Boehringer, Christoph Heinrich 

Geburtsdatum/-ort: 19.11.1820;  Stuttgart
Sterbedatum/-ort: 05.03.1882;  Mannheim
Beruf/Funktion:
  • Unternehmer
Kurzbiografie: ca. 1827–1836 Schulbildung in Stuttgart
1836 IV-Herbst 1843 Apothekerslehrling bis 1839 in Maulbronn, bis 1843 Gehilfe in Tuttlingen u. Zürich
1843–1844 Arbeit im Betrieb d. Firma Engelmann & Boehringer in Stuttgart
1844–1845 Studium d. Chemie u. Pharmazie an d. Univ. Bonn, WS 1844/45, u. Tübingen, SS 1845
1845 X Apotheker-Examen in Stuttgart
1845 X–1859 III Tätigkeit in d. väterl. Firma., ab 1846 als Teilhaber
1859 III Gründung d. Firma Christian Friedrich Boehringer & Söhne in Stuttgart mit Boehringer als Teilhaber
1861 III Einrichtung d. Chininfabrik in Stuttgart im Rahmen d. Firma
1871 III Alleiniger Inhaber d. Firma
1873 II Löschung d. Firma in Stuttgart wg. Verlegung des Geschäfts nach Mannheim-Jungbusch
1880 Erwerb des Grundstücks im Waldhof, seit 1897 Mannheim-Waldhof
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1849 (Stuttgart) Mathilde, geb. Spring (1828–1902)
Eltern: Vater: Christian Friedrich (1791–1867), Unternehmer
Mutter: Beate Gottliebin, geb. Engelmann (1793–1823);
I. Stiefmutter Johanne Gottliebin, geb. Engelmann (1800–1832);
II. Stiefmutter Christine Katharine, geb. Kachel (1800–1879)
Geschwister: 3; Christian Gottfried (1818–1864), Karl Friedrich (1819–1820) u. Immanuel Gottlieb (1822–1906);
Stiefgeschwister: Friedrich Gotthold (1825 I.–1825 IX.), Johanne Beate Christiane (1827 II.–1827 XI.), Gottliebin Friederike (1828–1853), Friederike Juliane (1830–1831), Gottlieb (1831 III.–1831 III.), Wilhelm Gottlob (1836–1911), Apotheker, u. Marie Magdalene (1837–1919), verh. mit Karl Marstaller
Kinder: 9;
Anna (1850–1926), verh. mit Wilhelm Wunderlich;
Christoph Heinrich (1852–1855);
Emma (1853–1854);
Maria (1853–1919), verh. mit Hermann Gauger;
Bertha (1856–1925), verh. 1877 mit Hermann Heinrich Müller;
Ernst (1860–1892), Unternehmer;
Albert (1861–1939), Unternehmer, Begründer d. Fa. Boehringer-Ingelheim;
Mathilde (1858–1928), verh. 1883 mit Karl von Rambaldi;
Clara (1863–1935), verh. 1883 mit Ewald Hornig
GND-ID: GND/1012376036

Biografie: Alexander Kipnis (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 6 (2016), 531-534

Der Name Boehringer ist in der deutschen Industriegeschichte mit den zwei bedeutenden chemisch-pharmazeutischen Firmen untrennbar verbunden: Boehringer-Mannheim und Boehringer-Ingelheim.
Die Familiengeschichte der Boehringer lässt sich bis ins Ende des 16. Jahrhunderts verfolgen, die Geschichte der unternehmerischen Tätigkeit beginnt im Jahr 1817, als der Apotheker Christian Gotthold Engelmann (1787–1841) und sein Lehrling und Schwager Christian Friedrich Boehringer, Boehringers Vater, die Firma Engelmann & Boehringer in Stuttgart gründeten. Zunächst stellte ihr als „Material- und Farbwarenhandlung“ benanntes Geschäft, eine Art Drogerie-Handlung, dar. 1832 wurde im neuerworbenen Gebäude ein feuerfestes „Laboratorium“ eingerichtet, das im Gewerbekataster als Fabrik bezeichnet war. Das Unternehmen begann selbst einige Chemikalien und Arzneien für den Verkauf zu produzieren, z.B. Äther, Chloroform und das sogenannte Santonin, ein Bitterstoff aus Knospen des Wurmkrauts, gegen Spulwürmer. Dazu kamen anorganische Stoffe wie Jodkali und Silbernitrat, der sogenannte Höllenstein.
