Schinzinger, Albert 

Geburtsdatum/-ort: 02.02.1827;  Freiburg i. Br.
Sterbedatum/-ort: 24.07.1911;  Freiburg i. Br.
Beruf/Funktion:
  • Chirurg
Kurzbiografie: Abitur am Lyceum in Freiburg, Medizin-Studium in Freiburg und Wien
1849 Staatsexamen in Freiburg
1849/50 Soldat im 2. badischen Infanterie-Regiment
1850 Promotion zum Dr. med.
1850-1853 Assistententätigkeit in Wien, Paris, Bonn, Prag, Berlin, München, London. Schüler von Prof. Dr. G. L. F. Strohmeyer und Prof. Dr. Carl Hecker in Freiburg
1853 Habilitation und Privatdozent
1860 außerordentlicher Prof. in Freiburg
1869-1870/71 Stellvertretender Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik
1870/71 Kriegsteilnehmer und Dirigierender Arzt des Lazaretts Schwetzingen
1871 planmäßiger außerordentlicher Prof.
1872 Leitender Chirurg in der Privatklinik im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern zu Freiburg
1875 Hofrat
1886 Chefarzt des St. Josefs-Krankenhauses in Freiburg
1902 Geheimer Hofrat
1908 im Ruhestand
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1. 1853 (Freiburg i. Br.) Josefine, geb. Schalk (1832-1874)
2. 1887 (Hamburg) Helene, geb. Gissel, Hamburg (gest. 1951)
Eltern: Vater: Albert Moritz (1793-1872), Wirtschaftsadministrator der Universität Freiburg
Mutter: Maria Josepha, geb. Storck (1798-1872)
Geschwister: 3 Brüder
5 Schwestern
Kinder: 4 Söhne
6 Töchter
GND-ID: GND/1012561909

Biografie: Paul Schumacher (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 261-262

