Ullmer, Albert Josef 

Andere Namensformen:
  • eigentlich Adalbert Ullmer
Geburtsdatum/-ort: 26.08.1896;  Reicholzheim
Sterbedatum/-ort: 02.01.1966;  Buchen
Beruf/Funktion:
  • Bürgermeister, MdR (NSDAP), Kreisleiter
Kurzbiografie: bis 1918 Lehre als Schmied und Kriegsteilnahme, Eisernes Kreuz II. Klasse
1920 Lagerarbeiter, später Pächter einer Gastwirtschaft
1928 Mitgründer, später Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Reicholzheim
1933 Bürgermeister in Külsheim, MdR
1934-1938 Bürgermeister und Kreisleiter der NSDAP in Buchen
1938-1945 hauptberuflich Kreisleiter der NSDAP in Buchen
1941 Oberbereichsleiter der NSDAP
Weitere Angaben zur Person: Religion: (anfangs) römisch-katholisch
Verheiratet: 1920 Heidelberg, Rosa, geb. Steiger (1899-1989)
Eltern: Theodor Ullmer (1855-1930), Viehhändler
Anna, geb. Dorbath (1860-1898)
Geschwister: 7
Kinder: 3
GND-ID: GND/1012577775

Biografie: Volker Rödel (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 464

Aus kleinen Verhältnissen stammend, lernte Ullmer das Schmiedehandwerk und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Nach kurzzeitiger Beschäftigung als Fabrikarbeiter in Heidelberg kehrte er in seinen Heimatort Reicholzheim zurück, wo er als Arbeiter im Raiffeisen-Lagerhaus Beschäftigung fand; später pachtete er eine Gastwirtschaft. Seit 1926 will er für die Hitlerbewegung tätig gewesen sein, zuvor war er aber bereits als Anhänger der Deutschvölkischen Freiheitspartei Propagandist für radikale nationalistische Bestrebungen. Mitgründer der Reicholzheimer NSDAP 1928 und bald auch deren Leiter, wurde er zum Angelpunkt der Wandlung dieses rein katholischen Orts zu einer nationalsozialistischen Hochburg. Beim Landtagswahlkampf 1929 traten z. B. Staatspräsident Schmitt für das Zentrum und der unterfränkische Gauleiter Hellmuth sowie Gottfried Feder in Reicholzheim auf, und die NSDAP errang 40 % der Stimmen; bei der Reichstagswahl 1930 erreichte sie sogar fast das Ergebnis des Zentrums. Ullmer, der eifrig propagandistisch tätig war, hatte gewiß großen Anteil an dieser Entwicklung. 1930 zum Bezirksrat gewählt, wurde Ullmer im März 1933 von Gauleiter Wagner zum Gauinspekteur ernannt und im Mai zum Bürgermeister von Külsheim gewählt. Im gleichen Jahr gelangte er als Nachrücker in den Reichstag. 1934 wurde er Kreisleiter in Buchen und zugleich zum Bürgermeister dieser Stadt ernannt.
Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen nahm man die Ernennung 1935 zurück und bestellte Ullmer nach kurzer Zeit erneut. Anfang 1938 trat er vom Amt des Bürgermeisters zurück, nicht ohne sich dabei aber von der Stadt die Mittel für den Bau eines Hauses vorstrecken zu lassen, blieb aber Kreisleiter. Ein krankheitsbedingter finanzieller Engpaß sollte durch die Nichtanrechnung der Diäten als Reichstagsabgeordneter auf das Gehalt, die Gauleiter Wagner eigenmächtig verfügt hatte, ausgeglichen werden. Dieser Fall beschäftigte wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung sogar die Reichsleitung und führte zu einer negativen Entscheidung des Reichsschatzmeisters.
Nachdem er bis zuletzt eine unnachgiebige und vielfach als schikanös empfundene Haltung an den Tag gelegt hatte, floh Ullmer beim Einmarsch der Alliierten zu seinem Bruder an den Bodensee und verbrachte dann einige Zeit in der Heilanstalt Emmendingen, bevor 1947 das Entnazifizierungsverfahren gegen ihn durchgeführt werden konnte. Als Hauptschuldiger wurde er zu 7 Jahren Arbeitslager und einem Höchstmaß an gravierenden Auflagen verurteilt. 1948 bereits wurde die Vollstreckung wegen krankheitsbedingter Haftunfähigkeit ausgesetzt; das Verfahren gegen ihn stellte man 1952 wegen Geisteskrankheit ein. Ullmer, vom Erlebnis des Weltkriegs und seiner wirtschaftlich schwierigen Lage geprägt, vertrat als „Arbeiter der Faust“ das vulgäre und antiklerikale Element im Nationalsozialismus; später erhobene Betrugs- und Untreuevorwürfe sowie unbeherrschtes Auftreten als Amtsperson in der Öffentlichkeit deuten auf einen wenig festen Charakter hin; auch der geringe Bildungsgrad wirkte sich belastend aus.
Schwerer mag wiegen, daß er sich als Bürgermeister nicht nur den Anforderungen nicht gewachsen zeigte, welche die NSDAP während der „Systemzeit“ bei im öffentlichen Leben Stehenden einklagte, sondern sich durch rücksichtslosen Gebrauch seiner politischen Macht kompromittierte. Ob und wie weit das auf seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg zurückgehende Leiden, das 1948 zu seiner Haftverschonung führte, seine Persönlichkeit schon seit den 30er Jahren verändert hat, läßt sich schwer entscheiden.
Quellen: GLAK; BA; Stadtarchiv Buchen; Hinweise durch ausführliche mündliche Mitteilungen von Dr. Paul Benz (†), Reicholzheim
Nachweis: Bildnachweise: StA Wertheim, Fotosammlung
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