Poetzelberger, Robert 

Geburtsdatum/-ort: 09.06.1856; Wien
Sterbedatum/-ort: 02.08.1930;  Reichenau, Bodensee
Beruf/Funktion:
  • Maler, Bildhauer, Lithograph und Kunstprofessor
Kurzbiografie: Wiener Handelsschule
1875–1879 Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Prof. Leopold Müller (1834–1892), 1. Italienreise
1880 Umzug nach München, Selbststudium
1880er weitere Italienreisen
1892 Anschluss an Münchner Secession
1892/93–1899 Prof. an der Kunstakademie Karlsruhe (Lehrer der Naturklasse)
1896 Mitbegründer des Karlsruher Künstlerbundes
1899–1926 Prof. an der Kunstakademie Stuttgart (Lehrer der figürlichen Zeichenklasse)
1912–1916 Direktor der Kunstakademie Stuttgart
1926 Umzug auf die Bodenseeinsel Reichenau, Senior einer dortigen Künstlerkolonie
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: N.N.
Eltern: Vater: Silvester Poetzelberger, Buchhändler
Mutter: Sophie Putz
Geschwister: Leo Putz (* 1869, † 1940, Halbbruder), Maler
Kinder: 3: Oswald (1893–1966), Maler; 2 weitere Kinder
GND-ID: GND/116250283

Biografie: Sandra Lauenstein (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 2, 214-216

Poetzelberger entstammte einer alten oberösterreichischen Familie, aus der einige Künstler und Musiker hervorgingen. Sein Vater, Silvester Poetzelberger, übernahm 1853 gemeinsam mit Carl Ludwig Franz Wilhelm Fromme eine Buchhandlung, zu der auch ein Verlag gehörte. Aus gesundheitlichen Gründen zog sich Silvester Poetzelberger 1862 aus dem Geschäft zurück. Gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn zog er nach Meran. Dort besuchte Poetzelberger das Gymnasium, wo schon früh sein zeichnerisches Talent zu erkennen war, als er als Schüler seine Lehrer karikierte und so bereits in jungen Jahren zu einiger Bekanntheit gelangte.
Sein Vater starb früh und seine Mutter heiratete 1865 Franz Seraphim Putz, den Bürgermeister sowie Haupt- und Mitbegründer des Kurortes Meran. 1869 kam Poetzelbergers Halbbruder Leo Putz zur Welt, der seinem großen Bruder nacheiferte, bis er schließlich als Künstler eigene Wege ging. Nach seiner regulären Schulzeit besuchte Poetzelberger die Wiener Handelsschule, wo er mit seinen ersten Kunststudien begann. 1874 wechselte er an die Wiener Akademie, die ihm nach eigenem Bekunden allerdings zu altmodisch war. Somit unterbrach er sein Studium und unternahm eine erste Italienreise. In Italien erkrankte er schwer, musste seine Reise abbrechen und zurückkehren. Wieder zu Hause nahm er gegen 1877 das Studium an der Wiener Akademie erneut auf, nun allerdings unter Professor Leopold Müller (1834–1892), dessen Luft- und Lichtauffassung in der Malerei ihn faszinierten und seine eigene Malerei stark prägten. Daneben war vor allem die Zeichnung in Poetzelbergers Schaffen von großer Bedeutung.
