Freiherr von Schilling von Canstatt, Eitel Friedrich 

Geburtsdatum/-ort: 01.07.1904; Bad Godesberg
Sterbedatum/-ort: 25.07.1997;  Baden-Baden
Beruf/Funktion:
  • Chefredakteur und Verleger
Kurzbiografie: 1918–1924 Humanist. Gymnasium in Bonn, Abitur in Bad Godesberg
1924–1931 Kaufmänn. Lehre in Hamburg, 1925 in Tabakfabrik Schellhaaß Söhne, Bremen, dort 1927 Prokurist
1931–1932 Studium d. Theaterwissenschaften in Heidelberg u. München, Autor einiger Theaterstücke
1935–1937 Reiseleiter d. Hamburg-Amerika-Linie, Autor von Reiseberichten für die „Neue Rundschau“, 1939 Druckverbot
1940–1945 Soldat beim Luftwaffen-Bau-Bataillon, 1941 bis 1945 Kriegsgefangenenbetreuung beim Oberkommando d. Wehrmacht, dann bis Ende Juli 1945 amerikan. Kriegsgefangenschaft
1945–1946 Mitarbeiter d. „RNZ“ in Heidelberg u. bei DANA, Deutsch-amerikan. Nachrichten-Agentur
1946 V. erster Lizenzträger d. Tageszeitung „Der Morgen“, später „Mannheimer Morgen“, Ersterscheinung am 6.7.1946
1969 Ruhestand
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: Hella, geb. Grosse (1916–1961, Jahr d. Heirat unklar)
Eltern: Vater: Friedrich (1869–1962), Rittmeister im kaiserl. Husarenregiment 7 in Bonn
Mutter: Maria, geb. Pfeifer (1879–1962)
Geschwister: Wera (1901–1990)
Kinder: 2, durch Adoption d. Kinder d. Ehefrau;
Rainer (1935–2007), MM-Mithg. u. -gesellschafter d. Dr. Haas GmbH;
Constanze (1942–1984).
GND-ID: GND/1047523353

Biografie: Hans Weckesser (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 5, 362-365

Schilling von Canstatt gehört zu den Männern der „Ersten Stunde“, die nach dem Ende des II. Weltkriegs zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands beitrugen. Er hatte das Glück, schon Ende Juli 1945 aus der „sehr liebenswürdigen amerikanischen Kriegsgefangenschaft“, wie er selbst in seinem „Nekrolog“ (vgl. Werke) formulierte, entlassen zu werden. Schilling von Canstatt, der weitgereiste Gentleman, hatte schon im Oberkommando der deutschen Wehrmacht, OKW, bei Verhören mit britischen und amerikanischen Offizieren stilles Einvernehmen in Sachen Demokratie erzielt. Als es um die Neuorientierung unter völlig veränderten Verhältnissen in der Heimat ging, war ihm rasch bewusst geworden, wie sehr es dabei auf das Mitwirken ankam.
Seine Entlassung nach dem unzerstörten Heidelberg war daher nicht zufällig geschehen. Dort folgte er in Kenntnis der Wurzeln seiner Herkunft den Spuren seiner Vorfahren. Seine Großmutter Marie Engelhorn war die älteste Tochter des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn in Mannheim gewesen und1867 mit Leopold Carl Freiherr Schilling von Canstatt vermählt worden. Aus dieser Ehe wurde im hochherrschaftlichen Palais des Firmengründers in A 1 Schilling von Canstatts Vater als einziger Sohn geboren, der später als Rittmeister der letzte Kommandeur des kaiserlichen Husarenregiments Nr. 7 in Bonn war.
