Gotthart, Bernhard 

Geburtsdatum/-ort: 10.07.1871;  Freiburg
Sterbedatum/-ort: 26.07.1950;  Freiburg
Beruf/Funktion:
  • Textilkaufmann und Filmproduzent
Kurzbiografie: 1877-1895 Volksschule in Freiburg, anschließend vermutlich Lehre, dann Textilfachschule (Technikum Hohenheim)
bis 1904 Prokura im elterlichen Textilbetrieb in der Freiburger Kaiserstraße
1906-1909 Gründer und Geschäftsführer der Welt-Kinematograph GmbH Freiburg, Zweigniederlassungen in Köln, Düsseldorf, München, Karlsruhe, Augsburg, Stuttgart und St. Johann/Saar
um 1908 Filmproduktion begonnen
1910-1915 Gründer und Geschäftsführer der Express Films Co. GmbH, 1915 Nachfolger Isidor Robert Schwobthaler, 1924 Verlegung der Firma nach Berlin
1917-1918 Mobile Lichtspiele für Frontsoldaten
1918/19 Vertreter einer dänischen Nährmittelfabrik
1921 Passionsspiele in Freiburg organisiert und gefilmt: „Der Galiläer“
1921-1953 Firma Filmwerke Gotthart im Freiburger Handelsregister eingetragen, dann Lebensunterhalt als Textilkaufmann
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1. (Freiburg) 1916, Margarete, geb. Allgeier, geschieden 1919
2. (Freiburg) 1922, Christel Norrell, geb. Reinecke (1886-1959)
Eltern: Vater: August (1839-1893 ), Weber und Textilhändler in Freiburg
Mutter: Josefine, geb. Merklin (gest. 1905 oder 1906 in Karlsruhe)
Geschwister: 2
Kinder: keine
GND-ID: GND/101276978X

Biografie: Renate Liessem-Breinlinger (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5 (2005), 102-103