Boehringer wurde also bereits als Unternehmerssohn geboren. Über die frühen Jahre Boehringers ist nahezu nichts bekannt. Seine Mutter starb, als er zweieinhalb Jahre alt war. Er wurde bis zu seinem zwölften Jahr durch deren Schwester Johanne erzogen, die sein Vater bald geheiratet hatte. Nach deren Tod schloss der Vater seine dritte Ehe. Diese Ehefrau ist in der Familienchronik bei F. Kaufmann als selten gütige Frau geschildert, die ihre Stiefkinder mit derselben Liebe hegte und pflegte wie ihre beiden eigenen. Der Vater lebte „ein Leben spartanischer Einfachheit“ (Kaufmann, Familienchronik), die Familie musste ihm gehorchen. Alles Feiern war ihm zuwider, seine Frauen und später auch seine Schwiegertöchter hielt er bezüglich des Geldes sehr knapp. Boehringer wuchs also unter ziemlich strengen Umständen auf.
Für Boehringers frühe Schulzeit gibt es keine Hinweise, seine weitere Ausbildung hat er selbst im Alter erzählt: Von 1836 bis 1843 machte er seine Ausbildung als Apotheker, etwa dreieinhalb Jahre als Lehrling bei dem Apotheker Eble im Klosterort Maulbronn, dann zwei Jahre als Apotheker-Gehilfe in Bönningheim und Tuttlingen. Anschließend ging er für zwei Jahre in die Schweiz. Er war wieder als Apotheker-Gehilfe in Zürich tätig, wo es ihm sehr gut gefiel. Vom Herbst 1843 bis Herbst 1844 musste er im väterlichen Geschäft in Stuttgart arbeiten. Nebenbei besuchte er die Polytechnische Schule seiner Heimatstadt. Das Wintersemester 1844/45 durfte er an der Universität Bonn verbringen. In seinen Erinnerungen steht weiter: „Am Ostern 1845 verließ ich Bonn, um mich nach Tübingen zu begeben, von wo ich im Herbst das Examen machte und ins Philisterium übertrat“ (UnternehmensA Boehringer-Ingelheim). In Bonn wurde Boehringer als Chemiestudent für ein Semester aufgrund von Empfehlungen und seiner Zeugnisse aufgenommen, in Tübingen wurde er am 8. Mai 1845 für ein Semester als „Hospitierender der Pharmazie“ immatrikuliert. Laut dem Belegbogen in seiner Studentenakte hörte er in diesem Sommersemester Vorlesungen über Pharmazeutische Chemie, Geognosie, sowie über Allgemeine Botanik und Spezielle Botanik. Nach der Rückkehr in die Heimatstadt bestand Boehringer sein Apotheker-Examen bei der für seinen Heimatort zuständigen Prüfungsbehörde.
Nun begann er, wie auch seine Brüder Christian und Immanuel, in der Firma Engelmann & Boehringer zu arbeiten. Alle drei Söhne entwickelten sich im Kraftfeld ihres starken und zielstrebigen Vaters; ihre Teilnahme am Geschäftsbetrieb galt als selbstverständlich und wurde umso wichtiger, als Vaters Gründungspartner Engelmann 1841 gestorben war. Ab 1846 wurden Konten für die beiden älteren Söhne in der Firma geführt. Die Einrichtung dieser Geschäftskonten in der väterlichen Firma entspricht wohl dem offiziellen Eintrittsdatum der beiden in verantwortlicher Funktion in das Unternehmen Engelmann & Boehringer als Teilhaber. Im Jahr 1847 wurde in der Firma ein Laboratorium eingerichtet, wo Boehringer als „chemischer Produktenfabrikant“ arbeitete (Fischer, 1991, 35f.). Mit seinem guten chemischen Hintergrund beschäftigte er sich insbesondere mit der Erweiterung der Chemikalienproduktion.
1859 wurde die Firma Engelmann & Boehringer zwar einvernehmlich aufgelöst und die neue Firma Christian Friedrich Boehringer & Söhne in Stuttgart gegründet, tatsächlich aber stellt sie eine Fortsetzung der bisherigen dar. Anlass dazu gab die Möglichkeit, eine Chininfabrik in Höchst am Main zu kaufen und damit das Medikamentenangebot zu erweitern. Zunächst blieb der Sitz der Chininfabrikation in Höchst, im März 1861 wurden Betrieb und Einrichtungen aus Höchst nach Stuttgart verlegt, wo dafür schon Platz in der Hermannstrasse geschaffen war. Im neuen Betrieb arbeiteten zunächst 15, nach zehn Jahren 20 Beschäftigte. Die importierte Chinarinde wurde in Kollergängen, granitenen Mühlsteinen, gemahlen, über Siebe weitergeleitet und in einem großen Rührwerk mit Brennspiritus vermischt, um das Chinin zu extrahieren. „Das Produkt von Christian Friedrich Boehringer & Söhne war so fein und hochwertig, dass es auf der Londoner Weltausstellung von 1862 eine Preis-Medaille gewann, die erste von vielen weiteren Auszeichnungen. Bald bildete die Chininproduktion „das Rückgrat der neuen Firma“ (Christian Friedrich Boehringer & Söhne G.m.b.H., Mannheim-Waldhof (gegründet 1859), 1934, S. 6).