Der Sohn indes hatte keine militärischen Gelüste. Er verweigerte aus politischen Gründen sogar während des II. Weltkrieges mehrmals die Beförderung zum Offizier und blieb bei einem Luftwaffen-Bau-Bataillon Unteroffizier. Dies schien ihm zu genügen. Dennoch wurden seine besseren Fähigkeiten im Umgang mit gefangenen feindlichen Offizieren erkannt und im OKW genutzt. Diese Kontakte mit den späteren Siegern und die dabei gewonnenen Erfahrungen ebneten ihm nach Kriegsende die weiteren Wege. In Heidelberg schaffte es der mit den Amerikanern bestens Vertraute nun auch mit dem Schwaben Theodor Heuss, der als erster Lizenziat für die am 5. September 1945 erstmals erscheinende „Rhein-Neckar-Zeitung“ tätig war, in liberaler Gesinnung die Demokratie zu befördern. Schilling von Canstatt konnte als freier Journalist bei der RNZ mitwirken und wurde kurz darauf bei der von US-Presse- Offizieren geleiteten „Deutsch-Amerikanischen Nachrichten-Agentur“, DANA, als örtlicher Chef eingewiesen.
Heuss, der nachmalige erste Bundespräsident, der das besondere Vertrauen der Amerikaner genoss, war es dann auch, der Schilling von Canstatt als bestens geeignet empfahl, als es um die Neugründung einer unabhängigen Zeitung in Mannheim ging. So bekam der wohlsituierte Freiherr die begehrte erste Lizenz für die Leitung eines zunächst auf vier Seiten beschränkten Blattes, das unter dem Titel „Der Morgen“ wegen des knapp bemessenen Papierkontingents nur dreimal die Woche erscheinen konnte. Das Nachrichten- und Mitteilungsblatt kam als Samstags-Ausgabe erstmals am 6. Juli 1946 heraus.
In seinem „Nekrolog“ schildert Schilling von Canstatt die schwierigen Anfänge vornehmlich bei der Suche nach geeigneten Mitherausgebern. Anfangs forderten die Amerikaner vier Lizenzpartner aus tunlichst allen wichtigen Parteirichtungen. Da Schilling von Canstatt aber keinen ausgesprochenen Kommunisten akzeptieren wollte und sich sowieso keine Leute für das schwer zerstörte Mannheim fanden, begnügten sich die zuständigen US-Offiziere mit dreien, wie das Impressum der Zeitung ausweist. Einer davon wurde noch vor der Lizenzierung wieder entfernt und der zweite, ein „Dr.“ Hörrle, entwich nach sechs Wochen aus Furcht vor den Folgen seiner Fragebogenfälschung in die Ostzone.
Das endgültige Gespann bildeten ab Herbst 1946 Schilling von Canstatt und der ehemalige Kommunist Karl Ackermann als gleichberechtigte Chefredakteure sowie Karl Vetter, der als dritter Lizenzinhaber die Verwaltungsarbeit übernahm. Vetter, der sich in Briefen als „Erfinder des Volkssturms“ bezeichnet haben soll, musste Anfang 1948 seinen Posten räumen. Mit der allmählichen Normalisierung der Verhältnisse wurden der Lizenzzwang und die strenge Beaufsichtigung der Tagespresse gelockert, die im Falle der seit dem 8. Oktober 1946 in „Mannheimer Morgen“ umbenannten Zeitung vom 1. August 1948 an in vier Ausgaben, seit dem 1. April 1949 sechsmal die Woche als „unabhängiges und überparteiliches“ Blatt erschien.
Freilich „hauste“ die Redaktion noch immer in der Ruine des zerstörten Bassermann-Hauses in R 1. Auch die beiden „Dioskuren“ Schilling von Canstatt und Ackermann, die nach der allmählichen Aufhebung des Lizenzzwangs als Herausgeber im Impressum erschienen, mussten lange mit ihrem archaisch-dürftig erscheinenden „Boudoir“ vorlieb nehmen, während die Zeitungstechnik in dem 1929 errichteten und unzerstört gebliebenen rückwärtigen Flügel vergleichsweise moderat eingerichtet war. Der alten Rotationsmaschine, die am 5. Juli 1946 von US-Oberst Hill für die erste Ausgabe in Gang gesetzt worden war, hatte schon die „Neue Mannheimer Zeitung“ seit dem 19. Oktober 1929 ihr materielles Erscheinen verdankt.
