Rastatt, Piaristen
| Kurzbeschreibung: | 1715 Gründung – 1762 Sitz der rheinischen oder rheinisch-schwäbischen Vizeprovinz bzw. Provinz (1776) – 1771 Piaristengymnasium – 1808 Aufhebung Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Speyer, Archidiakonat des Stiftspropstes von St. German und Moritz, Landkapitel Gernsbach |
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| Beschreibung: | Name: collegium [patrum piarum scholarum] (1715)1 GeschichteIm Jahre 1705 verlegte Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1677–1707) seine Residenz nach Rastatt, dessen Um- und Ausbau er vorantrieb. Aber er verstarb früh, und so übernahm seine Witwe Sibylla Augusta, eine geborene Herzogin von Lauenburg, die Regierung. In der böhmischen Herrschaft Schlackenwerth, ihrer Heimat, hatte sie die Patres Piarum Scholarum kennen und schätzen gelernt, ja war sogar selber von ihnen erzogen worden; nun holte sie sie an den Rastatter Hof: als Hofkapläne, Prinzenerzieher und Prediger. Bald dachte sie daran, ihnen auch die Schule anzuvertrauen, die sie in der aufblühenden Stadt gründen wollte. Und so kam es, nach längeren Verhandlungen, am 22. Juni 1715 zur sogenannten Fundatio Rastadiensis. In ihr verpflichtete sich die Markgräfin, für den Unterhalt von erst sechs Patres aus Wien, Nikolsburg und Schlackenwerth, dann – nach erfolgtem Klosterbau – zwölf Patres aufzukommen, die dafür verschiedene geistliche und gottesdienstliche Aufgaben übernehmen sollten; vor allem aber oblag es ihnen, die jugend in denen humanioribus, music, schreib- und rechenkunst fleissig zu instruiren, und sobald der vorhabende closter bau in seinen standt zu bewohnen sein wirdt, ein, oder höchstens zwey jahr darnach, die gantze philosophiam zu tradiren; aber auch, die jugend zu aller gottesfurcht, andacht und auferbaulichkeit […] anzuweißen und ihr mit einem exemplarisch-geistlichen lebens-wandel vorzuleuchten.2 Es gab einige anfängliche Schwierigkeiten, die mit der Verzögerung des versprochenen Baus, der knappen finanziellen Ausstattung, der großen Entfernung vom Mutterhaus in Nikolsburg (Mähren) und dem Rücktritt der regierenden Markgräfin zusammenhingen. Die Piaristen sahen sich sogar genötigt, Rastatt vorübergehend zu verlassen. Aber schließlich gab Ludwig Georg, der Sohn und Nachfolger der Markgräfin, am 2. November 1736 der Stiftung eine neue, festere Form.3 1747 stand das Kollegiengebäude fertig da. Ihm gerade gegenüber lag die Schloss- und Hofpfarrkirche zum Heiligen Kreuz, die den Piaristen zu pflegung des gewöhnlichen und deren instituto gemäßen gottesdiensts […] eigenthumblich überlaßen wurde.4 Die Piaristen waren nicht nur Lehrer, sondern vielfach auch Gelehrte; sie schrieben Bücher, die etwa in Wien, Prag, Brünn, Znaim, Olmütz, Leitomischl und Nikolsburg gedruckt wurden und durch sie nach Rastatt kamen, wo sie noch erhalten sind.5 Auch pflegten sie das Schauspiel; deshalb gab es im Kollegiengebäude einen eigenen Komödiensaal. Anlässe zu Aufführungen fanden sich leicht: geistliche, aber auch weltliche wie die vielen Feste am markgräflichen Hof. Die Schule gedieh, und so auch der Orden, der sie betrieb; nicht wenige Schüler traten als Novizen ein. Doch als die badische Regierung das Noviziat um 1800 schloss, war der Anfang vom Ende gekommen. Im April des Jahres 1808 lebten nur noch acht Patres, von denen zwei schon über 70 Jahre alt und nicht mehr arbeitsfähig waren. Schon am 30. Mai desselben Jahres ordnete die Regierung die Aufhebung der Schule an, d. h. ihre Zusammenlegung mit dem Lyzeum von Baden-Baden, das aus dem Kolleg der dortigen →Jesuiten hervorgegangen war. Die Piaristen gingen auseinander oder in Pension. Der letzte Provinzial, Vitalis Balthas, starb 1815, genau ein Jahrhundert nach der Gründung des Kollegs.6 Einzelne Archivalien aus dem Rastatter Piaristenkolleg befinden sich im Generallandesarchiv in Karlsruhe sowie in der Historischen Bibliothek der Stadt Rastatt. Die Bibliothek der Piaristen wurde mit der des Baden-Badener Kollegs vereinigt und ist in der Historischen Bibliothek der Stadt Rastatt aufgegangen. Bau- und KunstgeschichteDas Kollegiengebäude (heute Lyzeumstraße 11) liegt unmittelbar westlich der Rastatter Residenz. Die heute noch erhaltene Anlage erstreckt sich in nordöstlicher Richtung. In den Bau war kein eigener Sakralraum integriert, die Piaristen durften die südöstlich gegenüber gelegene Schlosskirche Hl. Kreuz nutzen. Im Nordosten schließt der repräsentative Schlossgarten an. Dort lag die Lorettokapelle (Abbruch im 19. Jahrhundert), deren Wallfahrt von den Piaristen betreut wurde. 1736 wurde den Piaristen das ehemalige Hofpfarrhaus, ein fünfachsiger, zweigeschossiger Barockbau mit Walmdach zur Verfügung gestellt. Zeitgenössische Pläne belegen im Erdgeschoss eine Küche, Speisekammer, Refektorium, vier Zellen und Abortanlagen sowie sechs Zellen und einen Bibliotheksraum im Obergeschoss.7 Der Konventsbau war mit einer repräsentativen Gartenanlage ausgestattet und besaß straßenseitig eine prunkvolle Zufahrt. Ab 1747 wurde unter der Leitung von Johann Peter Ernst Rohrer der fünfachsige Bau beidseitig um jeweils drei Achsen in der Flucht verlängert. Dieser rechteckige Baukörper wurde zugleich an beiden Schmalseiten durch zwei zwölfachsige Flügel erweitert, die der Anlage einen H-förmigen Grundriss verliehen. Die einheitliche Fassadengestaltung durch Pilaster und verkröpfte Fensterbrüstungen bezog das ehemalige Pfarrhaus optisch in die Gesamtplanung ein. Die bauliche Erweiterung erlaubte nicht nur die Aufnahme einer größeren Anzahl von Konventsmitgliedern und Personal, sondern diente erstrangig der Aufnahme der Schulräume. In der Kunsthalle Karlsruhe befinden sich vier Gemälde berühmter, lehrender Piaristenpatres von Heinrich Lihl, die aus dem Rastatter Kolleg stammen. Nach Aufhebung des Konvents 1808 wird der Bau bis heute in seiner Funktion als Schule weitergenutzt. In einigen Räumen des ersten Obergeschosses haben sich bis heute Reste des Bandelwerkstucks erhalten. BibliographieHandbücher und Lexika: KB Rastatt Bd. 2, S. 382 (Kurt Andermann); kloester-bw, Piaristenkolleg Rastatt (Kurt Andermann); SKHB, S. 496–499 (Johannes Werner). Literatur: Grosskinsky 1967; Werner 2005 (a); Heid 2007. Anmerkungen |
| Objekttyp: | Konvent |
| Personenbezüge: |
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Literatur + Links
| Weiterführende Links: |
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