Die „Bluttat“ von Weinsberg
von Aaron Bauer
Die Stadt Weinsberg erlangte im Bauernkrieg traurige Berühmtheit und wurde im Frühjahr 1525 gleich zweimal zum Schauplatz gewalttätiger Ereignisse. Als Hauptort des Amtes Weinsberg nahm die Stadt, seit 1504 Teil des Herzogtums Württemberg, als Verwaltungssitz und für die Landesverteidigung eine lokal wichtige Rolle ein. Auf Burg Weinsberg saß zu Beginn des Bauernkriegs der 1524 von der habsburgischen Statthalterregierung eingesetzte Amtmann Ludwig von Helfenstein.
Der Bauernkrieg im Weinsberger Tal
In der Gegend rund um Weinsberg kam es im März 1525 zu ersten Aufständen: Im Bottwartal, im Remstal und im Odenwald schlossen sich die Bauern jeweils zu Haufen zusammen. Die Bauern aus dem Odenwald plünderten am 26. März das Kloster Schöntal, wo sie sich Anfang April mit dem Neckartaler Haufen zusammenschlossen. Anschließend besetzten sie Öhringen und Schloss Neuenstein in der Herrschaft Hohenlohe, wobei die Zahl der Aufständischen auf bis zu 10.000 Bewaffnete anwuchs.
Angesichts dieser Bedrohung bat Ludwig von Helfenstein die Regierung in Stuttgart mehrfach um militärische Unterstützung gegen den Neckartal-Odenwälder Haufen. Auf Burg Weinsberg verfügte er über rund 70 Berittene und einige Knechte, mit denen er jedoch kleinere Scharmützel gegen die Aufständischen für sich entscheiden konnte. Indem er anders als andere württembergische Amtmänner wie etwa Götz von Berlichingen aktiv gegen die Aufständischen vorging, stellte Ludwig von Helfenstein mit seiner Besatzung auf Burg Weinsberg durchaus eine Bedrohung für den Neckartal-Odenwälder Haufen dar.
Am Karfreitag, dem 14. April, zogen die Bauern durch das Weinsberger Tal gegen Neckarsulm und lagen damit in unmittelbarer Nähe zu Weinsberg. Mittels Unterhändlern versuchten sie, die Bewohner Weinsbergs auf ihre Seite zu ziehen. Ludwig von Helfenstein vertrieb die Abgesandten der Bauern, konnte jedoch nicht verhindern, dass die Stimmung in der Stadt gegen ihn kippte. Währenddessen entschlossen sich die Aufständischen unter der Führung des Jäcklein Rohrbach, Weinsberg anzugreifen.
Die Weinsberger Bluttat
Am frühen Morgen des Ostersonntags, dem 16. April, zogen die Aufständischen von Neckarsulm gegen Weinsberg. Wie der Pfarrer Johannes Herolt später festhalten sollte, war den Aufständischen zugetragen worden, dass sich Ludwig von Helfenstein mit dem Großteil der Besatzung von Burg Weinsberg in die Stadt begeben hatte. Dort ermahnte er die Bewohner, „sie sollten keck sein und sich nit an die Baurn ergeben“[1].
In dieser Situation gelang den Bauern der Überraschungsangriff: Sie schnitten Ludwig von Helfenstein und seinem Gefolge den Rückweg zur Burg ab, deren schwache Restbesatzung sie schnell überwinden konnten. Dabei fiel ihnen auch Margarete von Edelsheim mitsamt Kindern in die Hände. Die Burg wurde in Brand gesteckt.
Danach wandten sie sich gegen die Stadt. Laut dem Bericht Johannes Herolts leisteten die Weinsberger den Bauern keinen Widerstand mehr, sondern öffneten ihnen die Tore. Die Adeligen und ihre Knechte konnten von den Aufständischen schnell überwältigt werden, wobei bereits etliche erstochen worden seien. Ein Ritter, Dietrich von Weiler, sei auf den Kirchturm geflohen und habe den Bauern von dort aus Geld für sein Leben angeboten. Er wurde erschossen und seine Leiche vom Turm geworfen.
Am nächsten Morgen, Ostermontag, 17. April, führten die Bauern laut Herolts Bericht die überlebenden Adeligen und Knechte vor das Untere Tor. Auf einem Acker vor Weinsberg richteten sie die insgesamt 24 Gefangenen hin, indem sie sie „durch die Spieße jagten“[2]. Johannes Herolt beschreibt, dass sie sich dazu im Kreis aufstellten, je einer der Gefangenen in der Mitte, und reihum auf ihr Opfer einstachen. Ludwig von Helfenstein soll den Bauern noch „ein Tunen Gelt“[3] angeboten haben, ehe er zu Tode kam. Danach zogen die Bauern nach Heilbronn.
