Berlinger, Naphtali Hirsch
| Geburtsdatum/-ort: | 4.12.1876; Braunsbach |
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| Sterbedatum/-ort: | 20.2.1943; Theresienstadt (Terezín, Tschechien) |
| Beruf/Funktion: |
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| Kurzbiografie: | 1902 Lehrer und Vorbeter der jüdischen Gemeinde in Hohebach 1908 Oberlehrer und Vorbeter in Buttenhausen 1916 – 1918 Kriegsdienst als Lazarettseelsorger 1933 Entlassung aus dem staatlichen Schuldienst 1936 Schulrat für die jüdischen Schulen in Württemberg 1942 Deportation nach Theresienstadt |
| Weitere Angaben zur Person: | Religion: israelitisch Verheiratet: 1901 (Buttenhausen) Hanna, geb. Marx (1876 – 1934) Eltern: Vater: Menachem-Menko (1831 – 1903), Bezirksrabbiner in Braunsbach Mutter: Fanny, geb. Igersheim(er) (1845 – 1913) Geschwister: fünf Kinder: fünf Söhne, vier Töchter |
| GND-ID: | GND/1012401421 |
Biografie
| Biografie: | Ansbert Baumann (Autor) Aus: Baden-Württembergische Biographien 8 (2022), 31-33 Berlinger entstammte einer alten Rabbinerfamilie. Sein Vater Menachem-Menko Berlinger, der 1860 Bezirksrabbiner in Braunsbach wurde, galt seinerzeit als der einzige orthodoxe Rabbiner in Württemberg, der aber zugleich enge persönliche Kontakte mit dem evangelischen Pfarrer und dem katholischen Priester des Ortes pflegte. Um 1900 beendete Berlinger seine Ausbildung als Lehrer. Auch für ihn war die orthodoxe Glaubensrichtung und die Abgrenzung von den damals im deutschen Judentum vorherrschenden liberalen Strömungen eine von Kindheit an prägende Erfahrung. In diesem Sinne spendeten die Familienmitglieder beispielsweise regelmäßig für die Glaubensbrüder im Heiligen Land, und es war selbstverständlich, dass Berlinger mit Hanna Marx, der Tochter eines bereits 1890 verstorbenen Kaufmanns aus Buttenhausen am 22. Dezember 1901 eine Frau heiratete, die ebenfalls aus einer orthodoxen Familie stammte. Am 4. April 1902 übernahm Berlinger das Amt des Lehrers und Vorsängers in der jüdischen Gemeinde in Hohebach im Jagsttal. Als er seinen dortigen Dienst nach gut sechs Jahren beendete und Hohebach mit seiner Familie am 17. August 1908 verließ, um zum 1. September 1908 eine Oberlehrerstelle in Buttenhausen anzutreten, hatte er sich in seiner bisherigen Wirkungsstätte großes Ansehen erworben. So stellte der mit der Schulaufsicht betraute evangelische Ortspfarrer in seinem Abschlusszeugnis fest: „Ein überzeugter Israelit orthodoxer Richtung, führt er ein musterhaftes Familienleben. Sein Wandel steht in der ganzen Gemeinde in hoher Achtung“ (Häfele, 1998, 42). Am 1. September 1908 begann Berlinger seine Tätigkeit im Heimatort seiner Frau an der jüdischen Volksschule. Diese bestand seit 1826 und war seit 1862 im gleichen Gebäude wie die evangelische Schule untergebracht, was bezeichnend war für die besonderen Verhältnisse, welche zu dieser Zeit in Buttenhausen herrschten. In dem kleinen Ort an der Lauter, wo in den 1870er Jahren sogar mehr jüdische als christliche Einwohner gelebt hatten, gab es, auch wenn der jüdische Bevölkerungsanteil seither konstant zurückgegangen war, ein selbstverständliches, alltägliches Zusammenleben zwischen Juden und Christen. Dementsprechend hatte der aus Buttenhausen stammende Kaufmann Lehmann Bernheimer 1903 dem Ort eine Realschule gestiftet, deren Besuch, wie in der Stiftungsurkunde festgelegt wurde, „nicht von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder Konfession abhängig gemacht werden“ (Randecker, 2002, 73) durfte und die ausdrücklich auch Mädchen offenstehen sollte. 