von Rudloff, Maria 

Geburtsdatum/-ort: 13.01.1899; Beneden, Suriname, Niederländisch Guayana
Sterbedatum/-ort: 19.03.1992;  Freiburg im Br.
Beruf/Funktion:
  • Stadträtin-CDU, Sozialpolitikerin
Kurzbiografie: 1901 Umzug der Familie von Guayana nach Kamerun
1908 mit einem der Geschwister nach Apeldoorn, Holland
1909 mit Mutter und Geschwistern Umzug nach Münster in Westfalen
1919 Umzug nach Rijsenburg, Holland
1921 Eheschließung und Hausstand in Freiburg
1942 Examen als Heilgymnastin
1951 CDU-Mitglied
1954 Vorsitzende des Freiburger Zweigvereins des katholischen Deutschen Frauenbundes, der Arbeitsgemeinschaft der Freiburger Frauenverbände und der CDU-Frauenvereinigung
1954-1975 Stadträtin in Freiburg
1973 Bundesverdienstkreuz
1977 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg
1978 USA-Reise
1983 Kamerun-Reise mit dem ZDF
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1921 (Driebergen, Niederlande) Ernst von Rudloff (1895-1944)
Eltern: Vater: Johann Wilhelm van de Loo (1873-1941), Holländer, Kaufmann in Niederländischen Guayana und Kamerun
Mutter: Johanna Clara, geb. Muller (1876-1951) aus Utrecht
Geschwister: 6
Kinder: 4 Söhne
GND-ID: GND/1012714586

Biografie: Renate Liessem-Breinlinger (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 302-304

