Karl, Wilhelm Adam 

Geburtsdatum/-ort: 15.01.1864;  (Mannheim-)Seckenheim
Sterbedatum/-ort: 20.07.1938;  Teningen
Beruf/Funktion:
  • Pfarrer und Mitglied des Landtags – DNVP
Kurzbiografie: 1877-1882 Karl-Friedrich-Gymnasium Mannheim bis Abitur
1882-1886 Studium der evangelischen Theologie an den Universitäten Heidelberg, Zürich, Berlin und erneut Heidelberg
1886-1890 Vikar in Schwetzingen (bis 1887), Baden-Baden (bis 1889) und Heidelberg
1890-1893 Pfarrer in Egringen (heute: Efringen-Kirchen)
1893-1898 Pfarrer in Sand bei Kehl
1898-1906 Pfarrer in Sulzburg
1906-1909 Vorsteher des Diakonissenhauses in Freiburg
1909 Landtagskandidat der Freikonservativen im Wahlkreis Schwetzingen
1909-1920 Pfarrer in Tauberbischofsheim
1913 Landtagskandidat der Konservativen Partei im Wahlkreis Mannheim-Land
1914-1920 Mitglied der Generalsynoden der Evangelischen Landeskirche
1919-1921 Abgeordneter der DNVP in der Badischen Nationalversammlung und im Badischen Landtag für den Wahlkreis IV (Mannheim)
1920-1927 Pfarrer in Bötzingen am Kaiserstuhl
1927 Kirchenrat
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1889 Maria, geb. Mangold (1871-1958)
Eltern: Vater: Peter (1836-1915), Landwirt
Mutter: Barbara, geb. Fuhr (1839-1917)
Geschwister: 4:
Albert (1866-1947)
Maria Luise (1869-1938)
Leonhard (1870-1947)
Anna Susann (1872-1939)
Kinder: 3:
Elisabeth (1890-1966)
Berta (1892-1982)
Klara (1894-1961)
GND-ID: GND/116055634

Biografie: Ludger Syré (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 139-141

Dass Karl, ältester Sohn einer Kurpfälzer Bauernfamilie, die es dank ihres Fleißes und wegen der wirtschaftlichen Bedeutung des Tabakbaus zu einigem Wohlstand brachte, eine akademische Laufbahn einschlagen konnte, verdankte er vor allem seinem Großvater Valentin Fuhr. Dieser war Lehrer und unterrichtete seinen musikalischen Enkel nicht nur am Klavier, sondern auch in Deutsch und einigen Fremdsprachen, so dass zunächst die Absicht bestand, aus dem jungen Karl einen „gottesfürchtigen Schulmeister” zu machen. Die Großeltern übernahmen die Erziehung und schickten Karl ab Herbst 1873 auf die höhere Bürgerschule nach Ladenburg. Von dort wechselte Karl auf das Großherzoglich-Badische Gymnasium nach Mannheim, wo er 1882 das Abitur ablegte.
Karl entstammte einem frommen Elternhaus, aber insbesondere die religiöse Unterweisung durch den Großvater und die bibelfeste Großmutter prägten Karl so tief, dass er sich zum geistlichen Studium und Amt „gewissermaßen prädestiniert” fühlte. Zum Wintersemester 1882/83 nahm er das Studium der evangelischen Theologie in Heidelberg auf, diente aber im ersten Studienjahr als Einjährig-Freiwilliger Militärdienst beim 2. Badischen Grenadierregiment Nr. 110 in Heidelberg. Nach zwei Auswärtssemestern in Zürich, angezogen durch Biedermanns Theologie, und in Berlin, wo er auch Philosophie und Geschichte belegte, setzte er schließlich das Studium in Heidelberg fort, wurde in das theologische Seminar aufgenommen und nach der theologischen Hauptprüfung 1896 rezipiert, also unter die Pfarrkandidaten aufgenommen. In Heidelberg wurde er Mitglied des akademisch-theologischen Vereins.
Nachdem Karl die staatliche Zulassung zur Ausübung kirchlicher Funktionen erhalten hatte, trat er Ende 1886 seine erste Stelle als Vikar in Schwetzingen an. 1887/88 zu Studienzwecken beurlaubt befasste er sich an der Universität Straßburg u. a. mit neuerer Kirchengeschichte. Zum Kern seines ganzen religiösen Lebens und auch seiner eigenen wissenschaftlichen Arbeiten wurde das Neue Testament. Daneben galt sein Interesse auch der praktischen Theologie. Im Juli 1888 trat Karl wieder in den Dienst der Landeskirche ein, die ihn als Stadtvikar nach Baden-Baden und anschließend nach Heidelberg schickte.