Schinzinger entstammt einem alten Freiburger Geschlecht, das sich seit 1686 in ununterbrochener Folge nachweisen läßt. Der Großonkel Josef Anton war Professor für Kirchengeschichte an der Universität Freiburg. Sein Vater, Wirtschaftsadministrator der Universität und ein bekannter badischer Liberaler, wurde zum Landtagsabgeordneten für Freiburg und später für die Baar sowie zum Sekretär für die 2. Badische Kammer gewählt. Wegen seines Eintretens für die Volksrechte wurde er mit seinem Freunde Carl von Rotteck von den Studenten in Freiburg und auch von seinen Anhängern in seinem Wahlkreis Donaueschingen-Villingen begeistert gefeiert.
Schinzinger selbst war in seinen ersten Semestern als Medizinstudent im Corps Suevia in Freiburg aktiv und hielt ihm bis zuletzt die Treue. Im Festblatt zur Einweihung des neuen Kollegienhauses der Universität Freiburg 1911, gab er darüber einen sehr engagierten Bericht. So lag es nicht fern, daß er sich als 31jähriger den Freiheitsparolen der badischen Revolutionäre Friedrich Hecker, Gustav von Struve und Georg Herwegh anschloß und als Freischärler nach dem Scheitern der Revolution mit Friedrich Hecker nach London floh. Dessen Bruder, Prof. Dr. Carl Hecker, Ordinarius für Chirurgie-Ophtalmologie in Freiburg, holte ihn von dort in die Universitätsklinik. Hier habilitierte er sich 1853 mit der Arbeit: „Zur Diagnose und Behandlung der Kräze“. In der Folgezeit hielt er als Privatdozent Vorlesungen über „Luxationen und Frakturen“ und „Hautkrankheiten“, insbesondere über die Syphilis. Erst 1902 wurde für die Hautkrankheiten ein eigenes Fachgebiet geschaffen. 1862 veröffentlichte er eine eigene Methode zur Behandlung der Schultergelenksluxation. Er veranstaltete Kurse über „Verbandslehre“ und „Augenkrankheiten mit Zuhilfenahme des eben in Gebrauch kommenden Augenspiegels“, der von H. von Helmholtz 1851 in Berlin erfunden worden war.
In den Jahren 1870/71 übernahm er kommissarisch für den an Asthma erkrankten Prof. Dr. C. Hecker die Leitung der chirurgisch-ophtalmologischen Universitätsklinik. Im Kriege 1870/71 wurde er vom Großherzog Friedrich I. zum Dirigierenden Arzt des großen Lazaretts im Schloß Schwetzingen ernannt. Über diese Tätigkeit legte er dem Großherzog einen ausführlichen Bericht vor. 1871 wurde ihm die Leitung der chirurgischen Abteilung in der Privatklinik im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern zu Freiburg übertragen und 1886 die Chefarztstelle des neu erbauten St. Josefskrankenhauses in Freiburg. Aus seinen Berichten und „Mittheilungen“ in Fachzeitschriften kann man die beachtenswerte Breite und auch den Erfolg seiner chirurgischen Tätigkeit erkennen. 1887 lehnte er eine Berufung auf den Lehrstuhl für Chirurgie in Rostock ab, deren Annahme an die Bedingung geknüpft war, protestantischer Religionszugehörigkeit zu sein. Seine wissenschaftliche Bedeutung gewann er 1889 auf dem Deutschen Chirurgen-Kongreß in Berlin, als er erstmals beim Brustkrebs der Frau die beidseitige Entfernung der Eierstöcke empfahl. Er beobachtete einen hormonellen Einfluß auf das Wachstum des Krebses in der Brustdrüse. Damit regte er eine weltweite Forschung über den Zusammenhang zwischen Hormonen und Krebs an, die sich nicht nur auf die Chirurgie beschränkte. Schinzinger gilt als der Spiritus rector der auch heute noch auf der ganzen Welt üblichen Ausschaltung der Eierstöcke beim Brustkrebs der jungen Frau. Über seine Tätigkeit als Chirurg hinaus setzte er sich im öffentlichen Leben mit viel Tatkraft ein, die ihm hohe Wertschätzung eintrug. 56 Jahre lang war er Korpsarzt der Freiwilligen Feuerwehr, er wurde Mitbegründer des Freiburger Männergesangvereins 1845, eines der ersten Mitglieder des Schwarzwaldvereins, Mitbegründer der Zimmerleute 1884, Ehrenmitglied des Freiburger Ärztevereins, Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Naturwissenschaft in Freiburg und der Gesellschaft Deutsche Ärzte und Naturforscher in Paris. Er erhielt das Ritterkreuz I. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen und das Ritterkreuz vom Orden Berthold I., das Kommandeurskreuz II. Klasse Höchst ihres Ordens vom Zähringer Löwen und die Jubiläumsmedaille des Großherzogs Friedrich von Baden 1902. Im gleichen Jahr erfolgte die Ernennung zum Geheimen Hofrat und 1908 ging der 81jährige in den Ruhestand. Als Schinzinger 1911 starb, würdigte man ihn als einen klugen und technisch sehr begabten Arzt, „... wetterfest, hünenhaft, stark im Schritt, prächtig zu Pferde, alltäglich und allnächtig schaffend, scharfäugig und handfest, ein Bild der Gesundheit. In jeder Schwarzwaldhütte und in jedem Talwinkel, auf Bergeshöhen und auf der Ebene des Markgräfler Landes bekannt und beliebt.“ Die 1989 im Freiburger Stadtteil Herdern nach ihm benannte Schinzinger-Steige hält die Erinnerung an ihn wach.
Quellen: UA Freiburg i. Br., Diener-Akten; persönliche Mitteilungen von Dr. U. Roesen 1991; StAF Berufungs- u. Nachlaßakten.
Werke: Die complizierten Luxationen. 1858; Mittheilungen a. d. Gebiet d. Luxationen u. Frakturen. Prager Vjs. 1862 u. 1865; Das Reservelazarett Schwetzingen, 1871; Bericht über d. Chirurg. Privatklinik in d. Mutterhause d. Barmherzigen Schwestern zu Freiburg, Freiburg 1875; Nekrose u. Caries des Calcaneus, in: Arch. f. klin. Chir. 1878; Cystenkropf-Operationen Memorab, 1879; Oberschenkel-Luxationen, in: Wiener med. Presse 1880; Zur Darmresection, in: Wiener med. Wochenschrift 1881; Die Jodoformbehandlung, Enke Verlag, Stuttgart 1883; Carcinoma mammae, in: Verhandlungen d. dt. Gesellschaft f. Chirurgie, 18. Kongreß Berlin 1889; Loretin, ein Antisepticum 1893; Mittheilungen a. d. Gebiet d. Luxationen u. Frakturen, Freiburg 1896; Das Karzinom der Mamma, in: Münchn. med. Wochenschr. 1905.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos im Besitz des Enkels, Dr. U. Roesen, Freiburg i. Br.

Literatur: N. N., A. Schinzinger z. 80. Geb., in: Münchn. med. Wochenschr. 1907; Festblatt z. Einweihung d. neuen Kollegienhauses d. Albert-Ludwig-Univ. 1911; H. Schule, Universitätserinnerungen, 1911; E. Krebs, Alte Freiburger Bürgerfamilien, 1922; F. Trendelenburg, Die ersten 25 Jahre d. Dt. Gesellschaft f. Chirurgie, Berlin 1923; Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker, Urban und Schwarzenberg Verlag 1934; Killian, H., Kramer G., Meister der Chirurgie und die Chirurgen-Schulen im Deutschen Raum, Stuttgart 1951; Corps Suevia Freiburg im Breisgau 1815-1955; E. Th. Nauck, Die Privatdozenten der Universität Freiburg i. Br. 1818-1955, Freiburg 1956; H. H. Simmer, Oophorectomy for Breast Cancer Patients: Its Proposal, first Performance and first Explanation as an Endocrine Ablation. Pergamon Press. Printed in Great Britain. Acta Academiae Internationalis Historiae Medicinae Clio Medica 1969; J. Hayward, Hormones and Human Breast Cancer, Berlin, Heidelberg u. a. 1970; H. Schneider, Zu Ehren ... Gedächtnisvorlesung f. d. vor 150 Jahren geb. A.S, in: BZNr. 273 v. 26/27. 11. 1977; R. Bilger, 100 Jahre St. Josefskrankenhaus Freiburg i. Br., Freiburg 1986; E. Seidler, Die Med. Fakultät d. Albert-Ludwig-Univ. Freiburg i. Br., Berlin, Heidelberg u. a. 1991.
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