Kehrle, Karl 

Andere Namensformen:
  • Bruder Adam
Geburtsdatum/-ort: 03.08.1898;  Mittelbiberach
Sterbedatum/-ort: 01.09.1996; Buckfastleigh/Devon (England), beigesetzt 07.09.1996 St. Mary’s Abbey Buckfast
Beruf/Funktion:
  • O.S.B., Klosterimker, Bienenzüchter
Kurzbiografie: 1905-1910 Volksschule Biberach/Riß
1910-1922 Klostereintritt Buckfast Abtei, seit 1910 Alumnat, seit 1914 Noviziat, 1919/22 zeitliche und ewige Gelübde
1915-1992 Klosterimker, seit 1919 Leiter; seit 1920 als Züchter tätig; 1925 Errichtung der Zuchtstation Dartmoor; seit ca. 1939 beratendes Mitglied des Britischen Landwirtschaftsministeriums an der staatlichen Bienenforschungsstelle Rothamsted
1950-1987 ausgedehnte Forschungsreisen: Mittelmeerländer einschließlich Balkan, Vorderer Orient, Nordafrika, Sahara, Ostafrika (Tansania, Kilimandscharo)
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Auszeichnungen: Officer of the Order of the British Empire (OBE) durch Königin Elisabeth II. (1974)
Bundesverdienstkreuz am Band (1975)
Dr. sc. agr. h. c. Universität Uppsala (1987)
Verdienstmedaille Baden-Württemberg (1988)
Ehrenmedaille der Gemeinde St. Julien-en-Vercors/Drôme (Frankreich)
Ehrenbürger Mittelbiberach (1988)
B. sc. (bachelor of science) h. c. Universität of Exeter
Eltern: Christian (1866-1931), Müller, später Makler
Maria, geb. Vogler (1866-1947)
Geschwister: 2 Brüder, 1 Schwester
GND-ID: GND/108215490

Biografie: Clemens Siebler (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3, 179-181

Kehrles Werdegang als eines weltweit anerkannten Bienenzüchters vollzog sich in der Stille der südwestenglischen Benediktinerabtei Buckfast, wo er zeitlebens Ordensbruder war. Bestimmenden Einfluß auf den Wirkungsort und die von ihm getroffene Standeswahl hatten landsmannschaftliche Verbindungen zwischen diesem Kloster und seiner süddeutschen Heimat; denn nach der Neugründung einer benediktinischen Ordensniederlassung in Buckfastleigh (1882) bekam diese starken personellen Zuwachs aus Oberschwaben.
Kehrle selbst war gebürtig aus Mittelbiberach, wo er mit drei Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Den unmittelbaren Anstoß für seinen Weggang nach England gab ein Mönch aus Buckfast, der während eines Heimaturlaubs im Raum Biberach unter der männlichen Jugend für den Klostereintritt warb; dabei war in erster Linie an die Gewinnung von Arbeitskräften für den Wiederaufbau der Klosteranlage gedacht. Auf das gute Zureden seiner Mutter entschloß sich der kaum Zwölfjährige zu diesem Schritt; neben rein wirtschaftlich-existentiellen Erwägungen entsprach es auch der guten Tradition in dörflichen Familien, wenigstens ein Kind für den geistlichen Stand freizugeben.
Das Leben in der monastischen Umgebung blieb nicht ohne nachhaltige Wirkung auf den Klosterschüler. Auf das Alumnat folgte 1914 das Noviziat; 1922 legte er die ewigen Gelübde ab. Ursprünglich bei den Bauarbeiten für die neue Abteikirche eingesetzt, wurde er kurze Zeit später wegen seiner schwächlichen Konstitution der Klosterimkerei zugewiesen. Er war dort zunächst als Gehilfe beschäftigt, bis ihm 1919 die Leitung dieses Wirtschaftszweiges übertragen wurde. Erst im Alter von 94 Jahren trat er von diesem Amt zurück.
