Franziskanerkloster St. Luzen Hechingen 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1586 [1586]
Zerstörung/Aufhebung: 1808 [1808]
Beschreibung: Nachdem die Schwesternsammlung St. Luzen verlassen worden war, suchten die Zollerngrafen zunächst vergeblich, dort Franziskaner anzusiedeln. Erst Graf Eitelfriedrich I. (1545-1605), dem Begründer der Linie Hohenzollern-Hechingen, gelang es, ein Franziskanerkloster zu etablieren, wobei gegenreformatorisches Gedankengut eine wichtige Rolle spielte. Zudem war der auf Repräsentation bedachte, prachtliebende Zollerngraf stark vom Münchner Hof beeinflusst. Mit Unterstützung Herzog Wilhelms V. von Bayern konnten Franziskaner aus München gewonnen werden. Am 26. Juni 1586 stiftete Graf Eitelfriedrich I. zusammen mit seiner Ehefrau Sibylle, geb. Gräfin von Zimmern, das Kloster St. Luzen als Franziskanerniederlassung und stattete es mit einem Kapital von 2.000 Gulden und Naturallieferungen aus. Zudem verpflichtete er sich und seine Nachfolger, für den baulichen Unterhalt des Klostergebäudes zu sorgen. Als Zeichen der besonderen Zuneigung zum Kloster ließ er sein Herz in der Antoniuskapelle von St. Luzen beisetzen; sein Körper wurde in der zollerischen Grablege in der Stiftskirche Hechingen bestattet. 1585 zogen einige Franziskaner in das um- und ausgebaute Klostergebäude ein. Die Niederlassung wurde 1586 in die Straßburger (Oberdeutsche) Provinz des Franziskanerordens inkorporiert. 1589 kamen 30 Franziskaner-Observanten aus München, neben dem Guardian, 18 Patres, zwei Novizen und neun Laienbrüder. Sie sollten zur Stärkung und Erhaltung des Katholizismus in einem vom Protestantismus umgebenen Land beitragen. So waren die Mönche in der Seelsorge in der Grafschaft Zollern, aber auch in benachbarten katholischen Territorien (Herrschaft Haigerloch, Grafschaft Hohenberg) tätig. Regelmäßig predigten sie seit dem Ende des 16. Jh. in der Hechinger Stiftskirche und fungierten als Hofkapläne und Beichtväter der gräflichen, ab 1623 fürstlichen Familie. Seit 1775 unterrichteten sie an dem vom Fürsten gegründeten Gymnasium in Hechingen. Das Kloster unterhielt zudem Beziehungen zu den Franziskanerinnenklöstern St. Maria de Victoria in Biberach/Riß und Mariä Heimsuchung in Unlingen. Die meisten Konventsangehörigen kamen aus dem Raum zwischen Iller und Lech, dem heutigen Bayerisch-Schwaben, andere aus Altbayern, Oberschwaben, Franken und Tirol. Wenigstens 20 Mönche stammten aus Hechingen und Umgebung. 1775 befanden sich 18 Patres, neun Laienbrüder und einige Novizen in St. Luzen. Das Kloster blieb wirtschaftlich vom Landesherrn abhängig, woraus der Hechinger Fürst ein gewisses Aufsichtsrecht ableitete. Der 1586 zugesagte Unterhalt sicherte das Existenzminimum, doch mussten die Mönche durch Predigen, Aushilfe in der Seelsorge, Zuwendungen aus der Bevölkerung und mit Betteln hinzuverdienen. Eine gewisse Selbstversorgung erfolgte durch handwerkliche Tätigkeiten, auch das Bier wurde im Kloster selbst gebraut. Innerhalb der Klostermauern gab es Gärten, außerhalb der Anlage hatte das Kloster keinen Grundbesitz. Im 18. Jh. entwickelte sich St. Luzen zu einem Ort der Volksfrömmigkeit. Bereits im 17. Jh. gab es einen Kreuzweg mit sieben Stationen. 