Freistett
Dieser Beitrag stammt aus der Studie von Franz Hundsnurscher und Gerhard Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, hg. von der Archivdirektion Stuttgart (Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg 19), Stuttgart 1968.
Die Studie wird hier in der Originalfassung als Volltext zugänglich gemacht und separat bebildert. Inhalte und Sprachgebrauch entsprechen dem Stand von 1968. Weitere Informationen zur Entstehung und Einordnung der Studie finden Sie hier.
Altfreistett gehörte seit dem Ende des 13. Jahrhunderts zur Grafschaft Hanau-Lichtenberg. Mit dem Aussterben des Hauses Hanau-Lichtenberg 1736 ging die Grafschaft in den Besitz der Landgrafen von Hessen-Darmstadt über. 1803 fiel das Dorf Altfreistett mit der Grafschaft an Baden.
Als Handelsplatz für Holz und Kolonialwaren gründete der Straßburger Handels- und Bankherr Daniel Kückh 1739 westlich des Dorfes die Hafenstadt Neufreistett, die sich jedoch als Fehlgründung erwies. 1929 wurden Alt- und Neufreistett vereinigt und 1957 zur Stadt Freistett erhoben.
Im rein protestantischen Dorf Altfreistett waren seit dem 17. Jahrhundert auch vereinzelt Juden ansässig. Neufreistett war von Anfang an konfessionell gemischt, wobei die Juden nicht fehlten. Seit der Neugründung lebten sie fast ausschließlich in der Trabantenstadt, während in Altfreistett nur gelegentlich Juden wohnten. 1766 zählte Neufreistett sieben „starke" jüdische Haushalte, 1825 waren es fünf mit 48 Personen. In Altfreistett wohnte 1825 kein Jude. Die Höchstzahl an jüdischen Einwohnern war in Neufreistett 1887 mit 84 erreicht. Seither ging ihre Zahl ebenso wie die der christlichen Einwohner zurück. 1900 zählte Neufreistett 70 (19,2 Prozent von 364 Einwohnern), 1925 46 (15,0 Prozent von 307). Im vereinigten Dorf waren 1933 von 2712 Einwohnern 33 jüdischer Konfession.
Im 19. Jahrhundert besaßen die Juden in Neufreistett eine eigene Synagoge in der Rheinstraße. Im gleichen Jahrhundert wurde auch ein Friedhof im Gewann Hungerfeld angelegt, den die Juden aus Rheinbischofsheim mitbenutzten. Vorher begrub man die Toten auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim. Seit 1827 gehörte Neufreistett zum Rabbinatsbezirk Bühl. Am 17. Juni 1935 wurden die beiden jüdischen Gemeinden Freistett und Rheinbischofsheim zur Israelitischen Religionsgemeinde Rheinbischofsheim vereinigt, weil jede für sich nach der Zahl ihrer Mitglieder nicht mehr in der Lage war, die Aufgaben einer Gemeinde zu erfüllen. Die Synagoge wurde offenbar bald darauf verkauft.
Die wirtschaftliche Grundlage bot den Juden in Freistett den Handel, vor allem mit Kolonialwaren, Rohtabak und Vieh. 1933 war das Textil- und Konfektionsgeschäft „Neues Kaufhaus", das die Schwestern Jenny und Julchen Hammel führten, das größte Geschäft am Platze. Hermine Hammel betrieb mit ihren Söhnen ein Geschäft mit Gemischtwaren und Textilien. Vier Juden waren kaufmännische Angestellte und zum Teil in Straßburg beschäftigt. Das Verhältnis zu den christlichen Mitbürgern war gut. Der Tabakgroßkaufmann Leo Kahn gehörte über 10 Jahre dem Gemeinderat von Neufreistett an. Von Einzelaktionen der Nationalsozialisten ist nichts bekannt. Der allgemeine wirtschaftliche Boykott zwang auch die Juden in Freistett, 1938 ihre Geschäfte zu schließen. Am 10. November 1938 wurden die jüdischen Männer verhaftet und für kurze Zeit im KZ Dachau festgehalten.
