Hollerbach, Josef Oskar 

Geburtsdatum/-ort: 13.03.1898;  Hardheim, Landkreis Buchen
Sterbedatum/-ort: 18.09.1971;  Rastatt
Beruf/Funktion:
  • Bürgermeister
Kurzbiografie: 1904-1917 Volksschule Hardheim, Gewerbe- und Handelsschule Buchen, Volontär, dann Verwaltungsgehilfe der Gemeinde Hardheim
1918-1926 Ratschreiber in Hardheim
1926-1935 Ratschreiber in Ottenau
1935-1950 Verwaltungsinspektor, ab 1938 Stadtoberinspektor und Leiter der Hauptverwaltung Gaggenau
1950 4. Jul. kommissarischer Bürgermeister bis Jahresende, dann 1951-1968 Bürgermeister, Wiederwahl 1959 auf 12 Jahre, auf Antrag Ruhestand zum 30. Jun.
1950 Mitbegründer des Städtebundes Südbaden
1952 Vorstandsmitglied beim Städteverband Baden-Württemberg; Vorstandsmitglied und Verwaltungsrat des Badischen Gemeindeversicherungsverbands
1953-1971 Mitglied des Kreistages und Kreisrates Rastatt, Vorsitzender der CDU-Fraktion
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Auszeichnungen: Bundesverdienstkreuz (1952), Erster Klasse (1968); Goldene Ehrenmedaille der Stadt Gaggenau, Erster Träger, und Ehrenbürger der Stadt Gaggenau (1968)
Verheiratet: 1927 (Hardheim) Maria Mathilde, geb. Eirich (1905-1967)
Eltern: Vater: August (1868-1938), Landwirt
Mutter: Anna, geb. Weinmann (1864-1929)
Kinder: 4:
Lothar (geb. 1928), Oberstudiendirektor
Alexander (geb. 1931), Prof. für Staats- und Kirchenrecht
Hubert (geb. 1935), Dipl. Ing., Fabrikant in Hardheim
Marianne (geb. 1939), Dipl. Bibliothekarin
GND-ID: GND/1012786994

Biografie: Bernhard Mörmann (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 154-157

Hollerbach war als Bürgermeister 18 Jahre im Amt, und nicht nur wegen dieser langen Zeit spricht man in Gaggenau von der „Ära“ Hollerbach Er hat sich um den Wiederaufbau der Stadt verdient gemacht und die wirtschaftlich guten Jahre der Nachkriegszeit dazu genutzt, die Grundlagen für die heutige Große Kreisstadt mit rund 30 000 Einwohnern zu schaffen. Hollerbach gehört in die Reihe der bedeutenden Bürgermeister unseres Landes.
Gaggenau nimmt wie die Stadt Singen insofern eine Sonderstellung in Baden-Württemberg ein, als es innerhalb eines Jahrhunderts vom kleinen Dorf zur bedeutenden Industriestadt aufgestiegen ist. Diese Entwicklung hatte bereits in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nach dem Bau der Murgtalbahn (1869) eingesetzt. Gründerpersönlichkeiten schufen in den Bereichen Fahrzeug-, Maschinen- und Werkzeugbau sowie Holzverarbeitung ab 1880 die Grundlagen für die „Werkstatt des Murgtals“, die dann aber während des II. Weltkriegs durch die Fliegerangriffe vom 10. September und 3. Oktober 1944 fast völlig zerstört wurde. Nur 7 % aller Gebäude blieben unversehrt; von 8 000 Einwohnern wurden 4 800 obdachlos. Hier setzt die von Hollerbach geprägte Phase der Geschichte Gaggenaus ein.
