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Mehr Gehalt, mehr Urlaub und mehr PS

Reiselust und Wirtschaftswunder 

Familienausflug ins Albtal 1958, im Vordergrund ein VW Käfer mit geöffneter Fronthaube. Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe, Bildarchiv Schlesiger A 5 42/6/62.

Familienausflug ins Albtal 1958, im Vordergrund ein VW Käfer mit geöffneter Fronthaube. Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe, Bildarchiv Schlesiger A 5 42/6/62.

Der wirtschaftliche Aufschwung in den 1950er Jahren veränderte das Urlaubsverhalten auch im Südwesten. Während die Älteren deutschsprachige Gegenden bevorzugten, zog es die Jüngeren in Ziele jenseits der Alpen. „Do git‘s so Verruckte, dia gond bis an’d Adria“, hieß es. Klassische Reiseländer wie Italien waren vom Südwesten aus gut zu erreichen. Busunternehmen boten Komplettpakete für Gardasee, Lago Maggiore oder gar Venedig. Andere nutzten eigene Fortbewegungsmittel und verbrachten den Urlaub preisgünstig im Zelt. Ein mehrheitlich männliches Publikum kaufte und lenkte motorisierte Vehikel wie Motorrad, Roller und zunehmend Pkws. Die Gefährte wurden schon mal umgebaut, damit Campingausrüstung, die komplette Familie oder beides befördert werden konnte. Einfallsreichtum war gefragt. Bis heute zirkulieren Geschichten, etwa um den beliebten VW Käfer und seinen begrenzten Stauraum unter der Fronthaube. Sitze wurden entfernt und durch Koffer respektive Zeltplanen ersetzt, spezielle Gepäckträger konstruiert und umgerüstet – sicher nicht TÜV-gemäß und haarsträubend nach heute geltenden Maßstäben. War alles verstaut, wartete die nächste Herausforderung: Enge Straßen, steile Anstiege und Serpentinen trafen auf die damalige Technik. Kochende Kühler und andere Pannen waren an der Tagesordnung. Es soll vorgekommen sein, dass Teilstücke von Alpenpässen im Rückwärtsgang bewältigt wurden, etwa mit dem 2CV.

Das Angebot wuchs rasant. Ab Mitte der 1950er Jahre offerierte LTU in Deutschland Charterflüge, die Anfang der 1960er Jahre als Pauschalreisen für die breite Masse erschwinglich wurden. Hier brachten sich auch die Stuttgarter Hetzel-Reisen ins Spiel, ursprünglich eine Gesellschaft für Studien- und Fernreisen per Bahn. 1963 startete die erste „Kurzflugreise“ nach Barcelona. Neue Urlaubsländer wurden erschlossen, wie bei allen Veranstaltern. Auf Spanien und Italien folgten Griechenland und in die Türkei, schließlich Ägypten. Hetzel stand für Qualität, Verlässlichkeit und nahm einen festen Platz im Reigen des erfolgreichen südwestdeutschen Mittelstands ein. 1996 ging Hetzel-Reisen in Konkurs. Umbau und teilweise Schließung des Stuttgarter Flughafens, dem Kern des Hetzel-Einzugsgebiets, hatten dem Unternehmen zugesetzt. Doch nicht nur diese Insolvenz markiert einen Bruch mit den Verhältnissen der Nachkriegsjahre. Die sprichwörtliche, jahrzehntelang ungebrochene Lust der Deutschen am Reisen wurde durch eine schwächelnde Konjunktur und deprimierende Arbeitslosenzahlen getrübt. Dazu kamen Terror in den Zielländern sowie Unglücksfälle. Gleichzeitig einsetzende Veränderungen wie Liberalisierung und Deregulierung führten zum Aufbrechen fester Strukturen, dem kleinere Unternehmen mit Stammkundschaft zum Opfer fielen. Gegen Ende des Jahrhunderts überschwemmten Last-Minute-Angebote den Markt. Das aufkommende Internet begann den Reisebüros Konkurrenz zu machen.

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