wie es das mit ihr verbundene Körperbild ist. Dennoch scheint das Konzept eines schönen Körpers keiner absoluten Beliebigkeit zu unterliegen. Versucht man einzelne Konstanten zu bestimmen, so ergibt sich epochenübergreifend und global betrachtet ein gewisser, grundlegender Mindestanspruch an die Schönheit.

Diese kurze, aber eindrückliche Liste allgemeingültiger Merkmale umfasst unabhängig vom Geschlecht eines Menschen vor allem möglichst symmetrische Gesichtszüge und Körperformen, eine reine, makellose Haut, aber auch eine in Relation zu den restlichen Formen vergleichsweise schmale Taille.
Man geht davon aus, dass diese Attribute als erstrebenswert gelten, weil sie als Anzeichen für die Gesundheit einer Person und vor allem ihres Erbgutes gelten können und außerdem Jugend suggerieren.
Darüber hinaus unterliegt vor allem die Vorstellung des idealen weiblichen Körpers enormen Schwankungen, während das Männerbild größere Konstanz aufweist.

Die Konzepte weiblicher Schönheit schwanken traditionell zwischen den Polen „Jugendlichkeit“ und „Reife“. In Abhängigkeit von äußeren Umständen werden unterschiedlich viele der Jugend oder der Reife zugeschriebenen Attribute besonders gewertschätzt. Dies wirkt sich beispielsweise darauf aus, ob eher schmale oder breite Hüften als begehrenswert empfunden werden, eher kleinere oder größere Brüste favorisiert werden, und auch darauf, welche Gesichtszüge besonders attraktiv erscheinen.

Weitere Veränderungen im Körperideal folgen bei augenscheinlicher Beliebigkeit doch der Gesetzmäßigkeit, dass Zeichen von Wohlstand als schön gelten. So ist größere, nach der gleichnamigen Epoche auch als „barock“ bezeichnete Körperfülle vor allem in Zeiten schlechter Lebensmittelversorgung als attraktiv empfunden worden. In Zeiten des Überflusses hingegen wird der nun mit Diäten, Sport und sonstiger Anstrengung bewahrte schlanke Körper als erstrebenswert betrachtet.

Epochen, in denen die Mehrheit der Menschen auf den Feldern schwer körperlich arbeiten musste und somit ständig der Sonne ausgesetzt war, priesen einen möglichst blassen, weichen Teint, denn Bräune war ein Kennzeichen der gesellschaftlichen Unterschicht. In Zeiten, in denen die meisten Menschen dem Sonnenlicht entzogen in Büros und Fabriken arbeiten und in denen sich die Urlaubsreisen in warme Gefilde als Statussymbol etabliert haben, wird hingegen ein gebräunter Körper vorgezogen.

Aber auch Umwelteinflüsse können sich auf das Verständnis von körperlicher Schönheit auswirken. So tendieren sehr warme Regionen eher zu schlanken Körpern, wohingegen in kälteren Regionen eine gewisse Leibesfülle als schön gilt.

Ist eine gewisse körperliche Beschaffenheit notwendig, um innerhalb einer Gesellschaft zu überleben, werden Züge, die den Mangel davon andeuten, als unattraktiv empfunden. So wird besondere Schlankheit in Gesellschaften und Gruppen, die schwere körperliche Arbeit leisten müssen, mitunter nicht als elegant, sondern vielmehr als mager, ungesund und somit problematisch empfunden. Dem entgegen steht beispielsweise im 19. Jahrhundert ein vor allem großbürgerliches und adeliges Ideal von bis zur Kränklichkeit übersteigerter Blässe. Ergänzt wurde dieses um große, feuchte Augen, die eine fast schon ätherische Erscheinung vor allem junger Frauen bedingten und an Symptome der Schwindsucht erinnerten. Solche unrealistischen Erscheinungsbilder wurden von Frauen zuweilen durch den Konsum von Giften wie Belladonna, Blei oder auch Quecksilber herbeigeführt. Die optische Annäherung an den Tod wurde als faszinierend, gar tiefsinnig aufgefasst. Auch hier griff einmal mehr die Prämisse der Verehrung des Elitären: Das Leben als geradezu kränkliche Erscheinung musste man sich leisten können.

Für das idealisierte Körperbild und die Kleidungsmode ergibt sich nicht nur ein gemeinsames Spannungsfeld, in welchem sie sich ausdifferenzieren. Sie sind auch wechselseitig voneinander abhängig. Einerseits bedarf die Kleidung eines Körpers, um ihre Wirkung zu entfalten. Andererseits ist mancher Körper auf ganz spezielle Kleidung angewiesen, um sich überhaupt in irgendeiner Weise dem propagierten Idealkörper annähern zu können. Hierdurch entsteht ein sogenannter Kulturkörper, also ein kultivierter, sozusagen gezähmter Körper, der sich jedoch nicht mit dem Realkörper unter den formenden Schichten von Stoff, Drahtgestell, Versteifung und Kosmetik deckt.