1908 lebten nur noch 190 Juden in Buttenhausen, die damit knapp 28 Prozent der Ortsbevölkerung stellten. Das Bezirksrabbinat Buttenhausen, das nach der Ernennung des letzten Rabbinatsverwesers zum Rabbiner in Buchau 1887 mit dem in Buchau vereinigt worden war, wurde 1913 offiziell aufgehoben. Berlinger stellte sich dem Niedergang des jüdischen Lebens in Buttenhausen seit Beginn seines dortigen Wirkens aktiv entgegen: Wie schon in Hohebach war er nicht nur als Lehrer, sondern auch als Vorsänger in der Gemeinde tätig und übernahm darüber hinaus die Funktionen des Schächters und Beschneiders, womit er faktisch das geistliche Oberhaupt der jüdischen Gemeinde war. Als Lehrer und als Person verschaffte er sich in kurzer Zeit breite Anerkennung, sodass er bald auch als Fachlehrer an der evangelischen Volksschule und an der Realschule eingesetzt wurde. Mit seinem reformpädagogisch geprägten Unterricht erwarb er sich aber auch überregional Ansehen: So war er nicht nur Ausbildungslehrer im Schulbezirk Münsingen, sondern auch ein führender Kopf des „Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands“, für welchen er regelmäßig in der pädagogischen Beilage der orthodoxen Wochenzeitung „Der Israelit“ publizierte. Trotz seiner streng orthodoxen Glaubensprägung kam es offenbar aber nie zu Konflikten mit andersdenkenden Mitgliedern seiner jüdischen Gemeinde, in der mehrheitlich eine liberale Auslegung des Judentums vertreten wurde. Für die Zäsur, welche die politischen Veränderungen des Jahres 1933 bedeuteten, bewies Berlinger sogleich ein feines Gespür. Deswegen trat er am 20. März 1933 als Leiter der pädagogischen Arbeitsgemeinschaft des Schulbezirks Münsingen zurück, da „seine Person nie der Grund zu irgendwelchen Beanstandungen werden“ (Zacher, 2014/2015, 137) solle. Nachdem mit dem Gesetz vom 3. Juni 1933 die Schließung der beiden staatlichen jüdischen Schulen des Landes Württemberg in Rexingen und Buttenhausen angeordnet worden war, wurde im Erlass des Kultministeriums vom 20. Juni 1933 verfügt, dass „Oberlehrer Berlinger […] alsbald in den Ruhestand zu versetzen“ (Sauer, Dokumente 1966, 325) sei. Die Schule in Buttenhausen musste somit in eine Privatschule umgewandelt werden, in welcher Berlinger die verbliebenen acht Schüler weiterhin unterrichtete. Dass der Gemeinderat die Weiternutzung des Schulraums gestattete und wie bisher auch die Kosten für Heizung und Reinigung übernahm, deuten auf das Ansehen hin, welches Berlinger nach wie vor in seinem Heimatort genoss. Dementsprechend dankte ihm, als er am 21. August 1933 sein 25. Dienstjubiläum feierte, der Ortsvorsteher für seine verdienstvolle Tätigkeit. Allerdings waren die unheilvollen Entwicklungen auch in Buttenhausen zu spüren: Wenige Wochen später wurde die Sukka, welche die Familie Berlinger anlässlich des Laubhüttenfests errichtet hatte, von Jugendlichen zerstört, und viele nichtjüdische Dorfbewohner brachen in den folgenden Monaten den Kontakt zu Berlinger ab, der im Dezember 1934 auch noch den Tod seiner Frau verkraften musste. 1936 wurde ihm die Weiternutzung seiner Dienstwohnung im Dachgeschoss des Schulgebäudes untersagt, sodass er gezwungen war, mit seinen Kindern ins Rabbinatsgebäude umzuziehen, wo künftig auch der Unterricht stattfand. Während er als geachteter Pädagoge im gleichen Jahr vom Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg zum Schulrat für alle jüdischen Schulen des Landes eingesetzt wurde, verschlimmerte sich seine Lage vor Ort zusehends. Als am Vormittag des 10. November 1938 auch die Synagoge in Buttenhausen von SA-Leuten angezündet und zerstört wurde, erlitt er einen Zusammenbruch und wurde schwer misshandelt. Anschließend mussten auch die Gottesdienste für die wenigen verbliebenen Juden im Rabbinatsgebäude