Allein schon wegen der kriegsbedingten Ernährungslage war die Abtei Buckfast in jenen Jahren an einer Vermehrung der Bienenstöcke und damit der Honigproduktion interessiert. Doch auch in der dortigen Imkerei sah man sich mit den verheerenden Folgen einer seit 1904 zuerst auf der Insel Wight wütenden und daher nach ihr benannten Milbenseuche konfrontiert, die im Bereich der Britischen Inseln allmählich zum völligen Aussterben der einheimischen Honigbiene führte. Kehrle hatte schnell erkannt, daß der allgemeinen Ausrottung nur diejenigen Bienenvölker entgangen waren, die aus Kreuzungen mit der italienischen Biene (lingustica) stammten. In seinem Bestreben, eine widerstandsfähige und ertragreiche Honigbiene zu züchten, orientierte er sich hauptsächlich an den Publikationen Ludwig Armbrusters, dessen genetische Forschungsergebnisse er seit 1920 nach und nach in die Praxis umsetzte. In dem einsamen, klimatisch rauhen Heidegebiet der Dartmoor-Hochebene, die sich wegen ihrer Lage als ideale Belegstation eignete, begann er 1925 mit seinem Zuchtprogramm. Dabei setzte er auf die Kombinationszucht. Am Ende jahrelanger Bemühungen stand die sog. Buckfastbiene: sanftmütig, fleißig, fruchtbar, schwarmträge und krankheitsresistent weist sie die bei den Imkern besonders geschätzten Eigenschaften auf. Eine unerläßliche Voraussetzung für die fortschreitende Optimierung seines Stammes sah Kehrle in der langfristigen Gewinnung wertvoller (durch ihre geographische Herkunft unterschiedener) Bienenrassen aus dem Ausland, um mit ihnen Einkreuzungen durchzuführen. Großen Erfolg verbuchte er seit 1930 mit den Abkömmlingen von Königinnen, die der schwarzen französischen Rasse angehörten. Gezielte Kreuzungen und eine systematische Auslese ermöglichten es ihm, nach einem Jahrzehnt sorgfältiger und geduldiger Arbeit diese neue Linie seinem Stamm einzuverleiben und so zu einer noch wertvolleren und ergiebigeren Honiglieferantin zu gelangen. Seitdem entwickelte sich Kehrles Abteihonig und in noch stärkerem Maße sein Heidehonig zu einer regelrechten Delikatesse und zu einem begehrten Exportartikel.
Nach dem II. Weltkrieg erschien allerdings eine gründliche Auffrischung der klösterlichen Bienenbestände angezeigt. Auf der Suche nach brauchbarem genetischem Material kam Kehrle die allmähliche Öffnung der Grenzen sehr entgegen. Seit 1950 unternahm er immer wieder Reisen in europäische Länder vornehmlich des Mittelmeerraums, in den Nahen Osten und nach Afrika, um neue Bienenrassen zu finden. Er war schon 89 Jahre alt, als er eine Expedition ins tropische Afrika (Tansania, Kilimandscharo) durchführte, wo er eine besonders ausgefallene Honigbiene (monticola) zu erkunden hoffte (1987). Wichtige Einzelheiten zu dieser Forschungsreise hat er im „American Bee Journal“ dokumentiert; die Expedition zum Kilimandscharo ist auch Teil des Films „The Monk and the Honeybee“ (s. Bildnachweise).