Beide Chefredakteure, die sich vorher noch nie begegnet waren, verstanden sich, zumal die Not das einvernehmliche Miteinander diktierte. Der adlige Grandseigneur und Unternehmersnachkomme Schilling von Canstatt, der mit den Nachfahren dieser Linie noch in einiger Verbindung stand, kam mit dem durch Verfolgung und KZ-Haft geprüften und durch Entbehrung geläuterten Kompagnon Ackermann überein, in Berichten, Beiträgen und Kommentaren die jeweils eigene Meinung darzulegen und ansonsten den Anderen gelten zu lassen. Während der weltläufige Schilling von Canstatt als Mitglied der CDU mehr die liberal-konservative Richtung vertrat, ließ Ackermann sozial geprägte Demokratisierung als Richtschnur seines Handelns gelten. Ackermann setzte 1984 seinem Kompagnon zu dessen 80. Geburtstag mit einer im Manuskript gedruckten Schrift „40 Jahre Mannheimer Morgen“ ein schönes Zeichen einvernehmlicher Zusammenarbeit.
„Nicht alle Mannheimer Lizenzträger verfügten über einschlägige journalistische Erfahrungen“, schreibt Birgit Pape (Kultureller Neubeginn, 2000, S. 110): „Der 42-jährige von Schilling von Canstatt hatte noch in keiner Zeitungsredaktion gearbeitet. Nach dem Studium in Heidelberg und München hatte es ihn nach Bremen und Berlin gezogen, wo er sich kaufmännisch und schriftstellerisch betätigte. Zur nationalsozialistischen Bewegung hielt er Distanz, ohne allerdings in irgendeiner Form Widerstand zu leisten“. In den Jahren zwischen 1935 und 1939 verfasste er nach Schiffsreisen in die nordischen Länder und nach Westindien als beigeordneter Reiseleiter bei Hapag in der „Neuen Rundschau“, die zum S. Fischer-Verlag gehörte, gern gelesene Reiseberichte, bis er zu Beginn des Krieges als politisch nicht genehm kaltgestellt und schließlich zur Luftwaffe eingezogen wurde. Nach Krieg und Gefangenschaft befürwortete Schilling von Canstatt als Zeitungsherausgeber in seinen Kommentaren die Aburteilung der deutschen Kriegsverbrecher vor dem alliierten Gerichtshof in Nürnberg mit Überzeugung. Als 1949 die Diskussion um eine neue Nationalhymne entbrannte und Bundeskanzler Adenauer den Text der dritten Strophe der von Hoffmann von Fallersleben 1841 auf Helgoland gedichteten Hymne empfahl, stimmte Schilling von Canstatt diesem Vorgehen in seinem Kommentar vom 20. April 1950 zu. Nachdem sich auch Bundespräsident Heuss Anfang Mai 1952 letztendlich zu der für „Einigkeit und Recht und Freiheit“ einstehenden Strophe bekannt hatte, wurde das um die beiden ersten gekappte Deutschlandlied zur neuen Nationalhymne der Bundesrepublik.
Eine ausgewogene Haltung nahm Schilling von Canstatt auch zur heftig debattierten Frage darüber ein, ob Schriftsteller im Exil wie Thomas Mann Deutschland nützlichere Dienste von außen her erwiesen hätten als jene, die in dem von Terror und Gewalt geprägten Vaterland ausgeharrt und diplomatisch verbrämte Formulierungen in ihren Büchern und Beiträgen verwendet hatten, um überhaupt überleben zu können. Manchen Exilanten ging es bekanntlich in Amerika dank ihrer Bestseller besser als den daheim mutig Ausharrenden; für Letztere äußerte der MM-Herausgeber Schilling von Canstatt durchaus Sympathien.
Im schwer zerstörten Mannheim setzte sich Schilling von Canstatt für den Wiederaufbau der Stadt und ihrer bürgerlichen Gesellschaft und Institutionen in demokratischem Einvernehmen ein. Der Abriss des kaum zerstörten Palais’ Engelhorn in A 1 zugunsten des Neubaus des Landgerichts soll ihn dem Vernehmen nach schwer getroffen haben. Aber auch das alte Bassermann-Haus in R 1, dessen ruinöse Reste einen Wiederaufbau für die Redaktion und Verwaltung unmöglich erscheinen ließen, lehrte ihn den Verzicht auf manch Überkommenes. Ende der 1950er-Jahre stimmte er dem Neubau auf dem prominenten Innenstadt-Quadrat am Marktplatz zu.
