Kollegiatstift St. Katharina Wolfegg 

Ortsbezüge:
Baujahr/Gründung: 1519 [1519]
Zerstörung/Aufhebung: 1806 [1806]
Beschreibung: Laut waldburgischer Familientradition geht das Kollegiatstift Wolfegg auf ein Gelöbnis des Truchsessen Johannes von Waldburg, Graf von Sonnenberg, zurück. Der Waldburger hatte als Siebzehnjähriger 1487 auf einem Kriegszug Erzherzog Sigmunds von Österreich gegen die Republik Venedig für den Fall, dass er den kriegsentscheidenden Zweikampf gegen den Sohn des venezianischen Condottiere, Antonio Maria di San Severino, gewinnen würde, den Bau eines Klosters gelobt. Er ließ Kloster und Kirche (Patrozinium: hl. Katharina von Alexandrien) gleichzeitig mit dem Neubau des Wolfegger Schlosses und innerhalb der neuen Schlossanlage ab 1502 errichten und führte längere Verhandlungen wegen der Besetzung seiner Neugründung mit Benediktinern, Karmelitern und Franziskanern. Sein früher Tod 1510 verzögerte das Vorhaben. Erst sein Schwiegersohn und Erbe Truchsess Georg III., der "Bauernjörg", führte das Begonnene mit Zustimmung von Papst Julius II. zu Ende. Er berief 1511 zunächst Franziskaner, ersetzte diese aber, als sie sich als "ohntaugenlich an dieß orth" erwiesen, 1519 durch ein Kollegium von Weltgeistlichen. In einem neuen Stiftungsbrief bestätigte er das Vermächtnis des Gründers und legte die in der Folgezeit gültige Ordnung fest (so genannte Fundatio Georgiana 1519; Änderungen und Ergänzungen 1582, 1675, 1709 und 1727). Das Kollegiatstift sollte fortan aus einem Propst, neun Priestern, vier Schülern und einem Schulmeister bestehen. Zu den Obliegenheiten der Stiftsgeistlichen gehörte neben Gottesdienst und Seelsorge auch das regelmäßige feierliche Gebet am Grab der Stifter und ihrer Nachfahren in der Stiftskirche. Die Pfarreien Wolfegg und Thann wurden inkorporiert. Das Stift war exemt und stand unter dem Schutz seiner Kastenvögte, der Truchsessen von Waldburg. Diese hatten das Recht, den Propst zu nominieren und dem Bischof von Konstanz zu präsentieren. Jeder Herr zu Wolfegg musste bei Regierungsantritt die Einhaltung des Stiftungsbriefes beeiden. Als Gründungsausstattung erhielt das Stift neben anderen Einkünften vor allem das Vogtrecht und die Großzehnten zu Wolfegg und Ellwangen und den Großzehnten zu Gaishaus. Hinzu kamen im Laufe der Zeit, besonders im 17. und 18. Jh., durch Käufe weitere Erwerbungen. Auch namhafte Schenkungen des Hauses Waldburg-Wolfegg, z. B. durch Truchsessin Johanna, geb. von Zimmern 1609 (3.000 Gulden), Graf Heinrich 1636 (11.000 Gulden) oder Graf Max Willibald 1667 (8.000 Gulden), vermehrten das Stiftsvermögen. Nach der Brandschatzung durch die Schweden 1646, bei der fast alle Pfarrbücher und Akten verbrannten, darunter auch der Stiftungsbrief des Grafen Johannes von Sonnenberg, dauerte es Jahrzehnte, bis das Stift den vorgesehenen Personalstand wieder erlangte. Die Mehrzahl der Stiftsgeistlichen kam aus den waldburgischen Herrschaften, dem Bodenseeraum und Vorarlberg. Die Blütezeit des Kollegiatstifts, die sich auch im Neubau der Stiftskirche manifestiert, fällt in die Regierung der Grafen Ferdinand Ludwig (+1735) und Joseph Franz (+1774) (Propst Johann Philipp Ernst). Der Einfluss des Stifts auf das religiöse Leben (Rosenkranz-Bruderschaft, Sebastian-Bruderschaft, Herz-Jesu-Bruderschaft) reichte aber über die Herrschaft Wolfegg nicht hinaus. Unter dem letzten Stiftspropst