Kollegiatstift Unserer Lieben Frau Schwäbisch Gmünd 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1761 [1761]
Zerstörung/Aufhebung: 1803 [1803]
Beschreibung: Nach anderen Vorbildern in der Diözese Augsburg war der Stadt- und Landklerus in einer gemeinsamen genossenschaftlichen Organisation , dem Landkapitel Schwäbisch Gmünd , zusammengefasst. Daneben hatten sich in der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd die an der Stadtpfarrkirche tätigen Kleriker noch zu einer Priesterbruderschaft zusammengeschlossen. Als im Jahr 1753 vom Landkapitel der Dorfpfarrer von Schechingen zum Dekan des Landkapitels gewählt wurde, versuchten die Schwäbisch Gmünder Geistlichen ihre Unabhängigkeit vom Landkapitel zu erreichen. Vorstellungen der Priesterbruderschaft, die Stadtpfarrkirche in eine Stiftskirche umzuwandeln und so dem Einfluss des Landdekanats zu entziehen, stießen auf erbitterten Widerstand des Landkapitels. Die Stadt sah hingegen in der Loslösung der städtischen Geistlichen aus dem gemeinsamen Landkapitel auch eine Aufwertung der Stellung der Reichsstadt. 1761 sandte der Bischof von Augsburg den Geistlichen Rat Joseph Herz zur Untersuchung der Angelegenheit in die Reichsstadt an der Rems; am 20. August 1761 kam Bischof Joseph I. von Augsburg persönlich nach Schwäbisch Gmünd und erhob die Stadtpfarrkirche Unser Lieben Frau zur Kollegiatkirche. Von nun ab war der Stadtpfarrer Johann Joseph Doll zum Stiftsdekan avanciert, die bisherigen neun Benefiziaten oder Kapläne wurden zu Kanonikern erklärt. Das neu errichtete Stiftskapitel in der Reichsstadt war nun auch organisatorisch vom Landkapitel getrennt und unterstand in der Folgezeit als rechtlich selbständige Körperschaft unmittelbar nur dem zuständigen Diözesanbischof von Augsburg, während die reichsstädtischen Dörfer weiter im Landdekanat verblieben. Die bischöfliche Bestätigung dieses Rechtsaktes erfolgte am 11. Juni 1762. Das Schwäbisch Gmünder Stiftskapitel bildete die korporative Vereinigung der Stadtkleriker. Das Stiftskapitel war mit eigener Rechtsfähigkeit ausgestattet und besaß das Recht der freien Vermögensverwaltung und der Abhaltung von Kapitelsversammlungen. Vornehmste Aufgabe des Kapitels wurde die Organisation des Gottesdienstes an der Stiftspfarrkirche. Daneben hatte das städtische Regiment über sein seit 1544 erworbenes Patronatsrecht die Bevollmächtigung, auf alle durch Tod erledigten Stellen - vom Stiftspropst bis zum letzen Benefiziaten - dem Bischof in Augsburg einen genehmen Kandidaten präsentieren zu dürfen außer auf zwei Stellen die von bürgerlichen Familien gestiftet worden waren. Über das "ius circa sacra" konnte der Magistrat der Reichsstadt auch alle ihm missliebigen Zustände innerhalb der Kirche beseitigen wie etwa im März 1775 , als er die öffentliche Geißelung von Bürgern bei den Karfreitagsprozessionen verbot. Finanziert wurde das Stiftskapitel aus den Erträgen von Liegenschaften, die der Kirche vermutlich aus Stiftungen schon länger selbst gehörten. Eingeführt und eingesetzt wurde das Stiftskapitel in einer feierlichen Zeremonie am 25. Juli 1762. Mit der Präsentation von Freiherr Franz Xaver Adelmann von Adelmannsfelden, bisher Kanonikus an St. Moritz in Augsburg und Weihbischof, zum ersten Stiftspropst waren alle Stellen des Stifts besetzt (1766). Die Statuten des Kollegiatskapitels wurden im übrigen erst am 14. September 1778 von Bischof Klemens von Augsburg genehmigt. Im