Joerger, Kuno Josef Adolf 

Geburtsdatum/-ort: 16.05.1893;  Heidelberg
Sterbedatum/-ort: 04.11.1958;  Freiburg i. Br.
Beruf/Funktion:
  • römisch-katholischer Geistlicher, Generalsekretär des DCV
Kurzbiografie: 1911 Abitur Heidelberg
1911-1915 Studium Theologie und Philosophie Freiburg und St. Peter
1915 Priesterweihe Freiburg
1915-1916 Vikar Durmersheim und Karlsruhe-St. Bonifatius
1916 Eintritt in den Caritasverband in Freiburg als Caritassekretär
1918 Kriegshilfekreuz
1921 Generalsekretär des DCV
1924 Mitbegründer des Internationalen Caritascomités (Tagung Amsterdam)
1924 Direktor beim DCV
1937 Erzbischöflicher Geistlicher Rat ad honorem
1943 Pfarrvikar Jechtingen zwecks Freistellung vom Wehrdienst
1947 Päpstlicher Geheimkämmerer mit dem Titel Monsignore
1948 Initiator der Wiedereinführung der Wohlfahrtsbriefmarken, zunächst in der Französischen Besatzungszone
1951 Verfasser eines Baden-Liedes, vertont durch Franz Philipp. Neugründung von Caritas Internationalis (Kongreß Rom)
1955 Ausarbeitung und Vorschlag einer Kalenderreform
1956 Bio-Bibliographie durch die Mitarbeiter der Caritaszentrale, Ehrenurkunde des Landes Baden-Württemberg, Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Eltern: Vater: Alois Joerger, Kaufmann, Stadtrat in Heidelberg
Mutter: Anna, geb. Bopp
Geschwister: 4
GND-ID: GND/1012276082

Biografie: Hans-Josef Wollasch (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 165-167

Wesensmäßig sehr stark geprägt durch die in der pfarrlichen Caritasarbeit engagierte Mutter, wuchs Joerger fast abgeschieden von der Umwelt auf. Still, fromm, in sich gekehrt, fleißig und zuverlässig, empfahl er sich nach dem Abitur am Gymnasium in Heidelberg für die Ausbildung zum Priesterberuf. Im November 1911 nahm er in Freiburg das Studium der Theologie und Philosophie auf, bezog im Herbst 1914 das Priesterseminar in St. Peter auf dem Schwarzwald und erhielt am 2. Oktober 1915 in der Konviktskirche zu Freiburg die Priesterweihe. Seinem Weihejahrgang gehörten u. a. die späteren Generalvikare Simon Hirt und Ernst Föhr an. Nach nur kurzem praktischen Seelsorgedienst trat er mit Zustimmung der Kirchenbehörde am 1. Mai 1916 als Caritassekretär in die Dienste des Caritasverbandes in Freiburg, entsprechend dem Wunsche des Gründers Lorenz Werthmann, der übrigens nur zwei Monate zuvor auch den jungen Lazarettseelsorger Alois Eckert an die Caritaszentrale geholt hatte. Was den Kriegsdienst anbelangte, war Joerger im gleichen Jahr für unabkömmlich erklärt worden, erhielt jedoch am 9. Juli 1918 das Kriegshilfekreuz verliehen, sicherlich für die Arbeit der „Kriegshilfestelle“ des Caritas Verbandes; von seinen Geschwistern Arthur, Gustav, Alois und Anna fielen die beiden erstgenannten Brüder im Kriege.