Franz Joseph Anton Rehmann (1775-1806) störten Streitigkeiten zwischen Propst und Kanonikern den inneren Frieden erheblich. Es gab auch Klagen über mangelnde Disziplin im Kollegium. Nicht zuletzt die "immerwährenden Uneinigkeiten der Stiftsgeistlichen" veranlassten Fürst Joseph Anton von Waldburg-Wolfegg-Waldsee, das Kollegiatstift unter Berufung auf die Paragraphen 35 und 36 des Reichsdeputationshauptschlusses schon am 21. Mai 1803 in Besitz zu nehmen. Er beließ jedoch vorläufig den Geistlichen ihre Einkünfte und Funktionen. Am 9. August 1806 löste er das Stift endgültig auf. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich dort außer dem Propst noch zwei Kanoniker und vier Benefiziaten bzw. Kapläne. Sie wurden teils mit neuen seelsorgerlichen Aufgaben betraut, teils mit Pensionen entlassen. König Friedrich von Württemberg erklärte am 11. September 1807 die vom Fürsten vorgenommene Säkularisierung für nichtig, ordnete seinerseits die Aufhebung des Stifts an und verfügte, es müsse gleich behandelt werden wie alle frommen Stiftungen dieser Art. Der darauf folgende Streit zwischen Regierung (Innenminister Normann Ehrenfels) und Fürstenhaus konnte 1809 durch einen Kompromiss beigelegt werden. Die Besitzungen des Stifts fielen teils an den württembergischen Staat, teils an die Fürsten von Waldburg-Wolfegg-Waldsee. Die Stiftsbibliothek gelangte größtenteils nach Stuttgart, Tübingen und Ellwangen, das Stiftsarchiv teils in das Hauptstaatsarchiv Stuttgart, teils in das fürstliche Archiv in Wolfegg. Die ursprünglich gotische Stiftskirche, die nach den Verwüstungen im 30-jährigen Krieg von Graf Max Willibald wieder instand gesetzt worden war, wurde unter Graf Ferdinand Ludwig abgebrochen und 1733-1742 ein Neubau im Régence-Stil aufgeführt. Die Bauleitung hatte Johann Georg Fischer aus Füssen. Auf dem wahrscheinlich von Franz Anton Erler geschaffenen Deckenfresko ist der Zweikampf des Stifters Johannes von Sonnenberg 1487 dargestellt. Michael Bertele schuf das Chorgestühl, Petrus Heel die Altäre und Beichtstühle, Johann Wilhelm Hegenauer die Kanzel. Aus dem Vorgängerbau wurden die Altarbilder des Hochaltars und des rechten Seitenaltars von Caspar de Crayer übernommen. Die 1964 renovierte Wolfegger Stiftskirche, eines der schönsten Gotteshäuser Oberschwabens, dient heute als Pfarrkirche. Das westlich an die Kirche angebaute ehemalige Stiftsgebäude ist Pfarr- und Gemeindehaus.
Autor: RUDOLF BECK
Objekttyp: Kloster
Ordensregel:
  • Franziskaner 1511-1519
  • Chorherren, weltliche 1519-1806
Sonstiges: Bistum: Konstanz, ab 1821 Rottenburg-Stuttgart,
fiel an: Waldburg-Wolfegg-Waldsee (1803/06) Württemberg (1807)
Weiter im Partnersystem: http://www.kloester-bw.de/?nr=700

Adresse Wolfegg

Literatur:
  • M. Erzberger: Die Säkularisation in Württemberg von 1802 bis 1810. Ihr Verlauf und ihre Nachwirkungen. Stuttgart 1902, ND Aalen 1974. 407.
    W. Zimmermann / N. Priesching (Hg.): Württembergisches Klosterbuch. Klöster, Stifte und Ordensgemeinschaften von den Anfängen bis in die Gegenwart. Stuttgart 2003. 516-518 (R. BECK).
    Die Kunstdenkmäler des ehemaligen Kreises Waldsee. Bearb. v. A. Schahl u. W. Matthey (Die Kunstdenkmäler in Württemberg. Hg. v. Württ. Landesamt für Denkmalpflege). Stuttgart 1943. 282-295.
    O. SCHMID: Pfarrkirche Wolfegg. Regensburg 1998.
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