Sernatinger, Hermann 

Andere Namensformen:
  • Pseud. Herimann aus der Zelle
Geburtsdatum/-ort: 30.07.1870;  Radolfzell
Sterbedatum/-ort: 08.06.1950;  Radolfzell
Beruf/Funktion:
  • Priester, Brauchtumspfleger und Schriftsteller
Kurzbiografie: 1876 Volksschule Radolfzell
1883 Großherzogl. Gymnasium Freiburg
1890 Abitur mit Gesamtprädikat gut; anschließend Theologiestudium in Freiburg
1894 Priesterweihe; anschließend Vikariat in Säckingen
1895 Vikar in Neustadt/Schwarzwald u. Schwarzach
1898 Pfarrverweser in Zunsweier
1900 Pfarrverweser in Heuweiler bei Freiburg u. Lausheim bei Stühlingen
1901 Pfarrer in Hausen vor Wald, dort zahlreiche Volksbildungsinitiativen u. ländliche Brauchtumspflege
1919 Gründung d. Radolfzeller Trachtengruppe
1921 Gründung des Trachtenvereins Baar
1926 Mitorganisator d. 1100-Jahr-Feier d. Stadt Radolfzell u. Kurator d. Jubiläumsausstellung
1928 krankheitshalber Ruhestand
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: unverheiratet
Eltern: Vater: Senes (1841–1929), Schuhmachermeister
Mutter: Luise, geb. Zopf (1846–1916)
Geschwister: 6; Luise Theresa (1871–1947), Frieda Johanna (1872–1961), Maria (1874–1875), Anna Maria (1875–1954), Klara Katharina (1880–1960) u. Eugen (1883–1890)
Kinder: keine
GND-ID: GND/1012305953

Biografie: Manfred Bosch (Autor)
Aus: Badische Biographien. Neue Folge 6, S. 373-376

Sernatinger stammt aus einfachen Verhältnissen; seine Vorfahren waren Handwerker und Bauern. Zur Mutter, einer tiefreligiösen Frau, hatte das älteste von sieben Geschwistern ein besonders enges Verhältnis. Nach der Volksschule, in der bereits sein Talent auffiel, erhielt Sernatinger Lateinunterricht, und vollends zeigte sich seine breite Begabung während der Freiburger Gymnasialzeit, in der er sich mit Begeisterung der Musik, der Malerei und dem Theaterspiel widmete.
Der Gedanke, Priester zu werden, war von der Mutter ausgegangen; verwirklicht werden konnte er nur dank einem Stipendium. Nach dem Theologiestudium in Freiburg und der festlich begangenen Primiz in seiner Heimatstadt wurde Sernatinger nach kurzem Vikariat in Säckingen zunächst in einer Reihe kleinerer Schwarzwaldgemeinden eingesetzt. Bereits hier entwickelte er neben seiner seelsorgerlichen Tätigkeit eine Fülle sozialer und kultureller Aktivitäten; in diese Zeit fallen auch erste kunsthistorische und volkskundliche Vorträge und Veröffentlichungen. In Zunsweier galt sein besonderes Augenmerk dem Kath. Arbeiterverein.
Zur ganzen Fülle seiner Aktivitäten fand Sernatinger indes in Hausen vor Wald, wo er 27 Jahre lang Pfarrer war. Die Version, wonach Fürst Max Egon durch ein Gedichtbändchen auf Sernatinger aufmerksam geworden sei und ihm als Patronatsherr die vakante Pfarrstelle angeboten habe, ist wohl nicht zu halten; immerhin pflegte Sernatinger zum Fürstlichen Hause in Donaueschingen Kontakte. Als erstes ordnete er das desolate Pfarrarchiv, um sich alsbald dem Ort selbst zu widmen, den er mit neuem Leben zu füllen gedachte: durch die Gründung des Theatervereins „Thalia“, durch kunsthistorische und volkskundliche Vorträge sowie durch Maßnahmen, die dem Fremdenverkehr zugute kommen sollten. Als Ausgleich für seine seelsorgerliche Tätigkeit züchtete Sernatinger in seiner Freizeit Bienen und Blumen, arbeitete im Garten, veredelte Obstbäume, pflegte den – damals noch belächelten – Radsport oder stand an der Hobelbank; er war sich auch nicht zu schade, bei der Ernte einzuspringen, wenn Not am Mann war. In der Nähe von Hausen ließ Sernatinger eine Waldkapelle bauen, in der er bevorzugt seinen literarischen Neigungen nachging. Ergebnisse daraus ließ er zumeist unter dem Pseudonym „Herimann aus der Zelle“ erscheinen – wohl eher eine kleine Hommage an seine Heimatstadt denn ein Hinweis auf sein geistliches Tusculum.