Schönheit im Wandel: Ideale Körper und ihr Gewand in verschiedenen Epochen

 

Ferdinand Wilhelm, Württemberg-Neuenstadt, Herzog, Spätbarock, in tailliertem Harnisch, 1706 [Quelle: Tobias-Bild Universitätsbibliothek Tübingen]

Herzog Ferdinand Wilhelm von Württemberg-Neuenstadt, Spätbarock, in tailliertem Harnisch, 1706 [Quelle: Tobias-Bild Universitätsbibliothek Tübingen]

Verschiedene Epochen zogen unterschiedliche Körper vor. Gemeinsam ist ihnen, dass Modeerscheinungen vielfach auch Körperideale für einen Betrachter vortäuschen oder vorhandene Idealmerkmale betonen sollten.

 
Markgräfin Franziska Sibylla Augusta von Baden in Hermelinumhang, anonym, um 1720 [Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg]
Markgräfin Franziska Sibylla Augusta von Baden in Hermelinumhang, anonym, um 1720 [Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg]

Mit dem Barock kamen für beide Geschlechter große, mitunter geradezu opulente Mengen üppig drapierten Stoffes in Mode. Voluminöse Keulenärmel und runde, kurze Hosenbeine über den engen Kniebundhosen erfreuten sich einiger Beliebtheit. Die Taille wurde hoch angesetzt und durch diese Silhouette geradezu eine größere Leibesfülle vorgetäuscht, allzu beleibte Gestalten aber auch im Rahmen dieser Kleidung passend zur Wunschform inszeniert. Dabei ist die sprichwörtliche „barocke Fülle“, die durch die Gemälde von Peter Paul Rubens als „Rubensfigur“ bekannt wurde, vermutlich eher ein regionales Phänomen mit Zentrum in den heutigen Niederlanden gewesen, obschon Darstellungen der Zeit ganz generell eher weich ausgeformte Körperbauten favorisierten.

Allmählich prägte sich in dieser Zeit ein immer exzessiverer Hang zur geschmälerten Taille aus. Die Formen von Armen, Hals, Schultern und Dekolleté, welche allesamt in der Mode der Zeit sichtbar waren, sollten weich erscheinen und Knochen sich nach Möglichkeit nicht sichtbar abzeichnen. Es entwickelt sich aus diesen Konzepten schließlich die Sanduhrform, wie sie spätestens ab dem Biedermeier ihre finale Form und lange Vorherschafft in der Mode einnahm.

Statt die Taille, wie in der Gegenwart üblich, durch Diäten oder Sport zu extremen Maßen zu formen, trugen Frauen in Spätbarock und Rokoko die formende Schnürbrust kombiniert mit dem sogenannten Panier, einem Reifrock, der durch enorme Breite an der Hüfte die Taille noch schmaler anmuten ließ, als sie tatsächlich war.

Für Herren blieben ein weiteres Jahrhundert lang die Beine das Zentrum der modischen Aufmerksamkeit. Die Füße indes sollten betont klein und zierlich erscheinen, was durch Absätze, Schnallen und Schleifen noch akzentuiert wurde. Die Bärte wichen Schritt für Schritt wieder dem glattrasierten Gesicht. Das Haar trugen Mann und Frau bevorzugt in Locken, deren Ausmaß zusehends üppiger wurde, dann schließlich wieder in ihrem Gesamtvolumen abnahmen. Perücken und Haarteile vereinfachten den Frisiervorgang ab dem späten 17. Jahrhundert für Herren, im späten Rokoko ab etwa 1770 auch für Damen, als deren Haartracht sich buchstäblich auf ihrem Kopf aufzutürmen begann. Erste, jedoch noch vergleichsweise geringe Haartürme brachte im Hochbarock ab ungefähr 1685 die sogenannte „Fontange“ hervor. Ab 1715 wurden die Damenfrisuren allerdings wieder dezenter. Eng am Kopf anliegende Frisuren, die das Haar seitlich in Locken oder Wellen legten und im Nacken zu einem geflochtenen Zopf, der seinerseits wieder an den Kopf angelegt und festgesteckt wurde, bündelten, dominierten die Mitte des Jahrhunderts. Erst gegen Ende des Rokoko kamen die bekannten, reich mit Blumen und allerlei Kuriositäten, wie beispielsweise Uhren, verzierten Haarsäulen in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen für einige wenige Jahre in Mode, waren also eher eine Randerscheinung, die aber aufgrund ihrer bestechenden Gestalt und Abbildung in prunkvollen Gemälden als prägend wahrgenommen wurden.

