Zier, Hans Georg 

Geburtsdatum/-ort: 09.08.1926;  Pforzheim
Sterbedatum/-ort: 13.03.1997;  Kandern, beigesetzt in Pforzheim
Beruf/Funktion:
  • Historiker, Direktor des Generallandesarchivs Karlsruhe
Kurzbiografie: 1933-1944 Volksschule Pforzheim bis 1937, dann Reuchlin-Gymnasium Pforzheim
1943-1945 Flakhelfer bei der Heimatflak, Reichsarbeitsdienst, danach Wehrmacht, zuletzt Unteroffizier, eingesetzt bei den Kämpfen um Berlin, dann russische Kriegsgefangenschaft in Berlin, entlassen im Sep. 1945 wegen Krankheit
1945 Feb. Tod der Eltern und einer Schwester beim Fliegerangriff auf Pforzheim
1946 Jul. Abitur am Gymnasium in Offenburg; Wohnort bei Verwandten in Bodersweier
1946-1951 Studium an der Universität Freiburg: Geschichte, Germanistik und Französisch, 1949-1950 Universität Marburg, Promotion zum Dr. phil. bei Clemens Bauer: „Studien zur Agrargeschichte des badischen Hanauerlandes besonders im 17. und im 18. Jahrhundert“ (magna cum laude)
1951-1952 Prüfung für das Lehramt an Höheren Schulen (Staatsexamen)
1952-1954 Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter beim Generallandesarchiv Karlsruhe, ab 1953 Archivschule Marburg bis 1954, Mär./Sep. Archivarische Staatsprüfung
1954 Mär. Angestellter beim Generallandesarchiv Karlsruhe, ab Nov. 1954 beim Staatsarchiv Sigmaringen, ab Mai 1955 beim Hauptstaatsarchiv Stuttgart, ab Jul. 1955 wieder beim Generallandesarchiv Karlsruhe
1954 Dez.-1958 Dez. Archivassessor, dann Staatsarchivrat, ab Jan. 1962 Erster Staatsarchivrat, ab Jan. 1965 Oberstaatsarchivrat (nach Änderung des Landesbesoldungsgesetzes)
1961-1997 Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, ab 1976 im engeren Vorstand
1973 Feb. Staatsarchivdirektor
1975 Dez.-1986 Aug. Leitender Staatsarchivdirektor und Direktor des Generallandesarchivs Karlsruhe, dann Versetzung in den Ruhestand auf eigenen Antrag
1976-1986 Lehrauftrag für Historische Hilfswissenschaften an der Universität Mannheim bis 1980, dann Lehrauftrag für Badische Geschichte an der Universität Karlsruhe
1986 Nov. Bundesverdienstkreuz (Urkunde vom 25.7.1986)
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: Unverheiratet
Eltern: Vater: Jakob, zuletzt Stadtpfarrer in Pforzheim (1885-1945)
Mutter: Bernhardine, geb. Roggenburger (1894-1945), Enkelin von Johann Gustav Roggenburger (1859-1924), Pfarrer, zuletzt Dekan in Pforzheim
Geschwister: 3
Kinder: keine
GND-ID: GND/1012566005

Biografie: Hansmartin Schwarzmaier (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 422-423

