Anleitung für Lehrkräfte
von Marion Bodemann
Da unter den Nationalsozialisten Sondergerichte reichsweit eingerichtet worden waren, somit vielerorts auf Aktenmaterial zurückgegriffen werden kann, kann oft wohnortnah mithilfe dieser Gerichtsakten ein Beitrag zur Vermittlung der nationalsozialistischen Diktatur geleistet werden. Die Fälle ermöglichen Einblicke in die Funktionsweise des NS-Staates vor Ort, zeigen sie doch, dass und wie das Verständnis staatlicher Gewalt in Kombination mit der NS-Ideologie gezielt genutzt wird, um das Zusammenleben der Menschen bis in die Nachbarschaft und die Familie hinein im Interesse der Nationalsozialisten zu beeinflussen. Dabei sind die Akten der NS-Sondergerichte, die vor Ort eng mit der Gestapo zusammenarbeiteten, eine Möglichkeit, ausgehend von authentischem Material lokal die Mechanismen von „Denunziation, Repression und Verfolgung“ zu untersuchen, die einen aus rassistischen Gründen Verfolgten genauso treffen konnten wie die Nachbarin, die sich kritisch über die aktuelle Versorgungslage äußerte oder Tabakwaren verschoben hatte. Allerdings machen die Verfahrensunterlagen unmissverständlich deutlich, dass die Menschen ideologisch kategorisiert, nicht selten bereits vorverurteilt und nach heutigem Rechtsverständnis unverhältnismäßig bestraft wurden.
Um die Beschäftigung mit den NS-Sondergerichtsakten anzuregen und zu unterstützen, verweisen wir zum einen auf das Projekt „Denunziation – Repression – Verfolgung: Politischer Dissens und Alltagskriminalität vor den nationalsozialistischen Sondergerichten“ und zum anderen auf die wissenschaftliche Einführung unter Historischer Hintergrund. Darüber hinaus liefert ein Glossar Erklärungen für zahlreiche Begriffe, mit denen man bei der Beschäftigung mit den NS-Sondergerichtsakten konfrontiert wird. In ähnlicher Weise unterstützt auch der E-Guide das Verständnis der juristischen Dokumente. Unter NS-Ideologie erkennen wird ein sensibler Umgang mit der ideologisierten Sprache der Sondergerichtsakten angemahnt. Eine Vorbereitung des Aktenstudiums durch die Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Weltanschauung sowie der Errichtung und zentralen Mechanismen der NS-Diktatur ist daher naheliegend.
Es sei an dieser Stelle auch auf einen im Rahmen des Projekts bespielten Instagram-Kanal (@ns_sondergericht_mannheim) hingewiesen. Dort informieren kurze Videosequenzen über die Errichtung und Funktionsweise der nationalsozialistischen Sondergerichte als wichtiger Baustein der NS-Diktatur. Zudem vermitteln ausgewählte Fälle aus dem Aktenbestand einen Eindruck von den Delikten, die vor dem Mannheimer und des Freiburger Sondergericht verhandelt wurden. Diese Posts lassen sich mannigfaltig für die Auseinandersetzung mit der NS-Justiz nutzen.
Informationen, Materialien und Anregungen, sich mit der NS-Diktatur auf Grundlage der NS-Sondergerichtsakten zu beschäftigen finden sich auch im Reader. Dort werden mit einem Workshop und einem Seminarkurs zwei in Umfang und Zielsetzung unterschiedliche Vermittlungsformate ausführlich vorgestellt.
Um nun eine oder mehrere Akten für eine eingehendere Beschäftigung auszuwählen, finden sich unter Fälle verschiedenen Optionen. So kann zum Beispiel per Kartensuche nach regionalen Gesichtspunkten, aber auch nach Delikt oder Verfolgungsgruppen eine Dokumentauswahl getroffen werden. Für eine angeleitete wie eigenständige Erschließung der Akten ist die Schritt-für-Schritt-Anleitung unter Akten lesen üben in Kombination mit Aktenbestandteile verstehen sehr hilfreich.
Hat man einen Fall ausgewählt, so sind in einer tabellarisch angelegten Fallbeschreibung die wesentlichen Informationen unter den Aspekten Ermittlungen, Gerichtsverfahren und Strafvollzug zusammengestellt und bieten somit eine erste Orientierung. Außerdem befinden sich in der Regel zwei weitere Scans in der Bildleiste, die aus einer sogenannten Arbeits-PDF und einem Bild von einer weiteren Seite aus der Akte bestehen. Erstere bietet mit dem Urteil den Teil einer NS-Sondergerichtsakte, der am besten geeignet ist, um mit dem Fall vertraut zu werden. Das Bild von einer weiteren Seite aus der Akte dient vor allem dazu, einen optischen Eindruck der Akte zu vermitteln. Angaben zu der oder dem Angeklagten befinden sich unter der Bildleiste. An deren Ende unter „Literatur + Links“ führt ein entsprechender Link zur vollständig digitalisierten Akte; dieser Link findet sich auch auf der Fallbeschreibungsseite.
Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, über das Online-Findmittel des Landesarchivs Baden-Württemberg weitere Sondergerichtsfälle zu recherchieren, von denen etliche vollständig digitalisiert sind. Und auch ein Besuch im Generallandesarchiv Karlsruhe oder dem Staatsarchiv Freiburg, in denen die Bestände der beiden Sondergerichte liegen, ist nach Anmeldung möglich und zu empfehlen, eröffnet er die Chance, junge Menschen mit den Originalen in Berührung zu bringen und für historisches Forschen zu begeistern. Dazu laden die Sondergerichtsakten in besonderer Weise ein, weil ein jeder Fall am Schicksal eines einzelnen Menschen die Mechanismen und Auswirkungen eines Rechtsystems vorführt, das die eigene Weltanschauung über die heute im Grundgesetz abgesicherten Menschenrechte stellt, die fundamental für einen Rechtsstaat und das Zusammenleben in einer Demokratie sind.

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