Sernatinger galt als guter Prediger, war ein Mann des Humors und der offenen Meinung. Davon zeugen zahlreiche Anekdoten. Besonderes Augenmerk richtete er auf die Jugend; als Erzieher war er indes streng und schreckte auch vor dem Einsatz des Rohrstocks nicht zurück. Verfehlungen konnte er durchaus auch von der Kanzel herab anprangern. Im Beichtstuhl war Sernatinger nach dem Urteil seines Baaremer Dichterkollegen Josef Albicker (BWB III 1) dagegen eher „ein Lamm“, das die Sünden aus menschlicher Schwäche genau zu unterscheiden wusste von vorsätzlichen Bösartigkeiten – hatte doch „kein Mensch mehr mit sich selber zu kämpfen wie er selbst“. Albicker sprach damit die innere Aussöhnung Sernatingers mit seiner Priesterschaft an, die ihm größere Probleme bereitet haben muss. So handelt der Gedichtband „Es war ein Traum“ (1907) von einer „Liebe, die im Tod Erlösung vom Leid fand“, und es ist wohl kein Zufall, dass Sernatinger seine Autorschaft an diesem Band auf einen fiktiven Urheber verschob – gibt er doch im Prolog vor, ein Freund, der sich das Leben nahm, habe diese Gedichte hinterlassen. Und in dem Band „Blut und Blüten“ findet sich das Gedicht „Magst du es glauben“, in dem Sernatinger seine Stube so eindringlich als „Unterschlupf/ so vieler Bestien“ darstellt, dass man unwillkürlich an Grünewalds „Versuchung des Hl. Antonius“ denkt. Ebenso eindeutig ist ein Vers in dem Gedicht „Meine Lieder“ aus den „Dämmerstunden“, der wohl kaum anders denn als Hinweis auf die Sublimation erotischer Bedürfnisse gelesen werden kann: „Wenn dann die Muse ihre Liebesarme löst/ […] Find ich, vom Traum erwacht, vor mir die Lieder“.
Eröffnet hatte die Reihe der literarischen Arbeiten das auf historischem Quellenstudium beruhende historische Festspiel „Anno 1489“: Als die inmitten fürstenbergischen Gebietes liegende vorderösterreichische Stadt Bräunlingen verpfändet wurde, löste sie sich unter großen Opfern selbst wieder aus, um der österreichischen Herrschaft, mit der sie gut gefahren war, die Treue zu halten. Von Kaiser Franz Joseph I. erhielt Sernatinger 1906 für sein erfolgreich in Bräunlingen und Blumberg aufgeführtes Stück das Goldene Verdienstkreuz. Mit „Was ich am Wege fand“ (1907) beginnt sodann eine Reihe von Gedichtbänden, die sowohl gereimte als auch freie Verse enthalten und bald besinnliche, bald belehrende, aber auch kritische Lyrik und Sinnsprüche bieten – meist mit dem Blick auf Gott und die Schöpfung.
Den Band „Aus Dämmerstunden“ (1908) hat Sernatinger seiner „lieben Mutter“ gewidmet – Gedichte, die in „der sel’gen Kindheit paradiesisch Land“ führen. In starkem Kontrast zu diesen Erinnerungen an das Glück der eigenen frühen Tage steht „Blut und Blüten“ (1912). Der Ton dieser Gedichte, die dem Vater gewidmet sind, ist elegisch und schwermütig; sie wissen von Seelennöten und Lebensüberdruss, von Bitternis und Verzagtheit, von Ungenügen an sich selber und von Versagen vor Gott – und doch klingt der Band dank der Glaubenszuversicht Sernatingers versöhnlich aus. Mit der in Verse gesetzten Wutachtalsage „Blumegg-Tannegg“ und „Eine Immortelle auf’s Grab der Mutter“ aus den Jahren 1912 bzw. 1917 endet Sernatingers literarisch produktive Schaffenszeit, die auch zahlreiche, in der Presse verstreut publizierte Prosastücke im vertrauten Plauderton umfasst – Sagen und Erzählungen aus der Geschichte, Texte für den Feierabend.