In der strengen Schulung durch den Gründerpräsidenten und dessen „Caritas“-Besessenheit aufnehmend, hat sich Joerger bedingungslos in diesen Dienst am anderen begeben. Binnen Jahresfrist war ihm nach seinen eigenen Worten „die Bearbeitung nahezu der Hälfte der caritativen Fachgebiete“ sowie eine umfangreiche redaktionelle Tätigkeit zugewachsen. Er sah das Erfordernis eines soliden organisatorischen Ausbaus des Caritasverbandes, wenn er damals – 1917 – schrieb: „Der möglichst rasche Organisationsausbau und die möglichst gründliche und umfangreiche Anteilnahme an der öffentlichen und freiwilligen Wohlfahrtspflege ist für den Einfluß der katholischen Kirche Deutschlands in der Öffentlichkeit von dringendster Notwendigkeit.“
Mit dieser Einstellung entwickelte sich Joerger, anfangs November 1921 zum Generalsekretär des DCV ernannt, zum wertvollen Mitstreiter von Benedict Kreutz, der zum gleichen Zeitpunkt als neuer Caritaspräsident berufen wurde. Dies galt ungeachtet aller äußeren Unterschiedlichkeit: Je häufiger der Präsident und ehemalige Divisionspfarrer Kreutz auf Reisen war und immer heikler sich entwickelnde Verhandlungen auf höchster Ebene führen mußte, um so konsequenter hütete Joerger in seiner zurückhaltenden und doch beharrlichen Art das Werthmannhaus in Freiburg, in welchem er seit 1924 zugleich Hausgeistlicher war und seine kleine Wohnung hatte, um in dieser Caritaszentrale den Angestellten ein zuständiger Ansprechpartner ihrer fachlichen Arbeit, den vielen Rat- und Hilfesuchenden ein praktischer Helfer zu sein. Auf seinem Platz hat er mitgewirkt, „aus einer Organisationszentrale eine Stelle des Helfens zu machen“ (Alois Eckert). In besonderem Maße und sehr im Stillen tat er dies in den Jahren des Nationalsozialismus. Für seine zielstrebige ideelle und organisatorische Aufbauarbeit an der Caritas ernannte ihn Erzbischof Conrad Gröber am 6. November 1937, anläßlich des 40jährigen Bestehens des DCV, zum Geistlichen Rat ad honorem. Vom aktiven Wehrdienst wurde Joerger, neben seiner unzulänglichen Tauglichkeit, durch Bestellung zum Pfarrvikar für die Pfarrei Jechtingen bewahrt (24. September 1943). Das 50jährige Jubiläum des DCV brachte ihm am 18. Oktober 1947 die Ehrung eines Päpstlichen Geheimkämmerers mit dem Titel Monsignore.
In dasselbe Jahr fallen Joergers Bemühungen, durch Wiedereinführung von Wohlfahrtsbriefmarken zusätzliche Einnahmequellen für die Tätigkeit der freien Wohlfahrtspflege zu öffnen. Selbst Philatelist und Besitzer einer mehrfach prämierten Sammlung europäischer Wohlfahrtsbriefmarken, gelang es ihm 1948, die Einführung der ersten Wohlfahrtsbriefmarke nach dem Kriege durchzusetzen. Diese „Rotkreuzmarke“, die nur in der Französischen Besatzungszone vertrieben werden durfte, steht am Anfang jährlich neu aufgelegter Briefmarkenserien, deren Zuschläge bis heute in Millionenhöhe die freie Wohlfahrtspflege unterstützen. War Joerger die Zusammenarbeit mit den Wohlfahrtsverbänden ein Gebot der Klugheit und der Offenheit seines Charakters, so war ihm das Zusammengehen der nationalen Caritasverbände über Ländergrenzen hinweg ein Herzensanliegen. Gewissermaßen als Testamentsvollstrecker Werthmanns brachte er schon 1924 in Amsterdam, im unmittelbaren Vorfeld des Eucharistischen Weltkongresses, zum ersten Male eine internationale Caritaskonferenz zusammen, die, beschickt von Vertretern aus 22 Ländern, zugleich die Gründungsversammlung des Internationalen Caritas-Komités darstellte. Mehrere weitere Kongresse in Luzern und Basel hat Joerger, von Anfang an Mitglied im Präsidium der Internationalen Caritas, organisiert, bis das NS-Regime in der Kriegszeit diese internationalen Verbindungen unmöglich machte. Im Heiligen Jahr 1950 war es wieder Joerger, der die Wege suchte und ebnete für die Wiedergründung der Caritas Internationalis, die sich Ende 1951 auf einem Kongreß in Rom neu konstituierte, und die heute, im auslaufenden 20. Jahrhundert, Caritasverbände in rund 130 Ländern der Erde koordiniert. So ist es gerechtfertigt, Joerger als „einen der Väter dieser weltweiten Caritas und als ihren eifrigsten Spiritus Rector in Deutschland zu bezeichnen“ (Ernst Laslowski).
Dieses großflächige Arbeitsfeld, zu dem noch die Mitgliedschaft in der Katholischen Union für das Studium internationaler Fragen, im Internationalen Komitee für Familienerziehung sowie in demjenigen für Sozialarbeit und Wohlfahrtspflege kam, ließ Joerger auf dem Parkett überterritorialer Caritas- und Sozialarbeit heimisch werden. Zu Hause jedoch wußte er sich im Badischen. Als es um die Abstimmung für oder gegen einen Südweststaat ging, hat Joerger 1951 „in enger Fühlung“ mit Staatspräsident Leo Wohleb mitzuhelfen versucht, „daß unser liebes Badnerland erhalten bleibt“: Er verfaßte ein Lied „Mein Badnerland“ (Refrain: „Wir alle wollen Badner sein und wollen Badner bleiben!“), das Franz Philipp vertonte und das bei Herder gedruckt wurde. Seinem Ideenreichtum entsprang auch der Gedanke einer Kalenderreform; er schlug einen festen Jahreskalender mit 13 Monaten zu je 28 Tagen mit einem neutralen Neujahrsfest vor.
