Boss, Hugo Ferdinand 

Geburtsdatum/-ort: 08.07.1885;  Metzingen
Sterbedatum/-ort: 09.08.1948;  Tübingen
Beruf/Funktion:
  • Textilunternehmer
Kurzbiografie:

1891 – 1899 Realschule in Metzingen (ohne Abschluss)

1899 – 1902 Kaufmännische Ausbildung in Urach (ohne Abschluss)

1902 – 1904 Angestellter bei der Buntweberei J. J. Wendler in Metzingen

1905 – 1907 Militärdienst

1907 – 1908 Angestellter bei einem Tuch-Engros-Geschäft in Konstanz

1908 Übernahme des elterlichen Ladengeschäfts in Metzingen

1914 – 1918 Kriegsdienst

1924 Gründung der „Mechanischen Berufskleiderfabrik“ in Metzingen

1931 Eintritt in die NSDAP

1945 Rücktritt als Geschäftsführer aus gesundheitlichen Gründen

Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet:

1908 (Metzingen) Anna Katharina, geb. Freysinger (1887 – 1965)


Eltern:

Vater: Karl Heinrich (1842 – 1906), Kaufmann in Metzingen

Mutter: Louise, geb. Münzenmeyer (1846 – 1924)


Geschwister:

zwei Brüder, zwei Schwestern


Kinder:

ein Sohn, drei Töchter

GND-ID: GND/1012405699

Biografie: Ansbert Baumann (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 8 (2022), 47-50