1731/33 wurde ein neuer Kreuzweg angelegt, der auf dem Kalvarienberg bzw. in der Grabkapelle neben der Kirche endete. Einige Darstellungen in den Stationshäusern stammen aus der 1814 abgebrochenen Schlosskapelle; sie waren 1596 von dem Hechinger Bildhauer Joachim Taubenschmid geschaffen worden. Der Kreuzweg wurde zu einem viel besuchten Wallfahrtsort. In der Klosterkirche wurde ein "Prager Jesuskind" aus Wachs verehrt und an Weihnachten stellten die Franziskaner eine Krippe mit großen Figuren auf. Diese Tradition wird noch heute fortgesetzt. Von St. Luzen aus fand die 1585 vom Papst zur Verehrung des hl. Franziskus gegründete Erzbruderschaft zum Gürtel des hl. Franz von Assisi Verbreitung. Zudem versammelten sich "in der Welt" lebende Mitglieder des Dritten Ordens des hl. Franziskus im Kloster; für die ein Präses (ab 1733 Direktor) bestellt war. Noch bis zum Jahr 1900 gab es eine Pflegschaft für das Vermögen dieses nicht regulierten Dritten Ordens. Im Reichsdeputationshauptschluss erhielt der Hechinger Fürst für den Verlust linksrheinischer Feudalrechte das Recht, die Klöster in seinem Land aufzuheben. Der Konvent von St. Luzen blieb zunächst erhalten, wurde 1807 aber der Aufsicht des Dekanats Hechingen unterstellt. 1808 wurde die Auflösung de facto vollzogen, indem die fürstliche Regierung die Verwaltung übernahm und einen Kurator einsetzte. Die Mönche durften im Kloster verbleiben. Ein Teil ließ sich in den folgenden Jahren säkularisieren. 1811 befanden sich noch fünf Patres in St. Luzen. Nachdem 1819 die letzten drei Patres verstorben waren, blieben noch zwei Laienbrüder, von denen der letzte 1857 verstarb. Das Klostergebäude wurde ab 1821 zeitweilig als "Kapitels-Vikariat" genutzt. Der Klosterbrauerei folgte das fürstliche Bräuhaus nach. St. Luzen blieb bei den Hechingern ein beliebter Ort der Andacht. Nachdem 1850 St. Luzen in den Besitz des Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen übergegangen war, gab es verschiedene Bestrebungen, dort ein neues Kloster zu gründen, die jedoch alle scheiterten. 1872 verkaufte die fürstliche Verwaltung das Gebäude an eine Stuttgarter Brauereigesellschaft. Neubauten veränderten 1889 das Bild der Klosteranlage. Das verfallende, seit 1973 leer stehende Klostergebäude wurde 1974/78 teils von der Stuttgarter Hofbräu AG erworben, teils erhielt es die katholische Kirchengemeinde unentgeltlich. Die Gemeinde überließ 1985 das Gebäude dem Allgemeinen Katholischen Kirchenfonds für Hohenzollern, der es bis 1987 zu einem kirchlichen Bildungshaus ausbaute. Kreuzweg und Kalvarienberg wurden 1981 und grundlegend 2003 restauriert. Eine besondere kunsthistorische Bedeutung erlangte die Klosterkirche, welche in den Jahren 1586-1589 im Renaissancestil neu gestaltet worden war. Die Kirche bildete den Südflügel einer ehemals quadratischen Klosteranlage. Sie besteht aus einem rechteckigen Langhaus, einem langgestreckten, zweigeteilten Chorraum und der an der Südseite angebauten, quadratischen St. Antonius-Kapelle, wo das Herz des Stifters beigesetzt ist. Der Ausgestaltung des Innenraums wurde 1586 ein gegenreformatorisches Programm zugrunde gelegt; zugleich knüpfte man an franziskanische Traditionen an (Darstellung der sieben Hauptkirchen Roms; Stigmatisation des hl. Franziskus). Wegen der fast vollständig erhaltenen Stuckausstattung mit einem großen Reichtum an unterschiedlichen Ornamenten (Arbeiten von Wendelin Nufer, Herrenberg) und der singulären Raumdekoration kommt der Kirche ein besonderer Wert als eines der bedeutendsten Renaissancebauwerke des deutschen Südwestens zu. Sie gilt