1880 zog Poetzelberger nach München, um bei Ludwig von Löfftz zu studieren, wo er zunächst nicht angenommen wurde. Also vertrieb er sich seine Zeit mit dem Selbststudium und erzielte so gute Ergebnisse, dass er – vor allem dank der amerikanischen Kundschaft, die die „good old Germany“-Kunst liebte – sehr gut verdiente. Seine Werke bestanden hauptsächlich aus sentimental anmutenden Genrebildern. 1885, als sein Halbbruder Leo Putz nach München kam, führte Poetzelberger ihn in die Künstlerkreise ein und erteilte ihm Zeichenunterricht. Während seiner Münchner Zeit fand Poetzelberger zu einem ganz eigenen Malstil, wobei er vor allem idyllische Genreszenen schuf. Bei seinen Figuren kam es ihm vor allem auf die Bewegung und die anatomisch korrekte Darstellung an. Bei seinen Landschaften findet man in der Regel nur wenig Himmel. Überwiegend malte er Taleinblicke, Gebirgsszenen sowie stille Wald- und Wasserwinkel, die ihm dazu dienten, einen atmosphärischen Eindruck widerzuspiegeln – stets auf der Suche, die Poesie der Natur in der Landschaft selbst zu finden. Beweis seiner Anerkennung waren die erfolgreichen Ausstellungen seiner Werke in Berlin, Wien und Dresden.
In den 1880er Jahren unternahm er weitere Italienreisen. Dort wurde insbesondere sein starkes Interesse an Plastiken der Antike und der Renaissance geweckt, was zu einer Wendung in seinem künstlerischen Schaffen führte. Schon von Beginn an lag seine besondere Stärke in der Zeichnung, was nun noch deutlicher hervortrat. Seit Mitte der 1880er Jahre dominierten Landschaftsbilder und Plastiken seine Kunst. Es entstanden aber auch religiöse Bilder von stiller Andächtigkeit.
Die Veränderung in seiner Kunst wurde gebührend aufgenommen, so dass er in diesen Jahren eine kleine goldene Medaille für ein im Münchner Glaspalast ausgestelltes Gemälde mit Taubertalmotiv erhielt.
1892 schloss er sich der Münchener Sezession an.
Kurze Zeit später, 1892/93, wurde er an die Kunstakademie Karlsruhe berufen, wo er der Lehrer der Naturklasse wurde. Hier gehörte Karl Hofer (1878–1955) zu seinen Schülern. Bis 1899 blieb er dort Professor. In diese Zeit fällt auch seine Aktivität im Karlsruher Künstlerbund, zu dessen Mitbegründern er 1896 gehörte.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde Graf Leopold von Kalckreuth nach Stuttgart berufen. Er wollte diese Stelle nur unter der Bedingung annehmen, dass Poetzelberger und Carlos Grethe mit ihm kommen dürften. Kalckreuth hatte zu diesem Zeitpunkt einen guten Ruf als Künstler und Organisator. Das Kunstleben in Stuttgart stagnierte. Es musste unbedingt etwas geändert werden und diese Veränderung versprach sich König Wilhelm II. von Kalckreuth, weshalb er auf dessen Bedingungen einging. Poetzelberger und Grethe wurden aus der Privatschatulle des Königs bezahlt. So zog auch Poetzelberger von Karlsruhe nach Stuttgart. Von 1899 bis 1926 war er Professor an der Kunstakademie Stuttgart und leitete die figürliche Zeichenklasse.
Grethe und Kalckreuth waren auch in Stuttgart kunstpolitisch aktiv; Poetzelberger hingegen verhielt sich diesbezüglich etwas weiter im Hintergrund. Dennoch wird er wohl auch bei der Gründung des „Stuttgarter Künstlerbunds“, dessen Vorsitzender Kalckreuth war, im Jahr 1898 mitgewirkt haben.
1900 fand die erste Ausstellung der drei Professoren und ihrer Schüler statt, die schnell viel Aufmerksamkeit erlangte. Mit diesen künstlerischen Impulsen kam es zu Änderungen im Kunstbetrieb in Stuttgart und auch an der Stuttgarter Kunstschule wurde nun der geforderte Grad der Ausbildung erfüllt, so dass sie 1901 den offiziellen Titel „Akademie der bildenden Künste“ erhielt.
Die vielen Ausstellungen des Künstlerbundes in Stuttgart erforderten entsprechende Räumlichkeiten. Am 27. Juni 1907 erfolgt eine an den König gerichtete Petition mit der Bitte um die Errichtung eines Kunstgebäudes. Neben Grethe, von Haug u. a. wurde diese auch von Poetzelberger unterzeichnet. Doch bis zur Errichtung und Einweihung des Kunstgebäudes sollten noch einige Jahre vergehen.