Bis 1950 wohnte Schilling von Canstatt mit seiner Frau und ihren zwei Kindern noch in Heidelberg. Dann siedelte er mit seiner Familie nach Mannheim über. Schwer traf und drückte ihn das rasch aufeinander folgende unerwartete Ableben seiner Frau, dann seiner beiden in Heidelberg wohnenden Eltern innerhalb eines Jahres. 1962 zog er daher wieder nach Heidelberg in das väterliche Haus, adoptierte die beiden Kinder seiner Frau und ließ ihnen die beste Ausbildung angedeihen.
Von großer Statur, im Auftreten immer gelassen, als Tennis- und Golfspieler eine auffallend drahtige Erscheinung blieb der „Senior“ zeitlebens Liebhaber des Schauspiels und der schönen Literatur. Gerne fuhr er auch im offenen Wagen durch die Lande: Liebe zum weiten Horizont kennzeichnete ihn, in vielerlei Hinsicht. Er bereiste ab 1949 Frankreich, England, die USA und 1957 auch Südamerika. Er pflegte auch die aktive Mitgliedschaft in der Deutsch-französischen und der Deutsch-englischen Gesellschaft. Größtes Verdienst erwarb er sich betriebsintern durch seine freiheitliche Gesinnung gegenüber den Redakteuren; denn die Vielfalt der Meinungen ergab für ihn erst in der Gesamtschau das demokratische Profil der Zeitung.
Dieses kostbare Vermächtnis hat er seinem Sohn Rainer anvertraut, als dieser 1965 in seine Fußstapfen trat und von 1976 bis 2004 als MM-Herausgeber selbst Verantwortung trug. Vater wie Sohn waren überzeugte Europäer; Schilling von Canstatt war schon 1927 Mitglied der Paneuropa-Union geworden und wurde nach dem Krieg Mitbegründer der Europa-Union Heidelberg. Auch die deutschamerikanische Freundschaft blieb beiden ein Anliegen. Als Präsident von Orbicom beriet der Sohn dann die UNESCO bei der Entwicklung von Medienstrukturen vornehmlich in Ländern der Dritten Welt. Und Eines wurde schließlich für Mannheim besonders „wichtig“: 1970 stiftete Rainer von Schilling von Canstatt den bis in die Gegenwart renommierten Mannheimer „Bloomaul-Orden“, was gewiss dazu beiträgt, die Erinnerung an beide Verleger wach zu halten.
Quellen: StadtA Heidelberg Familienbogen Schilling von Canstatt u. Meldekartei; StadtA Mannheim Biogr. Sammlung S 1; ZeitungsA des Mannheimer Morgen ab 6. Juli 1946, alle Faszikel u. sämtliche alphabetisch geordneten Berichte u. eine biographische Sammlung; Lebensdaten aus dem Nachlass d. Familie Schilling von Canstatt u. Ergänzungen durch Kai von Schilling von Canstatt, München, 2012.
Werke: Die erwähnten Theaterstücke, frühe Artikel, Reiseberichte etc. sind nicht überliefert; Persönlicher Bericht („Nekrolog“) im Personen-Archiv des MM unter der Rubrik „Chefredakteure“; zahlreiche Kommentare, in: MM, Jgge. 1949–1969.
Nachweis: Bildnachweise: BildA des MM, Ordner Chefredakteure, Foto von Gerd Schwetasch, Mannheim.

Literatur: Florian Waldeck (Hg.), Alte Mannheimer Familien, 6. Teil, 1925, 37ff; 40 Jahre Mannheimer Morgen – In Erinnerung an vier Jahrzehnte Zusammenarbeit mit Eitel Fritz (sic!) Freiherr Schilling von Canstatt. Eine Denkschrift, verfasst von Karl Ackermann, 1984 (als Manuskript gedruckt); Birgit Pape, Kultureller Neubeginn in Heidelberg u. Mannheim 1945–1949, Diss. phil. Heidelberg 1998, 2000.
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