Anfangs deutete nichts darauf hin, dass sein Name später einen weltweiten Bekanntheitsgrad erreichen sollte: Das fünfte und jüngste Kind des ursprünglich aus Gaisburg stammenden Kaufmanns Heinrich Boss und seiner Frau Louise, die seit den 1870er Jahren in der heutigen Hindenburgstraße in Metzingen ein Manufakturwaren- und Aussteuergeschäft führten, verließ 1899 die dortige Realschule ohne Abschluss. Nachdem er anschließend auch seine kaufmännische Ausbildung in einem Manufakturwaren- Engros-Geschäft in Urach abgebrochen hatte, war er ab 1902 als Angestellter bei der Mechanischen Buntweberei Wendler in seiner Heimatstadt beschäftigt. Ab 1905 leistete er seinen zweijährigen Militärdienst ab und trat anschließend eine Stelle in einem Tuch-Engros-Geschäft in Konstanz an. Schon nach einem Jahr kehrte er allerdings nach Metzingen zurück und übernahm das elterliche Ladengeschäft. Im August desselben Jahres heiratete er Anna Katharina Freysinger. Diese stammte ebenfalls aus Metzingen, was seine Verwurzelung in der schwäbischen Kleinstadt unterstreicht – dementsprechend war er dort bereits 1902 dem Turnverein, 1906 dem Liederkranz und 1908 dem Albverein beigetreten. Offenbar verfügte er so über ein stabiles soziales Netzwerk, welches ihn, trotz seiner bis dahin überschaubaren Erfolgsbilanz, auffing und ihm die Chance bot, sich beruflich zu etablieren. Dies dürfte wiederum die Verbundenheit zu seiner Heimatstadt verstärkt haben, welche eine auffallende Konstante in seinem Leben blieb.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Boss 1914 als Obergefreiter eingezogen. Die eher ungewöhnliche Tatsache, dass er bei seiner Entlassung zum Kriegsende 1918 immer noch den gleichen Dienstrang besaß, lässt darauf schließen, dass er auch als Soldat kein übergroßes Engagement an den Tag gelegt hatte. Nach Kriegsende bekam er allerdings die massiven ökonomischen Probleme, unter denen der deutsche Bekleidungseinzelhandel zu leiden hatte, unmittelbar zu spüren, da er mit dem elterlichen Geschäft in Metzingen kaum mehr Gewinn erwirtschaften konnte – eine Situation, die im Kontext der Hyperinflation des Jahres 1923 besonders drastische Ausmaße annahm. Auf der anderen Seite ermöglichte die fortschreitende Geldentwertung relativ billige Kredite, sodass es in dieser Zeit zur Neugründung zahlreicher Unternehmen in der Bekleidungsproduktion kam. Vor diesem Hintergrund spielte offenbar auch Boss mit dem Gedanken, eine eigene Firma in diesem Sektor aufzubauen und meldete schon 1922 sein Geschäft als Gewerbe an. Angesichts der dramatischen inflationären Entwicklung im Jahr 1923 scheint er von seinem Vorhaben zwar vorübergehend Abstand genommen zu haben, aber als er nach der Währungsreform im Spätjahr zwei Gesellschafter gefunden hatte, die bereit waren, sich finanziell an dem Unternehmen zu beteiligen, stand der Gründung einer Kleiderfabrik nichts mehr im Wege: Mit Unterstützung der Brüder Albert und Theodor Bräuchle, den Besitzern der gleichnamigen Brauerei in Metzingen, gründete er im Januar 1924 eine „Mechanische Berufskleiderfabrik“, die zunächst Windjacken, Wäsche und Herrenhemden, später auch Arbeitskleidung, Sportartikel und Regenmäntel produzierte. 1925 hatte das Unternehmen bereits 33 Beschäftigte und gehörte damit schon zu den größeren der insgesamt 18 textilverarbeitenden Betriebe in Metzingen, in denen mehr als die Hälfte der dort Erwerbstätigen beschäftigt waren – das größte entsprechende Unternehmen vor Ort, die Tuchweberei Gaenslen und Völter, zählte allerdings 212 Mitarbeiter. Noch im Jahr 1924 hatte Boss Kontakte zu einem Textilverleger nach München geknüpft, der farbige Herrenhemden in Auftrag gab; darunter offenbar auch „Braunhemden“ für die zu dieser Zeit verbotene SA. Allerdings geriet der Münchner Geschäftspartner anscheinend kurze Zeit später in Zahlungsschwierigkeiten, weshalb die Handelskontakte zwischen 1925 und 1927 ruhten. Dies hatte für das junge Unternehmen unmittelbare Konsequenzen: In den Jahren 1925 und 1926 musste Boss für seine Arbeitskräfte Kurzarbeit anmelden. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise ab 1929 wurde die Produktion nochmals deutlich heruntergefahren, und die Zahl der Beschäftigten sank bis 1930 auf 22 Arbeiter und Angestellte. 1931 schloss Boss einen Vergleich mit seinen Gläubigern, die ihm sechs Nähmaschinen zur Verfügung stellten, mit denen er mit tatkräftiger Unterstützung seiner wenigen Mitarbeiter nach eigener Aussage „wieder von vorne anfangen“ (StAS Wü 13, T2 1658/015) musste. Am 1. April 1931 trat Boss außerdem in die NSDAP ein, was für sein Unternehmen spürbare Folgen haben sollte: In der Folgezeit etablierte sich der Betrieb als Lieferant von SA-, SS- und HJ-Uniformen und später auch von Wehrmachtsuniformen, weshalb sich die Geschäftsentwicklung deutlich von der anderer in der Textilindustrie tätiger Betriebe unterschied. Während nämlich viele württembergische Textilunternehmen ab 1933 unter der nationalsozialistischen Autarkie- und Rüstungspolitik zu leiden hatten, welche sich unmittelbar auf die Textilbranche auswirkte, verhalf das regimekonforme Verhalten dem Metzinger Unternehmen zu wirtschaftlicher Prosperität. Zwar verkaufte die Firma in ihrem „Aussteuer- und Bekleidungshaus“ in der Kronenstraße 2 nach wie vor Arbeits-, Sport- und Regenkleidung aus eigener Fabrikation, aber durch die Produktion der im Auftrag der Reichszeugmeisterei der NSDAP angefertigten Uniformen erhielt sie eine Sonderposition, welche in den 1930er Jahren eine enorme Expansion des Betriebs ermöglichte: Die Zahl der Mitarbeiter, die 1932 noch bei lediglich 19 Personen gelegen hatte, stieg von 32 im Jahr 1933 auf 99 im Jahr 1937. Im Jahr 1938 erfolgte, offenbar infolge eines Großauftrags über Uniformen für die Wehrmacht, eine sprunghafte Ausweitung der Produktion, sodass die Umsätze bis 1939 verdoppelt werden konnten. Auch räumlich vergrößerte sich das Unternehmen, indem die Produktion in ein Fabrikgebäude in der Metzinger Kanalstraße verlagert wurde, welches 1938 von der Leder- und Handschuhfabrik Gänsslen erworben worden war. Dank der als kriegswichtig eingestuften Wehrmachtsaufträge florierten die Geschäfte auch nach Kriegsbeginn. Dementsprechend expandierte auch der Betrieb, dessen Umsätze in den ersten Kriegsjahren rasant anstiegen und 1942 mit etwas über einer Million RM ihren Höchstwert erreichten. Auch die Belegschaft wuchs bis 1944 auf 324 Beschäftigte an. Darüber hinaus beschäftigte das Unternehmen in dieser Zeit 30 bis 40 französische Kriegsgefangene sowie ungefähr 115 Zwangsarbeiterinnen und 35 Zwangsarbeiter. Bei Letzteren handelte es sich überwiegend um Textilfacharbeiterinnen und -facharbeiter, welche in den besetzten osteuropäischen Gebieten, aber auch in Belgien, Frankreich und Italien rekrutiert worden waren. Ab Ende 1944 wurde die Produktion erheblich zurückgefahren und in andere Metzinger Betriebe verlagert, da in den firmeneigenen Fabrikhallen auf Anweisung des Gauleiters der NSDAP in Württemberg-Hohenzollern ein Teil der aus dem luftkriegsgefährdeten Bad Cannstatt evakuierten Vereinigten Kugellagerfabriken Norma untergebracht wurde.

