Schlapper, Ernst 

Geburtsdatum/-ort: 13.02.1887; Essen
Sterbedatum/-ort: 08.09.1976;  Baden-Baden
Beruf/Funktion:
  • Industrieller, MdL-CDU, Oberbürgermeister von Baden-Baden
Kurzbiografie: 1893-1906 Volksschule, Privatschule Krupp und höhere Handelsschule in Essen
1907 Stenotypist beim Blechwalzwerk Schulz & Knaudt in Essen
1908-1911 Ausbildung in Lyon, danach Verkaufsdisponent beim Holzsyndikat in Villeurbanne
1912 Privatsekretär bei August Thyssen, sodann Prokurist beim Borsig-Konzern
1915 Übernahme der Leitung der AG Meguin in Dillingen/Saar; 1917 Generaldirektor dieses Unternehmens
1919 Ausweisung durch die Franzosen; Erbauung eines neuen Werks der Firma Meguin in Butzbach/Hessen; Mitglied des Stadtrats und stellvertretender Bürgermeister in Butzbach, stellvertretender Präsident der IHK Oberhessen
1922 Dr. h. c. der Universität Gießen
1925 Freier Berater des Internationalen Arbeitsamts in Genf
1930-1935 Vorstandsvorsitzender der Ehrhardt & Sehmer AG, Saarbrücken
1935 Verhaftung und Verurteilung, 1937 Entlassung aus der Haft
1937-1945 Privatier in Baden-Baden
1945 Präsident der IHK Baden-Baden
1946 Wahl in den Gemeinderat (BCSV/CDU) und zum Oberbürgermeister der Stadt, 1948 und 1957 erneut gewählt
1946-1947 Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung Badens in Freiburg
1947-1951 MdL Baden/Freiburg (CDU)
1948 Vorstand der Bäder- & Kurverwaltung
1955 Großes Bundesverdienstkreuz
1969 Ruhestand
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1917 Essen, Julie, geb. Thiele (1900-1972)
Eltern: Peter, Schreinermeister (gest. 1909)
Henriette, geb. Fuhr (gest. 1914)
Geschwister: 10
Kinder: 2 Töchter
GND-ID: GND/1012301753

Biografie: Reiner Haehling von Lanzenauer (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3, 356-357

