Benediktinerpropstei St. Stephan auf dem Heiligenberg 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1090 [1090]
Zerstörung/Aufhebung: 1556 [um 1556]
Beschreibung: Die Geschichte von St. Stephan auf dem Heiligenberg bei Heidelberg zerfällt in zwei Phasen, die sich aus seiner Stellung als Lorscher Tochterkloster ergeben: Ausbau durch die Benediktiner (Ende 11. bis Mitte 13. Jh.) und weitere Nutzung und Umbau durch die Prämonstratenser (Mitte 13. bis Mitte 16. Jh.). Die archäologische Erforschung des Klosters stand stets im Schatten des nahe gelegenen und deutlich größeren St. Michael: Lange Zeit nur ein mit Sträuchern bewachsener Hügel, ist die Baugeschichte von St. Stephan durch die Untersuchungen der Jahre 1932 und 1995 heute recht gut bekannt. Der Aussichtsturm, der sich bei den Ruinen des ehemaligen Klosters befindet, wurde im Jahr 1885/86 teilweise aus dessen Steinen errichtet, weist ansonsten aber keinen Bezug zur ursprünglichen Anlage auf. Die Benediktinerpropstei St. Stephan, gelegen auf der vorderen Kuppe des Aberinsberges (heute: Heiligenberg), geht zurück auf die Gründung eines Benediktiners Arnold im Jahr 1090. Der ursprüngliche Grundbesitz in Handschuhsheim wurde vier Jahre später vom Lorscher Abt Anselm deutlich erweitert und umfasste nun neben dem südlichen Teil des Berges auch Streubesitz im Lobdengau. Mit Geldern von nicht zurückgekehrten Kreuzfahrern wurde die Kapelle zu einem Kloster ausgebaut, das für zehn Mönche ausreichend Platz bot. Weitere Förderung erfuhr das Kloster durch einen Ritter Namens Ricfried und dessen Frau Hazecha, deren Grabplatte sich (heute in Kopie) im einstigen Eingangsbereich der Kirche befindet. Erster Vorsteher wurde der Gründer Arnold, und auch Abt Anselm von Lorsch wurde nach seinem Tod (1102) in St. Stephan beigesetzt. Das Kloster hatte ebenso wie das nicht weit entfernte, zwei Jahrhunderte ältere St. Michael den Rang einer Propstei. Als zweiter Patron könnte bereits wenige Jahre nach der Gründung St. Laurentius hinzugekommen sein, sichere Zeugnisse stammen aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Kaiser Heinrich IV. nahm 1103 die Propstei in seinen Schutz, 1179 wurde sie von Papst Alexander III. dem Mutterkloster Lorsch bestätigt. Um die Mitte des 13. Jhs. wurde St. Stephan von den größeren politischen Umwälzungen erfasst, als die Benediktiner aus Lorsch vertrieben und durch Prämonstratenser aus Allerheiligen im Schwarzwald ersetzt wurden. Spätestens 1266 war dieser Wechsel auch auf dem Heiligenberg vollzogen. Die beiden ehemaligen Propsteien St. Stephan und St. Michael wurden zu einer Schaffnerei zusammengefasst und vom "Lorscher Hof" in Handschuhsheim aus verwaltet. Als die Prämonstratenser auf den Heiligenberg kamen, fanden sie mit St. Stephan eine Kirche vor, deren Grundrisstyp bereits zur Entstehungszeit altertümlich angemutet haben muss: ein kurzes dreischiffiges Langhaus mit einem integrierten Westquerschiff von gleicher Weite sowie ein größeres östliches Querschiff mit einer auffallend großen Mittelapsis. Später wurde der Bau um eine geräumige Vorhalle sowie (zeitweise) um zwei Nebenapsiden ergänzt. Die genaue Gestaltung des angrenzenden Konventgebäudes ist unsicher: Möglicherweise wurde erst unter den Prämonstratensern (um 1400) ein zweiflügeliger Anbau zu einer Klausur mit Kreuzgang umgestaltet. Auch für die zweite Hälfte des 15. Jhs. ist eine fortgesetzte Bautätigkeit im Innen- und Außenbereich zu beobachten, die den klösterlichen Charakter der Anlage jedoch nicht veränderte. Als 1556 alle Klöster in der Kurpfalz aufgehoben wurden, war St. Stephan bereits seit mehreren Jahrzehnten nicht oder nur noch spärlich bewohnt gewesen. Das Klosterleben erlosch mehr und mehr, bis schließlich nur noch ein einzelner Mönch oder Laienbruder vor Ort über Besitz und Ansprüche des einstmals so mächtigen Klosters Lorsch wachte. In der Folgezeit als Steinbruch verwendet, blieben schließlich nur Ruinen übrig. Erst 1932 wurde der Grundriss des Klosters freigelegt und die Mauern auf bis zu eineinhalb Meter Höhe wieder hergestellt.
Autor: ANDREAS BÜTTNER
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Benediktiner 1090-um 1266
  • Prämonstratenser um 1266-1556
Sonstiges: Bistum: Worms, ab 1821 Freiburg
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=191

Adresse Heidelberg

Literatur:
  • Die Kunstdenkmäler des Amtsbezirks Heidelberg (Kreis Heidelberg). Bearb. v. A. von Oechelhäuser. (Die Kunstdenkmäler des Großherzogthums Baden Bd. VIII/2). Tübingen 1913., 525f.
    M. Huffschmid: Zur Geschichte der Kirchen und Klöster auf dem Heiligenberg. In: Neues Archiv für die Geschichte der Stadt Heidelberg und der rheinischen Pfalz 8 (1910), 156-174; 12 (1920), 91-128.
    Germania Benedictina, Bd. V: Die Benediktinerklöster in Baden-Württemberg. Bearb. v. F. Quarthal. Augsburg 1975., 269-273 (M. SCHAAB).
    W. VON MOERS-MESSMER: Der Heiligenberg bei Heidelberg. Seine Geschichte und seine Ruinen. Heidelberg (3. Aufl.) 1987, 55-65, 84-87.
    DERS.: Die Spätzeit der Lorscher Filialklöster auf dem Heiligenberg bei Heidelberg (von ca. 1400-1576). In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße 23 (1990), 33-75.
    U. GROSS / M. WEIHS: Untersuchungen im Stephanskloster auf dem Heiligenberg bei Heidelberg. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg (1995), 296-300.
    P. MARZOLFF: Die benediktinischen Bergklöster auf dem Heiligenberg bei Heidelberg. In: Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich 12 (1996), 129-145.
    Ders.: Lebensformwechsel: auch ein archäologisches Phänomen? Der Fall der Heiligenbergklöster. In: S. LORENZ / P. KURMANN / O. AUGE (Hg.): Funktion und Form. Die mittelalterliche Stiftskirche im Spannungsfeld von Kunstgeschichte, Landeskunde und Archäologie (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 59). Ostfildern 2007, 133-147.
Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)