Johanniterkommende Rohrdorf 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1300 [Ende 13. Jh.]
Zerstörung/Aufhebung: 1805 [1805]
Beschreibung: Ab Ende des 13. Jh. erwarb der Johanniterorden wohl von seiner in Rexingen bestehenden Niederlassung aus von den Grafen von Hohenberg und dem Kloster Hirsau Güter in Rohrdorf und gründete hier eine Ordenskommende. Diese bildete später mit Dätzingen eine Doppelkommende. Weiteren Besitz und die niedere Gerichtsbarkeit in Rohrdorf konnte der Orden ab 1303 von den Vögten von Wöllhausen an sich bringen. Schirmherrschaft und höhere Gerichtsbarkeit über das ursprünglich hohenbergische Rohrdorf fielen allerdings 1440 an die Grafen von Württemberg. Erst im Jahre 1738 trat Württemberg einen Teil seiner Herrschaftsrechte im Tausch an die Kommende ab. Im Verlauf des 14 Jh. erweiterte sich der Herrschaftsbereich der Kommende durch den Erwerb von zahlreichen Gefällen, Einkünften und Kirchenpatronaten nicht nur in der näheren Umgebung, sondern auch in weiterer Entfernung in beträchtlichem Maße. So besaß der Orden vor der Reformationszeit Kirchensatz und Pfarrpfründen u. a. in Ebhausen mit Wart und Pfrondorf, Hochdorf, Gündringen, Ilsfeld, Beilstein, Unterjettingen und Oferdingen. In Ilsfeld unterhielt die Rohrdorfer Kommende bis 1806 überdies ein Filialhaus. Nach dem Visitationsbericht des deutschen Großpriorats von 1494/95 waren in der Kommende neben drei Ordenskaplänen, die in der mit vier Altären ausgestatteten Ordenskirche ihren Messverpflichtungen nachkamen, ein Kämmerer, ein Koch, ein Fuhrmann und ein Knecht beschäftigt. Der jährliche Gesamtertrag der Einkünfte belief sich auf 828 Gulden, wobei der Kommende nach Abzug der Ausgaben ein beträchtlicher Überschuss von 639 Gulden verblieb. Mit der Einführung der Reformation setzte ein langwieriger konfessioneller Konflikt zwischen der Johanniterkommende und dem Herzogtum Württemberg ein. Die Nachbarorte, in denen der Orden das Patronatsrecht innehatte, sahen sich bei der Einsetzung eines evangelischen Pfarrers dem erheblichen Widerstand des Rohrdorfer Komturs ausgesetzt, bis der Herzog von Württemberg 1568 das Patronatsrecht in Ebhausen, Wart und Hochdorf sowie weiteren Besitz an sich brachte. Rohrdorf selbst, ursprünglich kirchliches Filial von Ebhausen, wurde mit der Reformation der Pfarrei Walddorf angegliedert, blieb aber insofern selbständig, als der Hauskaplan der Komturei zugleich Ortspfarrer war. Ab 1556 wurde unter Duldung des Komturs Haug von Münchingen durch den damaligen Pfarrer Johann Speidel in Walddorf wie in Rohrdorf evangelisch gepredigt. Die Rekatholisierungsversuche des Ordens setzten aber spätestens nach dem Westfälischen Frieden ein. Die Komture verlegten etwa um 1600 ihren Amtssitz in das rekatholisierte Dätzingen. Rohrdorf selbst blieb Liegenschaftsdomäne der Kommende. Die Ordenskirche wurde in der Folgezeit simultan genutzt, was zu wiederholten Streitigkeiten zwischen den Konfessionen führte. Der Johanniterorden und das protestantische Württemberg einigten sich schließlich auf eine Trennung der Kirche in zwei separate Gottesdiensträume. 1741/42 wurde das Schiff der Kirche verlängert und den Evangelischen überlassen, der Gottesdienst der Katholiken fand seither im abgetrennten Chor statt. Das Ende der Doppelkommende Rohrdorf-Dätzingen wurde im Dezember 1805 besiegelt. Die Johanniterbesitzungen in Rohrdorf fielen endgültig 1809 an das Haus Württemberg. Der mittelalterliche Baukomplex der Johanniter, bestehend aus einer Simultankirche und zwei Ordenshäusern, bestimmt noch heute das Ortsbild von Rohrdorf. In den Jahren 1987 bis 1990 wurde die Gesamtanlage restauriert und erweitert. Sie beherbergt nun die Gemeindeverwaltung und einen Kindergarten. Der erste wohl recht kleine Kirchenbau wurde 1311 dem Ordenspatron St. Johann Baptist geweiht. Unter dem Komtur Johannes von Weitingen wurde, wie ein Wappenstein im Schlosshof belegt, 1430 ein viergeschossiges Wohnhaus errichtet, welches Ende des 15. Jh. über 26 Schlafstellen verfügte. In den Folgejahren ersetzte das heutige gotische Kirchengebäude die alte Ordenskapelle. Komtur Georg Bombast von Hohenheim stiftete hier 1485 einen bedeutsamen Flügelaltar, von dessen ursprünglich fünf Schreinfiguren allerdings nur noch Johannes der Täufer und Maria erhalten sind (Bilder der Altarflügel in der Staatsgalerie Stuttgart). An den so genannten Alten Bau wurde 1595 eine weiteres Ordensgebäude, die Kaplanei, angebaut. Bauherr war vermutlich Komtur Weiprecht von Rosenbach. Ein Scheunenbau, eine Schaffnerei, mehrere Stallungen sowie ein Waschhaus schlossen sich der Anlage an. 1811 wurden die profanisierten Gebäude an einen Tuchfabrikanten verkauft, der 1826 das Alte Schloss zum größeren Teil abbrechen ließ. Seit 1833 diente das neue Schloss der Gemeinde Rohrdorf als Rathaus. Von hohem künstlerischen Wert sind die Wandmalereien im Kleinen Saal (heute Trauzimmer) des Komtureigebäudes aus dem späten 16. Jh., deren Bildprogramm sich über die Darstellung von Jagdszenen, orientalen Männergestalten und Rittern des Johanniterordens erstreckt.
Autor: MICHAEL BING
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Johanniter Ende 13. Jh.-1805
Sonstiges: Bistum: Konstanz, ab 1821 Rottenburg-Stuttgart,
fiel an: Württemberg (1805)
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=305

Adresse Komtureihof 04, Rohrdorf

Literatur:
  • M. Erzberger: Die Säkularisation in Württemberg von 1802 bis 1810. Ihr Verlauf und ihre Nachwirkungen. Stuttgart 1902, ND Aalen 1974. 281.
    W. Zimmermann / N. Priesching (Hg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Stuttgart 2003. 402f. (M. BING).
    Die Kunst- und Altertumsdenkmale im Königreich Württemberg. Inventar Schwarzwaldkreis. Bearb. v. E. von Paulus. Stuttgart 1897. OA Nagold, 166f.
    O. KRAMER: Kirchliche Simultanverhältnisse - Rechtsgeschichtliche Untersuchung mit besonderer Berücksichtigung der württembergischen Kirchensimultaneen. Diss. Heidenheim a. d. Brenz 1968, 280-286.
    H. HEINZ: Die Johanniterkommende Rohrdorf. Magisterarbeit. Stuttgart 1987.
    W. G. RÖDEL: Die Johanniterkommende Rohrdorf-Dätzingen. In: Der Johanniterorden in Baden-Württemberg 79 (1989) 5-12.
    Das historische Rathaus der Gemeinde Rohrdorf. Horb a. N. 1991.
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