Bauernkriegsgeschichtsschreibung

von Moritz Beeching

Albrecht Dürers Entwurf für eine Bauernsäule, 1525 in seinem Lehrbuch zur Unterweisung der Messung veröffentlicht, ermöglicht verschiedene Interpretationen: als Mahnmal für die Bauern aber auch als Warnung vor den Folgen einer Eskalation. [Quelle: Staatsgalerie Stuttgart, Inv. Nr. B 144,Messung,Jv, gemeinfrei]
Albrecht Dürers Entwurf für eine Bauernsäule, 1525 in seinem Lehrbuch zur Unterweisung der Messung veröffentlicht, ermöglicht verschiedene Interpretationen: als Mahnmal für die Bauern aber auch als Warnung vor den Folgen einer Eskalation. [Quelle: Staatsgalerie Stuttgart, Inv. Nr. B 144,Messung,Jv, gemeinfrei]

Das Bauernkriegsbild vor der Französischen Revolution

Der Bauernkrieg als historisches Ereignis ist bekannt dafür, über die letzten Jahrhunderte in alle möglichen Richtungen interpretiert, wenn nicht sogar instrumentalisiert worden zu sein. Dabei war er die ersten zweieinhalb Jahrhunderte erstmal kein herausragendes Thema. Zeitgenössisch hat sich die Deutung der Sieger durchgesetzt und wurde überliefert. Die Perspektive des gemeinen Mannes als Verlierer der Konflikte ist für die Nachwelt innerhalb der Quellen kaum fassbar zu machen.

Allerdings waren die zeitgenössischen Darstellungen stark vom jeweiligen Ort und der jeweiligen Obrigkeit abhängig, die maßgeblichen Einfluss auf die Erinnerungspolitik nahm. Eine Erinnerungspolitik, welche weitreichende Konsequenzen für die Zeitgenossen mit sich zog: So wurde der Bauernkrieg als Bewährungsprobe gesehen und die Rolle eines Individuums oder eines Ortes bestimmte über eine mögliche Belohnung oder Bestrafung im Nachgang. Es ging um Ehrgewinn und Ehrverlust.

Der zeitgenössischen Bauernkriegsgeschichtsschreibung wohnte eine große gesellschaftliche Macht inne, die sich aus der Erinnerungspolitik der siegreichen Obrigkeit speiste. Viele dieser Texte, die zunächst handschriftlich verfasst waren, wurden später gedruckt und fanden damit auch Verbreitung. Ein erstes Rezeptionshoch lässt sich etwa 100 Jahre nach dem Ereignis während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ausmachen. Anstoß für die intensivere Beschäftigung dürfte die Einstufung des Bauernkriegs als historische Mahnung und der damit verbundene Wunsch nach Frieden in einer kriegerischen und gewaltvollen Zeit gewesen sein.

Danach wurde es ruhig um den Bauernkrieg. Er wurde lediglich als konfessionelles Streitthema fortgeführt. Katholiken und Protestanten stritten sich darum, inwieweit man die Reformatoren, insbesondere Martin Luther, für den Ausbruch des Bauernkriegs verantwortlich machen kann. Insgesamt ist erkennbar, dass der Bauernkrieg mit zunehmendem zeitlichem Abstand zunächst an Bedeutung verlor und er ausschließlich negativ interpretiert wurde.

Deutungen und Auseinandersetzungen in Folge der Aufklärung und der Französischen Revolution

Ende des 18. Jahrhunderts veränderte sich im Geist der Aufklärung die Sicht auf den Bauernkrieg. Das Individuum und damit verbunden die Frage nach den Ursachen rückte ins Zentrum des Interesses, konfessionelle Fragen rückten in den Hintergrund. Ganz im Sinne aufgeklärter Humanität sah man den Bauer als den von despotischen Fürsten unterdrückten Sklaven, der sich zwangsläufig zur Wehr setzen musste. Dabei habe er allerdings die falschen Mittel genutzt und sich von Aufrührern verführen lassen. In den Augen der aufgeklärten Autoren waren der „Aufruhr“ und die „Empörung“ der Bauern Akte wider die Vernunft, weshalb sie zwar Verständnis für die Bauern aufbrachten, dem Bauernkrieg aber keine positive Lesart zuschrieben. Zum Gegenstand expliziter historischer Forschung ist er in der deutschen Aufklärung nicht geworden.

Die erste monographische Beschäftigung mit dem Bauernkrieg von dem Göttinger Gelehrten Friedrich Georg Sartorius kann als Wendepunkt bezeichnet werden. In seinem im Jahr 1795 vorgelegten Werk befasste er sich nicht nur als erster Nicht-Zeitgenosse explizit mit dem Bauernkrieg als eigenem Forschungsgegenstand, sondern verlieh ihm zudem zum ersten Mal eine positive Sinnstiftung. Was Sartorius, wie auch andere Autoren in den Folgejahren, an der Beschäftigung mit dem Bauernkrieg reizte, waren die in Folge der Französischen Revolution 1789 erkannten Parallelen zur eigenen Zeit.

Dies war der Startschuss für eine regelrechte Deutungsschlacht um den Bauernkrieg in den folgenden Jahrzehnten, wobei man drei große Interpretationsrichtungen ausmachen kann: Das von der Französischen Revolution geprägte humanistische Bauernkriegsbild, das liberal-demokratische Bauernkriegsbild des Vormärz sowie die national-konservative Abwehr des neuen Bauernkriegsbildes. Ende des 18. Jahrhunderts war es erstmals zu einer Rehabilitierung der Bauern im humanistisch geprägten Geschichtsbild in der Phase der Wiederentdeckung des Bauernkriegs gekommen. Dieses Bauernkriegsbild wurde liberal-demokratisch weitergeformt und in der Zeit des Vormärz zur Folie für den revolutionären Freiheitskampf von unten. Abgewehrt wurde diese neu aufgekommene Deutung des Bauernkriegs von national-konservativer Seite, welche die Anliegen und den Kampf der aufständischen Bauern delegitimierte und als reaktionäres Ereignis der Geschichte auffasste.

