Schweiger, Valentin 

Geburtsdatum/-ort: 14.02.1900;  Oberkirch
Sterbedatum/-ort: 01.01.1990;  Emmedingen
Beruf/Funktion:
  • Oberregierungsschulrat, MdL-SPD
Kurzbiografie: 1906-1914 Volksschule in Oberkirch
1914-1918 Fabrikarbeiter und Bierbrauer in Oberkirch
1918 militärische Ausbildung und Kriegsdienst, 1918-1920 Freikorps Lichtschlag
1920-1927 Bergmann im Ruhrgebiet, daneben Besuch eines Abendgymnasiums
1927 Abitur als Schulfremder in Heidelberg
1927-1929 Lehrerbildungsanstalt Karlsruhe, 1929-1930 Vorbereitungsdienst, 1930-1932 Hauslehrer
1932-1937 Schulpraktikant und Hilfslehrer in Philippsburg, Iffezheim, Dielheim, Neudorf
1937-1950 Alleinlehrer in Sägendobel bei St. Peter
1948 Eintritt in die SPD; 1952-1956 Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Freiburg
1950-1953 Oberlehrer in Ebringen
1953-1960 Referent im Oberschulamt in Freiburg
1960-1968 MdL, SPD-Fraktion
1963-1968 Vorsitzender des GEW-Landesverbandes Südbaden, danach Ehrenvorsitzender
1969-1975 ehrenamtlicher Bürgermeister von Horben
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Auszeichnungen: 1940 Schutzwall-Ehrenzeichen
1945 Eisernes Kreuz II. Klasse
1969 Bundesverdienstkreuz I. Klasse
1980 Silberne Medaille der Stadt Freiburg
1984 Goldene Hochzeit
Verheiratet: Philippsburg, Emma, geb. Gargel
Eltern: Martin Schweiger, Arbeiter in Oberkirch (1869-1946)
Barbara, geb. Vogt (1871-1925)
Geschwister: 8
Kinder: 4
GND-ID: GND/1012577708

Biografie: Renate Liessem-Breinlinger (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 426-427

