Der Blutritt in Weingarten (1927)

Von Felix Teuchert

Blutritt in Weingarten, 1927 [Quelle: Landesfilmsammlung Baden-Württemberg]

Die religiöse Tradition des Blutritts gibt es in vielen Gemeinden, aber der Blutritt von Weingarten gilt als eine der spektakulärsten Prozessionen im süddeutschen Raum. Der Begriff Blutritt bezeichnet eine Reiterprozession zu Ehren einer Blutreliquie. Bei der „Heilig-Blut-Reliquie“ von Weingarten handelt es sich der Überlieferung nach um einen mit Erde vermischten Tropfen vom Blut Christi, das über verschlungene Wege von Jerusalem nach Weingarten gelangte. Die Geschichte der Blutreliquie beginnt mit der Kreuzigung von Jesus Christus. Die Evangelisten berichten, dass ein römischer Hauptmann eine Lanze in den Leib des gekreuzigten Christus stieß, um seinen Tod festzustellen. Was danach geschah, ist nicht mehr Teil des biblischen Passionsberichtes: Jener Hauptmann soll dem toten Leib Blut entnommen und mit Erde aus Golgatha vermischt haben. Nachdem der Hauptmann selbst zum Christentum konvertiert war, gelangte er ins italienische Mantua, wo er die Reliquie versteckte. Ein gutes Jahrtausend später wurde sie durch die Offenbarung eines Blinden wiedergefunden und zwischen den Bürgern von Mantua, dem Papst und dem Kaiser aufgeteilt, der wiederum einen Teil davon dem Grafen Balduin V. von Flandern schenkte. Nach dem Tod des Grafen im Jahr 1094 schenkte die welfische Herzogin Judith von Flandern die Reliquie der Benediktinerabtei Weingarten, die seinerzeit das Hauskloster der Welfen war.

Vor allem in der Barockzeit erfuhr die Verehrung der Blutreliquie eine große Konjunktur. Weingarten avancierte zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte in Süddeutschland. Die riesige, 1724 geweihte Basilika von Weingarten, die an den römischen Petersdom erinnert, ist dafür ein eindrucksvolles Zeugnis; sie gilt als größter barocker Kirchenbau in Deutschland. Als Reliquienbehälter dient ein goldenes, mit Edelsteinen besetztes Doppelkreuz, das im Hauptaltar der Klosterkirche von Weingarten aufbewahrt wird. Den religiösen Brauch des Blutritts selbst scheint es bereits seit der Schenkung der Reliquie im Jahr 1094 gegeben zu haben. Heutzutage beginnt die Prozession am Abend von Christi Himmelfahrt mit einem Gottesdienst und einer Lichterprozession zum Kreuzberg. Am frühen Morgen des Folgetages wird die Heilig-Blut-Reliquie dem „Blutreiter“ übergeben, der sie in einer groß angelegten Prozession, begleitet von zahlreichen Priestern, Ministranten, Blaskapellen, über 2.500 Reitern sowie Fahnen- und Kreuzträgern durch Stadt und Land trägt und die Umgebung mit der Reliquie segnet. Auch heute ist der Blutritt ein großes Ereignis, das jährlich ca. 30.000 Pilger und Schaulustige anzieht.

Literatur

  • Kruse, Norbert / Rudolf, Hans Ulrich (Hg.), 900 Jahre Heilig-Blut-Verehrung in Weingarten 1094–1994, 3 Bände, Sigmaringen 1994.

 

Zitierhinweis: Felix Teuchert, Blutritt in Weingarten, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 11.11.2020