1890 übernahm Karl seine erste Pfarrstelle in Egringen im südlichen Markgräflerland. In den folgenden Jahren blieb er stets auf der Suche nach einer besseren, günstiger gelegenen oder höher dotierten Pfarrei und wechselte deshalb mehrmals seinen Wohnort. Die meisten Änderungswünsche konnte die Landeskirche nicht erfüllen; einige angebotene Stellen lehnte Karl von sich aus ab, so etwa diejenige in Dill-Weißenstein, weil ihm dieser Arbeitervorort Pforzheims zu sozialdemokratisch gefärbt schien. 1893 ging er als Pfarrer nach Sand bei Kehl, 1898 nach Sulzburg. 1906 wurde Karl schließlich vom Kirchendienst beurlaubt, um Vorsteher des Diakonissenhauses in Freiburg zu werden. 1908, im Vorfeld des badischen Landtagswahlkampfs, veröffentlichte Karl anonym die Flugschrift „Unsere künftige Politik. Bekenntnisse eines kirchlich-liberalen und bisher nationalliberalen Pfarrers“. Karl war jahrelang eifriger Anhänger der National-liberalen Partei gewesen. Angesichts des Großblocks, zu dem sich die Nationalliberalen mit anderen liberalen Parteien und der Sozialdemokratie anläßlich der letzten Landtagswahl zusammengefunden hatten, um eine katholisch-konservative Mehrheit in der II. Kammer zu verhindern, befürchtete Karl jedoch, dass sich die Nationalliberalen zu einer Kirchen- und Schulpolitik drängen ließen, die sich für die evangelische Kirche und besonders auch für die Geistlichkeit negativ auswirken würde. Er hielt der Partei vor, nicht länger die Interessen der evangelischen Wähler zu vertreten, allgemeine christliche Grundsätze aufzugeben und der Tendenz zur Trennung von Staat und Kirche nicht genügend entgegenzuwirken. Da er die Partei in diesem Sinne nicht für „reformierbar” hielt, verlangte er den Bruch mit ihr („Die Nationalliberalen müssen fallen”) und propagierte die Gründung einer evangelischen Volkspartei.
Karls Aufruf spiegelte die wachsende politische Entfremdung evangelischer Kreise von den Nationalliberalen wider und fand deshalb schnell zahlreiche Anhänger, vor allem in Nordbaden und der Kurpfalz; er stieß auch bei der Kirchenregierung auf Sympathie. In den folgenden Jahren entwickelte sich eine regelrechte Bewegung, die zeitgenössisch „Karlismus” tituliert wurde und unter dieser Bezeichnung auch in die Literatur und in die Kirchengeschichte einging. Als Kandidat der Freikonservativen, deren Mitglied er 1907 geworden war, und des Bundes der Landwirte bewarb sich Karl 1909 in Schwetzingen um ein Landtagsmandat. Da die Nationalliberalen den Mannheimer Stadtpfarrer Paul Klein, wie Karl Mitglied des Evangelischen Bundes, als Gegenkandidaten nominierten, bot die evangelische Kirche ein Bild innerer Zerissenheit, das durch den Wahlkampfstil beider Seiten noch verstärkt wurde. Mit der Dotationsfrage griff Karl geschickt ein polarisierendes Wahlkampfthema auf. Im entscheidenden zweiten Wahlgang unterlag Karl, trotz Unterstützung durch die Anhänger des Zentrums, knapp dem Kandidaten der Sozialdemokratie, der auf die Stimmen der nationalliberalen Wähler zählen konnte. Sein relativer Erfolg beflügelte ihn, 1913 erneut anzutreten, doch wiederum scheiterte er. Aufgrund seines politischen Engagements und der Anfeindungen seiner nationalliberalen Gegner konnte sich Karl als Vorsteher des Freiburger Diakonissenhauses nicht halten. Er kehrte in den Dienst der Landeskirche zurück und erhielt die Pfarrstelle in Tauberbischofsheim, aus der Sicht seiner Mitstreiter eine Abschiebung in die Diaspora. Dafür gelang ihm 1914 erstmals die Wahl in die Generalsynode, in der er vor allem die Alltagssorgen der Pfarrer auf dem Lande zur Sprache brachte. Er gehörte auch der außerordentlichen Synode des Herbst 1919 an, die die den Nachkriegsverhältnissen angepasste neue Kirchenverfassung verabschiedete. Mit verschiedenen Anträgen griff Karl, gelegentlich auch mit den Positiven stimmend, in die Diskussion ein.