Ein Blick in den Atlas auf Südamerika, Westafrika und die Wirtschaftskarte der deutschen Kolonien erleichtert den Zugang zur Biographie von Rudloff, einer gebürtigen Holländerin, die in Freiburg Wurzeln geschlagen hat. In der niederländischen Kolonie Guayana kam sie zur Welt. Ihr Vater Willem van de Loo hatte sich hier in jungen Jahren zum Plantagendirektor emporgearbeitet. Später profitierte das als Kolonialmacht weniger erfahrene Deutschland von seinem Fachwissen. Von 1901 bis 1914 leitete er die Westafrikanische Pflanzungsgesellschaft in Kamerun. In Viktoria an der Westküste, unweit der Hauptstadt Douala, verbrachte Rudloff ihre Kindheit – und hierher reiste sie 1983 zurück mit einem Kamerateam des Zweiten Deutschen Fernsehens. Zufällig hatte sie an einer Freiburger Straßenbahnhaltestelle einen jungen Mann aus Kamerun kennen gelernt und sich mit ihm angefreundet. Mit ihren Fotoalben präsentierte er sich spontan beim ZDF und stieß auf Resonanz. Der Journalist Luc Leysen drehte mit Rudloff und Philippe Kom als Hauptdarsteller einen Dokumentarfilm über Kamerun mit einer Reise in die deutsche Kolonialvergangenheit.
Rudloffs Kindheitserinnerungen an Kamerun waren geprägt von einem gepflegten großzügigen Lebensstil. Das Elternhaus war oft Schauplatz gesellschaftlicher Ereignisse, zu denen auch der Gouverneur erschien. Die Mutter prägte sich ihr jedoch nicht nur in der Rolle der Gastgeberin ein, sondern auch durch soziales Engagement als Initiatorin einer Schule und einer Krankenstation. Der Vater war nicht nur bei seinen weißen Mitarbeitern und Untergebenen, sondern auch bei den Eingeborenen beliebt; das jedenfalls sagte 1983 ein noch lebender schwarzer Zeitzeuge in deutscher Sprache vor den Fernsehkameras aus. Als Rudloff neun Jahre alt war, schien es den Eltern an der Zeit, sie nach Europa zu bringen, und zwar zu Verwandten in Apeldoorn. Der Aufenthalt hier blieb aber Episode, da Willem van de Loos Arbeitgeber einen Wohnort in Deutschland erwarteten. Die Wahl fiel auf Münster in Westfalen, wo Rudloff nach dem Umzug der Mutter und der übrigen Geschwister von Kamerun nach Deutschland die Schule besuchte. Dokumente hierüber hat sie nicht hinterlassen. Ob sie jetzt erst Deutsch lernte – im Elternhaus war Holländisch die Umgangssprache – oder schon als Kind, muss offen bleiben. Sicher dokumentiert ist der Besuch eines Haushaltungspensionats 1916 in Clausthal im Oberharz. Damals kannte sie schon ihren späteren Ehemann Ernst von Rudloff. Er war der Sohn eines preußischen Beamten, besuchte in Münster das Gymnasium und studierte anschließend dort und in Freiburg Medizin, hier unter anderem bei Ludwig Aschoff. Kurz nach seinem Examen 1921 heiratete das Paar. Der zuerst vorgesehene Hochzeitstermin platzte allerdings, da der Brautvater eine dringende Mission in einer holländischen Kolonie im Pazifik zu erledigen hatte. Während des I. Weltkriegs war er in England interniert gewesen, da er wegen seiner Stellung in Kamerun als Deutscher behandelt wurde.
Rudloff wurde 1921 Freiburgerin, wo ihr Mann in der Wilhelmstraße eine Praxis eröffnete. Bald kamen die älteren Söhne zur Welt. 1925 konnte die Familie samt Praxis ins eigene Haus in der Marienstraße ziehen, ein Geschenk von Vater van de Loo. Durch die räumliche Nähe konnte Rudloff hier am Alltag der Arztpraxis teilnehmen. Sie kümmerte sich um die Patienten und die buchhalterischen Angelegenheiten. 1926 und 1928 brachte sie die beiden jüngeren Söhne zur Welt. Die private Geselligkeit spielte sich in Freiburger Akademikerkreisen ab, wo Ernst von Rudloff als hervorragender Pianist und charmanter Unterhalter gern gesehen war. Er soll als junger Mann den Wunsch gehabt haben, Musik zu studieren, von den Eltern jedoch zu einem „Brotberuf“ überredet worden sein. Eine seiner weiteren Vorlieben galt dem Automobil. Seit den Mittzwanzigern habe er stets eines besessen.
Auf die politischen Veränderungen nach 1933 reagierte Rudloff mit Gelassenheit. Die Weltanschauung ihres Bruders, der in der holländischen NS-Bewegung unter Adrian Mussert aktiv war, teilte sie nicht. Die Treue zur katholischen Kirche stand auch von Seiten ihres Mannes nie zur Debatte, ohne dass dieses Thema jedoch zentrale Bedeutung im Familienleben gehabt hätte. Entfernt mag hier auch eine Rolle gespielt haben, dass Schwager Hans von Rudloff katholischer Priester, zuletzt Weihbischof in Hamburg, und dessen Bruder Fred Ordensgeistlicher war, der einem westfälischen Benediktinerkloster angehörte und sich abwechselnd in Jerusalem und den USA aufhielt.
Auf Rudloffs Leben als gut situierte Ehefrau fielen die ersten Schatten, als sich 1936 bei ihrem Mann ein Nierenleiden bemerkbar machte. 1940 hatte es sich so gesteigert, dass er sich meist in Sanatorien aufhalten musste. Die Praxis wurde von einem Assistenten geführt und später vermietet. Damals entschloss sich Rudloff zu einer Ausbildung als Heilgymnastin in der Freiburger Kohlrausch-Schule, die sie 1942 abschloss. Trotz der persönlichen Belastungen nahm Rudloff damals zum ersten Mal eine Aufgabe im sozialen Dienst wahr: bei der Bahnhofsmission die Versorgung durchreisender Soldaten. 1944 trafen sie zwei Schicksalsschläge in kurzer Folge: Ihr Mann erlag seinem Leiden, und nur zehn Tage später fiel der zweitjüngste Sohn. Diese Ereignisse trugen zu einer bewussteren Hinwendung zur katholischen Kirche bei.
Als Witwe übte sie nun regelmäßig ihren Beruf aus, teils in der Wohnung, teils bei den Patienten zu Hause, bis sich 1953 eine betagte wohlhabende Amerikanerin bei ihr einfand und für den Rest ihres Lebens zu bleiben begehrte. Dieses familiär freundschaftliche Pflegeverhältnis dauerte zehn Jahre und verschaffte Rudloff neben dem zeitlichen auch den finanziellen Freiraum, sich im öffentlichen Leben sozial und politisch zu engagieren. Schon 1951 war sie in die CDU eingetreten. Jetzt übernahm sie die Leitung des katholischen Frauenvereins in Freiburg, die Organisation des Kindergartens der Dompfarrei, und sie lehrte an der Landfrauenschule der Erzdiözese Freiburg. Als sie 1956 auf der Liste der CDU für den Freiburger Stadtrat kandidierte, erhielt sie auf Anhieb 17 000 Stimmen, was für ihre Beliebtheit spricht. Bau und Erweiterung von Kindergärten und Altenheimen, Wohnungsbeschaffung für sozial Schwache, Hilfe für Randgruppen und Minderheiten waren ihre Anliegen, für die sie sich mit Charme und Zähigkeit einsetzte. Aber auch auf kulturellem und städtebaulichem Gebiet redete sie mit. Die Mitwirkung von Frauen an der Gestaltung des öffentlichen Lebens zu fördern, war ihr ein Anliegen, kämpferisches Einfordern entsprechender Ansprüche lag ihr jedoch fern. Sie war keine Emanze, urteilte ihre Schwiegertochter.
1997 benannte die Stadt Freiburg einen Platz im Neubaugebiet Rieselfeld nach Rudloff. Auf dem Straßenschild ist dort in zwei Zeilen Wesentliches über sie gesagt: Sie „wirkte verdienstvoll in der Freiburger Sozialpolitik“. Nachdem Rudloff aus Altersgründen 1975 aus dem Stadtrat ausgeschieden war, übrigens zeitgleich mit May Bellinghausen, mit der sie sich sehr gut verstand, hatte sie sich den Beinamen „grand old lady der Freiburger Kommunalpolitik“ erworben. Das Bundesverdienstkreuz hatte sie schon als aktive Gemeinderätin erhalten, nun folgte die Verdienstmedaille des Landes und 1970 die Ehrennadel der CDU. Auch den letzten Lebensabschnitt gestaltete sie aktiv durch Reisen in die USA zu Fred von Rudloff in Vermont und 1983 nach Kamerun. Professionelle Altenpflege, für deren Aufbau sie sich als Stadträtin eingesetzt hatte, musste sie nur während weniger Wochen in Anspruch nehmen.
Quellen: StadtA Freiburg C5/353, Glückwünsche bei Geburtstagen u. bes. Anlässen d. Stadträte u. D.StA.XV,19, Straßenbenennung 1992-1994;Gespräche mit den Söhnen Hans u. Klaus von Rudloff u. deren Ehefrauen. Dokumente; Zeitungsausschnitte u. Fotos in deren Besitz.
Nachweis: Bildnachweise: BZ vom 13.1.1979 (vgl. Quellen u. Lit.).

Literatur: M. v. Rudloff zum 80. Geburtstag (mit Bild), in: BZ vom 13./14.1.1979; M. v. Rudloff zum 90. Geburtstag, in: Freiburger Wochenbericht vom 13.1.1989.
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