abgehalten werden. Die Schule wurde unterdessen nur noch von zwei Kindern besucht und wurde, nach deren Ausscheiden im Frühjahr 1939 geschlossen. Vor diesem Hintergrund sah Berlinger in seiner schwäbischen Heimat keine Zukunft mehr und beabsichtigte, seinem im Februar 1938 ausgewanderten Sohn Anselm nach Palästina zu folgen, um dort als Rabbi zu wirken. Allerdings sah sich das Palästina-Amt der Jewish Agency in Berlin nicht in der Lage, ihm ein entsprechendes Einwanderungszertifikat für das britische Mandatsgebiet auszustellen, so dass Berlingers Ausreise scheiterte. Umso mehr bemühte er sich darum, seine Kinder ins Ausland zu schicken: Ein Sohn kam über England in die Vereinigten Staaten, zwei weiteren Söhnen und einer Tochter gelang die Einreise nach Palästina, während eine Tochter und ein Sohn nach England zogen. Eine Tochter, die mit ihrer Familie in Frankfurt wohnte, war schon im Januar 1939 in die Niederlande ausgewandert, wo sie allerdings 1943 festgenommen und schließlich zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde. Die älteste Tochter blieb noch bis zum Spätjahr 1940 bei ihrem Vater, dann gelang ihr unter dramatischen Umständen die Flucht in die Schweiz. Dort reservierte sie ihm einen Platz in dem im Aufbau befindlichen jüdischen Altersheim in Basel. Trotz aller Anfeindungen und Demütigungen, denen er tagtäglich ausgesetzt war, wollte Berlinger inzwischen jedoch nicht mehr emigrieren und erklärte seinen Kindern in einem Brief: „Ich bleibe bei meiner Gemeinde, bis kein Jude mehr da ist“ (StadtA Münsingen). Tatsächlich wurde er zusammen mit den letzten Juden aus Buttenhausen im August 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er sich weiterhin aufopferungsvoll um seine Mitmenschen kümmerte und am 20. Februar 1943 verstarb. In den Beschreibungen seiner Zeitgenossen wird neben Berlingers umfassender Bildung sein freundliches, bescheidenes Wesen und seine Charakterstärke herausgestellt. Seine menschliche Haltung und Würde bewahrte er bis zuletzt – bezeichnenderweise bedachte er in seinem Testament unter anderem auch den evangelischen Pfarrer aus Buttenhausen. |
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| Quellen: | StadtA Münsingen Zeitgeschichtliche Sammlung, 4. 3 Personengeschichte Berlinger; StAL FL 300/33 I Bü 922; EL 350 I Bü 58550; HStAS J 386 Bü 96, Bü 123; Central Zionist Archives, Jerusalem, L 17/1602; Národni Archiv Praha, Židovské matriky, Ohledaci Listy: Ghetto Terezin (Nationalarchiv Prag, Jüdische Register, Begleitscheine: Ghetto Theresienstadt), Bd. 80. |
| Nachweis: | Bildnachweise: StadtA Münsingen Fotosammlung 19-F1289. |
Literatur + Links
| Literatur: | P. Sauer, Dokumente über die Verfolgung der jüdischen Bürger in Baden-Württemberg durch das nationalsozialistische Regime 1933 – 1945, Bd. 1, 1966, 325; ders., Die Schicksale der jüdischen Bürger Baden-Württembergs, 1969, 24; J. Walk, Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918 – 1945, 1988, 30; K. Rieger, „ Sodann danke ich euch für alle eure Liebe“. Der Abschiedsbrief des Buttenhausener Rabbiners Naphtali Berlinger, in: Ev. Gemeindeblatt für Württemberg 91 (1996), 46, 9; K. Häfele/G. Leiberich/E. Zeller (Hgg.), „Ich liebte dieses Dorf u. seine Leute“. Jüdisches Leben in Hohebach, 1998, 42; G. Randecker (Bearb.), Juden und ihre Heimat Buttenhausen, 4. Auflage 2002; E. Zacher, Das Pogrom des 9./10. November 1938 in Buttenhausen, in: Münsinger Jb. 2 (2009), 71 – 77; ders., Ein Mann der Weisheit und der Thora. Der Buttenhausener jüdische Lehrer u. Vorsänger Naphtali Berlinger, in: Münsinger Jb. 7/8 (2014/2015), 133 – 152. |
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