Pirrung, Adolf 

Geburtsdatum/-ort: 13.07.1878; Oberbexbach
Sterbedatum/-ort: 14.04.1965;  Biberach/Riß
Beruf/Funktion:
  • Ingenieur, Elektrizitätswirtschaftler
Kurzbiografie: 1898 Abitur am humanistischen Gymnasium in Landau/Pfalz
1898-1903 Studium Maschinenbau und Elektrotechnik TH München
1903 Examen zum Diplom-Ingenieur
1904-1908 Projektierungsingenieur und Leiter des technischen Büros bei Baugesellschaft für elektrische Anlagen AG, Augsburg
1908 Eintritt in die elektrotechnische Fabrik Wilhelm Reisser, Stuttgart, zunächst als Akquisitions- und Projektierungsingenieur, ab 1913 Oberingenieur und Prokurist
1919-1924 Vorstand der Reisser-Elektrizitäts-AG, Stuttgart
1924-1933 Leitender Direktor der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke, Biberach
1933 Auf Drängen der NSDAP Ausscheiden bei den Oberschwäbischen Elektrizitätswerken und Niederlegung sämtlicher damit zusammenhängender Ämter
1935-1945 Unabhängiger Sachverständiger für Energiewirtschaft und Wasserkraftnutzung in Berlin
1945 Berufung zum Beauftragten für die Energiewirtschaft in der französischen Besatzungszone, zum Vorsitzenden des Länderratsausschusses für die Elektrizitätsversorgung in der amerikanischen Besatzungszone sowie zum Landeslastverteiler für Württemberg
1945-1953 Generaldirektor und Vorsitzender des Vorstandes der Energie-Versorgung Schwaben AG, Stuttgart
1950 Dr.-Ing. E.h. TH Stuttgart
1951 Ehrensenator TH Karlsruhe
1952 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Ehrenmitglied der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke
1953 Verleihung des Titels Professor durch baden-württembergische Landesregierung, Ehrensenator der Universität Tübingen
1953-1965 Aufsichtsrat der Energie-Versorgung Schwaben AG
1958 Großes Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Päpstliche Ernennung zum Komtur des Ordens vom Hl. Gregor dem Großen
1963 Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1904 Altötting, Kunigunde, geb. Strohhöfer
Eltern: Johann Jakob Pirrung (1845-1935), Besitzer einer Gerberei mit Lederhandel und eines Weinguts
Barbara (1853-1932), geb. Ullrich
Geschwister: 8
Kinder: kinderlos
GND-ID: GND/1012294056

Biografie: Jürgen Gysin (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 352-355

Der gebürtige Pfälzer Pirrung hat vor und nach dem 2. Weltkrieg die Entwicklung der württembergischen Elektrizitätswirtschaft maßgebend beeinflußt und mitgeprägt. Auf seinen Ideen und Vorarbeiten basierte die Gründung eines leistungsfähigen Landesversorgungsunternehmens. Von den Alliierten in der „Stunde Null“ mit der Leitung der Elektrizitätsversorgung des besetzten Landes beauftragt, wirkte er entscheidend mit beim erfolgreichen Wiederaufbau und Neubeginn in der Nachkriegszeit.