Hollerbach sah sich als Erster Verwaltungsbeamter mit allen wichtigen Schlüsselaufgaben konfrontiert: Trümmerbeseitigung, Existenzsicherung, Wohnraumbeschaffung, Wiederaufbau der Industrie. Er bewies Organisationstalent und Überzeugungskraft. Seine zupackende Arbeitsweise erwarb ihm rasch Achtung und Ansehen bei der Bevölkerung, in Verhandlungen mit der Besatzungsmacht Respekt und Vertrauen. Hollerbach war zwar seit dem 1. Mai 1937 Mitglied der NSDAP gewesen, hatte sich in der Partei aber nie engagiert; seiner religiös-kirchlichen Haltung wegen begegneten ihm die Parteioberen auch stets mit Misstrauen. Der rasch erreichte gute Kontakt zur Besatzungsmacht wurde zur wichtigen Grundlage des ganzen Wiederaufbaus. Dabei war die Ausgangslage verworren: Schulen, Kirchen, Altersheime waren völlig zerstört. Als im September 1945 wieder Unterricht gehalten werden sollte, war noch kein Raum da. Von den rund 220 vorhandenen Industrie- und Gewerbebauten waren 120 total, 60 schwer zerbombt. Nach der Gemeinderatswahl vom 14. November 1948, als die SPD mit 6 Sitzen stärkste Partei, die CDU mit 5 und die DP (FDP) mit einem zusammen aber genau so stark geworden waren, gelang es nicht, sich auf einen gemeinsamen Bürgermeisterkandidaten zu einigen. Am 24. Dezember 1948 wurde der bereits 1946 für zwei Jahre gewählte Oskar Fritz im Amt bestätigt, am 4. Juli 1950 dann aber Hollerbach kommissarischer Bürgermeister, nachdem die SPD die Bestätigung durch den Gemeinderat vom Dezember 1948 vor dem Verwaltungsgericht erfolgreich angefochten hatte. Die vom badischen Landtag geänderte Gemeindeordnung endlich machte den Weg frei für die Direktwahl des Bürgermeisters. Bei einer Wahlbeteiligung von 84 % erhielt Hollerbach 75,8 % der Stimmen. Die Wahlgemeinschaft DP/Freie Wähler Vereinigung sowie die CDU hatten ihn unterstützt. Der Gegenkandidat der SPD war deutlich abgeschlagen. Erst am 10. November 1953 trat Hollerbach in die CDU ein; für seine Ziele musste er im Stadtrat allerdings Mehrheiten suchen. „Parteiübergreifende Lösungen“ bestimmten weithin die Entwicklung der Stadt. Seine Hauptaufgaben als Bürgermeister hat Hollerbach selbst beschrieben: „Wiederaufbau und Ausbau unserer Heimatstadt Gaggenau, Schaffung aller Funktionen, die für einen Mittelpunkt des vorderen Murgtals erforderlich erscheinen“. Hollerbachs Amtszeit verzeichnet mehrere Schwerpunkte, wobei immer das Zupacken der Unternehmer sowie die kommunalpolitische Zusammenarbeit des Stadtrats und großer Teile der Bürgerschaft wichtig waren.
Das Bemühen Hollerbachs ging zunächst dahin, „der Stadt so schnell wie möglich wieder ein Gesicht zu geben und sie mit Leben zu erfüllen.“ Er ließ Gutachten erstellen, nach denen sich die Stadtplanung und der Aufbau richten konnten. Der alte Stadtkern wurde völlig verändert den neuen Verhältnissen angepasst. Breitere Straßenzüge mit mehrstöckigen Wohn- und Geschäftshäusern ergaben ein modernes Stadtbild. Um die wieder aufgebauten Fabrikanlagen legte sich links und rechts der Murg ein breites Band von Wohn- und Gewerbeflächen, und begünstigt durch die Flussregulierung und den Bau neuer Brücken entstand in kurzer Zeit eine hervorragende Infrastruktur. In der Zeit des „Wirtschafswunders“ stieg der Verkehr in der Automobilstadt Gaggenau bereits sprunghaft an. In der zweiten Amtsperiode Hollerbachs bildeten darum der Innenstadt- und Durchgangsverkehr sowie die Innenstadtsanierung kommunalpolitische Schwerpunkte. Am 27. Juli 1966 legte der Stadtrat den Sanierungsbereich der Innenstadt fest; der Weg wurde frei, den Stadtkern neu zu gestalten. An seinem 65. Geburtstag (1963) hatte Hollerbach bereits den gesamten Flächennutzungsplan vorgestellt. Als wesentliche Planungsziele beinhaltete er die Auflockerung der Innenstadt, die Sicherung neuer Wohnflächen (142 ha), die Feststellung der Gewerbeflächen in Anpassung an das durch das Murgtal vorgegebene Landschaftsbild und unter Beachtung der Nachbarschaftsstrukturen. Planziel war, ohne Eingemeindungen, eine Infrastruktur für rund 25 000 Einwohner zu schaffen.
