Baehrle, Ida Maria 

Geburtsdatum/-ort: 21.05.1910;  Elchesheim
Sterbedatum/-ort: 01.03.1987;  Freiburg im Breisgau
Beruf/Funktion:
  • Journalistin
Kurzbiografie: 1930–1933 Studium d. Geschichte u. Literaturgeschichte in Freiburg im Br.
1934–1938 Volontärin, ab 1935 Redakteurin bei d. Freiburger Tagespost
1939 Sachbearbeiterin im Archiv d. Dt. Arbeitsfront, DAF, in Falkenburg/Pommern
1939–1940 Redakteurin beim Dt., bis 1934 Ullstein-, Verlag, Berlin
1940–1944 im Redaktionsstab d. Frankfurter Zeitung
1944–1946 in Bietigheim bei Rastatt
1946–1948 Leiterin d. Lokalredaktion Freiburg-Stadt d. Badischen Zeitung, danach freie Mitarbeiterin
1967–1975 Halbtagsbeschäft. in d. Heimatredaktion
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: ca. 1944 (Frankfurt am M.) Rudolf Hummel (1912–1970)
Eltern: Vater: Gustav Baehrle (gestorben 1915), Hauptlehrer
Mutter: Maria Anna, geb. Schlick (gestorben 1963)
Geschwister: eine Schwester
Kinder: 3; Christoph (1945–1990), Georg u. Florian
GND-ID: GND/1132667895

Biografie: Renate Liessem-Breinlinger (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 6 (2016), 15-17

„Schon früh als Frau in der Männerwelt des Journalismus“, diese Schlagzeile setzte Heinz Pfeifer über den Nachruf Baehrles, die zeitlebens mit IMB, also dem Mädchennamen zeichnete. Begabt, gebildet und unerschrocken, bewarb sie sich als 24-jährige bei Heinrich Rombachs katholischer Zeitung „Freiburger Tagespost“ und wurde nach einem Jahr Volontariat in die Redaktion übernommen. Zuvor hatte sie drei Jahre lang Geschichte und Literaturgeschichte an der Universität Freiburg studiert. Die Lehrertochter aus dem Kreis Rastatt stand überzeugt hinter der ablehnenden Haltung zum NS-Regime, die die unverändert katholisch orientierte Freiburger Tagespost einnahm. „Vom Gesetz nicht betroffen“ lautet entsprechend das Urteil der politischen Überprüfung nach dem II. Weltkrieg.
Im Januar 1939 – die Tagespost und ihr Verlag litten wirtschaftliche Not; im Folgejahr wurde die Zeitung durch die Reichspressekammer verboten – hatte Baehrle Freiburg verlassen. Sie fand bei der Deutschen Arbeitsfront, DAF, eine Anstellung, nach der Zwangsauflösung und Enteignung der Gewerkschaften im „Dritten Reich“ formal die weltgrößte „Arbeiterorganisation“ mit um die 40 000 Mitarbeitern. Baehrle arbeitete ein paar Monate als Sachbearbeiterin im DAF-Archiv der Ordensburg Krössinsee in Falkenburg/Pommern. Im Meldebogen von 1947 machte sie zu diesem Aufenthalt zwar tagesgenaue Angaben, Gründe für den Stellenwechsel nannte sie jedoch nicht. Bei Kriegsausbruch war sie bereits in Berlin beim ehemaligen Ullstein-Verlag Mitarbeiterin der von Margarete Hausenberg geleiteten Redaktion von Blatt der Hausfrau, einer Vorläuferin der Brigitte. Sie erledigte wohl Redaktionsarbeit, die sich auf literarische und belletristische Beiträge bezog; denn Mode, ein Schwerpunkt der Zeitschrift, war nie Baehrles Thema. Selbst geschrieben hat sie nicht in diesem Blatt.
Nach einem Jahr wechselte Baehrle wieder, diesmal in die Redaktion der Frankfurter Zeitung, einem der letzten Organe in Deutschland, das noch relative Unabhängigkeit bewahrt hatte. Baehrle wurde heimisch im Kreis der Kollegen, die trotz Diktatur und Zensur um wahrhaftige Berichterstattung rangen und Kompromisse klein zu halten versuchten.