Pirrungs berufliche Laufbahn begann als Projektierungs- und Akquisitionsingenieur für elektrische Anlagen. Allein während seiner Zeit (1908-1924) bei der Stuttgarter Firma Wilhelm Reisser betreute er die Errichtung von etwa 50 Elektrizitätswerken im süddeutschen Raum. Er erwarb sich rasch das Vertrauen des Firmeninhabers, der ihn nach und nach mit der Leitung der Geschäfte betraute. Pirrung baute für Reisser eine Zweigniederlassung in Ulm auf und gründete als Prokurist im Auftrag der Firma mehrere Tochtergesellschaften. Nach dem 1. Weltkrieg wurde er schließlich in den Vorstand der aus einer Umstrukturierung des Unternehmens hervorgegangenen Reisser-Elektrizitäts-AG berufen. Als bereits erfolgreicher Manager wechselte er 1924 zu den Oberschwäbischen Elektrizitätswerken (OEW) nach Biberach/Riß, deren Verbandsvorsitzender, Dr. Franz Schenk Freiherr von Stauffenberg (1878-1950), ihm Ende 1923 die Leitung der OEW angeboten hatte. Daß er das Angebot annahm, weil – wie er später einmal rückblickend bemerkte – es ihn reizte, eine neue Aufgabe zu übernehmen, war nicht nur für die OEW, sondern für die gesamte württembergische Elektrizitätswirtschaft ein Glücksfall. Pirrung fand bei der OEW durchaus solide Verhältnisse vor. Der Auf- und Ausbau des Unternehmens war weitgehend abgeschlossen. Mit den Illerkraftwerken verfügte die OEW über die bedeutendste Wasserkraftanlage in Württemberg. Doch als Chef des flächenmäßig größten und vom Stromabsatz her gesehen drittgrößten Elektrizitätswerks des Landes hatte sich Pirrung von Anfang an mit den übergreifenden Fragen der Elektrogroßwirtschaft zu befassen. Denn infolge der kriegsbedingten Versorgungsbeeinträchtigungen war es in Württemberg zu einer öffentlich geführten Diskussion über die Rolle des Staates und über eine effektivere Organisation der Elektrizitätswirtschaft gekommen, die sich aus über 280 privaten, gemischt-wirtschaftlichen oder kommunalen Elektrizitätswerken zusammensetzte. Während mit dem Badenwerk und Bayernwerk staatlich gelenkte einheitliche Landesversorgungsunternehmen gegründet wurden, waren in Württemberg zwei sogenenannte Leitungsgesellschaften, die Württembergische Landesversorgungs-AG (WLAG) und die Württembergische Sammelschienen-AG (WÜSAG) entstanden, die für den Strombezug von Bayern und Baden sowie für den Stromaustausch zwischen den größeren Werken Übertragungsleitungen errichteten. In den beiden konkurrierenden Leitungsgesellschaften hatten sich die einander zum Teil unversöhnlich gegenüberstehenden Interessengruppen der Elektrizitätswerke formiert. Trotz staatlicher Beteiligung an beiden Gesellschaften blieb der Einfluß der Regierung gering. Pirrung erkannte mit weitsichtigem Blick die großen Zukunftsaufgaben der Elektrizitätswirtschaft, die ihr durch die wachsende Bedeutung der elektrischen Energie für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zukam. Er versuchte zunächst als unvoreingenommener Neuling zwischen den zerstrittenen Elektrizitätswerken zu schlichten und sie zu bewegen, das Eigeninteresse zugunsten einer dem Wohle des Landes dienenden gemeinsamen Vorgehensweise zurückzustellen. Denn Pirrung war der festen Überzeugung, daß die vorhandene Zersplitterung und Zerstrittenheit die Eigenständigkeit der württembergischen Elektrizitätswirtschaft gefährde und daß zudem die anstehenden großwirtschaftlichen Aufgaben der Strombeschaffung und -verteilung ohne ein Zusammenwirken der größeren Werke nicht zu bewältigen waren. Deshalb verfolgte er die Politik des größten und mächtigsten deutschen Elektrokonzerns, der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE), dem mit dem Bau der durch Württemberg führenden ersten europäischen 220.000-Volt-Leitung vom Rheinland bis nach Österreich ein sehr wirkungsvolles Instrument zur Durchsetzung seiner Interessen zur Verfügung stand, mit besonderem Mißtrauen. Um die Selbständigkeit zu bewahren, sah es Pirrung als unbedingt erforderlich an, daß sich die württembergische Elektrizitätswirtschaft durch Beteiligungen im benachbarten Ausland größere Wasserkräfte zur Stromerzeugung sicherte. In diesem Sinne betrachtete Pirrung die Beteiligung der OEW an den Vorarlberger Illwerken in Österreich zur Erschließung der alpinen Wasserkräfte als eine treuhänderische Aufgabe für das Land. Dies galt auch für seine