Für die Arbeitsplätze und die Finanzkraft war wichtig, dass es in kurzer Zeit gelungen war, die Industrie wieder in Gang zu bringen. Das größte wirtschaftliche Unternehmen, das Werk der Daimler-Benz AG, sowie 19 bereits vor der Zerstörung vorhandene mittelständische Betriebe bildeten das Rückgrat der Wirtschaftskraft. 1955 zählte Daimler-Benz bereits 4 800, die genannten mittelständischen Betriebe 1 800 Beschäftigte. Im selben Jahr waren dank städtischer Initiative bereits 420 Gewerbebetriebe angesiedelt. 1963 wies die rund 15 500 Einwohner zählende Stadt 12 000 Arbeitsplätze auf; bis 1965 stieg die Zahl auf 13 500. Damals pendelten 7 100, 1965 bereits rund 8 300 Arbeitskräfte nach Gaggenau ein. Diese Zahlen zeigen die Ausstrahlung der erstarkten Wirtschaftskraft in die Region hinein. Hollerbach stand dieser industriellen Entwicklung der Stadt offen gegenüber, war bestrebt, Arbeiterfamilien aus Pendlergemeinden einzubürgern und setzte sich für die Aufnahme von Vertriebenen ein: 1954 annähernd 1 050, 1959 3 300 Vertriebenenzugänge. Sein Interesse galt auch der Schaffung von Arbeitsplätzen für Frauen. Probleme aus diesen Strukturveränderungen indessen blieben um die Mitte der 1960er Jahre nicht aus. Man konnte die Verlagerung eines Produktionszweiges der Daimler-Benz AG zwar nicht verhindern, Bürgermeister und Stadtrat konnten aber erreichen, dass die Erhaltung der Arbeitsplätze zugesagt wurden. Am Ende der Amtszeit von Hollerbach bot Daimler-Benz 7 030 Beschäftigten in Gaggenau Arbeit.
Neben dem Rathausneubau als Abschluss der Aufbauphase im Jahr 1958 ist in der Amtszeit Hollerbachs eine große Zahl von neuen öffentlichen Einrichtungen und Bauwerken im Bereich der Infrastruktur und Kultur entstanden. So sicherten das Rheintalwasserwerk auf der Gemarkung Kuppenheim (1957), das Wasserwerk auf der Gemarkung Muggensturm (1965) sowie der Wasserhochbehälter Schürkopf (1967) den Wasserbedarf der rasch wachsenden Industriestadt und der umliegenden Gemeinden. Der sich nunmehr links und rechts der Murg ausbreitenden Bebauung wegen wurden drei neue Brücken gebaut: Lindenbrücke, Berliner Brücke und Merkurbrücke. Ein neues stadteigenes Elektrizitäts- und Gaswerk, Keimzelle der Stadtwerke Gaggenau, bildete die Grundlage der Energieversorgung. Die Merkurhalle in Ottenau und die Jahnhalle boten den gewünschten Raum für kulturelle und gesellschaftliche Veranstaltungen. Das Waldseebad entstand 1956 als größtes Freibad des Murgtals. Mit der Errichtung eines neuen Postamtes und eine Polizeireviers für das Murgtal gelangen erste Schritte, Behörden in Gaggenau anzusiedeln, die überkommener Weise in Rastatt konzentriert waren. Besondere Aufmerksamkeit widmete Hollerbach dem Schul- und Sportwesen. Schulbauten, begonnen mit der Kreisberufsschule 1951, setzten Zeichen. Mit dem Goethe-Gymnasium, das seit 1963 bis zum Abitur führt, erfüllte sich Hollerbachs Absicht, für das Murgtal eine Möglichkeit zum Erwerb der Hochschulreife zu schaffen. In der Zeit von 1956 bis 1965 hat die Stadt für Schulbauten einschließlich der Ausstattung über 16 Millionen DM investiert. Im Rahmen der Förderung des Vereins- und Sportlebens gelang es – die Grundsteinlegung war Hollerbachs letzte Amtshandlung –, ein Sportzentrum mit einem Bauvolumen von 9 Millionen DM zu schaffen. In etwa die gleiche Summe wurde in den Jahren 1950 bis 1967 für die Sport- und Vereinsförderung ausgegeben. 1951 wurde, auch eine Anregung Hollerbachs, der Kulturring ins Leben gerufen, dem sich 1961 bereits 650 Mitglieder angeschlossen hatten und der bald wichtiger Träger des kulturellen Lebens war und eng mit dem Südwestfunk Baden-Baden zusammenarbeitete. In einer Stellungnahme im Stadtrat hatte Hollerbach schon 1950 vor seiner Wahl, auf die Notwendigkeit hingewiesen, die erforderlichen Voraussetzungen für kulturelle Veranstaltungen zu schaffen.
