Rosenmontagsumzug in Freiburg 

Datierung :
  • 1927
Objekttyp: Video
Inhalt:
  • Ab Mitte der 1840er Jahre breiteten sich die im Rheinland üblichen Maskenbälle und Themenumzüge auch auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs aus, während die schwäbisch-alemannischen Weißnarren und Teufelsfiguren mit ihren holzgeschnitzten Gesichtslarven allmählich verschwanden. Auch der im Rheinland gebräuchliche Begriff "Carneval" setzte sich gegenüber dem Begriff "Fastnacht" durch. Diese Karnevalisierung, die in erster Linie von einem gut vernetzten, bildungsbürgerlichen Publikum getragen wurde, das im Karneval ein Kulturgut erblickte und eine Veredelung des Karnevals anstrebte, vollzog sich unabhängig von konfessionellen Prägungen und ergriff auch Regionen, in denen Fastnacht eine geringe Rolle spielte. Offenbar hatte sich der Karneval im Laufe der Jahrhunderte von seinem christlich-konfessionellen Ursprung entkoppelt. Im späten 19. Jahrhundert, also ab den 1890er Jahren, setzte jedoch eine Gegenbewegung ein. Mittelständische Handwerker, die sich vom bildungsbürgerlichen Karneval ausgeschlossen oder übervormundet fühlten, besannen sich auf die lokalen historischen Traditionen und entwickelten konkurrierende Umzüge, in denen wieder die alten Narrenfiguren auftraten. So ist es kein Zufall, dass ein Großteil der heute existierenden Narrenzünfte, die sich dem eigenen historischen Erbe verpflichtet fühlen und bis heute über die Wahrung der schwäbisch-alemannischen Tradition wachen, größtenteils im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden. Die "Narro-Zunft" Villingen wurde 1882 gegründet und gehört damit zu den ältesten Narrenzünften; die in Freiburg ansässige "Breisgauer Narrenzunft" erst im Jahr 1934. Die Zünfte verfolgten das Ziel, die historische Authentizität der jeweiligen Fastnachttraditionen zu beweisen. Im Ringen um Authentizität kam es auch zu dem, was der berühmte Historiker Eric Hobsbawn als "Invention of Tradition" bezeichnete: Eine Tradition wird, überspitzt gesagt, in diesem Fall nicht vorgefunden, sondern erfunden; neue Elemente als historisch wahrgenommen und mit einer historischen Aura ausgestattet. So handelt es sich bei der Freiburger Fastnacht um eine recht junge Tradition, die sich in ihrem alemannischen Gepräge erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts ausbildete. Bis Mitte der 1920er Jahre war in Freiburg der rheinische Karneval tonangebend, den die "Große Karnevalsgesellschaft" veranstaltete. In diesem Filmausschnitt von 1927 sind überwiegend "moderne" Elemente zu sehen, die man nicht unbedingt mit einer klassischen Fastnacht assoziieren würde. Dieser Rosenmontagsumzug durch die Freiburger Innenstadt wird größtenteils mit verschiedensten, historischen wie modernen Fahr-, Hoch- und Laufrädern bestritten, aber auch Motorräder, blumengeschmückte Autos und eine Reiterstaffel kommen zum Einsatz. Dieser Festzug stand also ganz im Zeichen moderner urbaner Mobilität; die in Freiburg junge Faschingstradition wurde nicht in einen historischen, sondern in den zeitgenössischen urbanen Kontext eingeordnet. Die Herren auf den Rädern tragen auch keine Narrenkostüme, sondern Uniformen oder uniformähnliche Kleidungsstücke. Die für den alemannisch-schwäbischen Raum typischen Weißnarren mit ihren Gesichtslarven sind hingegen nicht zu sehen. Allerdings waren die rheinischen Karnevalsformen zu jener Zeit bereits im Niedergang begriffen, nur zwei Jahre später löste sich die "Große Karnevalsgesellschaft" auf. An ihre Stelle trat 1934 die "Breisgauer Narrenzunft", die sich - auch unter problematischen ideologischen Vorzeichen - der sogenannten "Volksfastnacht", d.h. der schwäbisch-alemannischen Fastnachtstradition verschrieb. Seitdem begegnen in Freiburg wieder die im Schwarzwald typischen Kostüme und Formen.
Quelle/Sammlung: Landesfilmsammlung Baden-Württemberg: Der Blutritt in Weingarten
Identifikatoren/​Sonstige Nummern: 6315 [Archivnummer]
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