In seinem langen Forscherleben hatte Kehrle nicht weniger als 200 000 km mit Auto, Schiff und Flugzeug zurückgelegt. Bei den oft beschwerlichen Reisen war ihm neben der Suche ausgewählter Bienenrassen immer auch die Steigerung der Honigproduktion in Quantität und Qualität ein wichtiges Anliegen. Obwohl er sein bahnbrechendes Zuchtprogramm über viele Jahre vorwiegend in der Abgeschiedenheit seines Klosters durchgeführt hatte, fanden seine Erkenntnisse und Erfahrungen in den internationalen Fachkreisen wachsende Beachtung, und bei zahlreichen Imkertagungen und Bienenkongressen war er ein geschätzter Teilnehmer und begehrter Referent (u. a. in England, Schottland, Deutschland, Frankreich und Spanien). Im Hinblick auf das in England notwendig gewordene Regenerationsprogramm der Bienenbestände zählte Kehrle bereits in den 1920er Jahren zu den Beratern des dortigen Landwirtschaftsministeriums, und seit 1939 wird der von ihm gezüchtete Buckfaststamm wegen seiner besonderen Vorzüge auf der englischen Bienenforschungsstelle Rothamsted gehalten und geschätzt. Über dreißig Jahre war er an derselben Stelle in ministeriellem Auftrag Mitglied des Beratungsgremiums. Vor allem Ludwig Armbruster schenkte seinen Zuchtergebnissen große Beachtung, und in Anerkennung seiner herausragenden Verdienste um die Bienenzucht gab 1975 anläßlich einer Tagung der „Bee Research Association“ in Stuttgart-Hohenheim der Frankfurter Bienenwissenschaftler Friedrich Ruttner einer aus Kreta stammenden Honigbiene den Namen Apis Mellifica Adami.
Seine Forschungsergebnisse und praktischen Erfahrungen als Bienenzüchter publizierte Kehrle zwischen 1966 und 1982 in drei Büchern, die teilweise mehrere Auflagen erfuhren; zwischen 1968 und 1987 erschienen sie auch in englischer Sprache. Im Kampf gegen die Milbenseuche, die am Beginn der 1990er Jahre in den USA ausgebrochen war, hatten sich drei amerikanische Universitäten Kehrles Methoden zur Krankheitsbekämpfung zu eigen gemacht (1991); das Landwirtschaftsministerium verfügte den Import mehrerer Buckfast-Königinnen, und so gelang es, in weiten Teilen des nordamerikanischen Kontinents, den gänzlichen Zusammenbruch der Bienenhaltung und der Honigproduktion wirksam zu verhindern. Kehrles Name war damit weltweit bekannt geworden. Bruder Adam war schon hochbetagt, als er sich den niederländischen Bienenzüchter Michael van der Zee, mit dem er zwei Jahrzehnte lang vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte, als Assistenten erbat. Doch der neugewählte Abt David Charlesworth, der vorrangig an der Honigproduktion interessiert war und auf die Forschung keinen Wert legte, schlug ihm diese Bitte ab. Er ließ sich auch nicht durch die internationale Presse umstimmen, die Kehrles Vorstellungen zur Rettung seines Lebenswerkes mit einer Welle der Sympathie begleitete. In der Seele tief verletzt, zog er sich 1992 gänzlich aus der Bienenhaltung zurück. Seit 1994 lebte er in einem Pflegeheim in unmittelbarer Nachbarschaft der Abtei, wo er zwei Jahre später im hohen Alter von 98 Jahren starb. Anläßlich seines Todes wurde er in zahlreichen Nachrufen als der bedeutendste Bienenzüchter des 20. Jahrhunderts gewürdigt. Wenn andere in ihm den „Einstein der Bienenzucht“, wieder andere den seit Aristoteles besten Fachmann für Bienen und deren Verhaltensweisen sahen oder ihn einfach den „Bienenpapst“ nannten, dann wird bei aller Subjektivität solcher Bezeichnungen das weltweite Ansehen sichtbar, das sich Kehrle in jahrzehntelanger beharrlicher Verfolgung seines Zieles erworben hat. Beredtes Zeugnis für seine großen Verdienste um die Bienenzucht legen auch die hohen Ehrungen ab, die ihm auf politischer und wissenschaftlicher Ebene mehrfach zuerkannt wurden.
