Schilli, Hermann 

Geburtsdatum/-ort: 01.01.1896;  Offenburg
Sterbedatum/-ort: 28.08.1981;  Freiburg i. Br.
Beruf/Funktion:
  • Bauernhausforscher
Kurzbiografie: 1913 Schulabschluß an der Oberrealschule Offenburg, dann Baupraktikum und Beginn des Studiums in Karlsruhe
1914-1918 Teilnahme am 1. Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger
1919-1921 Fortsetzung des Studiums am Staatstechnikum Karlsruhe
1921 Gewerbeschulkandidat in Offenburg
1927 Gewerbeschullehrer
1931 Studienrat
1938 Übernahme der Leitung der Zimmermeisterschule in Freiburg
1939-1942 Offizier in der Wehrmacht
1952 Neugründung der Zimmermeisterschule Freiburg
1959 Studienprofessor
1962 Pensionierung
1964 Eröffnung des Freilichtmuseums Vogtsbauernhof in Gutach
1967 Oberrheinischer Kulturpreis
1977 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
1979 Heimatpreis des Ortenau-Kreises
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1927 Frieda, geb. Sammeth aus Offenburg
Eltern: Vater: Stefan Schilli aus Zunsweier, Schlosser und Bahnbeamter
Mutter: Maria, geb. Barlott aus Durlach
Kinder: Prof. Dr. med. Wilfried (geb. 1929)
Dr. med. Gerhard (geb. 1933)
GND-ID: GND/1012301435

Biografie: Rudolf Metz (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 320-322

Nach Abschluß der Oberrealschule Offenburg 1913 und einem Praktikum bei einem Zimmermeister in seiner Heimatstadt begann Schilli das Studium am Staatstechnikum Karlsruhe. Der 1. Weltkrieg führte ihn auf die Kriegsschauplätze im Westen und im Baltikum. Nach Rückkehr setzte er 1919 sein Studium in Karlsruhe fort, um Gewerbelehrer zu werden. Nach Studienabschluß 1921 wurde er als Gewerbeschulkandidat an der Gewerbeschule Offenburg beschäftigt und unterrichtete die Schüler des Baugewerbes. 1927 erhielt er dort eine planmäßige Anstellung. 1929 holte er das Abitur nach, legte 1930 die Prüfung für das höhere Lehramt an gewerblichen Schulen ab und wurde 1931 Studienrat.
Bereits während seiner Studienzeit in Karlsruhe wurde er durch Otto Gruber angeregt, sich mit der neunhundertjährigen Entwicklungsgeschichte der Bauernhäuser im Schwarzwald zu beschäftigen. Neben seiner Berufsarbeit in der Ausbildung des Handwerkernachwuchses widmete er seine Freizeit von Offenburg und später von Freiburg aus mehrere Jahrzehnte lang der Erforschung der bodenständigen Häuser im Hofbauerngebiet im mittleren Schwarzwald. Dutzende von Schwarzwaldhöfen hat er mit allen konstruktiven Details fotografiert, gezeichnet und vermessen. Schließlich kannte Schilli hier jeden älteren Hof mit seinen Besonderheiten. Daneben galt sein Interesse den oberrheinischen Fachwerkhäusern oder Sonderformen der Holzbauweise, wie etwa dem Kniestockhaus im ehemals hanau-lichtenbergischen Herrschaftsgebiet der Oberrheinebene und am Schwarzwaldrand.
1936 und 1937 erschienen seine ersten Veröffentlichungen über die Bauernhäuser in der Ortenau und über den von ihm herausgearbeiteten urtümlichen Typus der Heidenhäuser im mittleren Schwarzwald. Der Historische Verein für Mittelbaden, dem er seit 1927 angehörte, hat ihn 1961 zum Ehrenmitglied ernannt.