Baehrles Spezialität war die soziale Reportage. Sprechend ist das Beispiel ihres Artikels „Vor und hinter dem Ladentisch“ (Frankfurter Ztg., 6.3.1942), eine hervorragende Beschreibung des Kriegsalltags. Baehrle hält sie bewusst neutral, malt Frauenwelt im Einkaufsladen. Der letzte Gehilfe, der für die schwereren Arbeiten da war, ist nun auch eingezogen, Kartoffeln werden drum nicht mehr verkauft. Sie trägt feine Striche auf, ohne grelle Farbe: Alle scheinen sich in die Umstände gefügt zu haben, Klagen werden nicht laut, auch wo sie nahe lägen, morgens etwa, wenn später geöffnet wird. Kinder und Haushalte der Ladenbetreiberinnen laufen nebenher, das scheint nur durch. Auch dass „die zeitraubenden Einkäufe von kartenpflichtigen Dingen“ tunlichst nachmittags geschehen müssen, soll plausibel sein: weil das Warten am kürzeren Vormittag „manche Kundin nervös gemacht hat“. Dass Berufstätige dabei schnell den Kürzeren ziehen, erschließt der Kontext. Kein Wort von Mangel: „Sie lesen einander vom Gesicht ab, […] haben ihre Erfahrungen über die vorteilhafteste Einteilung […] im Laufe vieler Monate ausgetauscht.“ Alle Kritik bleibt unausgesprochen. Wenn „ein paar neue Gesichter“ auftauchen, die nicht zur Stammkundschaft zählen, „Varietékünstlerinnen“ und „Artistenfrauen“ (!), sind es auch solche, „die den Eindruck der Häuslichkeit und Sparsamkeit machen“, eben deutsche Frauen, wie sie sein sollten im „Dritten Reich“, fast erschöpft, aber immer zufrieden. Und es bleibt ja Gedankenfreiheit, auch der Frau hinter der Theke: „Ihre Augen, die oft ins Grenzenlose zu blicken scheinen, verraten es, auch wenn sie es nicht ausspricht“: sie denkt an ihren „Mann, der im Felde steht“, freilich nur, wenn die Arbeit es zulässt.
Über die Einstellung des Blattes 1943 hinaus bis zum Ende der Abwicklungsphase im November 1944 blieb Baehrle in Frankfurt. Die letzten Kriegsmonate und die Anfänge der Besatzungszeit verbrachte die inzwischen verheiratete junge Frau bei ihrer Mutter in Bietigheim, unweit ihres Geburtsortes, und brachte im Februar 1945 ihren ersten Sohn zur Welt. Kontakt zu den Kollegen, die nach dem Verbot der Frankfurter Zeitung 1943 zum Teil in Südwestdeutschland lebten, bestand weiter, und daraus ergab sich die neue berufliche Chance für Baehrle: der Badische Verlag war in Freiburg gegründet worden und brachte am 1. Februar 1946 die Badische Zeitung heraus, die formal wie personell auf die Frankfurter Zeitung zurückgriff. Schon zwei Monate später bewarb sich Baehrle und wurde Chefin der Lokalredaktion, wieder unter Oskar Stark als Leiter der Redaktionskonferenz, wie zuvor in Frankfurt.