Bemühungen, gemeinsam mit anderen württembergischen Werken eine Beteiligung am Ausbau der Oberrheinkräfte zu erwerben, was letztlich aber am Widerstand des RWE scheiterte. Es gelang ihm, den damaligen Innenminister und späteren Staatspräsidenten Eugen Bolz, mit dem ihn nicht nur eine Partei-, sondern auch eine persönliche Freundschaft verband, für seine Ideen zu gewinnen. Auf beider Initiative hin wurde 1925 eine Kommission für Elektrogroßwirtschaftsfragen ins Leben gerufen, in der Vertreter der bedeutenderen Elektrizitätswerke, der Leitungsgesellschaften und der Wirtschaft mitwirkten. Trotz der nach wie vor bestehenden Gegensätze erarbeitete die Kommission unter dem Vorsitz von Pirrung eine Denkschrift mit Vorschlägen zur Neuorganisation der Elektrizitätswirtschaft. Nach dem Beispiel des Vereinigten Westfälischen Elektrizitätswerkes in Dortmund sollte eine Dachgesellschaft für die Aufgaben der Elektrogroßwirtschaft durch die Fusion der öffentlich-rechtlichen Überlandwerke gegründet werden, der dann in einem zweiten Schritt die Leitungsgesellschaften beitreten sollten. Es waren im wesentlichen die Gedanken Pirrungs, die in der 1929 fertiggestellten Denkschrift zum Ausdruck kamen. Obwohl sich 1930 bereits eine Kommission mit den Bewertungsfragen eines Zusammenschlusses der Elektrizitäts-Zweckverbände befaßte, scheiterte die geplante Dachgesellschaft „Schwabenwerk“ schließlich doch noch an den zu starken Einzelinteressen. Danach übernahm die OEW wiederum die Vorreiterrolle auf dem Weg des Zusammenschlusses der öffentlich-rechtlichen Zweckverbände, indem sie 1931 mit dem Bezirksverband Heimbachkraftwerke fusionierte und im Norden des Landes das kleinere Versorgungsgebiet des Gemeindeverbands Elektrizitätswerk Kocherstetten pachtete. Die weiter vorgesehene Fusion mit dem Bezirksverband Stromverband Jagstkreis scheiterte allerdings. Pirrungs Bestreben war es auch, die Verbreitung der elektrischen Energie sowohl in Industrie und Gewerbe als auch im Haushalt zu fördern. In diesem Zusammenhang beschäftigte sich Pirrung intensiv mit den Fragen der Strompreisgestaltung. In bahnbrechenden Untersuchungen wies er nach, daß der Grundpreistarif, d. h. die Unterteilung des Strompreises in einen festen Grundbetrag und einen verbrauchsabhängigen Arbeitspreis, den Stromabsatz förderte, gleichzeitig zu niedrigeren Preisen führte und auf der anderen Seite den Kosten der Strombereitstellung am ehesten entsprach. Die OEW war eines der ersten Unternehmen, die den Grundpreistarif einführte, der später als „Reichstarif“ überall galt. Nicht zuletzt diese 1930 auf der Weltkraftkonferenz in Berlin vorgestellten Arbeiten verschafften Pirrung das Renommee eines führenden Elektrizitätswirtschaftlers, der in zahlreiche nationale und internationale Fachgremien berufen wurde. Pirrung gehörte auch zu den führenden Männern der württembergischen Zentrumspartei. Er hatte zwar alle Angebote, ein Mandat zu übernehmen, zurückgewiesen, war aber ehrenamtlich als Landesvorsitzender und stellvertretender Reichsvorsitzender der Handels- und Industriebeiräte für seine Partei tätig. Sein Engagement für die Zentrumspartei, verbunden mit der Freundschaft zu führenden Zentrumspolitikern, z. B. Brüning, Bolz und Enders (Österreich), sowie seine offene Ablehnung der Nationalsozialisten führten letztlich dazu, daß Pirrung nach der Machtergreifung als ein Repräsentant der verhaßten Weimarer Republik auf Betreiben der Nationalsozialisten bei der OEW ausscheiden mußte. Im April 1933 wurde Pirrung nach einer diffamierenden Pressekampagne in Schutzhaft genommen. Der geplanten Einlieferung ins KZ Heuberg entging Pirrung nur durch die Intervention eines Freundes. Obwohl sich alle Vorwürfe als völlig haltlos erwiesen und Pirrung wieder rehabilitiert wurde, zwangen ihn die Nationalsozialisten zum Rücktritt. Pirrung siedelte nach Berlin über, wo er ab 1935 als selbständiger Gutachter für Energiefragen tätig war. Trotz seiner standhaften Weigerung, für die NSDAP zu arbeiten, gelang es ihm mit nahezu 60 Jahren, als anerkannter Sachverständiger beruflich wieder erfolgreich Fuß zu fassen. In Berlin mußte Pirrung erleben, wie sein Freund Eugen Bolz nach dem Hitler-Attentat vom Juli 1944 verhaftet, gefoltert und hingerichtet wurde. Pirrung stand bis zuletzt zu ihm und besuchte ihn mehrmals im Gefängnis.