Der Landesverband badischer Zimmermeister veranlaßte, daß an der Gewerbeschule Freiburg 1938 eine Meisterschule für das Zimmerhandwerk eingerichtet und deren Leitung Schilli angetragen wurde. Mit großem Einsatz baute Schilli diese Zimmermeisterschule auf und führte sie nach 1945 zunächst behelfsmäßig weiter. 1952 konnte er erneut eine Meisterschule für das Zimmerhandwerk eröffnen und seine Lehrtätigkeit 1956 wieder in die früheren Räume der Gewerbeschule in Freiburg verlegen. 1959 wurde Schilli zum Studienprofessor ernannt und war Fachberater für das Zimmerhandwerk im Regierungsbezirk Südbaden. Von 1938 bis 1962 hat Schilli rund 1500 Zimmermeister ausgebildet und blieb mit vielen seiner Schüler zeitlebens in freundschaftlicher Verbindung.
In Freiburg stieß Schilli 1938 zum Alemannischen Institut, wo er rasch ein geschätzter Mitarbeiter wurde. Bei seinen Vorträgen und Führungen im Gelände beeindruckte er durch sein profundes Wissen. Dazu war er der damals vorwiegend volkskundlich orientierten Bauernhausforschung durch seine Kenntnisse der Zimmermannstechnik und der Holzkonstruktionen überlegen. Viele Eigentümlichkeiten der bäuerlichen Wohnbauten in unseren Mittelgebirgslandschaften konnte Schilli dadurch erklären. Studien in den Archiven von Donaueschingen und Karlsruhe bestärkten ihn in der Auffassung, daß manche territorialen Eigentümlichkeiten und konstruktive Umgestaltungen auf landesherrliche Verordnungen, besonders auf feuerpolizeiliche Vorschriften, zurückzuführen sind.
Im 2. Weltkrieg war Schilli von 1939 bis 1942 als Offizier im Westen und an der Ostfront bis zu seiner Entlassung als Hauptmann aus gesundheitlichen Gründen. Bereits während der Kriegszeit arbeitete Schilli im amtlichen Auftrag an der Inventarisierung der historischen Bauernhäuser.
Die staatliche Denkmalpflege im Regierungsbezirk Freiburg unter Martin Hesselbacher, mit dem ihn eine persönliche Freundschaft verband, zog Schilli ab 1950 zur Mitarbeit heran. Seinen Bemühungen gelang es, zahlreiche Wohnbauten von kulturhistorischer Bedeutung in originaler Holzkonstruktion zu erhalten, darunter den Mattenhof in Mühlenbach, den Dilgerhof in Furtwangen, den Schömbachhof in St. Peter, den Wildenhof in Raitenbuch, den Rainertonihof in Schönwald, herausragende Fachwerkhäuser wie die Arche in Istein, das Kogerhaus in Ötlingen, den Hohen Hirsch in Ludwigshafen a. B., das Rathaus in Eigeltingen und mehrere Fachwerkbauten in Gengenbach.
Nach 1952 hat Schilli bei zahlreichen Vereinigungen und Institutionen, bei Heimatverbänden, bei Volkshochschulen wie in Fachkreisen über seine Ergebnisse vorgetragen und ist immer leidenschaftlich dafür eingetreten, die Zeugnisse der bäuerlichen Kultur der Nachwelt zu erhalten. Das Alemannische Institut, dem er seit 1957 als Beirat angehörte, bewog Schilli, ein umfassendes Werk über das Schwarzwaldhaus herauszubringen. Es erschien aufgrund seiner jahrelangen Vorarbeiten bereits 1953 und stellte die konstruktive Vielgestaltigkeit der von ihm unterschiedenen Haustypen mit ihren Merkmalen heraus. Das mit seinen instruktiven Ansichts- und Konstruktionszeichnungen rasch zu einem Standardwerk gewordene Buch erschien 1982 in einer 4., noch von Schilli überarbeiteten Auflage.
