Gärtner, Karl 

Geburtsdatum/-ort: 06.01.1897;  Lahr
Sterbedatum/-ort: 26·1945-11-26.11.1943; Straßburg
Beruf/Funktion:
  • Ministerialdirektor, NSDAP-Politiker
Kurzbiografie: 1903-1908 Vorschule und Sexta an der Privat-Realschule Lahr
1908-1911 Oberrealschule Offenburg bis Obertertia
1911-1914 Vorseminar in Lahr
1914 Aug. Kriegsfreiwilliger beim Infanterie-Regiment 169
1914 Dez. Verwundet bei La Bassée
1915 Aug. Vom Militär entlassen, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse
1914-1917 Großherzogliches Lehrerseminar Heidelberg
1917 Schulkandidat, Anstellung in Tannenkirch, Amt Lörrach
1920 Dienstprüfung mit Gesamtnote sehr gut
1925 Hauptlehrer in Meißenheim
1930 NSDAP Mitglied Nr. 231 420, Reichsfachredner der Partei
1931 Gauobmann des NS-Lehrerbundes, Gauamtsleiter des Amts für Erzieher
1933 Kommissar zur besonderen Verwendung, dann Ministerialrat im Kultusministerium
1939 Ministerialdirektor, ab 1940 verantwortlich für den Aufbau des deutschen Schulwesens im Elsass
1941 Ehrenbürger der Reichsuniversität Straßburg
1942 Ehrensenator der Universität Freiburg
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev., ab 1939 „gottgläubig“
Verheiratet: 1918 (Lahr) Friedel Sauer, geb. Mitterlechner aus bayerisch Franken (1888-1960)
Eltern: Vater: Emil (1869-1927) Lithograph und Betriebsleiter
Mutter: Karoline Luise, geb. Romann (geb. 1874)
Geschwister: 1 Bruder
Kinder: 1 Tochter (geb. 1927)
GND-ID: GND/1012769763

Biografie: Renate Liessem-Breinlinger (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 85-87