Jahr 1764 begann Stiftsdekan Doll das baufällige Priesterhaus mit einem Renaissancegiebel auf der südlichen Münsterseite abreißen und an seiner Stelle durch den Stadtbaumeister Johann Michael Keller einen dreigeschossigen, 16 Meter hohen Rokokobau errichten zu lassen. Am 2. April desselben Jahres wurde der erste Stein gelegt, die Fertigstellung wird auf Herbst 1765 datiert. Das Haus diente als Versammlungsort der Kanoniker und beherbergte gleichzeitig die Stiftsbibliothek, die aus Beständen der alten Kirchenbibliothek und der Bibliothek der Priesterbruderschaft sowie eigenen Büchern bestand. In den Jahren 1761, 1762 und 1765 ließen sich alle Stiftsgeistlichen von dem Schwäbisch Gmünder Maler Strobel porträtieren. 15 Bilder - darunter auch ein Ölbild des Fürstbischofs Joseph (Ignaz Philipp) von Augsburg, Landgraf von Hessen, der das Kapitel als zuständiger Diözesanbischof 1761 errichtet hatte - haben sich erhalten und befinden sich heute im Treppenhaus des Münsterpfarramts. Das Kapitelhaus selbst dient nach einer gründlichen Renovierung in den 90er Jahren des 20. Jh. vornehmlich als Sitz des Münsterarchivs. Als im November 1802 die Reichsstadt Schwäbisch Gmünd württembergisch wurde, wurden in der Folge auch alle Klöster und geistlichen Institutionen aufgehoben. Eine Kommission zur Organisation der mediatisierten Reichsstadt spricht am 21. Juli 1803 das endgültige Aus über das Schwäbisch Gmünder Kollegiatsstift. Stiftspropst und Stiftsdekan Thomas Kratzer wurde wieder Stadtpfarrer, die Kanoniker am Stift wieder einfache Kapläne. Das gesamte mobile wie immobile Vermögen des aufgelösten Stifts ging an die neu geschaffene Kirchen- und Schulpflege über. Die Kapitelsbibliothek mit immerhin 14 Inkunabeldrucken des 15. Jh. befindet sich heute in St. Franziskus in Schwäbisch Gmünd.
Autor: KLAUS-JÜRGEN HERRMANN
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Chorherren, weltliche 1761-1803
Sonstiges: Bistum: Augsburg, ab 1821 Rottenburg-Stuttgart,
fiel an: Württemberg (1802)
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=246

Adresse Münsterplatz 01, 73525 Schwäbisch Gmünd

Literatur:
  • M. Erzberger: Die Säkularisation in Württemberg von 1802 bis 1810. Ihr Verlauf und ihre Nachwirkungen. Stuttgart 1902, ND Aalen 1974. 266.
    W. Zimmermann / N. Priesching (Hg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Stuttgart 2003. 447f. (K. J. HERRMANN).
    Die Kunst- und Altertumsdenkmale im Königreich Württemberg. Inventar Jagstkreis. Bearb. v. E. Gradmann. Hg. v. E. von Paulus u. E. Gradmann. Esslingen a. N. 1907. OA Gmünd, 344f., 366-392.
    R. WESER: Zur Geschichte der Stadtpfarrei Schwäbisch Gmünd. Gmünder Stadtpfarrer. In: Diözesan-Archiv. Blätter für kirchengeschichtliche Mitteilungen und Studien aus Schwaben 2 (1902) 135-137.
    A. NÄGELE: Die Heilig-Kreuzkirche in Schwäbisch Gmünd. Ihre Geschichte und ihre Kunstschätze. Schwäbisch Gmünd 1925, 250-253.
    P. PAYER: Die Reichsstadt Schwäbisch Gmünd zu Ende des 18. Jh. und ihr Übergang an Württemberg. Diss. 1957, 140-148.
    K. GRAF: Die Geschichtsschreibung der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd im 17. und 18. Jahrhundert. In: K. J. HERRMANN (Hg.): Barock in Schwäbisch Gmünd. Schwäbisch Gmünd 1984, 215-218.
    R. STROBEL: Die Kunstdenkmäler der Stadt Schwäbisch Gmünd Bd. III: Profanbauten der Altstadt. München 1995, 279-280 (Lit.).
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