Kollegiatstift Baden-Baden 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1453 [1453]
Zerstörung/Aufhebung: 1808 [1808]
Beschreibung: Das Projekt einer Stiftsgründung bei der bis ins frühe Mittelalter zurückreichenden, vermutlich von dem elsässischen Kloster Weißenburg gegründeten Pfarrei St. Peter und Paul in der Stadt Baden(-Baden) wurde bereits 1412/13 erwogen, zunächst jedoch nicht realisiert. Erst eine Generation später trat das Vorhaben mit dem Entwurf einer Fundationsurkunde und eines Statutenwerks (1445) in eine neue, schließlich erfolgreiche Phase. Nach der 1452 erfolgten Approbation durch den Papst setzte im April 1453 Markgraf Jakob die Gründung in die Tat um. Die Stiftung zu Ehren Mariens, der Apostel Petrus und Paulus, Johannes des Täufers sowie der Heiligen Jakobus [d. Ä.], Georg und Anna sah zwölf Kanonikate vor, darunter zwei Dignitäten (Propst und Dekan) und zwei Offizien (Kustos und Kantor), sowie zehn Vikariate; eine eigene Scholasterie wurde erst in den allerletzten Jahren des Stifts geschaffen. Eine Pfründe dotierte der Markgraf selbst bereits im März 1453 beim Altar des Hl. Jakob auf dem neu errichteten Lettner der künftigen Stiftskirche. Im Übrigen sollten der Ausstattung die eigens zu diesem Zweck inkorporierten Pfarreien Besigheim, Mönsheim, Kappel, Gochsheim, Niederbühl, Elchesheim, Remchingen, Söllingen (im Pfinztal) und Gechingen dienen. Eine zehnte Kanonikerpfründe stiftete 1459 Agnes von Blumenberg, die Witwe Heinrich Röders von Rodeck; für die elfte Pfründe (St. Nikolaus) sorgte 1478 Markgraf Christoph mit den Einkünften der inzwischen erledigten Pfarreien Besigheim und Mönsheim, die zwölfte (St. Thomas) stiftete im gleichen Jahr der vormalige markgräfliche Kanzler und Landschreiber Johann Hochberger aus den Erträgen der Pfarrei Remchingen. Drei der Stiftsvikare waren auf Altären der Badner Spitalkirche bepfründet. Die geistliche Obrigkeit über das Stift lag beim Bischof von Speyer, die weltliche beim Markgrafen von Baden(-Baden); das Recht der Präsentation stand allein dem Markgrafen zu. Es handelte sich um ein klassisches Residenzstift ohne geburtsständische Exklusivität der Kanoniker. Durch Seelgerätstiftungen und Schenkungen von Seiten des markgräflichen Hauses und der Badner Bürgerschaft, aber auch durch Kauf und Pfandnahme vermehrte sich der Stiftsbesitz bis in die Zeit der Reformation. Sein vergleichsweise dichter Kern lag unmittelbar südwestlich von Baden-Baden; darüber hinaus ist, bedingt durch die Gründungsausstattung, eine weite Streuung von Elchesheim am Rhein über Remchingen im Pfinztal und Gochsheim im Kraichgau bis nach Besigheim am Neckar und Gechingen im Oberen Gäu zu verzeichnen. Im Wesentlichen bestand die Begüterung aus allerlei Einkünften und verpachteten Liegenschaften, nicht zuletzt aus Zehnterträgen. Im Nahbereich trat das Stift vielfach als Kreditgeber hervor. Infolge von Markgraf Philipps I. († 1533) unentschlossener Haltung gegenüber der Reformation und trotz der tendenziell altgläubigen Orientierung seiner Nachfolger respektive ihrer jeweiligen Vormundschaften erlebte das Stift im Laufe des 16. Jhs. einen kontinuierlichen Niedergang. Die Propstei blieb nach 1527 jahrzehntelang unbesetzt. Um die Mitte des 16. Jhs. sollen die meisten Stiftspfründner verheiratet gewesen sein. Erst nachdem der unter bayerischem Einfluss erzogene Markgraf Philipp II. († 1588) sich für den katholischen Glauben entschieden hatte, wurde 1581 wieder ein Propst installiert und das Stift nach und nach reorganisiert. Aber schon 1594, nachdem alle Dignitäten und Offizien gerade wieder besetzt waren, fand mit der Okkupation der