Einen weiteren Arbeitsschwerpunkt bildeten die Baulandumlegung und der Wohnungsbau. Vor der Zerstörung durch den Krieg hatten 1 350 Wohngebäude bestanden, 900 davon waren vernichtet. Der Aufbau des Altbestandes vollzog sich rasch durch Eigeninitiative und Förderdarlehen, auch seitens der Stadt. Hollerbach setzte sich intensiv dafür ein, dass auch Arbeiter ihr Haus bauen konnten. Bis zum Ende der Amtszeit Hollerbachs entstanden 3 400 neue Wohnungseinheiten im Geschosswohnungsbau, davon 400 durch die städtische Wohnungsbaugesellschaft. Die Verdreifachung der Baufläche in so kurzer Zeit machte den Grundstückverkehr zu einer zentralen Aufgabe für die Stadt.
Fragen einer sich wandelnden Arbeiterstadt: Grundstückspreisgestaltung, Wohnraumbeschaffung, Umsiedlungen, rascher Bevölkerungswandel und der wachsende Wunsch nach Lebensqualität bestimmten dann auch den Bürgermeister-Wahlkampf im Jahre 1959; mit 53% der Stimmen war Hollerbach bereits im ersten Wahlgang erfolgreich.
Wie die Akten im Stadtarchiv zeigen, wusste sich Hollerbach stets der starken Position, die die Kommunalverfassung dem Bürgermeister einräumt, souverän und zielstrebig zu bedienen. Die Vorlagen zu allen wichtigen Gemeinderatsbeschlüssen dieser Periode tragen seine Handschrift, zeigen, wie der Mitbegründer des Städtebunds Südbaden sein Hauptziel, die Infrastruktur für eine moderne Industriestadt zu schaffen, konsequent verfolgte und dafür die erforderlichen Mittel im Rahmen einer gesunden Haushaltspolitik sicherte. Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden schuf bereits die Basis für die Eingemeindungen im Rahmen der Verwaltungsreform. Die Verleihung des Ehrenbürgerrechts 1968 war Ausdruck der ihm entgegengebrachten allgemeinen Wertschätzung.
Quellen: Stadt A Gaggenau Abt. A Nr. 573, PA H; Bürgermeisterwahl 1950, 1959, Presseberichte des Bad. Tagblatts; Rechenschaftsbericht Rechnungsamt; Stadt Gaggenau in Wort u. Bild, 1945-1955, Rechenschaftsbericht; Stadt Gaggenau; Rechenschaftsbericht 1956-1965, 1965.
Nachweis: Bildnachweise: StadtA Gaggenau.

Literatur: Erinnerungen an Gaggenau, hg. von d. Stadt Gaggenau, 1958; 60 Jahre Stadt Gaggenau, hg. von d. Stadt Gaggenau, 1983; Willi Echle, Gaggenau in Vergangenheit u. Gegenwart, hg. von d. Stadt Gaggenau; 1968, Gaggenau, Eine Stadt gibt sich die Mitte, hg. von d. Stadt Gaggenau, 1984; Willi Echle, 10 Jahre Kulturring Gaggenau, in: Um Rhein und Murg, 1961, 141 ff.
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