Augustiner-Chorfrauenstift Oberstenfeld 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1016 [1016]
Zerstörung/Aufhebung: 1535 [1535/ 1919]
Beschreibung: Über die Gründung des Stifts berichtet eine gefälschte, im 12. Jh. unter Benutzung des Hirsauer Formulars entstandene Urkunde, deren Angaben jedoch von dem Nekrolog und dem Seelbuch des Stifts gestützt werden. Demnach wurde das Stift 1016 von einem Grafen Adelhard und seiner Familie gestiftet. Zu dieser gehörte auch Ulrich (+ 1032), Kanzler der Kaiser Heinrich II. und Konrad II., der mit anderen Angehörigen der Stifterfamilie in der Gruft der Klosterkirche begraben wurde. Es ist anzunehmen, dass die Gründung auf Eigengut, etwa in Anlehnung an einen Herrenhof, erfolgte. Die Klosterkirche ist Johannes dem Täufer geweiht. Die ältesten (echten) Urkunden von 1247 bezeichnen das Stift als "monasterium ordinis sancti Augustini", es handelt sich also um regulierte Augustiner-Chorfrauen, vornehmlich Angehörige des schwäbischen Adels. Statuten wurden dem Stift 1262 durch den Bischof von Speyer erteilt. Die Schutzvogtei lag ursprünglich wohl in der Hand der Stifterfamilie. Im 12. Jh. erscheinen die Reichsministerialen von Heinriet im Besitz der Vogtei, dann die mit den Heinrietern verwandten Herren von Lichtenberg. Mit der Herrschaft Lichtenberg ging die Vogtei 1357 durch Kauf an die Grafen von Württemberg über. Der Besitz des Stifts hatte zwei Schwerpunkte, zum einen in der unmittelbaren Umgebung, sowohl im Altsiedelland (Kirchenpatronat Mundelsheim) wie auch im Rodungsgebiet des angrenzenden Schwäbischen Walds, zum anderen im Weinsberger Tal (Kirchenpatronat Eberstadt). Der Aufhebung in der Reformationszeit entzog sich das Stift dadurch, dass es 1535 zum evangelischen Bekenntnis überging. Gegen weitere Übergriffe von Seiten Württembergs sicherte sich das Stift durch Beitritt zur schwäbischen Reichsritterschaft (Kanton Kocher). Die wegen des Besteuerungsrechts mit Württemberg geführten Reichskammergerichtsprozesse endeten 1588 in einem Vergleich. Da der Stiftsprediger zugleich Pfarrer von Oberstenfeld war, gab es auch Streitigkeiten um die kirchenregimentlichen Rechte, die 1610 beigelegt wurden. Nach der Nördlinger Schlacht 1634 befand sich nur noch eine Dame im Stift. Der Kanton Kocher, aber auch die herzogliche Regierung griffen in der Folgezeit mehrfach ordnend ein. In diesem Zusammenhang fand 1710 eine von Württemberg durchgesetzte Reformation des Stifts statt. Daraufhin kam es 1714-1728 wieder zu einem Streit mit Württemberg, weil das Stift einen eigenen Prediger anstellte. 1730 wurden die alten Verträge erneuert und bekräftigt. Auch das evangelische Stift hielt die Verbindung zum Bischof von Speyer aufrecht. Dieser bestätigte 1579 eine Ordnung, die eine sechsjährige Probezeit vorschrieb. Ein Austritt aus dem Stift war jederzeit möglich. Täglich war morgens und abends der Chordienst zu verrichten. Diese Ordnung wurde 1651 erneuert. Die neuen Statuten von 1710 sahen eine dreijährige Probezeit vor. Bewerberinnen sollten aus dem Kanton Kocher stammen und acht adlige Ahnen nachweisen. Die Wahl einer Äbtissin sollte in Gegenwart von Vertretern der Ritterschaft und des Herzogs von Württemberg erfolgen. Als geistliche Institution wurde das Stift Oberstenfeld aufgrund des Reichsdeputationshauptschlusses säkularisiert. Zum Zeitpunkt der Besitzergreifung durch Württemberg, dem 24. November 1802, bestand das Stift aus der Äbtissin, drei Konventualinnen und einem Probefräulein. Auf Einspruch der Ritterschaft gab König Friedrich I. die Versicherung ab, dass Oberstenfeld als adliges Stift fortbestehen sollte. Neue Statuten wurden 1805 erlassen. Demnach sollte das Stift aus der Äbtissin, vorzugsweise aus dem Hause Württemberg, und zehn Stiftsdamen bestehen, die 16 adlige Vorfahren vorzuweisen hatten. 