Das Familienunternehmen wurde durch den Vater geleitet, die laufenden kaufmännischen Dinge des Geschäfts lagen beim älteren Sohn, die betrieblichen aber bei Boehringer 1864 starb sein Bruder, ein Ereignis das die Kräfte des Vaters brach und wohl zu seinem Tod 1867 führte. In der Familienchronik steht: „Christian Friedrich Boehringer hat die Familie zu Wohlstand und Ansehen heraufgeführt: er befand sich im Jahre 1862 mit seinen beiden in Stuttgart tätigen Söhnen unter den 516 höchst besteuerten Bürgern der Stadt, die als Wahlmänner erster Klasse zur Wahl des ständigen Abgeordneten der Stadt Stuttgart berufen waren“ (F. Kaufmann). Nach dem Tod des Vaters trug Boehringer die Last der vollen Verantwortung für die Firma. Als harte Zeiten kamen, wirkte er entschlossen und erfolgreich. Es war Boehringer, der die Firma auf den Weg zum großen industriellen Unternehmen brachte.
Die ersten Jahre zählte als Teilhaberin der Firma die Witwe seines verstorbenen Bruders, wobei ihr Schwiegersohn als ihr „Stellvertreter“ auftrat, der sich „der Leitung und Überwachung der Comtoir- und Magazinsarbeiten“ widmete, während Boehringer die „technische Leitung“ des Betriebs durchführte, so im jährlich zu erneuernden Vertrag vom 1. Oktober 1869 (GLA Karlsruhe, 239/9745). 1871 bezahlte Boehringer seiner Schwägerin ihren Teil des Vermögens aus und wurde alleiniger Inhaber der Firma.
Zu dieser Zeit hatte er ernste Schwierigkeiten zu überwinden. Um der Konkurrenz standzuhalten, musste die Jahresproduktion des Chinins auf über 5000 kg steigen. Die dazu notwendige umfassende Vergrößerung des Betriebs erschien aber in Stuttgart unmöglich. Es gab kein Nachbarterrain zu erwerben und die Erweiterung der Produktion stieß auf Wassermangel, da Wasser nur aus Brunnen geliefert wurde. Dazu kamen äußerst ungünstige Transportverhältnisse; Rohmaterialien und Kohle mussten von der Bahn mit Fuhrwerken zur Fabrik geschafft werden.
Boehringer sah den einzigen Ausweg in der Suche nach einer neuen Fabrikationsstätte. Deswegen ergriff er sofort das Angebot von Friedrich Engelhorn (BB 6, 1935, 162. u. NDB, 4, 1959, 514f.), dem Gründer der BASF, Gelände im Mannheimer Stadtteil Jungbusch zu erwerben, das durch die Verlegung der Fabrik nach Ludwigshafen frei wurde. Der Kaufvertrag ist mit dem 8. Mai 1870 datiert; der Preis betrug 216 000 Gulden.
Im Herbst 1872 erwarb Boehringer ein Wohnhaus im Jungbusch und zum Oktober 1872 zog er mit seiner Familie dorthin um, behielt jedoch die württembergische Staatsangehörigkeit. Im Herbst 1872 nahmen 2 Chemiker und 20 Arbeiter die Produktion in Mannheim auf. Von 1872 bis 1874 wurde die Chininproduktion vollständig in den Jungbusch verlagert. Der Umzug aus Stuttgart musste wegen eines Notfalls beschleunigt werden; Ein Teil der Stuttgarter Fabrik war durch eine Explosion im Ätherbetrieb zerstört worden.
Die Vorteile des Ortswechsels zeigten sich bald. Bereits im ersten Jahr betrug die Ersparnis an Kohle dank des billigen Wassertransports 6000 Gulden. Auch die Fracht für die Chinarinden, die von Amsterdam auf kleinsten Schiffen bis in den Neckar an die Fabrik gebracht wurden, kam wesentlich billiger. Außerdem konnte man bei der Neueinrichtung verschiedene Verbesserungen schaffen.
Besonders wichtig wurde die Einführung eines neuen Extraktionsverfahrens: Mit Hilfe tüchtiger Mitarbeiter gelang es, die bisher übliche Extraktion des Chinins mit Brennspiritus durch Extraktion über Schieferöl, ein Gemisch von flüssigen Kohlenwasserstoffen aus Ölschiefer, zu ersetzen. Damit gelang der Firma ein weiterer Vorsprung vor den Konkurrenten. Die Zahl der Arbeiter wuchs Ende der 1870er-Jahre auf 60. „Mit dem Umzug nach Mannheim begann für Christian Friedrich Boehringer & Söhne der Wechsel vom gewerblich orientierten Betrieb zum Großunternehmen“ (Mit Menschen…, 2010, 22).
