Federlin, Karl Wilhelm Christian 

Geburtsdatum/-ort: 27.01.1854;  Ulm
Sterbedatum/-ort: 01.02.1939;  Ulm
Beruf/Funktion:
  • Hofbildhauer
Kurzbiografie: Schulbesuch in Ulm, Lehrzeit als Bildhauer in Stuttgart, Wanderjahre in Wien, Militärdienst beim Infanterieregiment „König Wilhelm I.“ Nr. 124 in Ulm
1879-1883 Studium an der Bayerischen Akademie der Bildenden Künste in München
1883 Bildhauerwerkstatt in Ulm
1894 Apostelfiguren an den Seitentürmen des Münsters
1895–1912 Skulpturen im Mittelschiff und in den Seitenschiffen des Ulmer Münsters
1902 Hofbildhauer
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Eltern: Vater: Johannes Federlin (1822-1910), Kaufmann in Ulm
Mutter: Pauline, geb. Müller (1831-1916)
Geschwister: 8:
5 Brüder (alle ledig, 3 jung gestorben); Paul Wilhelm Christian (1864-1897), Bildhauer; Wilhelm Raymund (1869-1908), Uhrmacher
3 Schwestern
GND-ID: GND/1012262472

Biografie: Hans Eugen Specker (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 72-73

Am Ulmer Münsterplatz, wo sein Vater ein Ladengeschäft betrieb, aufgewachsen, begann Federlin nach dem Schulbesuch in Ulm um 1870 eine Lehre zum Bildhauer in Stuttgart und verbrachte seine Wanderjahre in Wien, wo er u. a. beim Bau der Ringstraße mit ihrem Figurenschmuck die Stilrichtungen des Historismus kennenlernte. Zur Ableistung der Wehrpflicht kehrte er nach Ulm zurück und besuchte danach mit Unterstützung der Zentralstelle für Gewerbe und Handel in Stuttgart und einem Zuschuss der von der Ulmer Kirchen- und Schulstiftung verwalteten „Wilhelmsstiftung“ die Bayerische Akademie der Bildenden Künste in München, die ihn als „sehr gut prädicirt“ qualifizierte. Im Frühjahr 1883 errichtete er mit einem Darlehen aus der Münsterbaukasse, für das sein Onkel Wilhelm Federlin bürgte, auf einem von der Stadt gepachteten Grundstück „am Schiffberg“ (Münchner Straße 19) ein eigenes Atelier, das er schon 1886 durch einen Anbau erweitern konnte.
Geschäftstüchtig warb er mit einer halbseitigen Annonce im Ulmer Adressbuch für sein „Atelier für christliche Kunst“, bot „figürliche und dekorative Arbeiten in Marmor, Sandstein, Holz etc.“ an und empfahl sich für „Grabdenkmäler in jeder Form und Größe“, aber auch für „Restaurationsarbeiten in jedem Stil und Material“. Mit dieser an einen Kunsthandwerker erinnernden Palette von Angeboten, die Federlin auch durch Fotografien und die öffentliche Einladung zur Besichtigung fertiger Arbeiten in seinem Atelier publik machte, wurde er bald zu einem gefragten Bildhauer. Neben Medaillons und Grabmälern wurde er vor allem zum Figurenschmuck des 1890 vollendeten Münsters herangezogen, der in seiner Einheitlichkeit zu einem seiner Hauptwerke werden sollte. 1894 konnte er mit der Aufstellung der Apostelfiguren auf den beiden Seitentürmen des Münsters beginnen und von 1895 an schuf er nach vorgegebenem Programm 27 der insgesamt 28 überlebensgroßen, von einzelnen Bürgern und Gesellschaften gestifteten Pfeilerplastiken mit Figuren des Alten und Neuen Testaments im Mittelschiff und Persönlichkeiten der Kirchen- und Ulmer Geschichte in den Seitenschiffen des Münsters. Parallel dazu entstanden am Eingang zum Neubau des Ulmer Landgerichts von 1897 die Gestalten von Themis und Dike als Symbole der schützenden und strafenden Gerechtigkeit, flankiert von zwei monumentalen Löwen, und eine Reihe von Porträtbüsten für Ulmer Industrielle und württembergische Beamte und von Marmorbüsten für das württembergische Königshaus, die ihm 1902 den Titel eines Hofbildhauers eintrugen.
Aufträge der Stadt wie zu einem Denkmal für Oberbürgermeister Karl von Heim (1820-1890; heute aufgestellt am Eingang der Heimstraße vor dem Landgericht) oder zu Marmorbüsten des württembergischen Königspaares Wilhelm II. und Charlotte für den Ratssaal und Denkmale für die Münsterbaumeister dokumentieren den Bekanntheitsgrad Federlins, der auch zu Restaurierungsarbeiten an Brunnenfiguren in Ulm, in Heilbronn und am Berner Münster herangezogen wurde. Dass ihm neben den als Auftragsarbeiten ausgeführten eher statischen Plastiken auch lebensechte Darstellungen gelangen, zeigte die (nicht erhaltene, durch Neugestaltung von 1994 ersetzte) Bronzefigur des Griesbadmichels (1904), eines Ulmer Originals, mit aufgespanntem Regenschirm als stadtbekanntem Attribut. Älter geworden, wurde Federlin von den zahlreichen nach dem Ersten Weltkrieg erstellten Denkmalen nur die Gestaltung der Kriegergedächtnisstätte für 685 während der Gefangenschaft in Ulm gestorbene Russen auf dem Neuen Friedhof übertragen, einer Pfeilerhalle mit davor aufgestellter trauernder Frau in traditionell klassischer Gewandung (1918).
Überaus produktiv, dem historisierenden Stil des Klassizismus verpflichtet, dabei detailgetreu beobachtend bewies Federlin großes handwerkliches Können und fand, wie die zahlreichen Aufträge belegen, allgemeine Anerkennung, geriet aber mit den das 19. und frühe 20. Jahrhundert verdrängenden neuen Stilrichtungen allmählich in Vergessenheit.
Quellen: StadtA Ulm, Rats- und Stiftungsratsprotokolle; Dokumentation Kriegerdenkmale; Personendokumentation (G 2: Federlin).
Nachweis: Bildnachweise: Foto in Personendokumentation des StadtA Ulm und Abb. in Siegfried Federle (vgl. Lit.).

Literatur: Siegfried Federle, Das Schwäbisch-Alemannische Geschlecht Federlin-Federle-Feederle 1375-1965, Teil 2, in: Deutsches Familienarchiv 38 (1968), 39-160, hier 50 f.; Ulmer Bilderchronik, hg. von Karl Höhn, Bd. 2, 1931, Bd. 3, 1933; Hubert Fink, Restaurierung und Ausbau des Ulmer Münsters, in: Hans Eugen Specker (Hg.), Ulm im 19. Jh. (Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm: Reihe Dokumentation, Bd. 7), 1990, hier 72-74.
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