In der Forschung wird die Bluttat von Weinsberg auch als der „revolutionäre Höhepunkt“[4] des Bauernkriegs bezeichnet, da die Ereignisse vom 16./17. April größtmöglicher Ausdruck der gegen die Herrschaft gerichteten Radikalisierung und Gewaltbereitschaft auf Seiten der Aufständischen gewesen seien. Zugleich steht die Bluttat im Kontrast zu dem, was zeitgleich in Oberschwaben geschah, wo der Schwäbische Bund mit den Bauern den Vertrag von Weingarten aushandelte.
Vergeltung der Weinsberger Bluttat
Knapp einen Monat später, nachdem der Schwäbische Bund die Württemberger Bauern am 12. Mai bei Böblingen geschlagen hatte, begann Georg Truchsess von Waldburg – ein Schwager des ermordeten Ludwig von Helfenstein – die Beteiligten an der Weinsberger Bluttat zu bestrafen. So wurde Melchior Nonnenmacher, der sich noch in Sindelfingen zu verstecken versucht hatte, auf grausame Weise hingerichtet. Als das Bundesheer von Böblingen nordwärts durch Württemberg zog, konnte bei Neckargartach Jäcklein Rohrbach aufgegriffen werden. Auch er wurde auf grausame Weise hingerichtet.
Am 21. Mai stand das Bundesheer schließlich vor Weinsberg. Um die Bürger Weinsbergs, die den Aufständischen am 16. April die Tore geöffnet hatten, zu strafen, wurde die Stadt vollständig niedergebrannt und die Mauern geschliffen. Zudem verlor Weinsberg sein Stadtrecht, das es erst 1553 wiedererlangen konnte. Am 17. November 1525 schlossen die Weinsberger einen Vertrag mit Erzherzog Ferdinand, in dem sie sich verpflichteten, „auf ewige Zeiten das Gedächtnis an die Getöteten [der ‚Bluttat‘, Anm. d. Verf.]“[5] wachzuhalten. Die Bevölkerung Weinsbergs bestand zu diesem Zeitpunkt jedoch kaum noch aus Personen, die an der Bluttat einen aktiven Anteil gehabt hatten. Diese waren zum Großteil der „Entstädterung“ Weinsbergs durch den Schwäbischen Bund zum Opfer gefallen.
Heute erinnert ein Gedenkstein am Weinsberger Lindenplatz – dem Ort der Bluttat – an die Ereignisse vom 16./17. April des Jahres 1525.
Anmerkungen
[1] Bericht des Pfarrers Johannes Herolt, S. 335.
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Maurer, Bauernkrieg,S. 284.
[5] Blickle, Bauernjörg, S. 223.
Quellen
- Die Weinsberger Bluttat. Bericht des Pfarrers Johannes Herolt (16. April 1525), in: Quellen zur Geschichte des Bauernkriegs, hg. von Günther Franz, Darmstadt 1963, S. 335 f.
Literatur
- Blickle, Peter, Der Bauernkrieg. Die Revolution des Gemeinen Mannes, München 32006.
- Blickle, Peter, Der Bauernjörg. Feldherr im Bauernkrieg. Georg Truchsess von Waldburg 1488-1531, München 2015.
- Gruber, Hartmut, Ludwig Helferich von Helfenstein und die Bauern von Weinsberg 1525, in: Sie lebten in Geislingen. Kurzbiografien namhafter Geislinger Persönlichkeiten aus neun Jahrhunderten, hg. vom Stadtarchiv Geislingen a. d. Steige, Geislingen a. d. Steige 2016, URL: https://stadtarchiv-geislingen.de/wp-content/uploads/2024/08/16.-Jh.-Ludwig-Helferich-von-Helfenstein.pdf (aufgerufen am: 30.07.2025).
- Joos, Clemens, Perzeption und Reaktion des Adels. Das Beispiel Graf Felix von Werdenberg, Graf Gottfried Werner von Zimmern und Truchsess Wilhelm d. Ä. von Waldburg, in: Akteure des Bauernkriegs im deutschen Südwesten. Motive – Strategien – Kommunikation – Lernerfahrung, hg. von Sabine Holtz u. a., Stuttgart 2025 (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B, Band 239), S. 435-469.
- Maurer, Hans-Martin, Der Bauernkrieg als Massenerhebung. Dynamik einer revolutionären Bewegung, in: Bausteine zur geschichtlichen Landeskunde von Baden-Württemberg, hg. von der Kommission für geschichtliche Landekunde in Baden-Württemberg, Stuttgart 1979, S. 255-295.
Zitierhinweis: Aaron Bauer, Die „Bluttat“ von Weinsberg, in: Bauernkrieg, URL: […], Stand: 07.06.2024.

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