Pforzheim, Kollegiatstift St. Michael 

Kurzbeschreibung:

1460 Umwandlung der Pfarrkirche in ein Kollegiatstift – um 1470 Chorneubau – in den 1550er Jahren sukzessive Auflösung – 1555 Einzug der Dekanswürde

Patrozinium: Michael
Kirchliche Zugehörigkeit: Bistum Speyer, Archidiakonat des Stiftspropstes bei St. Guido, Landkapitel Pforzheim

Ortsbezüge:
Ordensregel:
  • Kollegiatstift St. Michael 1460-1555
Beschreibung:

Name: dechen und capittel des stiffts zu sante Michel in der statd zu Phortzheym (1471);1 dechan und capittel des stiffts zuo Pfortzheim (1479);2 ecclesie collegiate sancti Michaelis in Pfortzheim (1507)3

Geschichte

Im Rahmen seiner Bemühungen um den Ausbau Pforzheims als Residenzstadt plante Markgraf Karl I. von Baden (1453–1475), dort eine Universität zu gründen, zu deren finanzieller Ausstattung ein Kollegiatstift dienen sollte. Auf eine entsprechende Supplik des Markgrafen hin stimmte Papst Pius II. (1458– 1464) am 29. November 1459 der Umwandlung der bestehenden Pfarrkirche St. Michael, die unmittelbar südlich des markgräflichen Schlosses lag und seit dem frühen 15. Jahrhundert durch eine neue Mauer in den Schlossbezirk einbezogen war, in ein Kollegiatstift zu,4 was im Herbst 1460 von den päpstlichen Exekutoren vollzogen wurde. Die Vorgänge ordnen sich in eine Reihe markgräflicher Stiftsgründungen ein: Während das Stift in →(Baden-)Baden noch Karls Vater Jakob I. (1431–1453) fundiert hatte, ließ Karl I. selbst 1459/60 auch die Pfarrkirche in →Ettlingen zum Kollegiatstift erheben, wohl auch dies mit Blick auf die zukünftige Universität. Diese Universitätspläne indes sollten sich in den folgenden Jahren zerschlagen, was auch in der 1463 erzwungenen Lehnsauftragung der Stadt Pforzheim an Kurpfalz infolge der Niederlage bei Seckenheim (1462) begründet gewesen sein dürfte.

Am 5. November 1460 wurden mit markgräflichem Einverständnis die Statuten des Stifts erlassen.5 Vorgesehen war, dass dem Kapitel neben dem Dekan elf Kanoniker und zwölf Vikare angehören sollten. Da im Stift die Altarbenefizien aufgingen, die an der Pfarrkirche in erheblicher Zahl bestanden, verfügten die Markgrafen zunächst – mit Ausnahme des Dekans – nicht über die Kollatur dieser Pfründen. In der folgenden Zeit gelang es ihnen jedoch überwiegend, die Präsentationsrechte zu erlangen. 1506 stiftete Markgraf Christoph I. (1475–1515, † 1527) die Propstei, 1520 kam noch die Kantorei hinzu. Über weitere Dignitäten wie Kustos oder Scholaster verfügte das Stift nicht.

In der personellen Zusammensetzung des Kapitels zeigte sich nur teilweise der unmittelbare Einfluss der Markgrafen (ganz besonders bei den Pröpsten). Geprägt war das Stift vor allem von der engen Verflechtung mit den führenden Familien der Stadt Pforzheim, auch nach dem Erwerb der meisten Präsentationsrechte seitens der Markgrafen. Dementsprechend eng war der geographische Einzugsbereich: Die weitaus meisten Stiftsherren stammten aus Pforzheim selbst oder aus der näheren Umgebung.

Eine formale Auflösung des Stifts im Zusammenhang mit der Reformation lässt sich nicht nachweisen. Stattdessen verzichtete der seit 1553 regierende Markgraf Karl II. (1553–1577) darauf, Nachfolger auf freiwerdende Kanonikate zu präsentieren, und zog 1555 auch das Dekanat ein. 1559 gab es nur noch zwei Stiftsherren. Statt St. Michael diente ab 1556 St. Stephan, die Kirche des aufgehobenen →Dominikanerklosters, als Pfarrkirche. Zwischen 1635 und 1648 wurde das Michaelsstift infolge des Restitutionsedikts vorübergehend wiederhergestellt.

Neben dem Vermögen der älteren Altarpfründen umfasste die Dotation des Stifts, die Karl I. zur Verfügung stellte, rund 12.000 Gulden, größtenteils angelegt in Kapitalzinsen. Die dem Stift insgesamt zustehenden Gülten entsprachen 1559 einem Kapitalwert von gut 14.000 Gulden. Hinzu kamen Naturaleinkünfte von drei Höfen in Eutingen, Niefern und Göbrichen sowie Fruchtgülten aus Zehntanteilen in mehreren Orten. Die grundherrschaftlichen Einkünfte blieben damit gering.

Mit dem Stift verbunden war auch nach 1460 die Pfarrei (Plebanie), deren Patronat beim Kloster →Lichtenthal lag. Die Heiligenpfleger, welche die Kirchenfabrik der Pfarrei kontrollierten, entstammten üblicherweise den sozialen Führungsgruppen der Stadt. 1479 entschied Markgraf Christoph I. zwischen dem Stift einerseits, Schultheiß, Gericht, Rat und Gemeinde zu Pforzheim andererseits in Auseinandersetzungen um das Fabrikvermögen und die Kompetenzen der Heiligenpfleger.6

Die Stiftsstatuten von 1460 sahen die Besoldung eines Schulmeisters vor. Verbindungen des Stifts mit der dem Pforzheimer Rat unterstehenden Lateinschule sind unsicher, allein für Kaspar Gleser (1510–1518 Kanoniker) ist belegt, dass er von 1512 bis 1514/15 Lehrer an jener Einrichtung war. Hervorzuheben sind außerdem Ansätze zur Musikpflege an der Stiftskirche: Die Statuten sahen eine aus vier Chorschülern bestehende Schola vor, und ab 1521 sind mit den Vikaren Jakob Böringer und Leonhard Kleber Organisten nachweisbar. Kleber, der auch Unterricht erteilte, schloss in Pforzheim 1524 sein Orgeltabulaturbuch ab.