Ein ausgefallener Sport stand am Anfang der Freundschaft zwischen den Breisgauer Kaufleuten Gotthart und Robert Isidor Schwobthaler: das Hochradfahren. Als weitere Gemeinsamkeit folgte, dass sich beide dem Filmgeschäft zuwandten. Schwobthaler eröffnete kurz nach der Jahrhundertwende in Paris ein Lichtspielhaus und wurde 1905 Filmproduzent; Gotthart eröffnete 1906 in Freiburg an der Kaiserstraße das erste Kino und gründete 1910 die „Express Films Company“, eine Filmproduktion mit -vertrieb. Gottharts Kinounternehmen firmierte erst als „Der Kosmograph, kinematographische Gesellschaft mbH“, dann als „Welt-Kinematograph GmbH“. Gotthart baute mit drei weiteren Teilhabern eine Kette von Lichtspielhäusern auf. 1909 schied er aus dem Unternehmen aus, das bis 1923/24 weiter bestand, und widmete sich ganz seiner eigenen Filmproduktion im Keller und Hinterhaus eines Anwesens in der Schusterstraße, das sein Bruder kurz zuvor erworben hatte. 1910 ließ Gotthart seine Firma als „Express Films Co.“ ins Handelsregister eintragen und 1911 mit dem Zusatz versehen: „Redaktion und Verlag ‚Der Tag im Film‘, erste deutsche tägliche kinematographische Berichterstattung“. 1913 fügte er stolz das Adjektiv „international“ hinzu. Gotthart produzierte in der Tat eine Tagesschau, die er nicht nur mit deutschen, sondern auch französischen und englischen Kommentaren im In- und Ausland vertrieb.
Auf einer Fotografie von 1911 ist Gottharts technischer Mitarbeiterstab festgehalten: zwölf Personen, darunter Gottharts spätere Ehefrau Margarete Allgeier, deren Brüder Albert und Sepp und Franz und Othmar Ostermayr. Zwölf Kameras auf Stativen bezeugen die Leistungsfähigkeit des Unternehmens. Das Bild war zu Werbezwecken aufgenommen worden. Gotthart ließ seine Kameraleute im Inland Sensationelles filmen wie Zeppelinflüge oder Kaisers Besuch am fürstenbergischen Hof in Donaueschingen; er schickte sie aber auch als Begleiter wissenschaftlicher Expeditionen in ferne Erdteile; außerdem unternahm Schwobthaler im Auftrag der Firma größere Filmreisen, 1913 zum Beispiel auf den Balkan als Kriegsberichterstatter auf Anforderung des Königs von Griechenland. Gotthart, ein Pionier des Skilaufs, ließ im Winter 1912/13 auch einen beachtlichen Skifilm drehen: „Die Besteigung des Monte Rosa im Winter“. Sepp Allgeier, sein späterer Schwager, profilierte sich hier als Kameramann, die drei jungen Akademiker Tauern, Rhode und Fanck als Darsteller auf Skiern. Fanck wurde später als Regisseur von Berg- und Sportfilmen berühmt. Mit einer technischen Ausrüstung aus Gottharts Betrieb nahm Sepp Allgeier 1913 an einer Arktisexpedition teil zusammen mit Dr. Bernhard Villinger, der ebenfalls zum Kreis skibegeisterter junger Leute gehörte, die sich oft am Feldberg trafen.
Der I. Weltkrieg beendete Gottharts große Zeit mit der Expressfilmgesellschaft. 1915 übernahm Schwobthaler, der schon seit einigen Jahren eng mit der Firma verbunden war, die Geschäftsführung. Gotthart schied aus und organisierte fortan die „Vaterländischen Lichtspiele“ zur Unterhaltung von Frontsoldaten. Nach dem Krieg verdiente er seinen Unterhalt als Vertreter einer dänischen Firma für Vitaminpräparate. Er nannte sich Export- und Importkaufmann „Spezialität Textilwaren en gros“ und wohnte im elterlichen Geschäftshaus in der Kaiserstraße. In jener Zeit trennte sich Gotthart von seiner ersten Frau, die schon vor der Eheschließung als Sekretärin bei Express Films die Seele des Betriebs gewesen war. Er kaufte eine Villa in der Karlstraße und ging eine Verbindung ein mit einer Konzertsängerin, die er 1922 heiratete. Schon im Vorjahr war er mit einem Paukenschlag ins Filmgeschäft zurückgekehrt. Er produzierte mit Schwobthaler, der inzwischen in Berlin tätig war, einen monumentalen Passionsfilm „Der Galiläer“. Regisseur war der Russe Dimitri Buchowetzki. Die Gelegenheit dazu boten ihm die Passionsspiele, die 1921 und 1922 von den Brüdern Adolf und Georg Faßnacht mit ihrem Ensemble auf einem vier Hektar großen Areal in Freiburg in Szene gesetzt wurden, mit tätiger Unterstützung Gottharts. Der Film erhielt im In- und Ausland hervorragende Kritiken; wirtschaftlich mussten ihn seine Verleger (Gotthart, Schwobthaler und die Gebrüder Faßnacht) jedoch auf der Minusseite verbuchen. Um das Inflationsjahr 1923 verkaufte Gotthart sein Haus. Er lebte von da an in Miete, zuletzt im Dachgeschoß eines Hauses, das sein Bruder zu dem bestehenden Anwesen in der Schusterstraße hinzugekauft hatte. Gotthart arbeitete als Vertreter im Textilgroßhandel, seine Frau als Gesangslehrerin.
Gotthart erscheint als einfallsreich, innovativ, etwas realitätsfern, recht lebenslustig, mit einer Begabung auf künstlerischem und sportlichem Gebiet. Auch als Techniker besaß er durchaus Talent; schon auf der Textilfachschule in Hohenheim war er als Student ausgezeichnet worden für eine Verfeinerung der Bildweberei, und in den Jahren der Express Films Co. vor dem I. Weltkrieg gelang ihm in Zusammenarbeit mit den Freiburger Mechanikern Weiß und Tzachmann eine Verbesserung der Kameratechnik an Aufnahme- und Vorführgeräten, die nach Aussagen eines Nachfahren patentwürdig gewesen wäre.
Quellen: Mündliche Mitteilungen des Neffen Ernst Gotthart; Handelsregister beim Amtsgericht Freiburg; Nachlass Sepp Allgeier bei Raymund Müller, Freiburg-Ebnet; StadtA Freiburg: D. StA. VIII, 104 u. 114; C 4/X/20/6 (Passionsspiele 1921-1933), K 1/26 Schachtel 40 Nr. 1.
Nachweis: Bildnachweise: Im Nachlass Allgeier bei Raymund Müller (vgl. Q).

Literatur: Sepp Allgeier, Die Jagd nach dem Bild, 1931; Klaus W. Hosemann, Seinerzeit bahnbrechend – heute vergessen. Filmschaffen in Freiburg. In: Freiburger Almanach 1991; Bernd Boll, Die Freiburger Passionsspiele, in: BZ vom 13. u. 19. 4. 1993; ders., Freiburger Passionsspiele im 20. Jh., in: Schauinsland 113, 1994, 149-181.
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