Die französische Militärregierung übertrug Pirrung, der bei Kriegsende gerade in Württemberg weilte, im Mai 1945 die Oberleitung sämtlicher in der französischen Besatzungszone, also in Südwürttemberg, Südbaden und Rheinland-Pfalz, gelegenen Elektrizitätswerke. Nachdem ihn schon die Franzosen zur Übernahme der Geschäftsführung bei der Energie-Versorgung Schwaben AG (EVS) vorgeschlagen hatten, setzte ihn die amerikanische Besatzungsmacht in Stuttgart als Vorsitzenden des EVS-Vorstandes ein. Gleichzeitig wurde er zum Vorsitzenden des Länderratsausschusses für Elektrizitätsversorgung in der amerikanischen Zone für Bayern, Nordwürttemberg, Nordbaden und Hessen ernannt und übernahm die Aufgabe des Landeslastverteilers für Württemberg. Damit nahm Pirrung eine Schlüsselposition für die Elektrizitätsversorgung in Süddeutschland ein. Es gelang ihm, die während der NS-Zeit nicht ohne Zwang entstandene EVS, als deren geistiger Vater er sich fühlte, gegen die Einsprüche der früheren Zweckverbände zu erhalten und damit sein „Lebenswerk“ zu retten. Pirrung machte sich auch für die Wiederbelebung der Verbände stark. Er gehörte ebenso zu den Gründervätern des Verbandes der Elektrizitätswerke in Württemberg wie der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW). Und nicht zuletzt bahnte er die Gründung der Deutschen Verbundgesellschaft (DVG) an, die den Stromaustausch auf nationaler, später auch internationaler Ebene organisierte. Trotz seines hohen Alters nahm Pirrung auch teil an der Parteigründung der CDU im Land und stand einige Jahre dem Kreis- und in Biberach dem Ortsverband vor. Daneben betätigte sich Pirrung als großzügiger Mäzen für Wissenschaft, Kunst und karitative Zwecke. Seine unbestreitbaren Leistungen, v. a. in der Zeit des Wiederaufbaus, fanden noch zu Lebzeiten durch zahlreiche Ehrungen eine sichtbare Würdigung.
Quellen: Persönlicher Nachlaß in Familienbesitz; EVS-Zentralarchiv, Stuttgart
Werke: Elektrizitätstarife, neuere Bestrebungen und Erfahrungen (Sonderdruck eines auf der Weltkraftkonferenz in Berlin gehaltenen Vortrags) 1930; Zusammenfassung der kommunalen Überlandwerke Württembergs im Rahmen der Gesamtversorgung, in: Das kommunale Elektrizitätswerk, Heft 5 (1930); Elektrizitätstarife. Untersuchungen über Gestaltung von Grundgebührentarifen für Kleinabnehmer, 1932; Erinnerungen eines Elektrizitätswirtschaftlers 1901-1951, in: Elektrizitätswirtschaft, Heft 1/2 (1951)
Nachweis: Bildnachweise: EVS-Zentralarchiv Stuttgart

Literatur: Dzierzon, Rudolf, Prof. Dr.-Ing. E.h. Dipl.-Ing. Adolf Pirrung – Ein Leben für die Elektrizitätswirtschaft, 1970
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