In Wort und Schrift blieb Schilli ein unermüdlicher Mahner, das historische Erbe der bäuerlichen Kulturlandschaft zu bewahren, das am eindrucksvollsten in den Hofbauten überliefert ist. Nach seiner Pensionierung 1962 konnte sich Schilli ganz seinem Plan widmen, im Hofbauerngebiet des Schwarzwalds ein Freilichtmuseum zu errichten. Als Mitarbeiter im Arbeitskreis für Hausforschung seit 1950 hatte er das Freilichtmuseum Cloppenburg kennengelernt und wollte seit 1960 nach eigenen Vorstellungen eine ähnliche Anlage im Schwarzwald ins Leben rufen. Ein Glücksfall wurde, daß der Vogtsbauernhof in Gutach an der Schwarzwaldbahn, eines der ältesten Schwarzwaldhäuser, das noch dazu originalgetreu erhalten und verkehrsgünstig gelegen war, erworben werden konnte. Schilli erreichte, daß der damalige Landkreis Wolfach 1963 das Anwesen zu diesem Zweck übernahm. 1963 ernannte der Kreistag Schilli zum Leiter des geplanten Museums. Bereits 1964 konnte der Vogtsbauernhof mit Speicher, Leibgedinghaus, Mühle und anderen Nebengebäuden als Grundstock des Freilichtmuseums eröffnet werden.
Mit der ihm eigenen Beharrlichkeit gelang es Schilli, daß weitere, im Schwarzwald bodenständige Hausformen in typischen Vertretern hier aufgestellt wurden (1968 Hippenseppenhof aus Furtwangen-Katzensteig, 1972 Lorenzenhof aus Oberwolfach, Hochgangsäge, Speicher und Kohlenmeiler, 1973 Hotzenhaus, 1981 Schauinslandhaus). Dabei konnte Schilli auf die Mithilfe von Zimmermeistern zurückgreifen, die durch seine Schule gegangen waren. Die Fertigstellung des Freilichtmuseums mit 24 Bauten, das bis zum Jahr 1986 über 7 Millionen Besucher zählte, bildete die Krönung von Schillis Lebenswerk.
Zu den Würdigungen, die Schilli, Träger des Bundesverdienstkreuzes I. Klasse, zuteil wurden, gehörten 1967 der Oberrheinische Kulturpreis und 1977 die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. Auch den 1979 erstmals verliehenen Heimatpreis des Ortenaukreises, der 1973 das Freilichtmuseum Vogtsbauernhof übernommen hatte, erhielt der „Bauernhausschilli“, wie er sich auch selbst gern nannte.
Seine zahlreichen Veröffentlichungen behandelten in erster Linie die Holzbauweise als gestaltenden Faktor in der oberrheinischen Kulturlandschaft. Neben den Schwarzwaldhäusern, die er auch in einprägsamen Zeichnungen festgehalten hat, beschäftigten ihn Fachwerkbauten, dazu der Kniestock und die Holztreppen mit ihren konstruktiven Merkmalen. Wertvolle Arbeiten untersuchten die Backhäuser und Hofkapellen, die Getreide- und Sägmühlen, die Leibgedinghäuser und die Speicher der Schwarzwaldbauern wie die bescheideneren Wohnbauten der Glasmacher, Bergleute und Köhler und anderer Angehöriger von Waldgewerben. Neben Fachschriften für den Zimmermeisternachwuchs hat Schilli auch als Berater bei Kulturfilmen über das Schwarzwaldhaus, die Kuckucksuhr und die Köhlerei mitgewirkt. Der Lehrer, Denkmalpfleger, Hausforscher und Museumsleiter Schilli stellte sein Leben und Wirken unter die von ihm gerne zitierte Devise: „No nit luck lo, mr druckets nus“.
Quellen: Wissenschaftlicher Nachlaß, darunter Zeichnungen und Bauaufnahmen, im Freilichtmuseum Gutach; StAF Personalakte OSA Nr. 9949
Werke: Vollständiges Schriftenverzeichnis in: Die Ortenau 66, 1986, 135-141
Nachweis: Bildnachweise: Bildnissammlung in der Erinnerungsstube des Vogtsbauernhofs in Gutach

Literatur: Hans Jakob Wörner, Hermann Schilli zum 80. Geburtstag, in: BH 56, 1976, 59-61; Martin Hesselbacher, Hermann Schilli. Erster Träger des Heimatpreises der Ortenau, in: Geroldsecker Land 62, 1982, 119-122; Lutz Röhrich, Herman Schilli, in: BH 62, 1982, 119-122; Dieter Krauss, Zum Leben und Werk von Hermann Schilli, in: Die Ortenau 66, 1986, 127-141
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