1969 wurde Schweiger zum ehrenamtlichen Bürgermeister der Gemeinde Horben bei Freiburg gewählt. Als er nach fünf Jahren aus dem Amt schied, konnte er auf stattliche Leistungen wie den Bau der Kanalisation zurückblicken, und er hatte sich bewiesen, daß er auch im Pensionsalter noch den Mut zum Neubeginn besaß, der ihn ein Leben lang ausgezeichnet hatte. Als 16jähriger war er von seinem Geburtsort Oberkirch nach Flensburg gereist, um sich bei der Kriegsmarine zu bewerben. Der Versuch, aus dem Taglöhnerdasein – erst in einer Schuhnägelfabrik, dann in einer Brauerei – herauszukommen, scheiterte an zu geringer Körpergröße. Gegen Kriegsende wurde er als 18jähriger noch Soldat, und während der Demobilisation schloß er sich dem westfälischen Freikorps Lichtschlag an, das 1920 in die Reichswehr überführt wurde. Dramatische Szenen erlebte Schweiger im März 1920 während des Kapp-Putsches beim Einsatz seines Korps in Hagen. Damals machte er seine ersten Erfahrungen mit der Politik: Er handelte im Namen der demokratischen Regierung nach Befehlen eines SPD-Ministers, spürte die Feindseligkeit der Massen im Ruhrgebiet und das Schillernde in der Haltung der Offiziere. „Wir standen mittendrin und wußten nicht genau wo.“ So formulierte er 1980 der Verfasserin gegenüber bei der Vorbereitung einer Südwest-Sendung über seine Biographie.
Im April 1920 wurde Schweiger durch die Vermittlung eines Korpskameraden Bergmann in der Zeche Zollverein in Essen. Dort erlebte er 1923 die Ruhrbesetzung und den passiven Widerstand mit Kartenspielen unter Tage. Neben der Akkordarbeit im Bergwerk, wo er mit vielen Polen zusammenarbeitete, besuchte Schweiger eine private Abendschule, die auf die Mittlere Reife und das Abitur vorbereitete. Letzteres legte er 1927 als Schulfremder an einer Heidelberger Oberrealschule ab. Nach zwei Jahren an der Lehrerbildungsanstalt in Karlsruhe war er Volksschullehrer. Die Anstellung wurde wegen der schlechten Wirtschaftslage durch ein schulpraktisches Jahr hinausgezögert. Da er auch 1930 zur Zeit der Brüningschen Deflationspolitik keine Anstellung erhielt, suchte sich Schweiger eine Stelle als Hauslehrer: erst in der Jugendherberge Sohlberg bei Ottenhöfen, dann auf einem Gutshof in Hohenbruch, Kreis Osthavelland. In dieser Zeit konnte er seinen Erfahrungshorizont erweitern. An freien Nachmittagen waren Berlinbesuche möglich. Dabei kam er in Kontakt mit dem Pädagogen Paul Oestreicher, einem entschiedenen Schulreformer mit sozialistischer Grundauffassung, einem Vorkämpfer der Gesamtschule. In dessen Sinn, jedoch mit dem Realismus des Praktikers, engagierte sich Schweiger in den 50er Jahren als Referent am Oberschulamt Freiburg, als es um die Einführung der Mittelschule in Baden ging: Er wollte sie im Verbund mit der Hauptschule sehen, nicht als eigenständige Realschule, deren Etablierung er nicht verhindern konnte.
Von 1932 bis 1937 war Schweiger Schulpraktikant und Hilfslehrer an vier Dienstorten in badischen Landorten. Philippsburg war der erste, wo er seine Frau kennenlernte. 1937 erhielt er eine Planstelle an der wenig attraktiven Zwergschule in Sägendobel bei St. Peter, in einem engen Tal unterhalb des Kandels gelegen. Diese Plazierung hing mit seiner ablehnenden Haltung gegen die damalige Staatspartei zusammen. Er schätzte jedoch die Selbständigkeit als Alleinlehrer und arbeitete mit Engagement und Idealismus. Unterbrechung brachten die Kriegsjahre 1939/40, wo Schweiger als Landwehrmann erst am Westwall, dann bei der Besetzung Frankreichs eingesetzt war. Danach wurde er als Vater von vier Kindern nach Hause entlassen, um erst in den letzten Kriegsmonaten noch einmal als Zugführer zum Volkssturm eingezogen zu werden. Beim Rückzug machte er sich verdient, indem er über hundert ältere Männer an den einrückenden Besatzungsgruppen vorbei nach Sägendobel führte, wodurch er sie unter persönlichem Risiko vor der Gefangenschaft rettete. Im Besitz der Kompaniekasse, konnte er sie sogar mit einem Entlassungsgeld ausstatten.
Trotz seiner Vorbehalte gegen das NS-Regime war Schweiger 1937, einer ministeriellen Empfehlung folgend und um die überfällige Verbeamtung nicht zu gefährden, in die NSDAP eingetreten. 1948 wurde er entnazifiziert und als Mitläufer eingestuft. 1950 erreichte er in einem zweiten Verfahren, um das er nachgesucht hatte, die Bewertung als Entlasteter. Die damaligen Vorgänge gingen ihm gemütsmäßig sehr nah und trugen zu einer monatelangen Erkrankung bei. Als befreienden Neubeginn empfand er die Versetzung in den Weinort Ebringen bei Freiburg 1950. Damals war er schon stark engagiert bei der SPD und der Lehrerorganisation GEW, der Nachfolgerin des ehemaligen Badischen Lehrervereins, wo er vor 1933 Junglehrervertreter gewesen war. 1951 machte sich Schweiger einen Namen, als er für seine Partei in badischen Städten und Gemeinden als Redner für den Südweststaat auftrat. An der nämlichen Kampagne nahm auch Minister a. D. Martzlof teil. 1956 stellte die SPD Schweiger bei der Landtagswahl als Zweitkandidaten des Wahlkreises Freiburg-Land auf, 1960 und 1964 als Erstkandidat. Beide Male zog er über die Zweitauszählung in das Stuttgarter Parlament ein. Seine Wirksamkeit dort schätzt Schweiger nicht sehr hoch ein. Als Vertreter des linken Flügels seiner Partei hatte er in der Ära Krause, während der es zur großen Koalition kam, nicht viel Einfluß. Im Rückblick bedauerte er es, daß er wegen der Gesetzeslage seinen Beruf in der Schulverwaltung dafür hatte aufgeben müssen. Schweiger war eine respektgebietende und liebenswürdige Persönlichkeit. Der mühselige Weg seines sozialen Aufstiegs hatte ihn nicht hart gegen andere, sondern fürsorglich gemacht.
Quellen: Maschinenschriftliches Manuskript der Verfasserin: Abschrift einer Bandaufnahme zur Vorbereitung einer Südwestfunksendung, erstmals gesendet am 08.02.1981, Hörfunk 1. Programm. – StAF: Personalakte Valentin Schweiger
Werke: Badische Schulzeitung 69/1931, 117-121
Nachweis: Bildnachweise: StAF: Personengeschichtliche Sammlung

Literatur: Süddeutsche Schulzeitung 7/8/1968, 105; GEW Lehrerzeitung Baden-Württemberg. Süddeutsche Schulzeitung 3/1975, 45; ebd. 3/1980, 68 f., ebd. 1/2/1990, 31; BZ vom 14./15.02.1980
Suche