Nach dem I. Weltkrieg kehrte Karl auf die politische Bühne zurück. Als sich 1919 die Landesgruppe der DNVP konstituierte, die sich in Baden Deutschnationale Christliche Volkspartei nannte, war Karl als Gründungsmitglied dabei, fand aber für seinen alten Wunsch, der Partei den Beinamen Evangelische Volkspartei zu geben, keine Mehrheit. Nach der Wahl zur Badischen Nationalversammlung am 5. Januar 1919 zog Karl zusammen mit sechs weiteren Abgeordneten der DNVP in das Parlament ein und gehörte auch dem ersten badischen Landtag bis Oktober 1921 an. Karl war nicht nur Pfarrer und Politiker, sondern auch Volksschriftsteller. Als Verfasser humorvoller und zugleich ermahnender und belehrender Erzählungen, als Chronist und zeitweilig auch Redakteur des Hinkenden Boten sowie als Schriftleiter des Volkskalenders des Badischen Protestantenvereins versuchte er, mit religiösen Gedanken und Motiven auf ein breiteres Publikum einzuwirken. Ebenso wie seine Geschichten galten auch seine Predigten als volkstümlich, biblisch und fesselnd.
1920 wechselte Karl erneut die Pfarrei und zog nach Bötzingen am Kaiserstuhl. Nach 41 Dienstjahren ließ er sich 1927 in den Ruhestand versetzen und nahm in Emmendingen seinen Alterssitz. In Anerkennung seiner „langjährigen erfolgreichen Tätigkeit im geistlichen Amt“ erhielt er, für ihn selbst überraschend, im gleichen Jahr den Titel Kirchenrat verliehen. Gerne hätte er seine theologischen Studien fortgesetzt und abgeschlossen, doch körperliche Beschwerden hinderten ihn zunehmend daran.
Quellen: LkAK Personalakte Karl 1869; Kindheitserinnerungen im FamilienA Karl.
Werke: Kaiser Karl V., 1890; Das theolog. System von E. A. Biedermann, nach der zweiten Auflage seiner christlichen Dogmatik, 1892; Beiträge zum Verständnis der soteriologischen Erfahrungen und Spekulationen des Apostels Paulus, 1896; Johanneische Studien, 1898; Weihnachtsspiel, 1912.
Nachweis: Bildnachweise: Oskar Gehring u. Karl Joseph Rößler, Die verfassunggebende bad. Nationalversammlung 119, 1919, 135; 400 Jahre (1583-1983) Ev. Kirche in Bötzingen, 1983, 78; Syré, 201, 206 u. Schade, 172, 197 (vgl. Lit.).

Literatur: Walter Braun, Ev. Parteien in histor. Darstellung u. sozialwiss. Beleuchtung, (Diss. Heidelberg) 1939; Stefan P. Wolf, Konservativismus im liberalen Baden. Studien zur bad. Innen-, Kirchen- und Agrarpolitik sowie zur süddt. Parteiengeschichte 1860-1893, 1990; Gangolf Hübinger, Kulturprotestantismus u. Politik. Zum Verständnis von Liberalismus u. Protestantismus im wilhelmin. Deutschland, 1994; Frank-Michael Kuhlemannn, Religion, Bildung u. bürgerl. Kommunikation. Zur Vergesellschaftung ev. Pfarrer u. des protestant. Bürgertums in Baden 1860-1918, in: Wege zur Gesch. des Bürgertums, 1994, 149-170; Ludger Syré, W. Karl (1864-1938). Pfarrer u. konservat. Politiker gegen den „bad. Großblock”, in: Protestantismus u. Politik. Zum polit. Handeln ev. Männer u. Frauen für Baden zwischen 1819 u. 1933, 1996, 200-212; Rolf Schade, Freiburger Vorgeschichte zum bad. Landtagswahljahr 1909. W. A. Karl, ein Freiburger Diakonissenhauspfarrer auf dem Wege zum polit. Mandat. Motivationen, Koalitionen, Impressionen des Karlismus, in: Schau-ins-Land 115, 1996, 171-206; Dieter Schlenker, Die Wahlen zur Bad. II. Kammer 1871-1903, 2002.
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