Schlapper entstammt der kinderreichen Familie eines Krupp-Handwerkers in Essen. Mit zäher Energie hat sich der junge Mann in wenigen Jahren aus einer gering bezahlten Schreiberstelle hochgearbeitet in Führungspositionen der Wirtschaft – im Alter von 25 Jahren wurde er Prokurist beim mächtigen Borsig-Konzern, mit 30 Jahren leitete er als Generaldirektor die Geschicke einer Aktiengesellschaft an der Saar. Fünf Jahre später verlieh ihm die Universität Gießen das Ehrendoktorat „... als dem weitblickenden Förderer nationaler wissenschaftlich-technischer Fragen.“ Im Jahre 1925 zog Schlapper nach Genf, um als freier Berater des Internationalen Arbeitsamts zu wirken. Hier nahm er die frühere Verbindung zu Außenminister Gustav Stresemann (1878-1929) wieder auf. Schlapper beriet ihn nicht nur, sondern er dolmetschte zugleich Stresemanns Gespräche mit dem französischen Außenminister Aristide Briand (1862-1932). Im Jahre 1930 wurde Schlapper zum Vorstandsvorsitzenden der Ehrhardt & Sehmer AG in Saarbrücken berufen. Nach 1933 geriet der weltbürgerliche, selbstbewußt auftretende Schlapper bald in Gegensatz zu den braunen Machthabern. Im Herbst 1935 ließen sie ihn wegen angeblichen Versuchs eines Devisenvergehens verhaften, er wurde nach Berlin gebracht und zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Nach der Entlassung begab er sich nach Baden-Baden, wo er bis 1945 als unauffälliger Privatmann lebte. Gleich nach Kriegsende bemühte er sich um seine Rehabilitierung. Durch Beschluß des Amtsgerichts Berlin-Mitte vom 22. Oktober 1948-1 AR 63/48-Rest. – wurde das frühere Urteil aufgehoben, da es auf politischen Gründen beruhte. Und die Universität Gießen bestätigte Schlapper, daß ihm der Doktortitel damals nicht wirksam hatte aberkannt werden können. Schlapper galt nun als politisch Verfolgter, lehnte es jedoch ab, Wiedergutmachungsansprüche zu stellen.
Noch im Jahre 1945 ernannte die IHK Baden-Baden den politisch Unbelasteten zu ihrem Präsidenten. Am 22. September 1946 wählte der soeben konstituierte Gemeinderat Baden-Badens sein Mitglied Schlapper zum Oberbürgermeister – ein Votum, das 1948 und 1957 erneuert werden sollte. Eine schwere Aufgabe wartete: Die Stadt hatte zwar unzerstört den Krieg überstanden, war jedoch im Sommer 1945 zum Sitz der Militärverwaltung für die ganze französische Besatzungszone bestimmt worden. Sämtliche Hotels und Pensionen, die Mehrzahl aller Läden und Wohnräume waren beschlagnahmt, 44 000 Franzosen drängten die 31 000 Einwohner auf engem Raum zusammen. Ging es auch in den ersten Nachkriegsjahren vorrangig um Nahrung und Wohnraum, so faßte Schlapper schon früh das Ziel einer Wiederherstellung des Kur- und Badeortes ins Auge. In zähen Verhandlungen, die ihn unter Umgehung jeglichen Protokolls bis nach Paris zum französischen Ministerpräsidenten Robert Schuman (1886-1963) führten, erreichte er Stück um Stück die Freigabe von zweckentfremdeten Hotelbauten und Wohnhäusern. Im Verlaufe der 1950er Jahre waren die Besatzer übergesiedelt in die Cité des Cadres, die im Südwesten der Stadt eilends hochgezogen worden war.
Mit Energie und organisatorischem Geschick hatte Schlapper unterdessen die Neubelebung des Weltbads vorangetrieben. Die freigegebenen Hotels und Restaurants wurden renoviert, die öffentlichen Verkehrsmittel modernisiert, die innerstädtischen Verkehrswege ausgebaut, Parkhäuser und Tiefgaragen angelegt. Im Rotenbachtal erweiterte man das Kurviertel und schuf das Neue Augustabad, das für vielfältige Heilbehandlungen offenstand. Eine wichtige Einnahmequelle der Stadt stellte die 1950 wiedereröffnete Spielbank dar. Schon früh konnten die berühmten Iffezheimer Pferderennen von neuem laufen. Dank dem historischen Flair, dank kultureller Darbietungen und gesellschaftlicher Veranstaltungen gelang es, an die Tradition der einstigen Sommerhauptstadt Europas anzuknüpfen, zahllose Gäste und Besucher aus dem In- und Ausland anzuziehen. Diesen wirtschaftlichen Aufschwung hat man stets dem dynamischen Oberbürgermeister als persönliche Leistung zugeschrieben. „Manager auf dem OB-Stuhl“ betitelten ihn die Medien.
Volksverbundene Umgangsart mangelte Schlapper, doch allemal zollten ihm die Bürger Respekt und Anerkennung. Zum Persönlichkeitsbild gehört auch, daß der streitbare, zuweilen unduldsam durchgreifende Schlapper nicht selten in Konflikt zu seinem Umfeld geraten ist. Mit Angehörigen des Gemeinderats, mit Bediensteten der Verwaltung, mit freisinnigen Künstlern und mit manch anderer Persönlichkeit konnte es zeitenweise zu bewegten Auseinandersetzungen kommen. Gleichwohl hat sich Schlapper im Gemeininteresse einem Ausgleich meist nicht verschlossen.
Im 82. Lebensjahr, inzwischen ältestes Stadtoberhaupt in der Bundesrepublik, beantragte Schlapper vorzeitige Versetzung in den Ruhestand auf den 30. Juni 1969. Bei seiner Verabschiedung machte ihn die Stadt Baden-Baden zum Ehrenbürger. Schlapper verstarb im Jahre 1976, seine Urne ist auf dem Hauptfriedhof Baden-Baden beigesetzt. Im Jahre 1991 hat man den Freiraum vor dem ehemaligen Stadtbahnhof Ernst-Schlapper-Platz benannt.
Quellen: Personalakte Stadtverwaltung Baden-Baden, Inv.-Nr. 11/19-76; StAF C 5/1-640
Nachweis: Bildnachweise: Ölbild (1971) von Clarissa Kupferberg im Stadtmuseum Baden-Baden (Inv.-Buch I b, S. 371); Porträtbüste (1977) von Alice Roskothen-Scherzinger im Stadtmuseum Baden-Baden (Inv.-Nr. 83/353)

Literatur: Die Beratende Versammlung des Landes Baden 1946-1947, 1947, 86; Rolf G. Haebler, Geschichte der Stadt und des Kurortes Baden-Baden, II. Band, 1969, 278; Karl Jörger, Die Ortenau 1969, 319; ders., Baden-Badener Ehrenbürger, 1974, 165; O. Wickert, Ekkhart 1978, 134; Paul-Ludwig Weinacht/Tilman Mayer, Ursprung und Entfaltung christlicher Demokratie in Südbaden. Eine Chronik 1945-1981, 1982, 81 ff.; Paul Feuchte, Verfassungsgeschichte von Baden-Württemberg, 1. Bd., 1983, S. 36; Klaus Fischer, Stadt und Kurort Baden-Baden 1945-1992, 1993, 26; R. Haehling von Lanzenauer, in: BH 4/2001, S. 721 – Zeitungen: Badisches Tagblatt Nr. 79 vom 23.09.1946, Nr. 288 vom 13.12.1962, Nr. 287 vom 13.12.1967, Nr. 287 vom 13.12.1972, Nr. 182 vom 11.08.1976, Nr. 101 vom 02.05.1991; BNN, Ausg. III, Nr. 292 vom 14.12.1967, Nr. 184 vom 11.08.1976; Baden-Badener Tribüne Nr. 19 vom 10.09.1966, Nr. 25 vom 02.12.1967; Stuttgarter Zeitung Nr. 288 vom 13.12.1962, Nr. 184 vom 11.08.1976; Spiegel Nr. 13 vom 25.03.1968; Munzinger-Archiv, Lfg. 48/76-P-6950 (1976). – Das in mehreren obigen Veröffentlichungen angeführte Diplom der École Supérieure de Commerce in Lyon wurde laut Auskunft der Schulleitung (1997) von Schlapper nicht erworben
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