1522 vermachte Johannes Reuchlin die Graeca und Hebraeica seiner Sammlung dem Michaelsstift, die dort auch fremden Benutzern zugänglich gemacht werden sollten. Als Markgraf Karl II. seine Residenz 1565 nach Durlach verlegte, wurde auch die Bibliothek Reuchlins dorthin verbracht. Im Dreißigjährigen Krieg gingen Teile verloren, Reste befinden sich heute in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. Darüber hinaus sind wir über die Stiftsbibliothek, der beispielsweise der Kanoniker Dietrich Wyler um 1530 seine lateinischen Bücher vermachte,7 kaum näher informiert. Einzelne Urkunden des Stifts sind im Generallandesarchiv in den Beständen der Markgrafen von Baden-Durlach (Best. 38) überliefert.

Bau- und Kunstgeschichte

Die Michaelskirche gehörte zur markgräflichen Schlossanlage auf dem Michaelsberg und wurde zunächst als Schlosskapelle, später auch als Pfarrkirche der Stadt genutzt. Ein romanischer Westbau, früh- und hochgotische Bauphasen im Langhaus und an den Ostteilen zeugen von einer wechselvollen Baugeschichte schon vor der Zeit als Stiftskirche.

Im Zuge der Stiftsgründung erhielt die Kirche um 1460/70 einen großen, spätgotischen Stiftschor durch den markgräflichen Baumeister Hans Spryß von Zaberfeld. Der Stiftschor ersetzte einen schmaleren, gotischen Altarraum. Er ist einschiffig und schließt nach drei Jochen mit einem 5/8-Polygon im Osten. Strebepfeiler und ein hohes Dach charakterisieren den Bau von außen, spätgotische Maßwerkfenster und ein auf Konsolen abgekragtes Netzgewölbe im Inneren. Der östlichste Schlussstein zeigt ein Baumeisterbild mit Wappen und Meisterzeichen. Ein bauzeitlicher Lettner trennt ihn vom Langhaus.

Zum Neubau gehörte ein dreigeschossiger Anbau im Süden, der Räume für Sakristei, Archiv und Stiftsbibliothek bereitstellte, das Untergeschoss diente wohl zunächst als Karner. Das Obergeschoss nahm später die Bibliothek des Pforzheimer Humanisten Johannes Reuchlin auf.

Die Stiftsgebäude bestanden im Süden der Anlage auf dem Michaelsberg. Keines davon ist erhalten. Überliefert sind ein Präsenzhaus, ein sogenanntes »Großes Stiftsherrenhaus«, Pfründhäuser und ein Speicher.

Die mit dem Neubau angeschaffte Ausstattung – Chorgestühl, Sakramentshaus, Hochaltar-Retabel – wurde wohl bald nach 1556 mit der Reformation entfernt. Nach der Aufhebung des Stifts in den 1550er Jahren bestand die seit 1535 eingerichtete badisch-ernestinische Grablege (später Baden-Durlach) im Chor der Michaelskirche bis 1832 weiter. Sie wurde im 17. Jahrhundert durch zwei Grüfte nördlich und südlich des Chors erweitert. Kunsthistorisch bedeutsam ist die Grabtumba von Markgraf Ernst von Baden-Durlach (1533–1553) und seiner Gattin Ursula von Rosenfeld († 1538).

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Michaelskirche schwer beschädigt. Das Dachwerk und die Gewölbe wurden zerstört, ebenso der Anbau. Durch eine Ummantelung mit Backstein konnten die Mauern des Chors und die darin aufgestellten Grabmäler und Epitaphe erhalten werden. Nach 1945 wurde das Langhaus wiederaufgebaut. Der Stiftschor erhielt ein neues Dach, sein spätgotisches Gewölbe wurde rekonstruiert.

Bibliographie

Quellen: Korth 1899.

Handbücher und Lexika: Denkmaltopographie Pforzheim, S. 199–236 (Christoph Timm); Dehio, Baden-Württemberg Bd. 1, S. 622–625 (Karin Stober); DI 57 (Anneliese Seeliger-Zeiss); KDM Bd. 9,6, S. 273 f. (Emil Lacroix/Peter Hirschfeld/Wilhelm Paeseler); kloester-bw, Kollegiatstift St. Michael Pforzheim (Sven Rabeler); SKHB, S. 482–486 (Sven Rabeler).

Literatur: Pflüger 1862; Brosius 1972; Fouquet 1983; Haag/Bräuning 2001; Klein 2016; Rabeler 2017.

Anmerkungen

  • 1 GLA 38 Nr. 448.
  • 2 GLA 38 Nr. 3218.
  • 3 GLA 38 Nr. 451.
  • 4 Göller 1932, S. 24 5-247; UB Bischöfe Speyer II, Nr. 159 S. 29 5-297.
  • 5 GLA 67 Nr. 152, fol. 13 r-21 v (Abschrift).
  • 6 GLA 38 Nr. 3218.
  • 7 Korth 1899, Nr. 11 S. 43
Objekttyp: Konvent
Personenbezüge:
  • Sven Rabeler [Autor]
  • Nadja Lang [Autor]
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