Hinter den Bauernkriegsdeutungen steckten hochpolitische Fragen. Nicht zufällig dürfte das Interesse am Bauernkrieg gegen Ende des 19. Jahrhunderts nachgelassen haben, als die nationale Frage in Deutschland durch die Gründung des deutschen Kaiserreichs gelöst wurde. Danach existierten zwar verschiedene Deutungen des Bauernkriegs nebeneinander, die dominanteste und zugleich dem preußisch-kleindeutschen Staat entsprechende Interpretation war aber die konservativ-ablehnende Bauernkriegsdeutung. An der Dominanz dieser Deutung wurde in den darauffolgenden Jahrzehnten kaum gerüttelt.

Mit dem Aufkommen völkisch-nationalistischen Denkens rückte der Bauernkrieg erst im beginnenden 20. Jahrhundert wieder mehr in den Fokus. Das entsprechende Werk, das bis zum Ende des Jahrhunderts in Westdeutschland als Standardwerk der Bauernkriegsforschung angesehen wurde, verfasste der Historiker Günther Franz in den 1930er-Jahren und gab der Bauernkriegsforschung damit einen neuen Impuls. Der Bauer wurde zum deutschen Freiheitskämpfer stilisiert und der Bauernkrieg als verfehlte national-völkische Revolution interpretiert.

Das Bauernkriegsbild nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg lieferten sich die Bundesrepublik und die DDR einen Deutungskampf um den Bauernkrieg. Es existierten zwei verschiedene Interpretationsrichtungen nebeneinander: Die Bundesrepublik stützte sich grundsätzlich auf den Deutungsansatz von Günther Franz (ohne dessen völkische Einfärbung), während in der DDR auf die sozialistische bzw. marxistische Geschichtsschreibung zum Bauernkrieg gesetzt wurde. Im Sinne des marxistischen Konzepts des Historischen Materialismus stilisierte man den Bauernkrieg zu einem zentralen Ereignis des Klassenkampfs um. Eine Deutung, die mit Friedrich Engels im Jahr 1850 veröffentlichten Werk zum Bauernkrieg ihren Anfang nahm.

Die letzte prägende Bauernkriegsdeutung nahm Peter Blickle im Jahr 1975 zum 450-jährigen Gedenken an den Bauernkrieg vor. Blickle definierte das Ereignis als eine „Revolution des gemeinen Mannes“ und damit als Gegenkonzept zur „frühbürgerlichen Revolution“ des Interpretationsansatzes der marxistischen Geschichtswissenschaft. Laut Blickle handelte es sich bei dem Bauernkrieg um das Bestreben eines auf das Evangelium begründeten revolutionären Umsturzes der kriselnden feudalen Herrschaftsverhältnisse. Eine herrschaftliche und gesellschaftliche Umgestaltung, die nicht nur vom Bauern, sondern vom „gemeinen Mann“ ausgegangen sei. Er bezieht also neben den Bauern breitere Teile der nicht zur Herrschaft befähigten Bevölkerung mit ein.

Seit Blickle hat es keine nennenswerte Neuinterpretation des Bauernkriegs gegeben. Heute werden die Ereignisse um 1525 grundsätzlich als eine Etappe deutscher bzw. europäischer Freiheitsgeschichte verstanden und insbesondere mit den Schlagworten „Freiheit“ und „Gerechtigkeit“ assoziiert. Eine positive geschichtliche Deutung, welche mittlerweile in der Forschung und dem kulturellen Gedächtnis etabliert ist. Streitpotential und politische Sprengkraft hat der Bauernkrieg aktuell nicht (mehr).

Literatur

  • Arnscheidt, Margrit, Wandlungen in der Auffassung des deutschen Bauernkriegs zwischen 1790 und 1848. Ein Beitrag zum Verhältnis von Geschichtsschreibung und Gegenwartsinteresse, Heidelberg 1976.
  • Blickle, Peter, Die Revolution von 1525, München/ Wien 1975.
  • Der deutsche Bauernkrieg, hg. von Peter Blickle und Rudolf Endres, Paderborn u.a. 1995.
  • Franz, Günther, Der deutsche Bauernkrieg, München 1933.
  • Heidenreich, Benjamin, Ein Ereignis ohne Namen? Zu den Vorstellungen des „Bauernkriegs“ von 1525 in den Schriften der „Aufständischen“ und in der zeitgenössischen Geschichtsschreibung, Berlin, Boston 2019.
  • Müller, Laurenz, Diktatur und Revolution. Reformation und Bauernkrieg in der Geschichtsschreibung des „Dritten Reichs“ und der DDR, Stuttgart 2004.
  • Sartorius, Georg, Versuch einer Geschichte des Deutschen Bauernkriegs oder der Empörung in Deutschland zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts, Berlin 1795.
  • Winterhager, Friedrich, Der Bauernkrieg von 1525 in der historischen Literatur. Positionen der Forschung vom Vormärz bis heute, Berlin 1979.

Zitierhinweis: Moritz Beeching, Bauernkriegsgeschichtsschreibung, in: Bauernkrieg, URL: […], Stand: 07.06.2024.

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