Seine Vorliebe für Karikaturen machte sich auch 1908 noch einmal bemerkbar, als er – so die Überlieferung – sieben Handpuppen zum Abschied von Kalckreuth geschnitzt habe. Heute sind nur noch fünf erhalten und befinden sich im Besitz des Stuttgarter Künstlerbundes. Als Karikatur dargestellt waren: Leopold von Kalckreuth, Carlos Grethe, Robert von Haug, Alexander Eckener (alle Kollegen der Akademie), Josef Kerschensteiner (Maler), Theodor Fischer (Architekt des Kunstmuseums) und Hermann Widensahler (Geschäftsführer des Kunstvereins).
Von 1912 bis 1916 hatte Poetzelberger das Amt des Direktors der Kunstakademie Stuttgart inne. Er löste Robert von Haug ab, der sehr beherrschend war. Zeitgleich übernahm er den Vorsitz des Stuttgarter Künstlerbundes. In diese Zeit fiel auch der Umzug in das neue Kunstgebäude, das am 8. Mai 1913 eingeweiht wurde. Zu diesem Anlass gab es eine Eröffnungsausstellung. Künstler aus ganz Deutschland waren aufgefordert, sich zu bewerben. Zu der großen Fachjury zählte auch Poetzelberger.
In seiner Stuttgarter Zeit ist vor allem seine Tätigkeit als Lehrer hervorzuheben. Ihm war die Lehre sehr wichtig, die er mit Leidenschaft und wissenschaftlichem Anspruch umsetzte. Dabei war für ihn die anatomisch korrekte Durchbildung der Körper unabdingbar. Sie galt ihm als Grundlage des Gestaltens. Auch hier sah er wieder das Zeichnen als Basis. Sein eigenes Schaffen trat dabei immer mehr in den Hintergrund. So lässt sich auch erklären, dass sich die Kunstwissenschaftler kaum mit Poetzelberger, dessen Œuvre verhältnismäßig wenige Werke umfasst, beschäftigt haben.
Bei Kollegen wie auch seinen Schülern galt er als sehr guter Akademielehrer. Zu seinen Schülern zählten u. a. Karl Hofer, Willi Baumeister und Hilde Böklen.
Neben der Malerei machte er sich aber auch einen Namen als Bildhauer. Hier lag sein Schwerpunkt vor allem auf der weiblichen Figur. Inspiriert durch seine Italienreisen suchte er das Vorbild vor allem in der Renaissance. Seine Arbeiten fertigte er in Marmor, Bronze und Keramik, die meist polychrom eingefasst wurden.
Im Jahr 1926 folgte der Umzug auf die Bodenseeinsel Reichenau, wo er weiter als Künstler tätig war und als Senior einer dortigen Künstlerkolonie seine Anerkennung erhielt. Dort starb er im Alter von 74 Jahren am 2. August 1930.
Werke: Gemälde (Auswahl): Herbstabend, 1884; Waldnymphe, 1886; Aus einem Kirchlein im Passeiertal, 1903; Zeichnung (Auswahl): Lesendes Mädchen, 1898; Skulptur (Auswahl): Pietà, 1904.

Literatur: Thomas Maier/Bernd Müllerschön, Die Schwäbische Malerei um 1900. Die Stuttgarter Kunstschule/Akademie, Prof. und Maler, Geschichte – Geschichten – Lebensbilder, 2000; Stuttgarter Künstlerbund, hg. vom Stuttgarter Künstlerbund, 2008; 100 Jahre Stuttgarter Künstlerbund e.V.: 1898 – 1998, hg. vom Stuttgarter Künstlerbund, 1998; O. Matulla, „Poetzelberger, Robert“, in: Zentrum Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung. Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, hg. von der Österreichischen Ak. der Wiss., Bd. 8 (Pet-Raz), 1983, 149.
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