Nach Kriegsende und der Besetzung Metzingens durch französische Truppen gelang es dem Unternehmen, Produktionsaufträge für die französische Besatzungsmacht und damit den Status eines sogenannten Prioritätsbetriebs zu erhalten, indem Uniformen für die französische Armee und für das französische Rote Kreuz sowie Arbeitsanzüge für die französische Luftwaffe und Kopfkissenkeile produziert wurden. Allerdings verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Firmenchefs, der bereits seit längerem an einer schweren Diabeteserkrankung litt, zusehends, zumal ihn nun auch noch eine chronische Hüftgelenksentzündung massiv einschränkte. Deswegen übertrug er zum 1. Oktober 1945 die Geschäftsführung auf seinen Sohn Siegfried (1915 – 2001) und seinen Schwiegersohn Eugen Holy und blieb lediglich stellvertretender Geschäftsführer. Außerdem musste sich Boss selbstverständlich einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen, in welchem er am 1. März 1946 aufgrund seiner frühen Mitgliedschaft in der NSDAP, seiner Freundschaft mit dem berüchtigten Metzinger Ortsgruppenleiter und natürlich wegen des wirtschaftlichen Profits, den er aus seiner Nähe zum Regime ziehen konnte, als Belasteter eingestuft wurde. Gegen dieses Urteil legte Boss Revision ein und führte dabei eine große Anzahl von Entlastungszeugen an, die tatsächlich bestätigten, dass er sich niemals mit den politischen Zielen der NSDAP identifiziert habe. Er selbst versuchte den Eindruck zu erwecken, dass er als völlig unpolitischer Mensch 1931 einzig aufgrund von wirtschaftlichen Erwägungen in die Partei eingetreten sei. Auch wenn Boss in dem am 1. März 1948 abgeschlossenen Revisionsverfahren tatsächlich den Status eines Mitläufers erhielt, scheint seine Darstellung indes nicht ganz den Realitäten entsprochen zu haben – immerhin trat er 1936 der Deutschen Arbeitsfront, 1939 dem Reichsluftschutzbund und 1941 der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt bei und erklärte 1939 seinen Austritt aus der Evangelischen Kirche, ein Schritt, den er 1945 wieder rückgängig machte. Von seiner politischen Linientreue konnte Boss ohne Zweifel profitieren, da seine Firma während des Zweiten Weltkriegs zu einem der größten Metzinger Unternehmen heranwuchs, auch wenn es innerhalb der textilverarbeitenden Betriebe, die während der NS-Herrschaft mit der Herstellung von Uniformen betraut worden waren, keine herausragende Position einnahm.

Bis zum Abschluss des Revisionsverfahrens hatte sich der Gesundheitszustand von Boss durch eine zunehmende Herzinsuffizienz deutlich verschlechtert, und am 9. August 1948 verstarb der Firmengründer in einer Tübinger Klinik infolge einer durch einen vereiterten Zahn ausgelösten Sepsis. 1969 übernahmen seine Enkel Uwe und Jochen Hohly das Unternehmen und konzentrierten die Produktion auf exklusive Herrenkonfektionskleidung. Damit schufen sie die Grundlage für einen Modekonzern, über den der Name Hugo Boss weltbekannt wurde.

Quellen:

StadtA Metzingen N 13; StAS Wü 13, T2 1658; StAL EL 902/17 Bü 989.

Nachweis: Bildnachweise: Abbildung in: BA Berlin, Bestand 31XX, CO 106 (NSDAP Mitgliedsausweis).

Literatur:

E. Timm, Hugo Ferdinand Boss und die Firma Hugo Boss. Eine Dokumentation, 1999; DBE 1, 2. Auflage 2005, 854; R. Köster, Hugo Boss, 1924 – 1945. Die Geschichte einer Kleiderfabrik zwischen Weimarer Republik und „Drittem Reich“, 2011.

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