1818 wurden aus dem Vermögen der ehemaligen ritterschaftlichen Kassen so genannte kleine Präbenden gestiftet, deren Zahl zuletzt elf betrug. 1869 wurde ein ritterschaftlicher Ausschuss eingerichtet, der bei der Verleihung der Präbenden zu hören war. Da die Statuten einen Aufenthalt der Damen in Oberstenfeld nicht vorschrieben, diente das Stift für die meisten lediglich als Sommeraufenthalt, weshalb das Stiftsgebäude als Beamtenwohnungen genutzt wurde. 1914 waren alle Präbenden besetzt, letzte Äbtissin des Stifts Oberstenfeld war Lilly Gräfin von Pückler-Limpurg (+ 1942). Da die Pfründen seit 1805 aus dem Staatshaushalt finanziert wurden, erging 1919 ein Beschluss, künftig keine Neuverleihungen mehr vorzunehmen, da es sich bei den großen Präbenden um ein Vorrecht des Adels handle. Das Stiftungskapital der kleinen Präbenden wurde durch die Inflation 1923 und die Währungsreform 1948 entwertet, der Rest dem St.-Georgen-Verein der Württembergischen Ritterschaft übertragen. Die Stiftskirche entstand wohl in zwei Phasen, nämlich die Krypta um 1100, die übrige Kirche in der ersten Hälfte des 13. Jh. Das heutige Erscheinungsbild der Kirche wird von der barocken Haube des Kirchturms, vor allem aber durch die durchgreifende Renovierung 1888-1891 geprägt. Auf der Südseite der Kirche sollen bei Grabungen im 19. Jh. Reste eines Kreuzgangs festgestellt worden sein. Das zweiflügelige Stiftsgebäude von 1713 auf der Südseite der Kirche schließt unmittelbar an den Westchor an. Es wird heute als Altersheim genutzt. Über die Wohnungen der Stiftsdamen in früherer Zeit ist nichts bekannt.
Autor: HERMANN EHMER
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Augustiner-Chorfrauen 1016-1535
  • Chorfrauen, weltliche 1535-1919
Sonstiges: Bistum: Speyer, ab 1821 Rottenburg-Stuttgart
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=70

Adresse Oberstenfeld

Literatur:
  • W. Zimmermann / N. Priesching (Hg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Stuttgart 2003. 370-372 (H. EHMER).
    Die Kunst- und Altertumsdenkmale im Königreich Württemberg. Inventar Neckarkreis. Bearb. v. E. von Paulus. Stuttgart 1906 [1. Aufl. 1889]. OA Marbach, 392-398.
    K. PFAFF: Geschichte des adelichen Fräuleinstiftes Oberstenfeld. In: Württembergische Jahrbücher für vaterländische Geschichte, Geographie, Statistik und Topographie (122-1862), fortgesetzt unter dem Titel: Jahrbücher für Statistik und Landeskunde (1863-1938/39) 1840, 319-346.
    G. MEHRING: Stift Oberstenfeld. In: Württembergische Vierteljahreshefte für Landesgeschichte, 1 (1887) - 13 (1890). NF 1 (1892) - 42 (1936). 6 (1897) 241-308.
    A. METTLER: Die bauliche Anlage der alten Stiftskirche und der Peterskirche in Oberstenfeld. In: Württembergische Vierteljahreshefte für Landesgeschichte, 1 (1887) - 13 (1890). NF 1 (1892) - 42 (1936). 25 (1916) 47-60.
    G. HESS: Beiträge zur älteren Geschichte des Frauenstifts Oberstenfeld. In: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, 1 (1937) ff. 9 (1949/50) 47-77.
    E. SCHEDLER: Die Stiftskirche Oberstenfeld. Ihr Zustand kurz vor der großen Renovierung 1888/91 und deren wesentliche Veränderungen. In: Geschichtsblätter aus dem Bottwartal 3 (1989) 4-17.
    H. EHMER: Das Stift Oberstenfeld von der Gründung bis zur Gegenwart. In: K. ANDERMANN (Hg.): Geistliches Leben und standesgemäßes Auskommen. Adlige Damenstifte in Vergangenheit und Gegenwart (Kraichtaler Kolloquien 1). Tübingen 1998, 59-89.
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