Der Presse bediente sich Sernatinger auch für seine volkserzieherischen Absichten. In der kath. Radolfzeller „Freien Stimme“ hatte er 1896 den Artikel „Fin de siècle“ veröffentlicht, in dem er die „total abgelebte, abgestumpfte Weltmüdigkeit“ und „Blasirtheit“ des zu Ende gehenden Jahrhunderts konstatierte und seine Zeit als eine Epoche der „Geschmacksverirrungen und Absonderlichkeiten“ abqualifizierte. Sie alle gingen auf das Konto des „Ungehorsam[s] gegen eine Autorität“ zurück – heiße diese nun „Sitte, oder Gewohnheit, oder Wohlanstand, oder Vernunft, oder Staatsgesetz, oder Kirchengebot, oder Gotteswille“. Gegen diese „allgemeine Weltkrankheit ‚Unzufriedenheitʻ“ und den „Pestgeist“ der Moderne setzte Sernatinger ein anti-urbanes Kulturkonzept, dessen Basis heimatfreudige Bodenständigkeit und ein stolzes Regionalbewusstsein bildeten. Die sittliche, wirtschaftliche und politische Erosion, die Sernatinger nach dem verlorenen Weltkrieg um sich greifen sah, war nach seiner Meinung nur durch das Bollwerk Heimat aufzuhalten, durch die Rückkehr zu Herkommen und Sitte, als deren Ausdruck ihm Brauchtum und Tracht erschienen.
Zu deren Wiederbelebung gründete Sernatinger 1921 den „Trachtenverein Baar“ und rief im Jahr darauf als dessen Organ die Zeitschrift „Jetz Grüeß Gott!“ ins Leben, die im Gründungsjahr in neun Ausgaben erschien, 1923 nur noch in einer (mit den Nummern 10–12). Um die zersetzenden Folgen der industriellen Gesellschaft besorgt setzte sich die sozialkonservative Zeitschrift für den Dialekt ein, warb für Ludwig Finckhs (➝ II 132) Idee der Familienbücher, propagierte Hauswappen, Bauernmöbel, guten Wandschmuck sowie Volkstänze und zog gegen industrielle Dutzendware ins Feld. Heimat- und Trachtenfeste galten Sernatinger als ein Aufbäumen der Volksseele gegen die Einflüsse fremder Moden und welscher Sitten, gegen die er Vorträge hielt und Versammlungen mobilisierte. 1921 entwarf er für den Radolfzeller Trachtenverein die Radhaubentracht, 1922 veranstaltete er in Donaueschingen die beiden Ausstellungen „Volkskunst und Volkskultur der Baar“ bzw. „Welt der Bildniskunst“. „Aus dem Heimatboden und aus der Heimatliebe“, forderte er, „kann und muss die Wiedergenesung unsres Vaterlandes und unseres Volkes erwachsen“.
Als 1926 die 1100-Jahrfeier Radolfzells anstand, versicherte man sich Sernatingers als wichtigstem Berater und Organisator. Von ihm stammen die Konzepte zu den Feierlichkeiten wie zu der großen Jubiläums-Ausstellung, die äußerlich ein großer Erfolg wurde. 1928 kam Sernatinger aus Gesundheitsgründen um seine Pensionierung ein und bezog das direkt am Seeufer gelegene Haus „Heimat“ auf der Mettnau, das er 1927 unter großen Opfern erworben hatte. Bis zu ihrem Tode von seiner Schwester Luise betreut, verbrachte er hier seinen Ruhestand. Er übernahm im Städtischen Krankenhaus die Seelsorge und hielt gelegentlich Vorträge über Kunst, Kunstpflege und Volkskunde. Wie er über den Nationalsozialismus dachte, ist nicht überliefert; jedenfalls ließ er sich nicht einspannen, lebte eher zurückgezogen seinen Hobbies und genoss die Freuden, die ihm sein Motorboot und das Schwimmen boten. 1938 krönte er mit seinem letzten Buch, dem Mundartband „Jiszapfe zum Schlozze“, seine literarische Arbeit. Mit ihm führte er den Radolfzeller Dialekt in die Literatur ein, und obwohl der Band nur 15 Gedichte umfasst, hatte er damit doch ein populäres Sprachdokument geschaffen, das zugleich den humorvollen Schilderer der Radolfzeller Mentalität verriet: „Mer kaa di Zeller Sprooch it drucke/ so wenig, we mer’s schriibe kaa,/ denn d’ Zeller Sprooch hot irne Mucke,/ und manche bricht sich d’ Zunge draa“ („Merk’s“).