Ein Foto aus jener Zeit spiegelt die Arbeitsumstände im Gebäude des Herder-Verlags, das bei einem Fliegerangriff schwer gelitten hatte: Baehrle sitzt am Telefon neben Heinz Pfeifer, der ihr Nachfolger wurde, und Helmut Rothweiler, später lange Jahre Leiter der Sportredaktion, in einem kahlen Raum mit offenliegenden Rohrleitungen, auf dem Schreibtisch ein kleiner Spiritus-Kocher. Tatsächlich war dort, wo sich nun die Redaktion befand, bis zum Krieg die Männertoilette gewesen. Es ist überliefert, dass alle Mitarbeiter morgens fast regelmäßig Erbsen putzen mussten, woraus Baehrle dann für das Kollegium – Brigitte Beer, die andere Frau in der Redaktion, die Sekretärinnen und die Redakteure – auf einem Kanonenofen Erbsensuppe kochte. Ihre Zeitungsberichte handelten nun vom Leben in der zerbombten Stadt, der Bewirtschaftung von Wohnraum und Lebensmitteln, dem Wiederaufbau, kommunaler Politik und, im Oktober 1947, vom Goldenen Priesterjubiläum von Erzbischof Gröber. Als für den Lokalteil verantwortliche Redakteurin bewies Baehrle Urteils- und Entscheidungsfähigkeit. Sie suchte den Lesern Realität zu vermitteln, trotz französischer Zensur, die Lizenz der Zeitung drum immer im Blick. Nebenbei kümmerte sie sich um die Volontäre. Hubert Mack erinnert sich, sie habe ihm „im wesentlichen das journalistische Handwerk beigebracht“ (Mack, 1983, S. 5). Rückblickend schrieb Baehrle über jene Zeit: „man musste fähig sein zu materiellem Verzicht wie zu kulturellem Genuss etwa in der journalistischen Wahrnehmung der Wiedereröffnung der Volkshochschule, des ersten Hindemith-Konzertes in Maria-Hilf oder der ersten Begegnung mit französischen Studenten“ (Sonderbeilage 25 Jahre BZ, 2.2.1971).
1948 wurde Baehrle aus familiären Gründen als Leiterin der Lokalredaktion von Heinz Pfeifer abgelöst. Als sie 1952 von der Hammerschmiedstraße, wo sie in einem Anwesen von Albert Maria Lehr gewohnt hatte, in die Oberau umzog, war die Familie fünfköpfig, der jüngste Sohn noch Kleinkind. Sie blieb jedoch Mitarbeiterin der Badischen Zeitung, geschätzt durch Vielseitigkeit, kritische Kommentare und hintergründigen Humor. Ihre literarische Bildung kam dem Feuilleton zugute, das von 1946 bis 1965 von Rupert Gießler geleitet wurde, auch ein Kollege aus Tagespost-Zeiten. Ob Baehrle in jener Zeit bei der Badischen Zeitung als freie Mitarbeiterin oder Pauschalistin geführt wurde, ist unklar; sozialversichert war sie über den Ehemann, der nach einem abgebrochenen Studium im öffentlichen Dienst beschäftigt war. Ab 1967 betreute sie auf einer Halbtagsstelle in der Heimatredaktion die Ausgabe Hochschwarzwald, und stand vor der Herausforderung, Manuskripte des volksnahen Neustädter Geschäftsstellenleiters druckfertig zu machen. Baehrle vermochte brillant zu schreiben und sicher zu redigieren. Klare Sprache und gepflegter Stil waren ihre Kennzeichen.
Baehrle war „emanzipiert, als das Wort für viele Frauen noch ein Fremdwort war, doch keine Soufragette“ (BZ, 21.5.1975). Im Pensionsalter schrieb sie 1979 eine Monographie zum Thema Frau und Beruf: „Neuer Start mit 35“, ausgehend von einem Projekt des Freiburger Frauenrings, dessen Leiterin Grete Borgmann (1911–2001) ihre Freundin war, und mitgetragen vom Bildungswerk der Erzdiözese. Es wird deutlich, dass sie das Leben im Beruf, aber auch privat kannte. Etliche Frauenbiographien sind eingeflochten, die Baehrle Vorbilder waren. Engagiert erscheint das Schlusskapitel über Elisabeth Selbert (1896–1986), Rechtsanwältin und Mitglied des Parlamentarischen Rats, Mutter des Geleichberechtigungsartikels im Grundgesetz. Im Vorsatz dieses Werks lässt Baehrle ihre Leser wissen, dass sie nicht nur 39 Jahre für die Badische Zeitung gearbeitet habe, sondern auch Korrespondentin der Münchener Neuen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen und des Südwestfunks war.