baden-badischen Lande durch den lutherischen Markgrafen von Baden-Durlach die Wiederherstellung ein abruptes Ende. Die Wechselfälle des 30-jährigen Kriegs verhinderten auch nach dem Ende der Okkupation ein neuerliches Aufblühen für lange Zeit. 1652 erließ Markgraf Wilhelm neue Statuten, aber noch 1665 gehörten dem wirtschaftlich schwer angeschlagenen Stift nicht mehr als drei Personen an, der Propst, der Dekan und der Kustos; erst Ende der 1670er Jahre zählte man insgesamt wieder zwanzig Köpfe. Aber bald darauf trat mit der Zerstörung von Stadt und Stift im Orléans’schen Krieg (1689) die nächste Katastrophe ein, und die anschließende Verlegung der markgräflichen Residenz nach Rastatt relativierte die Bedeutung des Stifts einmal mehr. So beschränkte sich der Personalbestand noch 1740 allein auf den Propst, den Dekan, drei Kanoniker, einen Vikar und einen weiteren Kleriker. Über die Bestätigung der 1746 nochmals erneuerten Statuten konnten der Markgraf von Baden-Baden als Vogt und weltliche Obrigkeit und der Bischof von Speyer als geistlicher Ordinarius keine Einigung erzielen; erst eine letztmalige Novellierung von 1799 fand die Billigung beider Seiten. Demnach bestanden im Jahr 1800 zwölf Pfründen. Erst jetzt gab es auch einen Scholaster, der unter die Offizien gerechnet wurde. Sämtliche Stiftsangehörigen waren von der weltlichen Gerichtsbarkeit eximiert und dem Gericht von Dekan und Kapitel unterworfen. Die Aufhebung im Jahr 1808 ließ sich auch durch die Umwandlung in ein Schulstift nicht abwenden. Als Grablege des markgräflichen Hauses diente die Stiftskirche in der Nachfolge des Zisterzienserinnenklosters Lichtenthal vom Ende des 14. Jhs. bis zum Aussterben der Linie zu Baden-Baden respektive Rastatt im Jahr 1771. Beginnend mit Markgraf Rudolf VII. († 1391) sind in ihr alle badischen Regenten bestattet, seit 1533 freilich nur noch jene der baden-badischen Linie. Das religiöse Leben am Stift ist nur spärlich dokumentiert; einschlägige Nachrichten datieren zumeist aus den ersten Jahrzehnten seines Bestehens. In der Gegenreformation ist das Stift kaum hervorgetreten. 1624 übernahmen die Kapuziner die Kanzelpredigt in der Stiftskirche, seit 1640 im Wechsel mit den Jesuiten, denen von 1631 bis 1641 sogar ein Kanonikat übertragen war. 1755 wurde eine Sakramentsbruderschaft neu gegründet. Bei der Stiftskirche handelt es sich um die alte, im Bereich der römischen Thermen errichtete Pfarrkirche von Baden(-Baden), von deren romanischem Turm die unteren Geschosse noch heute erhalten sind. Nach der Stiftsgründung erfolgte eine umfassende Neugestaltung und Vergrößerung als dreischiffige Hallenkirche mit geräumigem Chor, nach der Zerstörung von 1689 im 18. Jh. ein weitgehender Neubau. Die einstigen Stiftsherrenhäuser sind am Marktplatz und an der Schlossstraße noch teilweise vorhanden, darunter die Stiftspropstei, die später als katholisches Pfarrhaus fungierte
Autor: KURT ANDERMANN
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Chorherren, weltliche 1453-1808
Sonstiges: Bistum: Speyer, ab 1821 Freiburg
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=252

Adresse Baden-Baden

Literatur: Freiburger Diözesan-Archiv 20 (1889) 63-78 (J. B. TRENKLE).
Die Kunstdenkmäler der Stadt Baden-Baden. Bearb. v. E. Lacroix, P. Hirschfeld u. H. Niester (Die Kunstdenkmäler Baden Bd. XI/1). Karlsruhe 1942. 70-142.
Freiburger Diözesan-Archiv 117 (1997) 5-110 (K. ANDERMANN).
Generallandesarchiv Karlsruhe Abt. 37, 65, 74, 195, 229 und 436.
Erzbischöfliches Archiv Freiburg, Urkunden Stift Baden-Baden und Erzbischöfliche Finanzkammer (Specialia Klöster).
Suche
Durchschnitt (0 Stimmen)