Sein Haus hat Sernatinger der Stadt Radolfzell vermacht. Ein Jahr vor seinem Tod bezog er die kleine Wohnung, die ihm die Stadt im Gegenzug im Krankenhaus hatte einrichten lassen. Doch der Umzug fiel ihm schwer; er fühlte sich aus seinem Haus hinauskomplimentiert. Zu Ehren von Sernatinger hat die Stadt auf der Mettnau eine Straße benannt, und an seinem Geburtshaus in der Poststraße erinnert eine Gedenktafel an ihn.
Quellen: Hermann Sernatinger, Leben u. Vermächtnis (vgl. Literatur).
Werke: Poetische Huldigung an den Großherzog von Baden zu Ehren seines 50-jährigen Regierungsjubiläums, 1902; Ehemalige Benediktinerabtei – u. nunmehrige Pfarrkirche zu Schwarzach (Baden), 1896; D’ Bärebuebe. Nachklang aus vergangener Volkspoesie, 1901; [Herimann aus der Zelle], Blumegg-Tannegg. Eine Sage aus dem Wutachtal, o. J. [um 1902]; Anno 1489. Ein Festspiel aus Bräunlingens Vergangenheit, 1905; Es war ein Traum. Eine alte Geschichte, 1907; [Herimann aus der Zelle], Was ich am Wege fand, 1907; [Herimann aus der Zelle], Aus Dämmerstunden, 1908; [Herimann aus der Zelle], Blut u. Blüten, 1912; Eine Immortelle auf’s Grab d. Mutter, 1917; (Hg.), Jetz Grüeß Gott! Landbote des Trachtenvereins Baar 1, 1922 – 2, 1923; [Seehas], Jiszapfe zum Schlozze, 1938; Herbert Berner (Hg.), Hermann Sernatinger. Leben u. Vermächtnis, 1978. – Unselbständige Veröffentlichungen vgl. Hermann Sernatinger. Leben u. Vermächtnis, 1978, 235 f.
Nachweis: Bildnachweise: H. Berner (Hg.), Hermann Sernatinger. Leben u. Vermächtnis, Tafeln 1 u. 15.

Literatur: Hermann Ginter, Hermann Sernatinger, in: Necrologium Friburgense, in: FDA 71, 1951, 252 f.; Josef Albicker, Der Dichter Hermann Sernatinger, in: Der Lichtgang 2, 1952, H. 3, 1–2; Josef Zimmermann, † Pfarrer Hermann Sernatinger, in: Hegau 1, 1956, 64 f.; Helmut Klausnig, Wir sollten sie nicht vergessen. Zwei Heimatdichter aus dem Hegau, in: Bodensee-Hefte 13, 1962, 62– 64; Konrad Gunst, Hermann Sernatinger – Einem edlen Priester u. Freund des Volkes zum Gedächtnis, in: 500 Jahre Münsterkirche Unserer Lieben Frau zu Radolfzell, 1966, 30–34; Franz Götz, Geschichte d. Stadt Radolfzell, o. J. [um 1966], passim; Herbert Berner, Hermann Sernatinger. Leben u. Vermächtnis, in: ders. (Hg.), Hermann Sernatinger. Leben u. Vermächtnis, 1978, 1–23; Lorenz Honold, Der Trachtenpfarrer d. Baar. Aus Anlass des 30. Todestages von Hermann Sernatinger, in: Almanach des Schwarzwald-Baar-Kreises 4, 1980, 206 f. – Weitere Beitrr. vgl. Hermann Sernatinger. Leben u. Vermächtnis, 1978, 236 f.
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