als Beispiel konsequent gegenreformatorischer Baugesinnung, als "Bollwerk des katholischen Glaubens", wobei Graf Eitelfriedrich I. die Ausgestaltung der Kirche maßgeblich mitbestimmte. Die lebensgroßen Figuren der zwölf Apostel, als Verkünder der wahren Lehre, im Langhaus, unter denen das apostolische Glaubensbekenntnis auf Kartuschen angebracht ist, sind als klare programmatische Aussage und Bekenntnis des Bauherrn zur katholischen Konfession zu verstehen. Vorbild für die Sternengewölbe der westlichen Chorhälfte war die Augsburger Fuggerkapelle. Die ungewöhnliche, farbenprächtige Ausmalung des Innenraums geschah durch den Riedlinger Maler Hans de Bay. Die Kirche diente nicht zuletzt der Repräsentation des Stifters, wie die in den Knotenpunkten der Gewölberippen des Langhauses angebrachten Wappen Graf Eitelfriedrichs I., seiner Gemahlin und der weiblichen Vorfahren des Stifterpaars verdeutlichen. In der Barockzeit fanden ab 1702 einige bauliche Veränderungen statt, so wurden z.B. die Wände weiß getüncht. 1757 malte Johann Enderle von Söflingen für den neuen Barockaltar die Vision des hl. Antonius, womit St. Luzen zur Wallfahrtsstätte des volkstümlichen Heiligen wurde. Damit erhielt die Kirche eine noch stärker franziskanische Ausprägung. 1967 musste die baufällige Kirche geschlossen werden. 1970 schenkte der Fürst von Hohenzollern der Heiligenpflege Hechingen die Kirche samt angrenzenden Grundstücken. Erst bei der umfassenden Renovierung 1971-1975 wurde die Farbigkeit der Kirche wieder hergestellt.
Autor: ANDREAS ZEKORN
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Franziskaner 1586-1808/19
Sonstiges: Bistum: Konstanz, ab 1821 Freiburg,
fiel an: Hohenzollern-Hechingen (1806)
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=579

Adresse Klostersteige 06, 72379 Hechingen
Homepage: http://www.luzen.de/

Literatur: Alemania Franciscana Antiqua. Ehemalige franziskanische Männer- und Frauenklöster im Bereich der Oberdeutschen oder Straßburger Franziskaner-Provinz mit Ausnahme von Bayern, hg. v. J. Gatz. Ulm 1 (1956) – 19 (1974/76) 16 (1970) 139-214 (M. HEINRICHSPERGER).
Kreis Hechingen. Bearb. v. F. Hossfeld (Die Kunstdenkmäler Hohenzollerns Bd. 1. Hg. im Auftrag d. Landeskommunalverbandes der Hohenzollerischen Lande v. W. Genzmer). Hechingen 1939. 151, 165-178.
G. HEBEISEN: Zur Geschichte des Klosters St. Luzen bei Hechingen. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde in Hohenzollern. Sigmaringen/Hechingen 1 (1868)-63 (1932). Fortges. u. d. Titel HJh 53 (1919/20) 1-58.
E. GÖNNER: Die Geschichte der Kirche und des Klosters. In: H.-J. MAUSER / R. SCHATZ (Hg.): St. Luzen in Hechingen. Stuttgart 1991, 9-48.
W. NOESKE: Die Vita des Bauwerks. In: H.-J. MAUSER / R. SCHATZ (Hg.): St. Luzen in Hechingen. Stuttgart 1991, 49-64.
Th. BRAUN: Der Kreuzweg von St. Luzen in Hechingen. Ein Bilderzyklus des 18. Jahrhunderts. In: Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte. Hg. vom Hohenzollerischen Geschichtsverein Sigmaringen. Gammertingen/Sigmaringen 1ff. (1965ff.) 35 (1999) 107-126.
O. WERNER: Die Säkularisation des Franziskanerklosters St. Luzen und des Kollegiatstifts St. Jakobus in Hechingen. In: Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte. Hg. vom Hohenzollerischen Geschichtsverein Sigmaringen. Gammertingen/Sigmaringen 1ff. (1965ff.) 38/39 (2002/03) 103-202.
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