Um weitere Entwicklung zu ermöglichen, überlegte Boehringer eine abermalige Verlegung der Fabrik auf ein von der Stadt weiter entferntes Gelände. Anlass dazu gaben besonders Schwierigkeiten mit der Beseitigung immer größerer Mengen extrahierter Abfallstoffe. Zuerst hoffte Boehringer auf ein stromauf am Rhein gelegenes Terrain bei Rheinau. Die Verhandlungen scheiterten aber an zu hohen Preisen. Endlich wurde stromab ein geeignetes Gelände von etwa 100 Morgen – gegenüber sechs Morgen im Jungbusch! – auf dem Waldhof gefunden, der damals noch zum selbstständigen Dorf Käfertal gehörte; heute sind beide Stadtteile Mannheims. Die Lage am Altrhein bildete einen großen Vorzug. Die überseeischen Rohstoffe und auch die Kohlen konnten per Schiff direkt an die Fabrik gebracht werden.
Im August 1881 vernichtete ein starker Brand einen größeren Teil der Fabrik im Jungbusch zusammen mit vielen Mengen der gemahlenen Chinarinde. Glücklicherweise gab es schon das neue Grundstück, wo die Fabrikbauten errichtet werden konnten. Als Boehringer im Alter von nur 61 Jahren starb, war die Verlegung der Produktion auf den Waldhof noch voll im Gange. „Das Vermögen, das er hinterließ, war beträchtlich. Seiner Ehefrau Mathilde vermachte er »so viel als mir das Gesetz zu verfügen erlaubt, insbesondere ein Viertel zu Eigenthum und ein weiteres Viertel zu lebenslänglicher Nutznießung ganz cautionsfrei, hoffend, dass sie davon jährlich mindestens Mark 10000 zu wohltätigen Zwecken, wobei ich in erster Linie die Arbeiteraltersversorgung im Auge habe, verwende«; ein Zeichen sozialer Fürsorge des Verstorbenen gegenüber seinen Mitarbeitern“ (Mit Menschen…, 2010, 23).
Boehringer war es nicht vergönnt, das Heranwachsen seines Unternehmens zu einer der bedeutendsten chemisch-pharmazeutischen Firmen Deutschlands zu erleben. Er hatte aber die Voraussetzungen dafür geschaffen.
Quellen: StadtA Mannheim, Familienbögen Boehringer; Auskunft vom 6.8.2015;, Signatur: Fritz Kaufmann, Familie Boehringer. Stammbaum u. Geschichte. Maschinenschrift, 1921 (Württ. Landesbibliothek Stuttgart Aha 762, ohne Paginierung); GLA Karlsruhe 239/9745, Die Sache des Fabrikanten Christoph Boehringer zu Mannheim gegen die Ge. Steuerverwaltung; Institut für Personengeschichte, Bensheim: Akten: Boehringer; UnternehmensA Boehringer-Ingelheim, Jugenderinnerungen Christoph Heinrich Boehringer, Abschrift von verlorenem Manuskript; Auskunft vom 24.8.2015; Auskünfte des UA Tübingen vom 26.8. u. des UA Bonn vom 27.8.2015.
Nachweis: Bildnachweise: Denkschrift [1934], 4; Dt. Geschlechterbuch 146, 1968, zwischen S. 60 u. 61; Fischer, 1991, 43; Mit Menschen für Menschen, 2010, 21, 23 (Gruppenfoto).

Literatur: DBE, 2. Aufl., Bd. 1, 2005, 779;Christian Friedrich Boehringer & Söhne, Mannheim-Waldhof, 1859–1909, [1909]; Christian Friedrich Boehringer & Söhne G.m.b.H., Mannheim-Waldhof (gegründet 1859), [1934]; Denkschrift d. Christian Friedrich Boehringer & Söhne, G.m.b.H Mannheim-Waldhof anlässl. ihres 75jährigen Bestehens 1859–1934, [1934]; Dt. Geschlechterbuch Bd. 146, 1968, 59-66; Armin Wankmüller, Württ. Apotheker auf auswärtigen Hochschulen, in: Beiträge zur württ. Apothekengeschichte Bd. 9, Heft 3, 1971, 90 (auch in: www.digibib.tu-bs.de/?fulltext=00009483&name=gesamtwerk.pdf, S. 97); Ernst Peter Fischer, Wissenschaft für den Markt: Die Geschichte des forschenden Unternehmens Boehringer Mannheim, 1991; Mit Menschen für Menschen: Aus d. Geschichte des forschenden Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim, 2010.
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