Die Ereignisse der Kristallnacht waren auch für die jüdischen Bürger Freistetts Anstoß zum endgültigen Aufbruch. Waren 1933 nur 5 Juden nach Straßburg ausgewandert, wo sie bereits geschäftliche Beziehungen hatten, so verließen jetzt innerhalb weniger Monate 17 Juden das Land. Von den insgesamt 23 Auswanderern begaben sich 17 nach Frankreich, 3 nach den USA, 2 nach Holland und 1 nach Argentinien. Die Familie Kahn wanderte 1941 von Frankreich nach den USA weiter. Richard Hammel trat bei Kriegsausbruch in Frankreich in die Fremdenlegion ein. Später befand er sich in einem Arbeitslager, von wo aus er zu unbekanntem Zeitpunkt in ein Vernichtungslager im Osten überstellt wurde. Hermine und Selma Hammel, die nach Holland ausgewandert waren, wurden 1942 in das KZ Westerbork eingeliefert und 1943 nach Sobibor verschleppt, wo sie sehr wahrscheinlich ermordet wurden. 5 Personen waren von Freistett nach Offenburg, Karlsruhe und Mannheim umgezogen. 3 von ihnen gelangten über Gurs in das Vernichtungslager Auschwitz. 4 Juden starben nach 1933 noch am Wohnort. Am 22. Oktober 1940 lebte Berta Hammel, die 1938 von Offenburg hierher gezogen war, als einzige Jüdin in Freistett. Sie wurde nach Gurs deportiert und starb 1941 im Lager Rivesaltes in Südfrankreich.
Heute erinnert nur noch der am südlichen Ortsrand liegende Friedhof an die ehemalige israelitische Gemeinde Freistett.
In dieser Studie nachgewiesene Literatur
- Beinert, Johann, Geschichte des badischen Hanauerlandes, 1909.
- Leitz, Alfred, Geschichte der Gemeinden Freistett und Neufreistett bis zum Übergang an das Großherzogtum Baden, 1890.
- Metz, Friedrich, Kehl und das Hanauerland, 1931.
Zitierhinweis: Hundsnurscher, Franz/Taddey, Gerhard: Die jüdischen Gemeinden in Baden, Stuttgart 1968, Beitrag zu Freistett, veröffentlicht in: Jüdisches Leben im Südwesten, URL: […], Stand: 20.12.2022
Lektüretipps für die weitere Recherche
- Als in Deutschland die Synagogen brannten. Eine Dokumentation zu den Ereignissen in der „Reichskristallnacht“ in den Gemeinden des Hanauerlandes, hg. von Friedrich Peter, 2. Auflage, 1989.
- Hahn, Joachim/Krüger, Jürgen, „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...“. Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen, hg. von Rüdiger Schmidt (Badische Landesbibliothek, Karlsruhe) und Meier Schwarz (Synagogue Memorial, Jerusalem), Stuttgart 2007.
- Hauß, Britta/Schäfer, Tanja, Der Judenfriedhof in Freistett. Arbeit der 10. Klasse der Realschule Freistett im Rahmen des Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte, 1992/93.
- Hirschberg, Gerd, Die Geschichte der jüdischen Gemeinden Neufreistett und Rheinbischofsheim. Ein Erinnerungs- und Materialbuch, Freistett 2015.
- Hirschberg, Gerd, Von Rheinau über Gurs nach Auschwitz. Stationen der Vernichtung der jüdischen Gemeinden Neufreistett und Rheinbischofsheim, in: Ortenau 80 (2000), S. 237-250.
- Württemberg - Hohenzollern – Baden (Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust), hg. von Joseph Walk, Yad Vashem/Jerusalem 1986, S. 443-444.

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