Besonders charakteristisch für die Mode im Barock und Rokoko erscheint, dass sich im Adel zwar beide Geschlechter für Extravaganz der Kleidung begeisterten, Frauen aber zunächst verglichen mit den Männern zumeist etwas weniger prunkvolle Gewänder trugen. Bunte, helle Farben mit reichen Goldakzenten prägten die Gewänder der Männer, die damit ihre Macht und ihren Reichtum zur Schau trugen. Auch Schminke war den Männern nicht verpönt, im Gegenteil.

Beide Geschlechter begehrten blasse Haut. Diese wurde vielfach noch durch Puder zusätzlich aufgehellt und durch breitkrempige Hüte, Sonnenschirme sowie sogar Masken vor dem Einfluss der Sonne geschützt. Hinzu kamen Schönheitsflecken, kreisrund aufgemalte oder auch aufgeklebte dunkle Flecken, die wie ein Muttermal aussahen und im Gesicht angebracht wurden. Puder war derweil nicht nur der Haut vorbehalten. Es wurde im Rokoko auch dazu verwendet die Haare und Haarteile auf dem Kopf aufzuhellen.

Nach der Französischen Revolution – von der „zweiten Renaissance“ zum „zweiten Rokoko“

Königin Katharina von Westphalen, Empire Mode mit hoher Taille und erkenntlich griechischer Anleihe, um 1807 [Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg]
Königin Katharina von Westphalen, Empire Mode mit hoher Taille und erkenntlich griechischer Anleihe, um 1807 [Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg]

Nach der Französischen Revolution entdeckte man erneut das antike Schönheitsideal und somit die Vorstellung eines natürlichen, schönen Körpers für sich. Korsetts und die als Symbol des Ancien Régime verrufenen Perücken verloren ihre Popularität. Das geschmackliche Beharren auf einer schlanken, nicht zu dünnen, wohl geformten Gestalt blieb jedoch, ebenso wie die Versessenheit auf weiße Haut. Die neue Mode des Directoire und Empire aus dünnen, fließenden Stoffen erlaubte es jedoch nicht mehr den eigenen Körper durch geschickte optische Täuschungen oder die Silhouette formende Wäsche in optimale Form zu bringen. Die Frisuren für Mann und Frau folgten ebenfalls dem griechischen Vorbild. Beide Geschlechter trugen das Haar vergleichsweise kurz, Frauen vor allem gelockt.

Diese Epoche wirkte nicht nur politisch und gesellschaftlich, sondern auch modisch in bestimmten Bereichen als nachhaltige Zäsur. Die Kleidung und Außendarstellung verlor ihre Extravaganz. Schminke und helle, bunte Farben wurden fortan als unmännlich betrachtet. Eine Einstellung, die bis in die Gegenwart anhält.

 
Königin Olga von Württemberg, zweites Rokoko, in Balltoilette mit Kronjuwelen, Orden, Brustbild in Halbprofil, 1866 [Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart]
Königin Olga von Württemberg, zweites Rokoko, in Balltoilette mit Kronjuwelen, Orden, Brustbild in Halbprofil, 1866 [Quelle: Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Signatur: M 703 R95N3 ]

Anders verhielt es sich mit der Frauenmode. Schon ab den 1820ern, mit dem dämmernden Biedermeier, feierten komplizierte Hochsteckfrisuren nach barockem Vorbild, welche mitunter enormer Haarmenge und –länge bedurften und oft durch Haarteile stabilisiert wurden, sowie Reifrock, Korsett und Sanduhrform ihre Rückkehr. Ersichtliche Schminke indes blieb weitgehend auch für Damen verpönt und sollte erst in den 1920ern wieder prägenden Einzug in den Alltag halten. Die Fixierung auf die Wespentaille nahm über fast ein Jahrhundert hinweg, vom Biedermeier und zweiten Rokoko über die Gründerzeit zum Jugendstil, zusehends extremere Formen an, die schließlich in die ganz und gar unnatürliche, ein Hohlkreuz forcierende S-Silhouette mündete.

In der eher gedeckt getönten Tagesmode gehörten ein bedeckter Ausschnitt, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts sogar fast mit dem Kin abschließende und mit Fischbein verstärkte Krägen, sowie lange Ärmel für die Damen verpflichtend zum Erscheinungsbild. Auf diese Wiese wollte man nicht bloß tüchtig und tugendhaft wirken, sondern auch die eigene Gestalt optisch strecken.
Die abendliche Balltoilette des 19. Jahrhunderts setzte dem gegenüber auf eher helle Farben, kurze Ärmel und tiefes Dekolleté als Zeichen für Weiblichkeit und der Bereitschaft zur Mutterschaft.