Quellen: Mitteilungen von Maria Kehrte, 88441 Mittelbiberach
Werke: (In den Bibliographien werden Kehrles Werke teilweise unter Karl Kehrle, Adam Kehrle oder Bruder Adam aufgeführt). Meine Betriebsweise als Grundlage meines imkerlichen Erfolges. Vortrag auf dem Kasseler Imkertag am 4.9.1960, in: Südwestdeutscher Imker (SWDI), 12. Jg. (1960), H. 12, 358-368; In Search of the best strains of bees and the results of the evaluations of the crosses and races, 1968; Bee-Keeping at Buckfast Abbey with a section on meadmaking, ed. British Bee Publications, 1975; Bienen und Bienenhaltung in Griechenland, in: Allgemeine Deutsche Imkerzeitung (ADIZ) 9. Jg. (1975), 245-246; Die wirtschaftliche Bedeutung der Kombinationszucht. Vortrag auf dem Kölner Imkertag am 18.12.1977, in: ADIZ, 12. Jg. (1978), 65-71 und 101-104; Züchtung der Honigbiene. Ein Beitrag zur Bienenzüchtungskunde, 1982; Auf der Suche nach den besten Bienenstämmen. Reisebericht und Ergebnisse der Rassenbewertung, 2. (erweiterte) Aufl., 1983; Breeding the Honeybee, ed. Northern Bee, 1987; Bee-Keeping at Buckfast Abbey, ed. Northern Bee, 4. Aufl. 1987; A Beekeeping Safari in East Africa, in: American Bee Journal, ed. Dadant, 128. Jg. (1988), H. 5, 361-365; Meine Betriebsweise, 5. erweiterte Aufl., 1989
Nachweis: Bildnachweise: Bruder Adam Kehrle, Züchtung der Honigbiene, siehe Werke; R. Zimmer, Die Buckfast-Biene, 221 und 222; American Bee Journal, 361; The Guardian; The Independent; The Times und Filme. – Filme: David Taylor, The Monk and the Honeybee, englische Version, BBC London, deutsche Version, Archiv ZDF (Mainz) und ORF (Wien); Pierre-Yves Moulin, Le Butin de la Reine, französische Version, Archiv France 3 „Montagne“, La Tronche (Isere)

Literatur: L. Armbruster, Bruder Karl Kehrle als Imker und Züchter, in: Archiv für Bienenkunde (AfB), 27. Jg. (1950), 62-72; ders., Bruder Adams Züchtungsvortrag in Hannover, in: AfB, 30. Jg. (1953), 73-77; ders., Wachsgewinnung bei Bruder Adam, in: AfB, 32. Jg. (1955), 6-7; T. Holloway, And staggering is the term. Bruder Adam has applied to the bee he discovered in Central Anatolia, Turkey, in: Gleanings in Bee culture, 89. Jg. (1961), H. 8, 467-470 und 510; V. Klink, Das Lebenswerk Bruder Adams, in: SWDI, 13. Jg. (1961), H. 10, 312; Bruder Adam, in: Das Imker-ABC. Lexikon der Bienenzucht, hg. von R. Jacoby, 2. Aufl. 1964, 31-32; L. Armbruster, Auf der Suche nach den besten Bienenstämmen von Bruder Adam (Rezension), in: SWDI, 18. Jg. (1966), H. 9, 280-281; F. Ruttner, Eine Bienenrasse wurde nach Bruder Adam benannt. Die Kretische Biene, Apis mellifica adami, in: ADIZ, 9. Jg. (1975), 271-272; R. Zimmer, L’Abeille de Buckfast en questions, 1985; ders., Die Buckfast-Biene. Fragen und Antworten, 1987; F. Ruttner, Zuchttechnik und Zuchtauslese bei der Biene, 6. Aufl. 1988; L. Bill, For the love of bees, 1989; K. Rowntree, Bruder Adam. Secrets of the hive, in: The Guardian, 3.9.1996, 18; L. Bill, Dom Adam Kehrle, in: The Independent, 03.09.1996, 12; N. N., Bruder Adam, in: The Times, 03.09.1996, 17; N. N. (A. Lämmle), Bruder Adam, der „Bienenpapst“, in: Deutsche Tagespost, 49. Jg. 1996, Nr. 110, 7
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