Der Lebensgang des „Pfarrersohns“, wie er sich selbst gerne kennzeichnete, ist charakteristisch für die Generation der Schüler in den letzten Kriegsjahren, im behüteten Elternhaus und im großen Geschwisterkreis aufgewachsen. Doch dann folgte der Kriegsdienst als Flakhelfer und die Einberufung zur Wehrmacht kurz vor Kriegsende, der Tod des älteren Bruders in Russland und schließlich der schreckliche Tod der Eltern und einer Schwester beim Fliegerangriff auf Pforzheim, während Zier als Soldat in Ludwigsburg stationiert war. Danach erlebte er den Endkampf um Berlin und geriet in russische Gefangenschaft. Als er Ende 1945, schwer krank, nach Hause zurückkehrte war die heile Welt der Kindheit zerstört, der Abiturient auf die Unterstützung Verwandter angewiesen, die ihm weiterhalfen. Wer ihn in späteren Jahren kannte, sein aufgeschlossenes, für Geselligkeit und Lebensfreude offenes Naturell, seine spontane Hilfsbereitschaft und liebenswürdige Kameradschaftlichkeit in allen Lebenslagen, der wusste auch um die düsteren Hintergründe, die andere Seite seines Lebens. Es nahm dann, nach Reifeprüfung und Studium, einen fast planmäßigen Verlauf und führte nach Promotion und Staatsexamen in das Badische Generallandesarchiv Karlsruhe, wo er 35 Jahre lang mit nur geringfügigen Unterbrechungen Dienst tat, dessen Direktor er von 1975 bis 1986 wurde. Dieses Haus wurde ihm zur zweiten Heimat. Seiner Tradition fühlte er sich verpflichtet und so auch den bedeutenden Wissenschaftlern, die darin und an seinen Beständen geforscht hatten. Als seinen eigentlichen Mentor bezeichnete er Manfred Krebs, den gelehrten Editor mittelalterlicher Quellen, dessen er in großer Dankbarkeit gedachte.
Seine Aufgaben im Archiv waren vielfältig: Als Baureferent leitete er die Wiederherstellung und Neueinrichtung des im Kriege beschädigten Gebäudes. Als Wappenreferent widmete er sich mit Engagement einem damals hoch eingeschätzten Aufgabenbereich der Staatlichen Archive für die Gemeinden des Landes. Vor allem aber nahm er die Behördenbetreuung im gesamten Zuständigkeitsbereich des Archivs wahr und war damit überhaupt der erste Archivar des höheren Dienstes im Generallandesarchiv, der sich nicht nur pflichtgemäß auch mit Aktenaussonderung und Bewertung befasste. Die Technisierung seines Berufs im Bereich von archivischer Erschließung und Ordnung der Bestände, die Verfeinerung der Methoden in der Konservierungsarbeit hat er nur in ihren Anfängen erlebt und stand der Einführung der EDV mit der Zurückhaltung des in den klassischen historischen Fächern ausgebildeten Archivars gegenüber, die er dann auch im akademischen Unterricht an den Universitäten Mannheim und Karlsruhe vermittelt hat. Doch ist seine Tätigkeit untrennbar mit dem Wiederaufbau und der Neuorganisation des Archivwesens in Baden-Württemberg und insbesondere im Generallandesarchiv Karlsruhe verbunden.
Dazu gehörte auch die wissenschaftliche Forschung des Archivars. Zier verstand sie stets als wichtigen Bestandteil des archivischen Arbeitens. Seinem Dissertationsthema entsprechend hat er sich auch später mit Agrar- und Wirtschaftsgeschichte des Oberrheingebietes in der Neuzeit befasst, und diesem Themenkreis gelten auch seine namhaftesten Arbeiten zur Industrialisierung des Landes oder der Rheinkorrektion Tullas. Seine Stärke lag im gesprochenen Wort, im Vortrag, mit dem er sein Auditorium auf lebendige und temperamentvolle Weise zu unterhalten verstand. Sein immenses Wissen äußerte sich vor allem auch im Gespräch, in der Beratung der Archivbenutzer, denen seine intimen Kenntnisse der Bestände seines Hauses zugute kamen. Doch seine literarischen Projekte, eine Badische Geschichte der Neuzeit, eine Biographie des Markgrafen und Großherzogs Karl Friedrichs zu schreiben, blieben im Ansatz stecken; sie fanden ihren Niederschlag in der Ausstellung des Generallandesarchivs über „Baden. Land – Staat – Volk“ von 1980 sowie in einer von ihm mitgestalteten Ausstellung über Karl Friedrich im Neuen Schloss Baden-Baden 1981. Seine besondere Liebe galt seiner Vaterstadt, und seine „Geschichte der Stadt Pforzheim“ zeigt seine Fähigkeit zu flüssiger und in bildhafter Sprache geformter Darstellung.
Sein Bild als Archivbeamter und als Historiker bliebe unvollständig, erwähnte man nicht seine gesellschaftliche Stellung in zahlreichen Vereinen und Vereinigungen, die er leitete, in denen er aktiv mitarbeitete, bis hin zu großem parteipolitischem Engagement im Rahmen der FDP, wenn auch ohne Mandat. So war er eine markante Gestalt im Kulturleben von Karlsruhe, wo er einen großen Freundeskreis besaß. In gleicher Weise blieb er stets seinen Heimatorten Pforzheim und Kehl (Bodersweier), also dem Hanauerland verbunden, dem seine Dissertation gegolten hatte. Erst seine letzten Lebensjahre verbrachte er in krankheitsbedingter Zurückgezogenheit; sein Leben endete in einem Pflegeheim in Kandern.
Quellen: GLA Karlsruhe 450/885, 1646, Personalakten Zier u. Nachlass (enthält Familienarchiv Roggenburger); LA B-W Hauptpersonalakte.
Werke: (Auszug) Studien zur Agrargeschichte des bad. Hanauerlandes besonders im 17. u. im 18. Jh., Diss. phil. Freiburg 1951 (ungedr., 159 Bll.); Die Industrialisierung des Karlsruher Raums. Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Badens. In: Oberrhein. Studien II, 1973, 335-372; Geschichte d. Stadt Pforzheim bis 1945, 1982. – Außerdem: 7 Wappenbücher bad. Landkreise, 1964-1969.
Nachweis: Bildnachweise: Bildersammlung des GLA Karlsruhe u. im Nachlass (vgl. Quellen).

Literatur: Nachruf von H. Schwarzmaier in: Der Archivar 50, H. 4 vom Nov. 1997, Sp. 903 ff.
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