War Gärtners Aufstieg vom Volksschullehrer zum Ministerialdirektor bares Nutznießertum eines alten Kämpfers der NS-Bewegung? In seinem posthumen Entnazifizierungsverfahren spielte diese Frage eine Rolle wegen der Versorgungsansprüche der Witwe. Überdurchschnittliche Intelligenz wurde ihm attestiert, eingeräumt, dass er sich schon zu Zeiten der Weimarer Republik für die Schulaufsicht qualifiziert habe. Vom Hauptschuldigen wurde er u. a. nach dem Zeugnis der Brüder Josef Ludolf Wohleb und Leo als Belasteter eingestuft, was für die Witwe und die in Lehrerausbildung befindliche Tochter eine finanzielle Erleichterung zur Folge hatte.
Anlässlich einer Bewerbung um die Stelle eines Schulrats am Stadtschulamt Mannheim wurde er 1929 als fähiger Schulmann, gebildet, redegewandt und mit sicherem taktvollem Auftreten charakterisiert. Seine Zusammenarbeit mit dem Pfarrer an seinem Dienstort Meißenheim, Kirchenrat Kolb, wird lobend erwähnt, die gemeinsame Beschäftigung mit der Psychologie Wilhelm Wundts, volks- und heimatkundliches Interesse und Arbeiten zur Ortsgeschichte, die in der Zeitschrift „Dorfheimat“ gedruckt wurden. Der mit „sehr gut“ beurteilte Lehrer engagierte sich jedoch auch politisch: Gleich nach dem Kriege habe er sich der völkischen Freiheitsbewegung angeschlossen, an seinem ersten Dienstort Tannenkirch bei Lörrach seine militärischen Kenntnisse in den Dienst der Jugendwehr gestellt, 1923 beim Kommunistenputsch in Lörrach eine Bauernwehr gegründet, 1925 in Meißenheim national gesonnene Jungbauern und Arbeiter um sich gesammelt und damit den Kern der späteren SA am Ort geformt. Eine Volksbildungsgemeinschaft und eine Volksbibliothek, seine Rednereinsätze, die Übernahme der NSDAP-Bezirksleitung Offenburg und Lahr nach dem Tod des Kollegen Eugen Klink (siehe Gertrud Scholtz-Klink) verlängern die Liste der Pluspunkte in seiner politischen Beurteilung, die 1939 vor seiner Ernennung zum Ministerialdirektor als entscheidendem Mann an der Seite von Kultusminister Schmitthenner fällig war.
„Einer der besten Köpfe der Bewegung im Gau Baden“, lautet das Resümee. Aktiv und klug habe er sich vor 1933 für die Partei eingesetzt. Im Gegensatz zu seinem Bruder (Emil Gärtner), der in seinem Engagement für die Partei diverse Male mit den Staatsorganen in Konflikt kam. Die Frage des SPD-Kultusministers Remmele: „Ist gegen diesen Lehrer irgend etwas im Gange?“, förderte 1930 nur einen harmlos klingenden Bericht des Landespolizeiamtes zutage. Seine sprichwörtliche Arbeitsenergie, heute würde man von Belastbarkeit sprechen, konnte Gärtner zwischen 1940 und 1944 im Elsass unter Beweis stellen. Die Neuordnung des Volksschulwesens trieb er durch effektive Organisation voran: Versetzung junger badischer Lehrer ins Elsass, Umschulung der elsässischen Lehrer in badischen Schulen oder in Gauschulungslagern zu beiden Seiten der Oberrheins. „L’Umschulung“ oder „stage de recyclage“ ist bis heute im Elsass ein geflügeltes Wort. Wie 1933/34 bei seinem Eintritt ins badische Kultusministerium entfaltete Gärtner 1940/41 eine rege Publikationstätigkeit: Stoffverteilungspläne, Lesebücher und eine Abhandlung über die „wehrgeistige“ Erziehung in der Volksschule oder Lesestoffe für den völkischen Unterricht in den Berufsschulen im Elsass. Um seinem beachtlichen Heimatatlas für Baden von 1934, für den Gärtner die Mitarbeit zahlreicher Wissenschaftler, nicht nur politische Gesinnungsfreunde, gewonnen hatte, das linksrheinische Pendant zur Seite zu stellen, hatte die Zeit nicht gereicht. Friedrich Metz, der Leiter des Alemannischen Instituts, hätte ihn dabei sicher unterstützt.
Marie-Joseph Bopp, der gleich 1945 auf der Basis persönlicher Aufzeichnungen über die vier Okkupationsjahre schrieb, erinnerte sich mit Respekt an den Geographen Metz, an Gärtner dagegen mit Sarkasmus und Spott: als Profiteur des Regimes auf einem Posten, der einem akademisch Gebildeten gebührt hätte; Gärtner habe seine Dienststelle in Straßburg luxuriös eingerichtet mit Möbeln aus eingezogenem Vermögen von sogenannten unerwünschten Personen, die 1940 das Elsass verlassen mussten. Eine Bar mit Himbeergeist und Kirsch sei ein vielfrequentierter Bestandteil des Büros gewesen. Anerkennend vermerkt Bopp allerdings die zügige Wiedereröffnung der Volksschulen zum 1. Oktober 1940.
Als am 23. November 1944 die 2. Panzerdivision (Division Blindée unter Leclerc), risikobereit den Amerikanern vorauseilend, überraschend Straßburg erreichte, ohne jedoch die Rheinbrücke nach Kehl unter ihre Kontrolle zu bringen, gelang es Gauleiter Wagner und vielen anderen Funktionsträgern, die Stadt zu verlassen. Gärtner verlor im Gefolge dieses tumultösen Tages sein Leben unter nicht ganz geklärten Umständen. Offenbar hatte er keine große Eile, sich abzusetzen. Mit einer MP bewaffnet habe er sich in der Nähe der Rheinbrücke auf ein Feuergefecht mit Panzerbesatzungen eingelassen. Durch Bauchschuss verwundet, sei er am Abend in ein nicht näher benanntes Lazarett oder Hospital verbracht worden und dort verstorben. Deutsche Ärzte waren nicht zugegen, weder zur Behandlung noch zur Feststellung des Todes. Dieser wurde amtlich auf den 26. November festgesetzt, nachdem Gärtner zunächst als verschollen gegolten hatte.
Quellen: GLA Karlsruhe 235/34779 (PA); BA (ehem. BDC) NSDAP-Gaukartei, NSDAP-Führerkartei, NSLB.
Werke: Heimatatlas d. Südwestmark Baden, 1934; Die Bad. Schule (Zeitschrift) 1934 ff.; Bausteine für den neuzeitl. Unterricht, 1934; Aufrufe, Tagesbefehle u. Reden des Führers im Kriege, 1941; Lesebuch für die Volksschulen im Elsass, 1941; Lesestoffe für den völkischen Unterricht in den Berufsschulen im Elsass, 1941.
Nachweis: Bildnachweise: Zeitungsausschnitt mit Foto in PA.

Literatur: Marie-Joseph Bopp, L’Alsace sous l’occupation allemande 1940-1944, 1945; Eugène Riedweg, Strasbourg: ville occupée, 1982; Hans-Georg Merz, Beamtentum u. Beamtenpolitik in Baden, 1985 (mit weiteren Literatur- u. Quellenhinweisen).
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