Quellen: UA Freiburg D 50/91, Baehrles Studienbuch 1930–1932; HStAS J 191 B, Zeitungsausschnitt-Sammlg.; StAF D 180/2 Nr. 198510, Spruchkammerakten; StadtA Freiburg, Auszüge aus d. Meldekartei; Auskünfte von Ansgar Fürst, Wolfgang Fiek, Günther Gillessen, Günter Klimsch, Huldi Stierlin, Eva Schneider-Borgmann, alle Freiburg, Emma Charlotte Rösel, Witwe des Redakteurs Hans Rösel (1903–1965), Hugstetten, vom Nov. u. Dez. 2014 u. Jan. 2015.
Werke: Zeitungsartikel (Auswahl): Vor und hinter dem Ladentisch, in: Frankfurter Ztg. vom 6.3.1942; Die Eröffnung d. Volkshochschule. Um eine Abendrede, in: BZ vom 7.5.1946; Meisterwerke Mittelalterlicher Kunst. Eröffnung d. großen Freiburger Ausstellung im Augustinermuseum, ebd. vom 7.6.1946; Das erste Semester d. Volkshochschule, ebd. vom 2.8.1946; Das Bild Erzbergers. Gedenkfeier d. Christlich-Sozialen Volkspartei, ebd. vom 27.8.1946; Die Logenfrauen, ebd. vom 13.9.1946; Die erste Sitzung des neuen Stadtrats. Stadtrat Dichtel: So wie dieses Jahr gewirtschaftet worden ist, kann man nur einmal wirtschaften, ebd. vom 8.11.1946; In Erwartung einer friedlichen Welt. Der zweite Kurs des internationalen Studententreffens, ebd. vom 5.9.1946; Freiburg feierte seinen Erzbischof (goldenes Priesterjubiläum), ebd. vom 28.10.1947; Drei Jahre Film-Selbstkontrolle. Neue Probleme u. geänderte Grundsätze, Feuilletonbeitrag, ebd. vom 26./27.7.1952; Die liebe Not mit den Kindern. Ein Bericht von d. dritten Tagung über Heim- u. Heilerziehung, ebd. vom 9./10.8.1952; Jugend u. Film, ebd. vom 12.8.1952; „Dummis“-Essen zu Ehren Heinrich Hansjakobs, ebd. vom 21.8.1952; Die Traumfabrik als Wirklichkeit. Diskussion nach den Ruhrfestspielen, ebd. vom 12.9.1952; 25 Jahre BZ, Erlebnisberichte aus den ersten Tagen. Theorie u. Praxis, Sonderbeilage d. BZ vom 2.2.1971; Monographie: Neuer Start mit 35. Wie Frauen wieder in den Beruf zurückfinden, 1979 (128 S.).
Nachweis: Bildnachweise: Foto (ca. 1978), in: Baden-Württembergische Biographien Bd. 6, S. 17, Aufnahme Studio Inhoffen, Freiburg. – Einband d. Monographie Neuer Start mit 35 (vgl. Werke). – Hans Schneider, 1986, 77 (vgl. Literatur).

Literatur: Sie hat sich dem Schreiben verschrieben. Baehrle wird 65 Jahre alt, in: BZ vom 21.5.1975; Hubert Mack, 37 Jahre bei d. BZ. Meine Erinnerungen an den Aufbau u. die Entwicklung d. „Heimatredaktion“, 1983, 3, 5, 11, 13 u. 31; Hans Schneider, Freiburger G’schichten, Bd. 2, 1986, 77; Günther Gillessen, Auf verlorenem Posten. Die Frankfurter Zeitung im Dritten Reich, 1986, 440f., 522, 563; Angela Kronenberg, Die Tagespresse in Südbaden, dargest. am Beispiel d. BZ, Diss. phil. Freiburg, 1986, 62, 85; Heinz Pfeifer, Baehrle ist tot. Schon früh als Frau in d. Männerwelt des Journalismus, in: BZ vom 3.3.1987.
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