Zum 40jährigen Dienstjubiläum bei der deutschen Caritas erhielt Joerger die Ehrenurkunde des Landes Baden-Württemberg und das Große Bundesverdienstkreuz. Eine Verlängerung seines zum 31. Dezember 1958 auslaufenden Dienstverhältnisses um fünf Jahre war er bereit, anzunehmen; trotz einer kontrollierten Zuckerkrankheit fühlte er sich dafür in der Lage. Sein Tod am 4. November, nach viertägigem Krankenhausaufenthalt, löste diese Frage. Unter großer Anteilnahme wurde der „Mann des Ausgleichs, des stillen Wegbereitens von Frieden und Eintracht, der sachlichen, klugen Beratung“ (Bruno Wüstenberg) am 7. November 1958 auf dem Caritasfeld des Freiburger Hauptfriedhofs beigesetzt.
Joerger war nicht nur der kindlich-fromme Priester, er war auch ein Fachmann christlicher Sozialarbeit, Organisator dazu, ein verläßlicher Platzhalter seines Präsidenten. War dieser oft als Hausvater der Werthmannhausfamilie apostrophiert, so verkörperte Joerger, wie sein Freund Heinrich Höfler empfand, eher das mütterliche Prinzip. Manche hat er durch sein äußeres Auftreten darüber getäuscht: Leicht gebeugt, beleibt, blaß-schwammig, fast ein bißchen der Typ des „Kindlein“ aus Ludwig Thomas Lausbubengeschichten. „Milchbrötchen“ nannte man ihn denn auch gelegentlich in der Mitarbeiterschaft. Wer aber mit ihm zusammenarbeitete, kannte sein Fachwissen, sein versöhnliches Wesen, seine Freude am Feiern und am Freude-Bereiten. Und wer ihn kannte, wußte, daß in seinem stets zugänglichen Zimmer ein „Anwalt der Kleinen, ein menschenfreundlicher Helfer aller Hilfesuchenden“ saß, so schrieb es ihm die Verbandsleitung dankbar auf den Totenzettel. Mit feinem Gespür hat Ernst Schnydrig Joerger charakterisiert: „Er hat viele, viele Jahre Papier in die Register abgelegt, aber sorgfältig darauf geachtet, daß seine Seele nicht zwischen die Deckel mit eingeklemmt werde. Und vor allem hatte er immer Zeit für alle Leute der Zentrale und für sehr viele, die von außen kamen, auch wenn er diese Zeit in späten Nachtstunden abbüßen mußte. Und vielleicht ist das das Schönste, was man von ihm sagen kann, und selten genug.“
Quellen: Unechter Nachlaß Joerger im Archiv des DCV
Werke: Was jedermann vom Caritasverband wissen muß, Freiburg i. Br. 1917, 5. Aufl. 1919; Caritashandbuch. Ein Leitfaden für die Caritasarbeit, Freiburg i. Br. 1920, 3. Aufl. 1922; Am Jahrhundertweg der deutschen Caritasbewegung, Freiburg i. Br. 1923; Von Menschennot und Christenhilfe. Caritaspredigten, Freiburg i. Br. 1931; Caritas-Gebetbuch. Gebete und Lieder christlicher Nächstenliebe, Freiburg i. Br. 1933; Bio-Bibliographie. Zum vierzigjährigen Dienstjubiläum von der Caritasbibliothek vollständig neu bearbeitete und auf den Stand vom 1. Mai 1956 ergänzte Fassung der Zusammenstellung von 1941 (Archiv des DCV, 091 Fasz. 10a)
Nachweis: Bildnachweise: Photos im Archiv des DCV

Literatur: K(arl) B(orgmann), Monsignore Kuno Joerger 60 Jahre alt, in: Caritas 54 (1953), 156 ff.; Peter Lippert, Berater und Freund, in: Österreichische Caritas-Zeitschrift 6 (1953), 124 f.; Monsignore Joerger zum Gedächtnis, in: Caritas 59 (1958), 352-359; Elisabeth-Brief 1959, 7-14; Necrologium Friburgense, in: FDA 82/83 (1962/63), 463 f.
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