Herren des Adels und Militärs zeigten sich vermehrt in Uniform in der Öffentlichkeit und Taillenschnürung formte auch ihnen eine schmale Körpermitte. Ob Frack oder Uniform, Ziel war eine schneidige, schlanke und hochgewachsene Erscheinung bei gerader, stattlicher Haltung. Die Enge der Hosen früherer Epochen wurde allerdings nicht länger aufgegriffen. Die Kniebundhosen wichen mit der Revolution den langen Hosenbeinen, welche bis ins 20. Jahrhundert hinein bestimmend bleiben sollten. Der Fokus rückte nun auch beim Mann vor allem auf die Taille.

Populär waren erstmals seit Jahrhunderten wieder Vollbärte, kombiniert mit Kurzhaarfrisuren.

 

Der Weg in die Moderne

Abendkleid einer stuttgarter Schauspielerin, hergestellt zwischen 1970 und1973 [Quelle: Landesmuseum Württemberg]
Abendkleid einer stuttgarter Schauspielerin, hergestellt zwischen 1970 und1973 [Quelle: Landesmuseum Württemberg]

Mit dem 20. Jahrhundert und der vollzogenen Industrialisierung der Produktion sowie dem Aufkommen der Massenmedien beschleunigten sich die Prozesse des modischen Wandels zusehends. Ab 1910 verlor das Korsett zusehends an Zuspruch und kehrte bloß in den Fünfzigern noch einmal in nennenswertem Ausmaß zurück, als Filmdiven wie Marylin Monroe die Sanduhrfigur zu ihrem Markenzeichen erhoben. Allerdings blieb dieses Körperbild nicht länger ohne Konkurrenz. So verkörperte beispielsweise Grace Kelly zeitgleich einen filigraneren, grazileren und jugendlich anmutenden Typus Frau.
Die 1920er zelebrierten eine androgyne, knabenhafte Frauensilhouette, deren Röcke geradezu revolutionär verkürzt wurden und bloß noch das Knie bedeckten. Die 40er entblößten im Materialmangel des zweiten Weltkrieges die Knie erstmals, die 60er Jahre brachten den Minirock.
Zugleich reduzierte sich die Uniformität der als modisch geltenden Schnitte ebenfalls. Enge Bleistiftröcke existierten in den 1950ern beispielsweise neben weit schwingenden, mit Petticoats unterlegten Röcken und bodenlangen Abendkleidern, die ihrerseits figurbetonte oder auch voluminöse Röcke aufweisen konnten. Seit den 1930ern normalisierten sich auch erstmals Hosen in der Frauenkleidung, die eine zusätzliche, neue Erscheinungsform der Gestalt der Frau ermöglichten.
Das Körperideal der Frau entkoppelte sich jedoch sukzessive von diesen zahlreichen, verschiedenartigen Modeschnitten. Korsetts, Röcke und Polster reichten nicht mehr um mit Hilfe der Mode den Kulturkörper zu erlangen. Freikörperkultur und wachsende Begeisterung der Gesellschaft für das öffentliche Baden sowie enthüllende Strandmode nahmen den Frauen zumindest in diesen Kontexten die zuvor vielfach genutzten Hüllen als Technik der Körpergestaltung. Sukzessive lösten darum Diät und Sport das Korsett als Mittel der Wahl ab. Die Begeisterung für Strand und Sonne brachte seit den 1950er Jahren auch einen Paradigmenwechsel in der Frage nach der als begehrenswert empfundenen Hautfarbe mit sich. Gesunde Sonnenbräune brach das Jahrhunderte alte Monopol nobler Blässe.

Gewiss wurde die angestrebte Körperform weiterhin durch Kleidung suggeriert oder betont, doch Kleidung, Frisuren und Schminke allein waren nicht länger ausreichend. um den Idealen der Zeit zu genügen. Der Modekörper hatte sich spätestens zu diesem Zeitpunkt auch den Lebensstil seiner Anhänger unterworfen.
 

Literatur

  • Bausinger, Hermann, Zu den Funktionen der Mode. 1968, URL: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/handle/10900/47650 (aufgerufen am 02.11.2020).
  • Degele, Nina, Sich schön machen. Zur Soziologie von Geschlecht und Schönheitshandeln, Wiesbaden 2004.
  • Loschek, Ingrid und Wolter, Gundula, Reclams Mode- und Kostümlexikon, Stuttgart 2011.
  • Posch, Waltraud, Projekt Körper – Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt, Frankfurt am Main [u.a.] 2009.

 

Zitierhinweis: Carmen Anton, Körperbilder im Wandel der Zeit, in: Alltagskultur im Südwesten. URL: [...], Stand: 02.11.2020